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Der Israelit · 1931-05-21 · Heft 21 (21.5.1931) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 21 (21.5.1931)
Date
1931-05-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 21 Der Israelit 21. Mai 1931 br. 2.40). Es ist mehr ein S ch a u b u ch als eine Lektüre. Das Wort tritt vor dem Bilde zurück. 65 Bilder machen uns bekannt mit den Straßen und Höfen, mit den Bet- und Lehrhäusern und vor allem mit den jüdischen Menschen in dieser urjüdischen Stadt. Wir sehen Typen, Judeng-estalten, die sich für immer einprägen, grübelnde Alte und in der Sonne lachende Kinder. Die Jud.engasse als solche ist ungemein malerisch und belebt. Ein blinder Geiger fidelt wehmütige Melodien und seine erloschenen Augen heischen eine milde Gabe. Voller Ehrfurcht schauen wir in den geweihten Raum der G a o n - K l a u s. Ueber weitere 60 Bilder geben dem Schaubuch seinen eigenen Wert. Die Bilder stammen von M. V o r o o e i - chic, die Einleitung von S. S ch n e o u r , letztere deutsch und hebräisch. Als Herausgeber zeichnet Dr. Emil S ch e f f e r. Der deutsche wie hebräische Text gibt in seiner Knappheit volle Auskunft. Das. Buch ist mit Liebe gemalt, mit Liebe geschrieben und mit Liebe ausgestattet. Es möge mit.Liebe ausgenommen werden. Absicht für die Dauer übersehen werden können. Sie muß sicherlich mit der Zeit zur Wertschätzung und zur engeren Verknüpfung führen, die ein friedliches und^ gedeihliches Zusammenleben verbürgt. Zählen und Zahlen. Von Heinrich Einsiädter. In der Zeit, in der die Wiedergeburt der Natur uns die herrlichsten und reinsten Freuden spendet, erfüllen wir die Pflicht des Omer- Zählens. Es erinnert uns daran, daß zu der Zeit, als das Tempelheitigtum noch bestand, am Pessach- und am Schowuausfeste je eine Gabe, von dem geernteten Getreide zubereitet, dargebracht wurde als Ausdruck des tiefen Dankes, mit dem unsre Väter die Erträgnisse ihres Bodens als G'ttes Geschenk in Empfang nahmen. Sie zählten die Tage und Wochen von einer Ernte zur nächsten, von einem heiligen Feste zum folgenden, und zahlten gleichsam mit der Bekundung der frommen und dankbaren Gesinnung, in der sie die Früchte ihrer Felder und ihr e r Arbeit entgegennahmen. Wie natürlich und selbstverständlich ein solches Verhalten ist, können wir jetzt täglich durch Beobachtung natürlicher Vorgänge erkennen. Die herrlichen Blüten der Obstbäume erhalten gegenwärtig den Besuch einer großen Anzahl von Insekten. Bienen und Hummeln, Käfer und Fliegen laben sich an dem süßen Nektar, den die Blüten bergen. Aber gleichzeitig erzeigen sie dem Baume, der sie erquickt hat, einen für ihn unentbehrlichen Dienst, indem sie den Blütenstaub, den sie bei ihrem Besuche mit ihrem Körper abstreifen, auf die Narben der Stempel übertragen und damit die Befruchtung einleiten, ohne die kein Obst reifen könnte. Was so das vernunftlose Geschöpf unbewußt vollbringt, das soll schon das Kind mit vollem Bewußtsein ausführen. Es soll die Mühen seiner Eltern und Erzieher lohnen durch die Freude, die es ihnen bereitet. Nicht als selbstverständlich oder gar als eine Handlung der Pflicht nimmt ein gutes Kind die zahllosen Wohltaten hin, die Vater und Mutter ihm stündlich spenden.. Es weiß, daß es nicht vergelten kann, und gerade daraus entsteht eine Ntchtuntz seines Verhaltens, die den schönsten Lohn für Eltern bildet. So geartete Kinder werden sich auch in reiferem Lebensalter niemals verführen lassen, eine gegensätzliche Stellung gegenüber ihren Eltern einzunehmen. Mögen sich die Zeiten auch ändern, mögen wie bei bem Omer Veränderungen der Verhältnisse veränderte Handlungen bedingen, eins muß trotzdem gleich bleiben: die Gesinnung. Und diese dankbare Gesinnung ist es, die auch den erwachsenen Menschen in das richtige Verhältnis zu seinen Nebenmenschen bringt. Er wird nie e m p f a n g en wollen, ohne seinerseits auch zu l e i st e n. Unmöglich wird diese gute Blick in die Judengasse in Wilna. Die Atarranengemeinde der Balearen-Snseln und ihre Reste jüdischer Tradition. Vor kurzem wurde „Die Blume aus Valdemosa", Santa Catalina Thomas, vom Papst für „heilig" erklärt. Durch Nachforschungen, die Herr Esriel Carlebach auf den Balearen-Jnseln getrieben hat, erfährt man, daß diese katholische Heilige direkt der Marranen- Aus der Judengaffe in Wilna: Der blinde Geiger. familie Perez in Palma de Mallorca entstammt. In Mallorca lebt die einzige, noch heute als solche anzusprechende, spanische Marranengemeinde. Sie besteht aus den Nachkommen der im zweiten Jahrhundert hier eingewanderten und im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert gewaltsam zum Katholizismus bekehrten Juden. Die Zwangstaufe wurde von den sehr einflußreichen jüdischen Kaufleuten der Insel zwar in den meisten Fällen angenommen, das vermochte aber die geheime Ausübung des jüdischen Kultus bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nicht zu unterbrechen. Noch bei dessen Ausgang, 1691, wurden 37 Scheinchristen verbrannt, und noch zu Beginn' des neunzehnten Jahrhunderts wurde von der Kirche den Bewohnern des Ghetto von Mqllorca vorgeworfen, sie seien insgeheim Juden geblieben. Damals aßen sie, zur Widerlegung des Verdachtes, wiederholt öffentlich Schweinefleisch; 'either heißen sie im Volksmund „chuetas" (Schweinefleischesser). Vor etwa 50 Jahren bekannte sich der spätere Kardinal Don Jose Taronji in einer offenen Streitschrift zu seiner direkten jüdischen Abstammung und kämpfte für die Tolerierung der verfemten „chuetas" von Mallorca. Es ist also anzunehmdn, daß die Bewohner des Ghetto von Palma de Mallorca, das noch fast in feiner ursprünglichen Gestalt erhalten ist, als einzige spanische Marranen von 1492 bis heute an Resten jüdischer Tradition festgehalten haben, obwohl sie während der ganzen Zeit nach außen als Katholiken galten. Daß sie dies konnten, ist um so bemerkenswerter, als sie jeden Zusammenhang mit den spanischfestländischen und Den portugiesischen Scheinchristen und Eryptojuden verloren hatten und sich unter ständiger schärfster Kontrolle der Kirche befänden und befinden. Um deren Mißtrauen zu zerstreuen, übten und üben sie sämtlich das Handwerk von Kreuzschmieden aus und sind noch heute die einzigen Mahppnenbild- ' ner bk; Insel. Sie hüten auch jetzt noch das' Geheimnis ihrer jüdischen Tradition, weil seine Preisgabe sie dem geschäftlichen Boykott aussetzen würde. Um jede Spur des Zusammenhangs mit Juden zu verwischen, tun sie sich im Dienste der katholischen Kirche ganz besonders und lasfep-iim allgemeinen zumindest seines ' ihrer Kinder, este geistliche Laufbahn ergreifen. So sind Führer der ultrareaktionären katholischen Partei Spaniens direkt aus der Judengasse von Mallorca heroorgegangen, und so erklärt es sich, daß die mit einem Rest jüdischer Ueberlieferungen erzogene Santa Catalina Thomas zur katholischen Heiligen erklärt werden konnte. Diese in Mallorca gewahrten Rudimente jüdischer Ueberlieferung sind allerdings so spärlich, daß kaum von mehr als von der Konservierung weniger un-, verstandener Gebräuche und Gebete die Rede sein kann. Wesentlicher für die'Exklusivität der Marranen von Mallorca erscheint schon die Tatsache, daß sie niemals sich durch Ehen mit der Umgebung vermischt haben. Durch die jahrhundertelange Inzucht aber - hat nicht nur das Aeußere ihres Typus gelitten, sondern sie sind auf ganz wenige Familien — etwa vier — zusammengeschmolzen. Ihre Seelenzahl ist in letzter Zeit auch dadurch bedeutend vermindert worden, daß alle, die nur irgendwie hierzu materiell in der Lage waren, ausgewandert sind. Heute versuchen zwei der älteren Bürger dieses Ghetto, mit den portugiesischen Marranen in Verbindung zu kommen und sich deren Rückkehrbewegung anzuschließen. Aber auch das müssen sie aus Angst vor dem Boykott der Bevölkerung geheim halten, wie denn überhaupt ihr ganzes Gebaren deutlich den Stempel der Furcht vor Entdeckung trägt. Nur mit Mühe lassen sie sich auch Juden gegenüber dazu bewegen, ihre an sich zweifelhafte Zugehörigkeit zum Judentum zuzugeben. Dies „Geheimnis" selbst ist aber fast das einzige, was sie an Jüdischem gewahrt haben. In letzter Zeit haben sie wieder Mut - gefaßt. (Jüdische Verbannte in Archangelsk.) Wie ein bekannter jüdischer Kaufmann, der soeben von einer Geschäftsreise von Archangelsk nach Riga zurückgekehrt ist, dem dortigen JTA-Bertret'er mitteilt, ist die Einwohnerzahl der Stadt Archangelsk, wo vor dem Kriege nur wenig, mehr als 10 000 Menschen lebten, infolge der Errichtung Zeines Konzentrationslagers für Verbannte durch , die Sowjetregierung auf über 100.000 angewachsen. Äle Verbannten, unter denen sich etwa 5000 Juden befinden, leben zum Teil im Konzentrationslager, zum Teil frei in der Stadt. Während sich unter den nichtjüdischen Verbannten zahlreiche politische Verbrecher befinden, rekrutieren sich die jüdischen Verbannten durchwegs aus sogenannten „Lischenzes" (Wahlrechtslosen), ehemaligen Nepleuten, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie nicht in der Lage waren, die ihnen auferlegten Steuern zu entrichten. Ein großer Teil der jüdischen Verbannten hat sich den neuen Verhältnissen gut angepaßt. Viele haben, da der Verkehr in Archangelsk ungeheuer gestiegen ist, als Kutscher ihr Fortkommen gefunden, zahlreiche Angehörige von Jntelligenzberufen werden in der Lagerverwaltung, die eine ungeheure Unternehmung für sich darstellt, beschäftigt, so z. B. der Petersburger jüdische Advokat Dubnitzki, der Moskauer Ingenieur Salman u. v. a. Im Konzentrationslager lebt auch der ehemalige Leningrader Rabbiner Lazarew, dem die Aufgabe der Entgegennahme und Verteilung der Postpakete für die Gefangenen zugewiesen wurde. Rabbiner Lazarew ist schwer wiederznerkennen, da das Lagerkommando ihn gezwungen hat, sich den Bart abnehmen zu lassen. Als Verbannter lebt in Archangelsk auch ein Oheim des bekannten Arbeiterführers und Schriftstellers Salman Rubaschow. Ein großer Teil der Verbannten, insbesondere die ältere Generation, leidet schwer darunter, daß keine Möglichkeit zur rituellen Verpflegung gegeben ist.

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