Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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I f i-.; Seite 6 Nr. 21 Der Israelit 21. Mar 1931 scheidet sich lediglich sozialpolitisch, aber nicht religiös vom „rechten Flügel". (Bei allen Punkten, in denen die vorstehende Darstellung von derjenigen unseres Berichterstatters abweicht, handelt es sich nicht um Tatsachen, sondern um Fragen der Aussassung und Bewertung. Für den ausgesprochen negativen Charakter der Erziehungserfolge des Misrachischulwerkes können wir uns auf eine gut misrachiftische Quelle berufen: Dr. I. Leibowitz im Jjar-Heft der Misrachi-Zeitschrift Zion (Seite 37). Welches die Ursachen dieses Versagens sind, darüber werden die Ansichten natürlich immergeteilt sein. Wir selbst glauben, daß religiöse Erziehungserfolge in den Misrachi- Schulen schon deshalb unmöglich find, weil das Schülermaterial nach Lage der Dinge von vornherein das Bewußtsein hat, im Gegensatz zu einem großen Teil der religiösen Autoritäten Erez Jisroels zu stehen. Daß über die weltanschaulichen Differenzen im Misrachi auf dem Delegiertentag nicht gesprochen wurde, mag stimmen. Daß sie aber vorhanden sind und an die Wurzel der Misrachi-Problematik heranreichen, kann nicht bestritten werden. Red.) Treukonstituierung des Rates des Preußischen Landesverbandes. Berlin, 15. Mai. Am 14. Mai 1931 trat in Berlin der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Sie wurde durch den Alterspräsidenten, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Falte n h e i m - Königsberg eröffnet. Zum Präsidenten i wurde einstimmig Kammergerichtsrat Leo W o l f f wiedergewählt. Zu stellvertretenden Präsidenten wurden1 Rechtsanwalt Dr. Klee wieder und Landgerichtsrat Dr. L i l i e n t h a l neu gewählt. Den von dem Verbandstag am 23. März 1931 gefaßten Entschließungen, in denen zum Kampf gegen die Barbarei der Judenhetze aufgerufen, von den Behörden wirksame Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bevölkerung verlangt und den zur Bekämpfung des Antisemitismus berufenen Organisationen gedankt wird, wurde zugestimmt. Hierbei wurde aufs neue darüber Klage geführt, daß ein Teil der Mitgliedsgemeinden ihrer Verpflichtung zur Zahlung der Umlage nicht vollständig oder gar nicht nachgekommen ist, und beschlossen, mit Rücksicht auf die schwierige Lage des Landesverbandes mit allen Mitteln für Einziehung der rückständigen Verbandsbeiträge zu sorgen. Dem Rat lag eine große Reihe weiterer Beschlüsse des Verbandstages vor, denen er im allgemeinen beitrat. Einen breiten Raum nahm in den Verhandlungen die Beratung über die zur Behebung oder wenigstens Milderung des besonders unter den Juden herrschenden wirtschaftlichen Notstandes ein. Hier kommt insbesondere der Ausbau und die Sicherung des jüdischen Arbeitsnachweiswesens und zur Erhaltung des gefährdeten gewerblichen, handwerklichen und kaufmännischen j Mittelstandes die Begründung von Darlehenskassen in örtlich abgegrenzten Bezirken, möglichst unter Mitwirkung staatlicher Stellen, und die Bereitstellung von Kapitalien zur Verbilligung der für die ausgegebenen Darlehen zu zahlenden Zinsen in Betracht. Ein sofort eingesetzter Sonderausschuß soll unter Zuziehung von Sachverständigen die zu ergreifenden Maßnahmen prüfenj und in die Wege leiten. Wie fast in allen bisherigen Sitzungen des Rates waren die Verhältnisse der zur Ausbildung jüdischer j Lehrer bestehenden Anstalten Gegenstand einer gründlichen Aussprache, die das gesamte Unterrichtswesen umfaßte. Ferner wurde das Verhältnis des Landesver-I bandes zu den drei theologischen Bildungsanstalten besprachen. Es wurde beschlossen, in die Kuratorien der Anstalten je zwei Vertreter des Landesverbandes abzuordnen und die Bestrebungen zur Sicherung der Pensions- und Hinterbliebenenversorgung der Dozenten tatkräftig zu unterstützen. Nationalsozialistische Verseuchung der höheren Schule. Berlin, 17. Mai. In der Untersekunda eines süddeutschen Gymnasiums! führte ein junger Lehrer seine Schüler in den Schiller'- Die Woche. Ina. Entgegen völkischen Zeitungen, d'e wissen wollen, daß der Attentäter gegen Prof. Hans Günther ein Jude fei und den Vorfall zum Anlaß einer Judenhetze machen, berichtet die I. T. A., daß die Angaben der Polizei keine Handhabe dafür bieten, daß der Täter mit Juden und Judentum etwas zu tun hatte. Kitzingen. Der jüdische Friedhof, der bereits 1929 geschändet wurde, ohne daß die Schandtat ihre Sühne fand, wurde dieser Tage abermals heimgesucht. Zwei Grabsteine wurden umgeworfen. Plauen. Ein im Stadtrate eingebrachter Antrag der Nationalsozialisten, das Schächten zu verbieten, wurde von den Stadtverordneten mit großer Mehrheit abgelehnt. Auch in Zwickau wurde ein Schächtverbotantrag abgelehnt. Wien. Rabb. I. Twerski, bekannt unter dem Namen „Der Slamslauer Rebbe", seit denl Kriege in Wien wohnhaft, verstarb im Alter von 57 Jahren. Eine große Menge gab ihm das letzte Ehrengeleit. Haag. Der dieser Tage im Haag gegründeten Gesellschaft zum Studium des Minderheitsrechtes gehören als jüdische Vertreter an: die Rigaer Professoren M i n tz und L a s e r s o h n , ferner Dr. R o b i n s o h n Korvno und Dr. F e i n b e r g , Gens. London. Die Sonc in o- Presse bereitet die Herausgabe der ersten englischen Uebersetzung des Sohar vor, die von Harry Sperling und Maurice Simon geleitet wi.d. Riga. Der „Verband jüdischer Teilnehmer am lettländischen Befreiungskamppfe" hielt seine Fahnenweihe. Als East war auch der Präsident der lettländischen Republik, Kiwessis, anwesend, der in einer Ansprache den Patriotismus der lettländischen Juden lobendhervorhob. — Im Städtchen D r u j e bei Dünaburg wurde die Jahrhunderte alte Synagoge, an die sich unzählige Ueberlieferungen knüpfen, von den Fluten völlig weggeschwemmt. Prag. Rabbiner Dr. Joses Weiß in Neustadt, der dem Vatikan den ersten Band seiner slovakischen Uebersetzung der Bibel überreichte, erhielt ein Handschreiben des Papstes P . u s , in welchem ihm der Papst für „das verdienstvolle Werk" dankte. Nom. Aus Anlaß des Inkrafttretens des neuen jüdischen Gemeindegesetzes hatte eine jüdische Deputation eine längere Audienz beim König und beim Ministerpräsidenten Mussolini. Im großen Saal des jüdischen Gemeindehauses fand ein großer Empfang zu Ehren Senator B e r i o ß , der das neue Eemeindegefetz ausgearbeitet hatte, statt. Jerusalem. M u z a C a z i m Pascha, der Präsident der arabichen Exekutive ist von seinem Posten, angeblich aus Gesundheitsrücksichten, in Wahrheit aber wegen Differenzen innerhalb der Exekutive, zurückgetreten. Zur gleichen Zeit forderte das Präsidium der arabischen Exekutive die Bevölkerung auf, die bisjährigen Palästiuatag am 16. Mai nur durch Gebete, nicht aber mit Streit zu begehen. — Frau Law geb. Lubjanski, eine Nichte Weizmanns, ist auf der Fahrt zwischen Tiberias Migdal infolge eines Autounfalls tödlich verunglückt. Auch zwei Mitreisende sind schwer verletzt. Warschau. In Brestlitowsk wurde Markiewiecz, der, wie seinerzeit gemeldet, den 60 jährigen Jizchok Müller, dessen Frau, Tochter und Enkel ermordet hatte, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Newport. Der Erzbischof von Newyork, Kardinal H a i>e s schloß sich der Kampagne des Joint für die Juden in Osteuropa an und versprach, die Hilfsaktion nach Kräften zu fördern. — Der ehemalige Botschafter in der Türkei, Henry Marge nth au, wurde 75 Jahre alt. Am Festdiner beteiligte sich auch Präsident H o o - dci. Morgenthau, der aus Deutschland stammt, hat sich hervorragende Verdienste auf philanthroischem Gebiete verschafft. Paris. Die Eröffnung des Palästina-Pavillons auf der französischen Kolonialausstellung wird Ende Mai mit einer Rede des früheren Ministerpräsidenten P a i n l e v e eröffnet werden. Moskau. Am 14. Mai wurden drei antisemitische Arbeiter wegen dauernder Mißhandlung eines jüdischen Kameraden in der Fabrik zu Zwangsarbeit von 5 bis 8 Jahren verurteilt. — In den jüdischen Kolonien Weißrußlands wird auf höherem Befehl die Schweinezucht eingeführt, wogegen die jüdischen Kolonisten heftigsten Widerstand leisten. Die Leiter der jüdischen Kollektive legten ihre Aemter nieder und viele Arbeiter kündigten ihr Ausscheiden aus den Betrieben an. fchen Idealismus ein. Er stellte ihnen folgendes Aufsatzthema: „Wie ich mir Deutschlands Wiederaufstieg, denke". Bon zwanzig Aufsätzen waren siebzehn nichts anderes als Wiederholungen nationalsozialistischer Propagandaphrafen. Einige Proben zeigen, wie verseucht die Jugend ist. Das sozialdemokratische Hauptorgan „Vorwärts" bemerkt dazu: „In 17 von 20 Schulauffätzem hat sich in dieser Weise die Denkungsart der 16jährigen Gymnasiasten enthüllt. Es ist die Enthüllung des vollständigen Bankrotts der höheren Schule in Deutschland. Kein Zweifel, daß ein Teil der Schullehrer daran die- Schuld trägt. Hat die Republik an derartigen Anstalten zur Heranzüchtung der Mordgesinnung irgendein Interesse?" Reichsinnenminisler Wirth für strengste Bestrafung von friedhofsschändern. Berlin, 16. Mai. Der Reichsinnenminister hat in der Frage der Verhütung der Schändung von Friedhöfen folgendes Schreiben an die Landesregierungen gerichtet: „Nach zuverlässiger Mitteilung sind im Deutschen Reich in den letzten Jahren nicht weniger als 100 Fälle von Schändungen jüdischer Friedhöfe vorgekommen. Unter Hinweis hierauf darf ich den Landesregierungen erneut nahelegen, die Landesbehörden anzuweisen, um die Aufklärung und Verfolgung von Störungen des Gräberfriedens nachdrücklichft bemüht zu fein. Ich halte schärfstes Einschreiten gegen solche verabscheuungswürdigen Straftaten für nötig und bin nach den Erfahrungen der letzten Jahre der Auffassung, daß es nicht möglich ist,, ihnen ohne empfindliche Strafen mit Erfolg zu begegnen." Der nationalsozialistische Landtag in Braunschweig. B r a u n s ch w e i g, 18. Mai. Der Wahlausgang am Sonntag hat gegeigt^ daß die nationalsozialistische Welle in Deutschland noch lange nicht im Abebben ist. Die Nationalsozialisten werden im neuen Landtag 19 Sitze einnehmen, gegen 5 im vorigen Parlamente, ihre Stimmenzahl hat sich um ein Drittel vermehrt. Die Mittelparteien haben große Einbuße erlitten, auch die Sozialdemokratie hat Verluste zu beklagen. Wie immer und überall, hat das Zentrum seinen Besitzstand voll erhalten können. Die absolute Majorität haben die Nationalsozialisten auch in Gemeinschaft mit den Deutschnationalen nicht, da neben, ihnen auch die Kommunisten starke Gewinne zu verzeichnen haben. Von den 49 Landtagsmandaten in Braunschweig besitzen die Nationalsozialisten zusammen: mit den Deutschnationalen nur 21. für die jüdische Schule. E s s e n, 17. Mai. Die am 14. Mai in Essen stattgesundene stark besuchte 75. Jahresversammlung des Vereins israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalen nahm die folgenden Entschließungen an: 1. Der Verein israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens fordert erneut, solange das Schulwesen in' Preußen konfessionell gestaltet ist, im Interesse der religiösen Erziehung jüdischer Kinder und im Interesse staatsbürgerlicher Gleichstellung Erhaltung und Ausbau auch des jüdischen Schulwesens, insbesondere der jüdischen Volksschule. 2. Der Verein israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens legt Verwahrung dagegen ein, daß die jüdische Schule in den Streit der Parteien gezogen und in einen Gegensatz zur deutschem Schule gestellt werde. Jede jüdische Schule in Deutschland ist eine deutsche Schule für jüdische Kinder, genam so wie protestantische und katholische Schulen deutsche- Schulen für christliche Kinder sind. Oesterreich. Außerordentliche Maßnahmen der fürsorgezentrale der Wiener israelitischen kulkusgemeinde. Wien, 15. Mai. Die Zentralkommission für soziale Fürsorge der Jsraelitischen Kultusgemeinde Wien hat sämtliche Für-