Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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21. Mal 1931 Der Israelit Nr. 21 Seite 3 Daß die ersten Versuche der Neologie sich den vornehmen Haag zum Operationsgebiet wählten und nicht das alte Amsterdam, hat feine guten Gründe. Wer einen. Tag in Amsterdam weilt, der weiß gleich, daß hier alle Versuchs- IliUR Synagoge zu Kirchheim ballons der Reform, englischer oder deutscher Provenienz, an der Tradition, die hier aus jeder Mauer, aus jedem Pflastersteine spricht, zerschellen müsse. Das Amsterdamer Ghetto ist mit keinem Ghetto der WM vergleichbar. Keine „Judengasse ohne Juden" wie etwa in Frankfurt, Mainz und Worms. Es ist auch nicht Warschau oder Wien-Leopoldsstadt, kein Whitechapel und kein Newyork-East. Dafür sind die Gesichter zu gut genährt, dis Kleidung zu wenig dürftig. Im Ghetto des Ostens ist weidende Armut, in Wien II und Berlin-Grenadierstraße trägt alles, was Ghetto ist, das Kajinszeichen des Fremdseins in seinen Gesichtszügen. Hier lebt und lacht die Armut, spricht holländisch und ist bodenständig. Es ist keine „Judengaffe", sondern eine Ga sse der Juden, ohne Giebelhäuschen und schmale krumme Gänge, dafür aber angefüllt mit Juden ganz eigener Prägung. Die breite Straße ist ein brodelnder Kessel, Stand an Stand, Verkaufsstelle an Verkaufsstelle, mit Fischen, Früchten * und allerlei guten und schlechten Dingen. Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Cafes, kleine Speisehäuser schreien ihr „Koscher" in bunten Schildern in die Straße hinaus. Zeitungshändler und Blumenverkäufer lasten nicht die Dinge und die Menschen erst an sie herankommen, sondern fuchteln mit ihrer knisternden oder duftenden Ware so lange dem Fremden vor der Nase herum, bis dieser kauft oder ausweicht. Krüppel und gesunde Bettler strecken die Hand entgegen. Der Friseur, bei dem ich mich vorsichtig erkundige, ob er auch die Kunst des Bartschneidens verstehe, weist statt der Antwort, auf die Türe, wo über einer Mesuso die Inschrift prangt: „Sabbat geschlossen, Sonntag den ganzen Tag geöffnet!" Das alles ist so typisch, so sehr Fleisch vom Fleische des alten Amsterdam, daß eine Aenderung einem Eingriff in ein Naturgesetz gleichkäme. Das Amsterdamer Ghetto ist homogen, etwas absolut Naturgewachsenes. Es gehört mit seinen Typen und seinem Treiben genau so in das Stadtbild hinein, wie die Grachten, wie die düsteren Fassaden der ins Wasser gebauten Warenlager, wie all das Merkwürdige und Undefinierbare, das Amsterdam ausmacht. . Die Gemeinde mit den 60 000 jüdischen Seelen hat neben einem Hochadel und einer starken intellektuellen und sozialen Mittelschicht auch ein jüdisches Proletariat, aber es ist eigenes, naturgewachsenes Proletariat. Armut ist von der Ruhe und Sicherheit eines politischen Geborgenseins gemildert und von einer natürlichen, etwas behäbigen Heiterkeit und Sorglosigkeit verklärt. Dazu viele, sehr viele kleine Leute. In einem halben Tag begegnete ich in Amsterdam .mehr jüdischen Gepäckträgern, fliegenden Händlern, jüdischen Tram- und Postbeamten und kleinen Schiffsangestellten, als in meinem ganzen bisherigen Leben in Westeuropa. Sie finden Unterkunft in einer Menge bescheidener Berufe, die dem Juden im sonstigen Europa vollkommen verschlossen sind. Wer Wert auf den Sabbat legt, — das tun sie zumeist alle, — versieht am Sonntag seinen Dienst und alles gleicht sich vortrefflich aus. Daß einem ein Trambahnschaffner den erhaltenen Fünscentobulus mit „Schkoach" quittiert, In der Portugiesensynagoge sind wir zunächst ein wenig enttäuscht. Man hat soviel davon gesprochen, daß man sich darunter einen Tempel von salomonischer Pracht vorstellte. Wer aber tiefer blickt, ist von dieser eigenartigen Harmonie jüdischer Einfachheit und latenter Eleganz überwältigt. Kein Teppich und kein Linoleum zu sehen, der weiße Boden ist nach. ältester Vätersitte mit gelbem Sande bestreut. Keine elektrischen Birnen flammen auf. Es stecken vielleicht tausend Stearinkerzen, eine wie die andere in Reih und Glied, in den blankgeputzten Messingleuchtern. Die Kandelaber sind riesige Buketts in phantastischen Verzweigungen aus Messing und Bronze. Die Sitzreihen sind nicht nach dem Osten, sondern nach Nord und West gerichtet. Die ganze Ostwand ist ein in sich geschlossener und abgeschlossener heiliger Raum von großen architektonischen Wirkungen. Almemor in der Mitte ist zugleich auch Podium für den Vorbeter und Kanzel für den Chacham. Die gewölbte Decke hängt wie ein düsterer Nachthimmel über dem Raume. Schlichtheit paart sich mit Weihe und Grandezza. Viele Kostbarkeiten bleiben dem Auge des Fremden entrückt. Man wagt hier kein lautes Wort, auch wenn kein G'ttesdienst und kein Mensch außer uns darin ist. Geist von Cordova und Toledo durchweht den Kuppelbau. Zweitausend Menschen gehen in dieses Haus hinein, berichtet mir der Führer. „Gehen sie auch hinein?" Sie ist gut besucht, die alte Schul, alle Schulen. Der Holländer steht gern mit dem lieben G'tt auf Besuchsfuß. Er geht gern „schulen". Wie es sonst mit dem Sabbat und anderen kann j Dingen, insbesondere mit dem jüdischen Wissen, bei den Nachkommen dieser jüdischen Granden des Geistes von Granada und Castilien steht? Schwer zu sagen. Adel verpflichtet, und sie wissen es. Man hat aber das Gefühl: Neuerungen finden keinen Platz auf diesem sandbestreuten weißen Boden. Sie werden an der Weihe im Raume, im Lichte der tausend Kerzen unter der gewaltigen düsteren Kuppel zerschellen. —tz. Jung und Alt in» WUnaer Ghetto man nur in Amsterdam erleben. Während ich durch die Gassen des Judenviertels, vom Rembrandthaus bis zur Portugiesensynagoge, schlendere, ziehen hinter uns Leierkastenmänner her. Sie führen ein Monstrum mit elektrischem Betrieb und einer Jahrmarktskulisse herum. An jeder Straßenecke machen sie Halt und kurbeln ihre Weisen an, wie man sie überall hört. Sofort kriechen aus allen Löchern Kinder, Buben und Mädels hervor, reichen sich die Hände und tanzen zu den Melodien auf offener Straße. Die Orgelmänner sind Juden, die tanzenden Kinder sind jüdische Kinder ... Wilna. (Mit 4 Bildern.) Das Ghetto aller Ghettos ist Wilna. Vielleicht ist es gar nicht mehr richtig, von einem Wilnaer Ghetto zu sprechen, denn Wilna ist die Stadt der Juden, mit einigen Vierteln für Nichtjuden. Wer das jüdische Wilna von heute kennen lernen will, ohne die große Reise über Polen nach Zentral-Litauen zu wagen, lese das soeben erschienene, künstlerisch vortrefflich ausgestattete Buch „Ein Ghetto im Osten" (Wilna). (Verlag Orell- Füßly, Zürich—Leipzig, Preis geb. Mk. 3.—. Plus der Jndengaffe itt Wilna: Dir bet Klaus des Gaon