Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Das Lied der Lieder. Eine Kritik And Selbfta'nzeige. Von Iofeph Larlebach in Altona. Das Jahr 1931 bringt in seinem Beginn zwei neue Versuche zur Deutung des Hohenliedes, beide von jüdischen Verlagen herausgegeben, den einen von Carl Gebhardt im Philo-Verlag, betitelt: „Das Lied der Lieder", den» anderen vom Schreiber dieser Zeilen im Hermon-Berlag. Diese Tatsache allein zeigt, daß die alle Dichtung noch immer die Geister beschäftigt, daß ihr Sinn und Aufbau, ihre Entstehung und- Urheberschaft nach wie vor aktuelle Probleme bilden, die nicht zur Ruhe kommen wollen undsollen. Beide Werke treten in ansprechendem Gewände vor den Leser. Wir halten das für keinen Zufall. Es spricht sich darin eine Sinnesänderung gegenüber früheren Zeiten aus. Durch die Weihe des Aeußeren soll jeder vonvornherein mit höheren Gefühlen an das Hohelied herangeführt werden als an -ein Kunstwerk voll erhabenem Stirmmmgsgehalt, dessen Verständnis künstlerisches Nachempfinden erfordert. Darm begrüßen wir die Arbeit Gebhardts freudig, daß auch er mit der lieblosen, nüchtern-en, meist hochmütig ironischen Behandlungsweise der liberalen Theologie gebrochen hat, daß auch ihn die Ehrfurcht vor dem .Genius, vor der Majestät echter Poesie leitet. Der Zynismus, der aus Schir Hafchirim nur das Echo der Sinnlichkeit und Wollust her? aushörte, ist, G. f. D., überwunden. Weil Earl Gebhardt unvoreingenommen an feine Aufgabe herantrat, so wurde -er unter den christlichen Kommentatoren der Entdecker und Verfechter der E i n h e t t u n d E in> he itl i chk eit des Liedes. Was Andren als Beweis einer sinnlosen Tradition des Textes galt: die Wiederkehr bestimmter Verse, das ward ihm wie mir das Zeichen des Gegenteils. Hier mußte >e i n Thema, ein Vorgang, kn s e i n e r Entwicklung, in seinen verschiedenen Stadien geschildert sein, was durch das Kunstmittel des R e f r ai>n s dem Hörer zum Bewußtsein gebracht werden sollte. Dieses Thema konnte nur die Liebe fein; es hat seinen „Einheitspunkt" in dem gewaltigen.Wort: „stark wie der Tod ist die Liebe, eine Flamme G'ttes." M. a. W. hier soll die Liebe als Schicksal, als größte, g'ttgefügte Schicksalsmacht verherrlicht werden. Dieses Motiv glaubt Gebhardt in drei „Sätzen" oder Stufen durchgeführt; Werbung, und Zurückweisung, Reue und Suche werden uns mit „psychologischer Feinheit und Bewußtheit" bis zur letzten Vereinigung der Liebenden in zarter Farbgebung gemalt, ebenso herrlich in dem, was der Dichter sagt, als in dem, was er hinter den'Worten ahnen läßt. Ich kann bis hierher Gebhardt als Kronzeugen für die eigene Auffassung bringen. Es -tut demjenigen, der die Literatur der letzten Jahrzehnte über das Hohelied kennt, geradezu wohl. die Begeisterung und Bewunderung Gebhardts für die Seelenschilderung und poetische Kraft unsres Gedichtes wahrzunehmen. So hat er auch im Großen und Ganzen die überlieferte textliche Verfassung des Liedes respektiert, hat meist nur durch Vergleich mit den alten Targumim und vor allem der Septuaginta den Sinn der einzelnen Wendungen festzustellen versucht. Aber es sind zwischen unsrer Auffassung und der seinen auch wesentliche und entscheidende Differenzen, die nicht verschwiegen werden können. Die erste betrifft die Abfassungszeii des Liedes und den Charakter seiner Dichtk u n st. In Erneuerung einer von G r ä tz aufgestellten Hypothese verlegt Gebhardt seine Entstehung in die griechische, nachbrblische Epoche. In der Sprachgestalt des Liedes findet -er dafür die Begründung. „Die genauere Zeitbestimmung wird dadurch ermög- Zlicht, daß das Lied der Lieder neben seinem aramäischen Wortschatz -und neben dem persischen Lehnwort einige griechische Lehnworts Mfweist, die keine Jnterpretationsbtnst auf eine semitische Wurzel zurückführen kann (!). Hier steht in erster Linie das Wort 'appirjün (III, 9)/ das die LXX mit Phoreion („Tragsessel") wiedergibt, und es kann keine Frage sein, daß das Wortzugleich mit dem Begriff, den es bezeichnet, der hellenistische!^ Kultur entlehnt ist. Ebenso ist die Bezeichnung für „Mischwein" meseg (VII, 3), in ihrer Bedeutung durch die LXX und durch den neuhebräischen Sprachgebrauch gesichert. nur durch die griechische Wurzel misgein etymologisch zu erklären, wie auch der Brauch des Weinmischens der griechischen Sitte entstammt. Weiterhin entspricht Kopher für die „Cyperdokde" (I, 14; IV, 13) dem griechischen Kypros. Ferner müßten wir, wie die LXX*) es getan hat (!) an einer Uebersetzung des rätselhaften talpljoth (IV, 4) verzweifeln, wenn wir es nicht mit der kühnen, aber einleuchtenden Konjektur von Graetz teloptjjöth vo-- kaliskeren und vom griechischen Telopia „Fernsicht" ableiten wollten. (S. 15). Diese ganze Argumentation ist u. E. nicht stichhaltig. So verführerisch sie klingt, so ist sie dennoch unhaltbar. Einst fragte mich ein Schüler, ob der Name Pasfah (Ueberschreitungsfest) mit dem lateinischen pasiare zufammenhängt. „Sehr geistvoll," erwiderte ich, „aber unmöglich." Ist aber das hebräische keren- (Horn) mit coven identisch? „Das wäre denkbar, insofern, als dies vielleicht ein aus der Ursprache der Menschheit hinübergenommener Stamm fein mag. Sicher ist auch das nicht. Immer werden zweierlei Sprachen in einzelnen Wurzeln Anklänge der Gleichheit und Aehntichkeit bieten, die ebensowohl Zufall wie Folge eines gemeinsamen Ursprungs oder der Entlehnung fein können." Entsprechend in den Beispielen Gebhardts. Daß rnefeg mit misgein des. Griechischen etwas zu tun habe, ist ganz unwahrscheinlich; hat doch das Hebräische die uralte Wurzel iv», mischen. Wenn Kopher wirklich die Eyperusdolde wäre, so braucht das nicht zu überraschen, weil in der Bibel die Verbindung mit Cypern — Kastor unzählige Male bezeugt ist. Ebenso gut möglich ist aber, daß Kopher 122 (ähnlich isn) arab. kuphrun auch für Harz bedeutet, eschkol hakopher daher eine Pflanze duftiger Harze meint. Und wie unsicher ist die Ableitung von Apirjon! Schon Fürst bringt die Wurzel ms im Sinne von tragen, stellt unser Wort mit dem Aramäischen nmB' Bett, zusammen, wenn er auch einen Zusammenhang des ms fruchtbar fein mit fero tragen leugnet. Es gehört endlich Grätz'fche Phantasie dazu, talpijoth aus Telopeia abzuleiten; die Deutung des Wortes als Zeines Mifchwortes aus tel-alfijoth hat viel größere Wahrscheinlichkeit. (Es hätte sonst, auch geschrieben und punktiert werden müssen. Sehr ansprechend ist auch die Ableitung Königs vom Arabischen tqlaphpha als Kriegsscharen. G e s >e n i u s - Bu h l nehmen das Assyrische lab er: befestigen zur Wurzelanalogie. Aber selbst wenn der griechische Stamm feststünde, so bewiese das nur die späte Niederschrift des Liedes, nicht feine späte Entsteh u n g. Die talmudische Ueberlieferung sagt in der Tat, daß es erst in späterer Zeit seine endgültige Fixierung erfahren habe. Das einzelne Wort besagt infolgedessen über die erste Komposition überhaupt nichts. Aus inneren Kviterien muß das Alter der Dichtung, ihrer Urkonzeption erschlossen werden, die dann allerdings, well mündlich fortgepflanzt, in der lebendigen Sprache durch Generationen hindurch feine Wandlungen in einzelnen Ausdrücken -erfahren haben mag. Da aber ist es einfach unmöglich, eine so späte Epoche undgar noch den hellenischen Kulturkreis für den tragenden Untergrund einer Stimmungswelt von solcher Verwurzelung im Boden Palästinas anzun-ehmen. Keine biblische Dichtung, die so den Erdgeruch des heiligen Landes atmet, die so den jungfräulichen Zauber eines morgenlichen Besitzes, den- Frieden und Werheduft des eigenen sicheren Grundes wiederspiegelt. Keine Zeit der jüdischen Literatur war andrerseits so unfruchtbar wie die hellenische, nie die hebräische Sprache so vernachlässigt, am Boden gelegen, wie in diesen Tagen der äußeren und inneren Kämpfe, der Friedlosigkeit des vor- und nachmakkabäischen Zeitalters. Der Hintergrund der im Liede genannten Orte und Gegenden ist s ch l e ch t e r d i n g s u nerklärbar in Verbindung mit der hellenischen Spätzeit. Thirza und En Gedi, die brüllenden Löwen des Sem und das pharaonifche Gestüt, die Wasserwerke von Cheschbon und der trophäenbehangene Turm des.'Libanon, alles sind für die Ptolemäerzeit und die Anfänge des zweiten jüdischen Staates unvollziehbare Vorstellungen. Der eine Name Thirza allein wirft alle Hypothesen Gebhardts üb er d en H au f en. Wie hilft er sich aus dieser selbstgefühlten Enge? Schir Hafchirim, das seinem Tenor nach die Sprache des Volksliedes spricht, wird zur Kunstp 0 esie, ja zum Produkt tüftelnder Ge-