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Der Israelit · 1931-05-21 · Heft 21 (21.5.1931) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 21 (21.5.1931)
Date
1931-05-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 2 Nr. 21 Der Israelit 21. Mai 1931 Die Tugenden des Gerechten und sein Wohlergehen scheinen mir in den Tierbildern dargestellt zu sein. Da ist der Pelikan, der seine drei Jungen mit dem Herzblut nährt, das Sinnbild der Opferliebe. Der Storch, hebräisch der „Fromme, der Liebreiche", welcher seine vier Jungen mit einer Schlange füttert, ein Sinnbild der treuen Liebe und Fürsorge. Der Hahn: ein Sinnbild der Wachsamkeit; die Taube: der Reinheit; der Papagei, der Pfau, der Fasan: des Schönheitssinnes; der Geier: des Scharfsinnes und der schnellen Tatkraft; die Eule: der stillen, sinnenden Weisheit; Kaninchen und Katzen: des häuslichen Sinnes; die Hasen und Rehe: der Friedensliebe; Hirsch, Pferd, Zebra: der Schnelligkeit und Kraft; der Fuchs: der Klugheit; Wolf, Bär und Löwe: der Stärke; der haustragende Elefant: der hausväterlichen Männlichkeit; die Sphinxen: der sinnenden Betrachtung; der Greif: der hohen, schnellen Gedankenarbeit; während das Einhorn als Sinnbild der unwiderstehlichen Tatkraft, auch im Kampf mit dem Löwen zugleich seine herrschaftsgeschichtliche Erklärung findet. Daß die Tiere entweder in behaglicher Stellung sich vorfinden oder vielfach an Früchten sich laben, dürfte wohl dem Gedanken Ausdruck geben: „Ich habe noch niemals den Gerechten verlassen gesehen und seinen Samen nach Brod gehen." (Psalm 37, 25) oder der Gerechte isset, daß seine Seele satt wird (Spr. 13, 25). Die kämpfenden Tiere werden auf den inneren wie äußeren Kamps des Lebens Hinweisen. Der jüdische Künstler hat hier in der Anlage seiner Motive seiner Phantasie weitesten Spielraum gewähren lassen, aber auch seine schriftkundige Vertrautheit gezeigt. Wenn sonst die Kahlheit der Synagogenwände die Störung der Andacht verhüten soll, so sollen hier die Wände mitpredigen,, was die Ueberfchwelle verkündet: „Das ist das Tor des Herrn, die Gerechten werden da hineingehen." (Psalm 118, 20.) Lin Blick auf Holland. (Mit 2 Bildern.) Wer für ein paar Tage nach Holland geht, hat, nach Baedeker, pflichtgemäß zu bewundern: die Blumenfelder bei Haarlem, den F r i e d e n s p a l a st im Haag, das Judenviertel in Amsterdam, Rembrandthaus und Portugiesen - Schul, Reichsmuseum und noch einiges. Schließlich ist die Nordsee in Scheveningen auch etwas, aber diese ist nicht das Verdienst der Holländer. Wenn man hinter Emmerich so ganz unversehens über die unsichtbaren Grenzpfähle gelangt ist, grüßen das Auge die kräftigen Farben und Formen, wie sie in Holland Land und Menschen auszeichnen, ob es die Fassaden der Häuser, die Blumen im Felde, die Schilder an den Wänden oder die Abzeichen an den Uniformen sind. Kräftig ist diese Sprache der Farben und Formen, wie die harten Rachenlaute des Idioms, wie die festen, ruhigen Züge in den gesunden Gesichtern. Zwischen Haag und Amsterdam tut sich aber, in der Gegend von Haarlem, dem Auge ein Blumenwunder auf, in das es wie in einen Märchenzauber ganz versinkt. Ganze Felder, weit und breit, solange das Auge reicht, voller Blumen, schillernd in rot, weiß, blau und lila. Das ganze flache Land e i n gewaltiger bunter Teppich, durch breite oder schmale, wie mit dem Lineal gezogene Wasseradern in Parzellen geteilt. Riesige Blumengärten, Palmenhaine haben wir schon irgendwo in der Welt gesehen, aber endlose Aecker, die statt Weizen und Korn, Kraut und Rüben, in Blumen prangen, sahen wir zum erstenmal in Holland. Kommt man im schönen Monat Mai in kürzerem Zeitabstande von den Schneefeldern des St. Gotthardt zu den Blumenfeldern von Haarlem, so drängt sich einem die Parallele auf: Die ragenden Berge, herrlichen Täler und blauen Seen und all die bezaubernden Schönheiten, die ein gütiger Schöpfer in verschwenderischer Fülle auf jenes gesegnete Stückchen Erde ausgegossen hat, sie machen die Schweiz. Was man aber hier in Feld und Flur an Pracht und Schönheit sieht, ist nicht Holland, es sind die Holländer, die einem flachliegenden, an sich völlig reizlosen Boden das letzte an Kraft und Schönheit abgerungen haben. Sie zwangen — durch unzählige Wasseradern, Kanäle und Grachten — das große Meer, daß es seine mächtigen Arme bis dicht an ihre Höfe und Aecker entgegenstreckt und zauberten aus monowiderlegt die Meinung vieler, der Holländer ser ein bequemer Genießer nur, dem das Essen erster und letzter Lebenszweck sei. Der Fremde könnte es benähe glauben, wenn ihn die im Lande genossene Gastfreundschaft in ein Schlaraffenland TfPstSeTFir. Synagoge zu Jfo7>& {O/h) (^J\ftLSeu^z 2$<3J7i-bgf'£' ) Eine Szene aus beut Amsterdamer Stratzenhandel toner Erde Farbenharmonien, zu denen Freunde dieser blühenden Kinder der G'ttesnatur in Andacht pilgern sollten . . . Schon dieser ausgeprägte Schönheitssinn versetzt. Der Gastgeber ist über darum noch durchaus kein Schlaraffe. Ich sah im jüdischen Hotel zu Scheveningen, nebenbei eines der bestgeleiteten jüdischen Hotels in der Welt, eine Hochzeitstafel, die, abgesehen von den kulinarischen Höhepunken, in ihrer Aufmachung und ihren Blumenarrangements schlechthin eine künstlerische Rekordleistung, noch mehr dem .Auge und dem Herzen bot. Daß behagliches Wohlleben in Schönheit und Sicherheit, in einem Lande, das ausgezeichnet ist von einer hohen Kultur und einer Toleranztradition von vielen Jahrhunderten, nicht ohne Gefahr für das religiöse Leben ist, zeigen gewisse neuerliche Vorgänge in Holland und speziell in Hollands Kulturzentrum, im Haag. Die Stadt, eine Kombination von Villenviertel und Stadtwald, besitzt eine große, jüdische Gemeinde, die von einem tatkräftigen Rabbiner, der auch als Wissenschaftler einen Namen hat, geistig bestens geleitet wird. Aber eine Reformwelle plätschert von der anderen Seite, von England, nach dem sich Holland gern kulturell orientiert, herüber. Es gibt im Haag eine Bewegung, die mit all den Offenbarungen des Claude Montefiore und der „guten Tante Lilly" aufs Ganze geht. Diese fremde Blume wird in Holland niemals Wurzel fassen. Aber ein Memento gegen eine gewisse Sorglosigkeit sollen die Bestrebungen in ihren ersten Anfängen sein und sind es auch. Der Oberrabbiner vom Haag hat ein paar recht gute Schriften in holländischer Sprache gegen die neue Bewegung losgelassen und setzt auch sein kräftiges Wort, wo ‘es nur angeht, gegen die Welle ein. Ich habe in den wenigen Tagen meines Aufenthaltes in Holland kaum einen Juden gesehen und gesprochen, der diese neue Bewegung ernst nimmt, wohl aber viele, .deren religiöses Wissen leider sehr schwach fundiert ist. Aus Unwissenheit könnten aber der Reform uns gefährliche Verbündete entstehen. Gegen diese Gefahr müßte jetzt zu allererst die Kampffront der Orthodoxie gestellt werden. Mehr lernen! Was an guten Geistern noch in den Häusern und Herzen der schlichten holländischen Juden wohnt, hatte ich wiederholt Gelegenheit zu sehen. Genährt aus dem Quell tiefer Religiösität blüht zwischen Wald und Stadt lim Haag die Blume jüdischer Guttat und treibt in die Höhe. Sie wollen nicht, daß davon gesprochen "werde. Mittagsstimmung am Neumartt in Amsterdam.

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