Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21. Mai 1931 Der Israelit Nr. 21 Seite 5 «omsvomleiirei, - Nachrichten. Deutsches Reich. Die Bezirkstagung der Freiem Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in Hersfeld. Frankfurt a. M., 17. Mai. Von der „Freren Vereinigung" geht uns folgender Bericht zu: Es war ein großer Tag für Hersfeld und Umgegend, der letzte Sonntag. Vor dem Hotel Stern stauten sich die Autos, und drinnen im großen Saal wogte ein Leben, wie es die jüdische Gemeinde schon lange nicht mehr gesehen hatte. Mehr als dreihundert Menschen hatten sich aus der weitesten Umgebung im Fuldaer Lande eingesunden, um der Tagung beizuwohnen; Alt und Jung, Männer und Frauen. Kinder, auch in geschlossenen Kolonnen unter Führung ihrer Lehrer, gaben dem Festtage — er darf schon so. genannt werden. ‘— ein eigenes> buntfarbiges unb jugendliches Relief. Abgesehen von allen Darbietungen und konkreten Erfolgen wird die moralische Wirkung dieser Kundgebung Mausbleiblich und^ unverwifchlich sein. Der Gesamteindruck war: Es leben und weben noch gesunde jüdische Keime in der Landgemeinde, sofern sie sich erhalten hat,' Kraftströme, die, richtig gefaßt, sich zum Segen für Stadt und Land auswirken werden. Am Borstandstische im geschmückten großen Saale saßen neben dem Herrn Prov.-Rabb. Dr. C a h n -Fulda die Gemeindeältesten und Synagogenräte von Hersfeld und umliegenden Gemeinden. Auch die Lehrer aus den Gemeinden des Bezirkes waren in reicher Zahl erschienen. Ferner war stark vertreten die jüdische Gemeinde von Fulda. Aus Frankfurt kamen der für die F--V. in all ihren Entwicklungsphasen hochverdiente Herr Emil H. Lehmann, Herr Dr. S. E h r m a n n und Herr Redakteur S ch a ch n o w i tz, der ein Referat für diese Tagung übernommen hatte. Gegen 2 Uhr mittag eröffnete für den Gemeindevorstand von Hersfeld Herr Bachrach die Versammlung mit Worten kurzer Begrüßung und Verlesung mehrerer Begrüßungsschreiben. Ein Begrüßungsschreiben des Halber st ädter Verbandes wird mit Jubel ausgenommen. Darauf ergreift Prov.-Rabb. Dr. C a h n das Wort zu seinem Referate „Persönlichkeit und Gemeinde". In längeren Ausführungen definiert er den Begriff „Persönlichkeit" und „Gemeinde", um aus die Ausgaben hinzuweisen, die heute jedem obliegen, der berufen ist, in der Gemeinde zu führen. Er weist auf die Tätigkeit seines Vaters y-*- in Fulda und in der Provinz hin und auf die unabweisbare Notwendigkeit für jedermann, sich mit den Außen- und inneren Fragen des Judentums vertraut zu machen. Für diesen Zweck empfiehlt er geeignete Literatur, u. a. die Werke seines Heimgegangenen Vaters. Er hat warme Worte der Anerkennung für die Lehrer seiner Provinz und geht zum Schluß auch auf einige pädagogische Fragen ein. Herr Dr. S. Ehrmann, der nun den Vorsitz übernimmt und die Verhandlung mit Elan und Umsicht leitet, macht einige geschäftliche Mitteilungen. Sodann erlebte man eine erfreuliche Ueberraschung. Kinder erscheinen in Reih und Glied auf der Bühne und singen unter Leitung ihres Lehrers, Herrn (S manu et, hebräische Lieder, führen Spiele auf in der heiligen Sprache, als wäre man in einer Schule in Tel- Awiw. Darauf wird dem zweiten Referenten, Herrn Redakteur S. Schachnowitz, das Wort zu seinem Vortrag über „Die Landgemeinde einst und jetzt" erteilt. Dieses formvollendet vorgetragene Referate bildet ein Schulbeispiel dafür, wie eine scheinbar bloß geschichtliche Darstellung jüdischen Geschehens zu einem wahrhaften Mussar werden kann. Rach einer kurzen historischen Einleitung über das Alter der jüdischen Landgemeinden.in Deutschland gab der Vortragende vor allem an Hand des Maharil und anderer Quellenvorschriften eine solche packende Darstellung ehemaliger jüdischer Landgemeinden in ihr-er jüdischen Schöne trotz der äußeren Enge. ' mit ihrem den einzelnen zur. Jüdischkeit erziehenden Thoramilieu, -daß ganz von selbst die Sehnsucht in den Herzen der Zuhörer wach wurde, diese Vergangenheit wieder lebendig zu machen. Hinreißend waren dann die Schilderungen von dem Tode so vieler jüdischer Landgemeinden, von den verheerenden Folgen der Landflucht, der Geburtenbeschränkung und des Materialismus für eine unübersehbare Anzahl jüdischer, einst blühender Landgemeinden in' Deutschland. Der Vortragende verstand es, tiefes Verständnis für das Spezialgebiet der „Freien Vereinigung" in der religiösen Betreuung der Landgemeinden zu erwecken und sicherlich galt auch diesen Zielen der stürmische Beifall, welcher spontan, die Ausführungen des Referenten schon während des Vortrages des öfteren unterbrach. Das dritte Referat hält Herr Jacob E s ch w e g e, Fulda, über „Die Schächtfrage". In sachlichen, klaren Ausführungen entwirft er ein Bild der Situation, weist auf die Gefahren eines Schächtverbotes und auf die Mittel für deren Abwehr hin. Die nun folgende Erfrischungspause gab ausreichend Gelegenheit zur privaten Aussprache der Vertreter der einzelnen Gemeinden, — welche aus dem ganzen Rabbinatsbezirk Fulda an der Tagung teilnahmen — mit den anwesenden Herren der Leitung der „Freien Vereinigung". Vor allem war es Herr Emil H. Lehmann, der sich im Laufe seiner hingebungsvollen Tätigkeit in der Leitung der „Freien Vereinigung" eine solche Vertrautheit mit den Verhältnissen der einzelnen Gemeinden erworben hat, daß er geradezu mit Anfragen, Informationen und dergl. bestürmt wurde und dessen Vorträge unter 4 unb 6 Augen wahrscheinlich noch mehr über dieumfassende Tätigkeit der „Freien Vereinigung" informierte, als die eigentlichen Hauptreferate bei dieser Tagung. Nach der Pause wieder Kinder, diesmal allerliebste deutsche Lieder und Aufführungen durch die Religionsschule von Burghaun, geführt von Herrn Lehrer B e r l i n g e r. Und dann wiederum eine kleine „Habima", eine ganz vortreffliche hebräische Vorführung aus der Jakobsgeschichte durch die Schulkinder von Hersfeld unter Leitung von Herrn Emanuel. Mit Schlußworten von Herrn Dr. S. E h r m a n n und Herrn Schachnowitz fand die Tagung gegen 6.30 Uhr ihren harmonischen Ausklang. Ein Tag m gehobener Festesstimmung und geistiger Spannung wird, wir hoffen es, seine reichen Früchte für die „Freie Vereinigung" und die von ihr erstrebten Zwecke zeitigen. Die Leitung der „Freien Vereinigung" aber wird sicherlich mit Recht aus dieser ersten — nach mehrjähriger Pause —. so überaus gut gelungenen Bezirkstagung, die Konsequenz ziehen, auch in anderen Bezirken ähnliche Veranstaltungen zu treffen. Die Krise im Misrachi. Berlin, 17. Mai. Herr Alexander Adler schreibt uns: . Der im „Israelit" vom 13. Mai gebrachte Bericht über den Delegiertentag des Misrachi enhält Unrichtigkeiten und Unklarheiten, die einen falschen Eindruck vom Wesen der Opposition des deutschen Misrachi seiner Weltorganisation gegenüber Hervorrufen müssen. In der Annahme, daß die Leser des „Israelit" ein Interesse daran haben, die wirkliche Situation im Misrachi kennen zu lernen, sehe ich mich zu folgenden Erklärungen veranlaßt: Die Opposition im Misrachi besteht nicht nur aus der deutschen und der holländischen Landsmannschaft, sondern umfaßt auch weite Kreise der schweizerischen und der tschecho-slowakischen und ganz besonders auch den palästinensischen Misrachi, und zwar sowohl die Organisation der Aelteren als auch diejenige der Jugend und der Arbeiterschaft. Die Forderungen all dieser Gruppen sind im wesentlichen die gleichen: Reorganisation der Bewegung und der Finanzen, stärkeres Hervorkehren des Geistigen und Kulturellen in der Arbeit des Misrachi, Gleichstellung der Aufgaben der misrachistischen Arbeiterschaft mit den anderen Arbeitsgebieten des Misrachi. Ein Unterschied zwischen diesen Landsmannschaften begeht nur in den Konsequenzen, die sie aus der wiederholten Ablehnung dieser Forderungen zu ziehen bereit ind. Der Bericht des „Israelit" über die Delegiertentagung des deutschen Misrachi sagt: „die deutsch-holländische Opposition hat dreierlei auszusetzen: erstens die finanzielle Mißwirtschaft und organisatorische Unbeholsenheit der Zentrale, die das Ansehen und auch die Arbeitskraft der Zentrale feit Jahren lähmen." Diese Fassung können wir akzeptieren, wenn auch „organisatorische Unbeholsenheit" nicht der adäquate Ausdruck für das Versagen einer Leitung auf organisatorischem Gebiet ist. Der Bericht fährt dann fort: „zweitens die ausgesprochen negativen Erziehungserfolge des umfangreichen Misrachi-Schulwerks in Erez Jisroel". Hierzu ist zu sagen: der deutsche Misrachi erkennt ohne Vorbehalt das Schulwerk des Misrachi in Erez Jisroel als vorbildlich an. Dr. Wolfsberg sprach in seinem Reisebericht in Tönen höchsten Lobes von den Misrachi-Schulen im Lande, deren geistiger Einfluß auf das palästinensische Leben im Sinne der Ueberlieferung überall zu erkennen ist. Bemängelt wird von unserer Seite das Fehlen einer Jugendorganisation, die außerhalb des Schulrahmens ein Gegengewicht gegen die nicht religiös tendierenden Jugendbewegungen darstellt. Bei dem Bestreben der heutigen Jugend nach Selbständigkeit und Zusammenschluß sehen wir in dem Fehlen einer selbständigen misrachistischen Jugendbewegung in Palästina die Gefahr, daß unsere Jugend in fremden Verbänden ungünstig beeinflußt wird und sehen es als ein Mangel an Verständnis für die Forderungen der Jugend an, wenn die Leitung des Misrachi in Erez Jisroel bisher die Schaffung einer Eigenorganisation nicht' gefördert hat. Die Erkenntnisse des deutschen Delegiertentages des Misrachi finden ihren Niederschlag in den Resolutionen, die er angenommen hat, von negativen Erziehungserfolgen steht nicht ein Wort in diesen Resolutionen. Der Delegiertentag hätte sich nicht gescheut, auch etwas derartiges auszusprechen, wenn er der Ansicht gewesen wäre, daß solche Vorwürfe der Leitung gemacht werden können. Der Bericht des „Israelit" geht weiter: „drittens die radikal-revisionistische Politik der letzten Jahre, die den Misrachi im schärfsten Gegensatz zur religiösen Tradition in die unmittelbare Nähe Jabotinskis geführt hat." Auch dies ist in der Form, wie der Bericht es bringt, unrichtig. Die überwiegende Majorität des Delegiertentages, zu der auch Schreiber dieser Zeilen sich rechnet, lehnte revisionistisische Gedankengänge entschieden ab. Eine andere Gruppe erprobter Misrachisten, bei denen niemand, der weiß, um welche Männer es sich handelt, äußerste Verbundenheit mit religiöser Tradition bezweifeln kann, neigen einem Standpunkt zu, der revisionistischen Anschauungen nahe kommt, aber auch diese lehnen die Methoden und die Argumentation des Jabotinski'schen Revisionismus strikte ab. Beide Gruppen sind sich darüber einig, daß es verwerflich ist, wenn die Fraktion des Misrachi auf Kongreß und im Aktions- Komitee einen Zwang auf ihre Mitglieder ausübt, in politischen Dingen nur mit der Majorität der Misrachisten zu stimmen. Der Misrachi hat sich nicht gegründet, um politische, sondern um religiöse und jüdisch-kulturelle Forderungen durchzusetzen, einen Fraktionszwang auf diesem Gebiet würden wir anerkennen, haben das auch bisher stets getan. Es können zum Misrachi alle diejenigen kommen, die den Aufbau Erez Israels auf der Grundlage des jüdischen Gesetzes' durchgeführt sehen wollen. Allen diesen den politischen Standpunkt einer einzelnen Gruppe, auch wenn sie eine starke Majorität im Misrachi darstellen sollte, aufzudrängen, sie zu zwingen, gegen ihre politische Ueberzeugung zu stimmen, halten wir für unmoralisch. Das und nichts anderes hat der Delegiertentag in seiner Resolution, die den Fraktionszwang ablehnt, zum Ausdruck gebracht. Zur Frage der Zulässigkeit revisionistischer Gedankengänge vom Standpunkt der Tradition hat er sich nicht geäußert. Es würde das wohl auch kaum in den Rahmen seiner Kompetenzen fallen. Der Bericht im „Israelit" geht dann über zu Bemerkungen über weltanschauliche Differenzen zwischen den jüngeren Misrachisten und denen der älteren Generation sowie den der Orthodoxie näherstehenden Gruppen. Es wird von einem „Linken Flügel" gesprochen, der Anpassung des Gesetzes an das Leben und an bibelkritische Wissenschaft als Kulturideal sieht. Es sei hiermit zunächst rein formell festgestellt, daß von diesen Dingen auf der Tagung des deutschen Misrachi auch nicht mit einem Wort gesprochen wurde. Es gibt innerhalb des Misrachi niemand, ganz gewiß aber keinen Führer und keine Gruppe, der ein derartiges Kulturideal verfolgt. Der „Linke Flügel" des Misrachi, wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann, unter-