Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450673--77928-2535586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
21. Mai 1931 Der Israelit Nr. 21 Seite 7 fg. sit rt Hörgeräte der Kultusgemeinde zu einer Besprechung ein- Verufen, um angesichts der drückenden Not außerordentliche Maßnahmen zu beschließen. Nach Eröffnung der Versammlung erörterte der Obmann der Zentralkommission, Dr. Kl ab er, den Plan einer großzügigen Sammeltätigkeit, die bereits in den nächsten Tagen in Angriff genommen werden soll. Von dem Umfang der Fürsorgetätigkeit entwarf Börsenrat Glück ein anschauliches Bild. Im Jahre 1930 betrugen die Steuereingänge der Gemeinde 2% Millionen Schilling, die Mr die Fürsorgetätigkeit verwendet werden muhten. Professor Z a p p e r t besprach eingehend die zunehmende Verelendung der Wiener jüdischen Bevölkerung. Das akute Elend drohe nun chronisch zu werden. Im abgelausenen Jahren waren $110 Akte in der jüdischen Kin- 'derfürsorge eingelausen, davon 1100 mit der Zuständigieit nad) Wien. Bei allem Entgegenkommen der Stadtgemeinde bleibe für die Kultusgemeinde eine Riesenleistung zu bewältigen. An der Hand von Statistiken wurden erhoben, daß von 204 untersuchten Kindern der Erholungsfürsorge hundert tuberkuloseverdächtig sind. Unter den Petenten befinden sich nicht nur abgebaute Beamte und Handelsangestellte, sondern Aerzte, Lehrer. Ingenieure, Rechtsanwälte, Zahntechniker und andere intellektuelle Berufe. Der Präsident der Kultusgemeinde Professor Pick, appellierte in warmen Worten für den Ausbau der Fürsorgetätigkeit. Polen. Wahlkampf mit schlechten Mitteln. Warschau, 19. Mai. Zu den skandalösesten Vorgängen im Laufe des Wahlkampfes für die Kehilla, der zur Zeit in Warschau 1>en Höhepunkt erreicht hat, gehört der Beschluß des Vorstandes, aus den Kandidatenlisten all diejenigen zu streichen, die einmal im Leben das Unglück hatten, Unterstützung von der Kehilla anzunehmen. 'Daß man damit Menschen, und sogar sehr verdiente Männer, (sie waren vielleicht einmal gezwungen, ihrgi .Kinder in ein Erholungsheim der Gemeinde zu schicken) der öffentlichen Beschämung preisgibt, dafür fehlt den Herren der Verwaltung jedes Verständnis. Ms man vor ckurzem auf Grund eines Paragrophen von orthodoxer Seite verlangte, daß Männern, die eingestandener Maßen keine Beziehungen zum Judentum pflegen, ihm feindlich gegenüberstehen und in ihrem Leben diese Einstellung beenden, das passive Wahlrecht in der Gemeinde genommen werde, entstand ein solcher Sturm der Entrüstung unter den Zionisten und Neologen gegen die „Zeloten", als wollte die Orthodoxie die Grundlagen der Gemeindever- -fassung erschüttern. Nun kommt die sogenannte Demokratie und macht Hunderte Menschen, die mit der Kehilla eng verbunden sind, rechtlos. Die öffentliche jüdische Meinung schweigt, weil die Maßnahme nicht von der Aguda, sondern von den Herren Farbstein, Grünbaum ui. a. m. ausgeht. Mit vollem Recht weist das „Jüdische Togblatt" darauf hin, daß jüdische Wohltat eine „Z e d o k o",. ein N echttun, ist, die den Empfänger, sofern er sie nicht -mißbraucht, nicht entrechtet noch entwürdigt. Der diskrete Charakter des jüdischen Wohlfahrtswesens kann von einer Gemeine nicht aufgegeben werden, ohne daß sich diese Gemeinde zu einer bürokratischen Verwaltung mit Polizeigeist degradiert. Diese Maßnahme bildet in der Skala ber verwerflichen Wahlmittel das allerverwerflichste. Hias organisiert Nahrungsmittelsendungen aus Polen nach Rußland. Warschau, 10. Mai. Der in Warschau zu kurzem Aufenthalt eingetroffene Direktor der Hebrew Immigration Aid S o - c i a t e d (Hias) in Amerika, Herr Benjamin, äußerte fich Pressevertretern gegenüber folgendermaßen über den Zweck seines Besuches in Polen: Bekanntlich herrscht gegenwärtig in Rußland starker Mangel an den notwendigsten Lebensmitteln. Darum hat Hias die Organisierung der Versendung von Lebensmittelpaketen und wichtigen Gebrauchsgegenständen durch amerikanische Juden an ihre in Rußland lebenden Angehörigen in Angriff genommen. Bis jetzt liegt der Versand in den Händen privater Unternehmungen, von denen nicht alle das Vertrauen der Oeffentlichkeit genießen. Hias hat sich bisher bloß mit Geldüberweisungen nach Rußland besaßt, da aber der Dollar in Rußland stark , an Kaufkraft verliert, verzichten viele amerikanische Ju-!den darauf, ihren Verwandten in Rußland Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Dagegen ist die Leitung von Hias überzeugt, daß eine von ihr durchgeführte Versendung von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen vom Vertrauen weitester Kreise getragen sein und starke Beteiligung finden wird. Nach Prüfung der Möglichkeit, in Berlin, Riga oder Wilna die zentrale Versandstelle für die Lebensmittelsendungen nach Rußland einzurichten, ist Direktor Benjamin zur Ueberzeugung gelangt, daß Warschau der geeignetste Ort zur Organisierung der Versandstelle ist. Die Versandstelle soll bereits in den nächsten Tagen errichtet werden. Intervention der polnischen Regierung gegen die Judenverfolgungen in Mexiko. Warschau, 14. Mai. Das polnische Ministerium des Aeußeren übergab der Jüdischen Telegraphen-Agentur das folgende Kommunique: „Im Verlauf der letzten Monate wird auf dem Territorium der Republik Mexiko eine scharfe Aktion gegen Ausländer, in Wirklichkeit gegen Juden jeder Staatsangehörigkeit, also auch gegen polnische Juden, geführt. Hintergrund dieser Aktion ist der Konkurrenzkampf des ausländischen Großhandels gegen die jüdischen Kleinhändler und Industriellen, die sich mit einem nur geringen Gewinn zufrieden geben und — da sie auch noch kleinere Prvduktions- und Verwaltungskosten haben — die gleichen Älaren zu weit niedrigeren Preisen als selbst der Großhandel abgeben können. Da nun diese Aktion in der letzten Zeit einen beunruhigenden Umfang — sei es in der Presse oder in Flugblättern und Plakaten, die über die ganze Stadt verbreitet werden — angenommen hat, und da durch diese Aktion zahlreiche polnische Bürger betroffen wurden, hat der polnische Konsul in Mexiko, Herr Merdinger, in dieser Angelegenheit beim Außerminister Mexikos interveniert. Der Außenminister hat die Intervention sehr freundlich entgegengenommen und dabei mitgeteilt, daß diese Angelegenheit seit längerer Zeit einer eingehenden Betrachtung seitens der Ministerien des Innern und des Aeußeren unterzogen wird. Dabei nimmt das Ministerium des Aeußeren eine günstige Haltung, gegenüber den Ausländern ein. Endgültig wird der Fall durch eine speziell hierfür geschaffene Kommission einer Erledigung zugeführt werden. Sollte aber diese Kommission nicht in der Lage sein, die Standpunkte der beiden Ministerien miteinander in Einklang zu bringen, so wird die Angelegenheit der Entscheidung durch den Präsidenten der Republik überlassen werden." Ein eigenartiges Begräbnis. Wilna, 12. Mai. Ein großer Leichenzug bewegte sich letzten Sonntag durch die Straßen der alten Stadt. Vier Bahren standen auf zwei Wagen und bargen in sich vier Leichen von Erwachsenen und sieben Kinderleichen. Die elf Leichen stammen aus verschiedenen städtischen Krankenhäusern. Gegen alle Verordnungen des Rabbinats wurden die Toten, da sie keine Annehmer hatten, die Einspruch erheben, konnten, dort seziert, und es dauerte ein ganzes Jahrj. bis es der Ehewra Kadischa gelang, die Gebeine herauszubekommen und der jüdischen Erde zu übergeben. Der gewaltige Leichenzug war zugleich eine wirksame Demonstration gegen die Willkür der städtischen Behörden, die sich in dieser Beziehung über alle jüdischen Pietätsgefühle hinwegsetzten. Bekanntlich verlangen auch die jüdischen Medizinstudenten von Gemeinde und Naabbiner kategorisch die Zulassung der Sezierung, da sie sonst von den nichtjüdischen Komilitonen aus der Anatomie herausegdrängt werden. Der Vorsteher der Ehewra, Rabbi Mosche Josseliowitz, hielt vor der großen Schul eine ergreifende Gedenkrede zur Ehrung der unbekannten Toten, in der er das ganze traurige Problem aufwarf und die Menge zu heißen Tränen rührte. Hat schon das Leben, so sagte er, eine tiefe Kluft zwischen arm und reich gegraben, so galt wenigstens früher Gleichheit im Tode. Im gleichen schmucklosen Sarge, in den gleichen einfachen weißen Gewändern wurden die Armen wie die Reichen der Mutter Erde übergeben. Nun ist es schon so | gekommen, daß arme jüdische Menschen, die das Unglück j haben, obdachlos in einem städtischen Krankenhause zu , sterben, nicht einmal gleich in althergebrachter Weise ein | jüdisches Grab finden. Es hat den Heiligen Verein viel Müh und Arbeit gekostet, um es noch nachträglich zu ermöglichen, und nicht in allen Fällen gelingt es. Er richtete eine Mahnung an alle, bei Einlieferung von Kranken in die Spitäler, sich für alle Fälle alle letzten Rechte zu sichern, auch dafür zu sorgen, daß die Spitalgebühren im voraus bezahlt werden, denn gar zu oft gelten auch die nichtbeglichenen Rechnungen als Legitimation für die Sezierung. Die Ehewra als solche ist nicht in der Lage, mit Geld auszuhelfen, da in dieser kritischen Zeit die Beiträge ausbleiben und sie sich darum nur auf -,2122 n"vr beschränken muß. Es war eine ergreifende Feier, wie sie zur Eh.ung von ms» ’na nach ältjüdischem Empfinden angebracht erschien. Palästina. Neues aus Palästina. T e l - A w i w , 14. Mai. Am Vorabend des Lag b'Omer zogen sämtliche Schulen nach einem großen, noch unbebauten Platz, entzündeten ein großes Feuer, und unter Musik und Gesang wurde um das Feuer geanzt. Die^ Veranstaltung machte einen überaus stimmungsvollen Eindruck. Interessant ist es auch, daß am Lag b'Omer nicht weniger als 120 Trauungen vollzogen wurden. Sämtliche Blumengeschäfte waren an diesem Tage ausverkauft. Das war aber auch wohl der einzige Luxus. Besondere Toiletten, von einem Restaurateur arrangierte Hochzeistafel kommen nur bei den spärlichen vermögenden Familien vor. Etwas Gebäck und Wein bedeuten bei den meisten die ganze Aufwendung. Da trotz Gehaltreduktionen die Gehälter der 800 Lehrer, der zionistischen Beamten und der Hadassah- Beamten seit drei Monaten rückständig sind und all diese Familien ihren Gebrauch auf Kredit nehmen müssen, da ferner der trockene Winter den Feldern und Gärten sehr geschadet hat und da schließlich zahlreiche Familien ihren früheren Zuschuß aus dem Ausland nur teilweise oder gar nicht erhalten, so herrscht unter der jüdischen Bevölkerung drückendes Elend. Araber fordern die Juden zur Rückkehr nach Hebron auf. Jerusalem, 11. Mai. Etwa 20 jüdische Familien werden um die Mitte dieses Monats nach Hebron zurückkehren. Es handelt sich durchwegs um Sephardim, von denen ein Teil von den Unterstützungen einer speziellen Chalukka lebt. Die Hemkehrer hoffen, daß nunmehr dauernde Vorsorge für ihre Sicherheit getroffen werden wird. Wie die ITA. erfährt, haben sich führende Araber aus Hebron an die jüdischen Führer Palästinas mit dem Ersuchen gewandt, alle aus Hebron geflüchteten Juden zur Rückkehr in diese Stadt zu bewegen. Neuer Versuch einer Drosselung der jüdischen Einwanderung in Palästina. Jerusalem, 18. Mai. An Stelle der von der Executive der Jewish Agency angesorderten 1450 Einwanderungszertisikate hat die Palästina-Negierung bloß 500 Zertifikate bewilligt, die an Angehörige von den in Palästina ansässigen Juden und Personen, die aus Grund eines Touristenvisums nach Palästina gekommen sind, und die Absicht haben, sich dauernd im Lande niederzulassen, ausgegeben werden sollen. Somit werden für die Einwanderung von Chaluzim keine Zertifikate verfügbar sein. Das Einwanderungsdepartement der Palästina-Regierung hat außerdem angeordnet, daß bei der Ausgabe der neuen Zertifikate nur jene Bewerber berücksichtigt werden sollen, deren Gesuche bei der Regierung registriert Qsind, nicht aber jene, die bei der Jewish Agency um ein Zertifikat eingekommen sind. Gegen diese Verfügung haben die Vertreter der Executive der Jewish Agency schärfsten Protest erhoben und außerdem erklärt, daß sie gegen die weitgehende Kürzung der Zahl der auszugebenden Zertifikate Berufung einlegen werden. (I. T. A.)