Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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21. Mai 1931 Nr. 21 Seite 3! der unblutigen Umwälzung auch in Ruhe und I Frieden, ohne die Flammen des Hasses und des I Bürgerkrieges auflodern zu lassen, zu genießen I und ihn zur Befriedung des Landes und der Welt Kur vollen Auswirkung zu bringen. Innerhalb I dieser Friedensfläche kann vielleicht auch eine I kleine Friedensinsel für die Juden entstehen, I vielleicht auch ein Asyl für den jüdischen Geist, »der einmal in Spanien eine seiner ausgiebigsten »Kraftquellen hatte. I Das Judenedikt von Ferdinand und Jsabella »ist noch nicht vergessen, nach mancher Auffassung »formell noch nicht einmal außer Kraft gesetzt. Es »kann aber nach den Aeußerungen der neuen spainischen Staatsmänner, die wir veröffentlichten. Ifein Zweifel darüber herrschen, daß der Kurs des «neuen Staatsschiffes in Spanien von Klippen « alter Edikte nicht aufgehalten wird. Es scheint luns müßig und verfehlt, dieses Edikt, wie es von jüdischer Seite wiederholt geschieht, überhaupt in die Diskussion zu ziehen. Freunde, die nach der Umwälzung Spanien besucht haben, berichten ^uns von den Hoffnungen und Erwartungen der dortigen Juden, die nicht allein nach der materiellen, sondern auch nach der geistigen Seite gehen. Eigentliche jüdische Gemeinden gibt es zur Zeit kaum in Spanien, hie und da aber Ansätze einer Gemeinde, mit kleinem Betsaal, der nur an > Feiertagen geöffnet wird, mit Mitgliedern, die ihr! Judentum nach außen ungern hervorkehren und den Sabbat nicht kennen. Einzelne, die unter idiesem Zustand der geistigen Oede schwer leiden, «erwarten von der neuen Zeit, die einer jüdischen ^Einwanderung die Wege ebnet, ein neues Aufblühen für das Judentum. Mögen ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen.' Blühende Judengemeinden in einem glücklichen, in sich gefestigten neuen Spanien, werden, wir hoffen es, bald dokumentieren, daß die Flamme des Volkswillens, die die Staatsform in Spanien nach der Richtung von Recht und Freiheit umschmiedete, ein Feuer vom Feuer des Sinai war. Eine Ishrzeik. Am 13. Mai jährte sich zum ersten Mal der Todestag eines Mannes, der, obwohl der-großen' Politik und Diplomatie angehörend, uns Juden sehr angeht. F r i t h.j o f Nansen hat einer von Kriegsnachrvehen zerrütteten Welt eine große Erbschaft hinterlassen: die Flüchtling s f ürsor^ge und die Fürsorge für die S t a a t e n lose n. Man hat sich schon geradezu gewöhnt, im Worte „staatenlos einen terminus des jüdischen Gegenwartgolus zu sehen. Zehntausend beträgt die Zahl steht. Dies ist auch die Meinung der .Kommentatoren. Der dem Mikraot gedolot ed. Warschau beigedruckte Kommentar Vkibw man gibt mehrere Erklärungen: Nach einer bedeutet Obed Diener G'ttes, ein Name, aus dem hervorgehe, daß das Kind als Sohn der durch Frömmigkeit und Edelsinn ausgezeichneten Noomi gelte. Nach einer zweiten bedeutet Obed Diener. Noomis. Das Kind sollte, wie es im vorhergehenden Satz« heißt, ein Versorger des Mters Noomis sein. Aehnlich erklären auch die neueren Kommentatoren: Das Kind sollte „ganz für Noomi da sein." Allein diese Erklärung befriedigt m. E. nicht. Wenn der Name sich darauf gründet, daß die Nachbarinnen sagten: „Ein Sohn ist der Noomi geboren", dann sieht man nicht ein, weshalb gerade der Namen Obed gewählt ist. P. Cassel in Langes Bibelwerk V meint daher, Obed müsse hier „Sohn" bedeuten. Aber diese d llebersetzung wird durch kerne Schriftstelle gestützt Md ist daher abzuweisen. Ich möchte nun eine Erklärung bieten, von der ich Äaube, daß sie eine plausible ist: Die Schrift berichtet daß Noomi die Wärterm des Kindes war und daß die Nachbarinnen es als ihr Kind bezeichneten und es aus diesem Grunde Obed nannten; d. h. das Kind war uicht ein Kind der Herrschaft, des Boas und der Nut, sondern der Kinderwärterin, also gleichsam ein rva i»i» ein „Hausgeborener", ein Ausdruck, der einen im Hause geborenen und erzogenen Knecht oezeichnete und ein Parallelbegriff von -n? ist, wie es Jeremia 2,14 heißt: «in v'2 1'-' bk 'mw niyn „Äst ein Knecht Israel oder ein Hausgeborener?" Da nun Ebed und Obed ziemlich .gleichbedeutend fmd, so dürste die Vermutung nicht fern liegen, daß es sich an dieser Stelle um das von den Nachbarinnen als Ausdruck der Liebe zu Noomi angewandte, scherz- _Der I srael i t der aus Polen stammenden Staatenlosen allein in Westeuropa. Auch die anderen Ost- und Randstaaten stellen ein erkleckliches Kontingent für diese große Armee der Heimatlosen. Da entstand ihnen ein Retter in der Not in Nansen, dem Weltensegler, der von hoher Perspektive den Globus zu klein sah, um Grenzstriche zwischen Volk und Volk, Rasse und Rasse, Land und Land zu ziehen. Er versorgte die „Flüchtlinge", die ohne Verschulden des Heimatrechtes bar, wie blinde Passagiere durch die Länder gingen, mit Pässen, den sogenannten Nansen-Pässen, die ihnen wenigstens einen Anspruch auf ein Minimum von Menschenrecht sicherten. Nansen starb zu früh, um fern großes Werk der Menschlichkeit zu vollenden. Dieses wartet der Sachwalter, die es weiter zu Ende sichern. Der erste Jahrestag seines Todes ruft die Männer auf den Plan. Ein Wolff-Telegramm aus Genf berichtet von der S ch a f f u n g e i n e s Fonds zur Fortführung der von Nansen in die W e ge geleiteten F l ü ch t l i ngs f ü r s o r g e. Acht führende europäische Staatsmänner taten sich zu einem Komitee zusammen, das einen Appell an die Oeffentli-chkeit erläßt. Unter diesen Männern finden wir B r i a n d , Lord Cecil, Dr. C u r t i u s, Gran di, Henderson, Masaryk, Namen, die in Europa etwas bedeuten, und man darf erwarten, daß sie die Aktion zu einem guten Ende führen. Zehntausende werden ihnen danken, und den'Mann preisen, dessen Andenken sich so im wörtlichen Sinne zum Segen a u s w i r k t. Familienbad. Eine Vorsommerbetrachtung. Einsam geht Israels Weg durch die Menschheit. unr na 'n G'tt führt >es für sich allein. Das ist die Grundlage unseres Selbstbewußtsems. Bis heute hat man uns nicht verstanden. Was hat man uns alles angehängt! Stolz nannte man uns und überheblich, legte uns Menschenverachtung und Eigendünkel bei, Eigenschaften, die den wahrhaft Einsamen und Selbstbewußten in Israel niemals innewohnten. Und die vielen, leider so vielen, welche den jüdischen eigenen Weg verließen und sich zur Sitte der Umwelt gesellten, haben jenen Vorwurf gewiß nicht verdient. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß schon seit denersten Tagen unserer Geschichte das ganze Judenproblem in diesem Unverständnis Kern und Wurzel hat. Aber wie könnten wir Fremden, die unser Sondersein nicht begreifen, zürnen, da doch selbst jüdische Menschen m erschreckendem Maße in zuhcrfte Wortspiel Ieled bajit — Obed handelt, was natürlich nicht ausschließt, daß der Name in tieferem Sinne G'ttesdiener bedeutet. Meines Feuilleton. (Zunahme der Kriminalität fn Palästina.) Unter Nichtberücksichtigung der während der Massacres im August 1929 verübten Mordtaten ist die Zahl der Kapitalverbrechen in Palästina im Jahre 1929 auf 126 im Jahre 1930 gestiegen. Die Zahl der Mordversuche stieg von 154 auf 179, die der Fälle schwerer Körperverletzung von 274 auf 347; dagegen sind die Fälle von Straßenraub. Diebstahl, Einbruch und Sexualverbrechen nicht zahlreicher geworden. Diese Tatsache wird in der hebräischen Presse als Beweis gegen die Behauptung der arabischen Agitatoren, die Zunahme der Kriminalität fei eine Folge der Verschlechterung der Wirtschaftslage, angeführt, da in diesem Falle vor allem eine Vermehrung der Fälle von Diebstahl und Raub hätte eintteten müssen. Dagegen sei'die Ursache für die starke Vermehrung der Fälle von Mord und versuchtem Mord darin zu sehen, daß der Fellache, dem im Jahre 1929 gesagt wurde, er könne Juden, gegen die er keinen persönlichen Groll hegte, ermorden, nunmehr glaubt, umso eher seinen Nachbar umbringen zu dürfen, gegen den er seit langem ein unbefriedigtes Gefühl des Hasses hegt. Die Fälle von Betrug, Veruntreuung und Fälschung sind von 251 im Jahre 1929 auf 342 im Jahre 1930 gestiegen, die Fälle von Meineid von 292 im Jahre 1929 auf 279 im Jahre 1930 gesunken. 52 Personen wurden im Jahre 1930 zu lebenslänglichem Kerker, 19 zu 15 jährigem Gefängnis verurteilt. Die Zahl der zu Gefängnisstrafen von 5 bis 15 Jahren Verurteilten be-; Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! E U G E N OCHS Spezialist dafür Mosefstr.16 . Taunus 1593 mmmmmmmmtm Unverbindlicher Besuch erbeten nehmender Entfremdung die Eigenart unseres Seins nicht mehr achten und verstehen. Abgesehen von dem rein Menschlichen gibt es kaum eine Seite des Lebens, der nicht das Judentum für sich den Charakter der Besonderheit aufdrückt. Nationales und Moralisches, Weltbild und Geschichtsschau reicht uns die Thora in ureigener Weife. Die Differenz, .die sich dadurch zwischen uns und den übrigen Kulturen ergibt, ist als unvermeidliche Tatsache hinzunehmen. Sie ist auch Än allgemeinen leicht zu ertragen. Rur nicht, wenn man dem Spott und Gelächter verfällt. Und das geschieht gewöhnlich, wenn man sich den Modeströmungen der Zeit widersetzt, um die Moral der Thora zur Geltung zu bringen. Sittenstrenge wird verlacht. So ist es bei den Kleinen, so in der Schule, so auch in der Gesellschaft der Großen. Was Wunder, wenn dte Gegner des modegeheiligten Familien b ai? e s unweigerlich dem Spott und Hohn verfallen. Reu ist das nicht. War es nicht schon dem ersten jüdischen Kind prrr mit seinem Namen in die Wiege gelegt worden, ansgelacht zu werden? Wer ein .nbip fem will, muß das in Kauf nehmen. Das ist nicht schlimm. Aber schlimm ist es, wenn Jude n über Jüdisches lachen. Traurig, wenn man die Schamlosigkeit moderner Badesitten und des Familienbades %n Besonderen an den Pranger der Thoramoral stellt, und nun Juden, die doch als Kinder Abrahams Träger der Schamhaftigkeit als Menschheitserbgut fein sollten — unverschämt lächeln und witzeln. Zum Verzweifeln schlimm und traurig bei solchen, die nach ihrer sonstigen Führung den Anspruch aus Thoratreue erheben. Nicht, daß jüdische Kreise es ärger treiben, als andere. Rein, ganz gewiß nicht. Aber daß überhaupt Juden, Kinder Abrahams, auch in diesem Punkte ihre splendid Isolation, ihren heiligen Adel haben vergessen können, ist schmachvoll, ist bitter. Regt euch doch nicht so auf! — sagen sie, boshaft spottend. Wie? — antworten wir — wir sollten uns nicht aufregen, wenn wir und mit uns so viele ernste sachkundige Beurteiler des Volkslebens überzeugt sind, daß die Hemmungslosigkeit solcher Unsitten das Pflaster liefert zu dem Weg, der trägt über 300. Etwa 3000 im Jahre 1930 Verurteilte haben Gefängnisstrafen von weniger als zwei Monaten zu verbüßen. Im Jahre 1929 wurden in Palästina 7, im Jahre 1930 6 Personen hingerichtet, während die Zahl der Hinrichtungen in Großbritannien bei einer Bevölkerung von ungefähr 50 Millionen im Jahresdurchschnitt bloß 10 beträgt. Die Juden, die 20 Proz. der palästtnensischen Bevölkerung ausmachen, stellen bloß 5 Proz. der Kriminellen. Auf je ein von einem Juden verübtes Vergehen entfallen 20 von Mohammedanern verschuldete Gesetzesverletzungen, auf jedes von einem Christen verübte Vergehen 17 solche, die sich Mohammedaner zuschulden kommen ließen. (Soncino-Gesellschaft.) Die Soncrno-Gesellschast für die Freunde des jüdischen Buches, die ihren Namen von der berühmten italienischen Druckerfamilie ableitet, hält ihre diesjährige Tagung in Frankfurt, und zwar vom 24.—26. Mai ab. Aus dem reichhaltigen Programm erwähnen wir besonders den Festakt in der Stadtbibliothek am Dienstag, den 26. Mai, Ävrmittags 11 Uhr. Im Mittelpunkt der akademischen Feier stehen die Borträge des Herrn Prof. Dr. Heinrich Loewe, Berlin: „Die Juden als Volk des Buches" und des Herrn Prof. Dr. Aron Freimcmn: „Die Illustration im hebräischen Buch der Frühzeit". Anschließend an diesen Festakt wird die Ausstellung „Das illustrierte hebräische Buch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts" eröffnet. Diese Ausstellung ist aus den überaus reichen Beständen der Stadtbibliöthek und wertvollen Leihgaben aus Privatbesitz zusammengestellt. (Siehe auch Frankfutter Beilage.)