Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 21 Der Israelit 21. Mai 1931 damit es dem Staatskirchentum so wenig als möglich ähnele. * Täuschen wir uns nicht. Bis ins letzte Dorf ist Norddeutschland u n k i r ch l i ch, und ernstlichen Widerstand gegen die weitere Entkirchlizwölfte Stunde, daß sich jede Bekenntnisgemeinschaft auf ihre allerinnersten Kräfte besinnt und sie nicht zu meditativer Vergeistigung, sondern zu realer sozialer Erfüllung treibt. Gegen einen G'tt, der Schutzherr der Staaten te!5 quels sein will, haben es die Glaubensfeinde leicht. Gegen den einzigen G'tt, dessen Bekenner alle Brüder sind und füreinander mit Leib und Leben einstehen, sind sie machtlos mit all ihrem Toben. Deshalb war es auch die unsinnigste Verblendung, sogar die Rußlandhilfe, bestehend aus Paketen für den durch die Bürokratie der Sowjets in Not und Elend hinein regierten Stand der sog. Deklassierten als „Rußlandhetze" zu denunzieren. Es ist billig, sich so der Hil-fspsticht zu entziehen. Hier hätte es Gelegenheit gegeben, mit der Macht der Bruderliebe einen Schatten zu scheuchen, der dem Sowjetstaat anhaftet, nicht well er der Sowjetstaat ist, sondern' weil er das Erbe des zairischen Analphabetismus im Volke antvitt und mit geistigen Parvenüs zu arbeiten gezwungen ist. Leider ist Anlaß zum Zweifel, ob die Leute, die sich andererseits aus „deutschem Patriotismus" von der Rußlandhilfe zurückgehalten, ebensolche Reserve gegenüber der Rußlandgeschästskonjunktur sich auferlegt haben. Dann hätte sich für diese Leute die Schande des vorigen Menschenalters wiederholt, in welchem deutsche Juden sich des Russengeschäfts trotz dem daran haftenden jüdischen Bluts nicht enthalten wollten. Wir Juden sind nicht zu Staatsaktionen und nicht zu Staatsgeschäften berufen. Wir haben nicht den Sowjetstaat mit dem Cherem zu belegen und hinterher mit ihm Geschäfte zu betreiben, sondern ihm mit Achtung zu begegnen und unseren bei seinem Aufbau unter die Räder geratenen Brüdern ausgiebigst zu helfen. Wir haben unseren russischen Brüdern auch in unserem eigenen Gemeindeleben das völlige Aufsichselbstgestelltsein ohne Machtposition als die Thoraverpflichtung abzusehen, durch das sie m. G. H. auch die jetzige schwere Zeit überstehen werden, und nicht zum Schutze unserer durch Steuerzwang und RabbineMplomatie zu Kirchenmächten gewordenen Gemeinden Bundesgenossen zu suchen. Helfet im Stillen, intervenieret in Ruhe und Achtung und habet keinen Bundesgenossen als G'tt. „G'tt wird einsam es führen und mit ihm keine fremde Macht." 'K 1QV )'X1 TD '1 Gerade als Verehrer des Altmeisters der deutschen Orthodoxie sollten wir den Unwert alles Staatskirchentums ermessen können. Vergessen wir doch nicht, daß die Fundamente westlicher Machtstaaten seit der fritzifch-napoleonischen Zeit durch abtrünnige Juden mitbegründet wurden. Schon das sollte uns Gesetzestreue bedenklich stimmen, wenn wir heute für eine Staatskirche mitprotestieren. Was uns am Sowjetstaat feindselig begegnet, ist eine unglückselige Fortbildung dessen, was im Zeitalter der aufgeklärten Despotie begründet wurde und auch im Westen genügend bedenkliche Nachwirkungen gezeitigt hat. Der Westen hat im Kalenderreform- und Schächtkampf, in Sabbatnot und Friedhofsfchändung fein Erbteil des staatsvergötternden Zeitalters, und wirklich kein kleines. Hier braucht man gar nicht mehr laut von kirchlichem Widerstande zu sprechen; er ist sehr klein. Er wird auch nach Osten hin eines Tages nicht mehr groß sein, — und wir stehen dann allein. Dies sind nicht Phantasien vom grünen Tische her, sondern Ergebnisse aufmerksamen Veobachrens der Volksmeinung. Wenn einmal der rechtsradikale Spuk verflogen ist, — und das muh nicht mehr lange dauern, — dann wird man deutlich sehen: Der Zug der Zeit geht einer tiefen, realisierten und auch gemüterfullenden Religiosität zu, aber er geht ebenso entschieden einer noch! so gelinde sich äußernden Kirchlichkeit entgegen. Es wächst, — wo nicht familienfeindlicher Fanatismus auf Generationen hinaus die Tiergesinnung verewigt hat, die dem erschütterten Eheleben Europas entstammt, — ein Geschlecht heran, das wieder für das aller „Seelsorge" abholde schlichte jüdische Hausgemeinschaftsideal Verständnis findet, worin nicht „der Geistliche", sondern zwei Zeugen als Vertreter der Allheit den Ehebund stiften und nicht „der Priester", sondern die Bruderschaft der Zehn den letzten Atemzug zu G'tt senden hilft; es ist ewiger Opti- 1 mismus als jüdische Pflicht, auch aus den Trümmern heutigen geistigen Titanenkampfes die Lilie von Scharon neu erblühen zu sehen, die selbst im Erdbeben nicht entwurzelt wird, die Rose der Täler, die auch zertreten sich allezeit neu aufrichtet. Flüchten wir aus dem Gewirr der Proteste in den Schatten der stillen Selbstbesinnung, dann sind, wenn Burgen der Gewalt stürzen, wir das Vaterhaus, zu dem die Völker strömen. Zwischen den Feuern. Es sind dreitausend^ Jahre her, daß e-itt Leuchtfeuer unter Donner und Blitz vom Sinai die G'ttesherrschast der Liebe, des Rechtes und der Menschenverbrüderung bis in den letzten Winkel des Weltenlebens verkündete. Das große „Onauchi" schwirrt noch >im Weltenraume und hat die letzten noch nicht erfaßt. Der G'ttestag ist lang und die Wege der Geschichte sind ' nach menschlichen Zeitmaßen wett. Vor vier- und dr eli! hundert Jahre n leuchteten im südwestlichen Zipfel Europas^ auf der Pyrenäifchen Halbinsel, Feuer, auf denen eine verirrte Menschheit, berauscht am Sieg und Machtdünkel, irregeleitet von falschen und heuchlerischen Wegweisern, Menschenopfer röstete, zu Ehren eines G'ttes, den man nicht kannte, den man auf falscher Fährte suchte. Die Brandopfer waren Nachkommen des Wüstengeschlechtes, das des Sinaifeuers warme Strahlen in sich ausgenommen und durch die Jahrtausende der Geschichte für eine Menschheit trug und trägt. Heute lodert wieder das Feuer auf den Marktplätzen von Madrid und Sevilla. Ein losgelassener, am (Siege des Volkswillens sinnlos berauschter Teil des Volkes zündet, just an gleicher Stelle wie damals die Inquisition, Scheiterhaufen für die natürlichen Nachkommen der Inquisitoren an. Die Vrandopfer sind die Klöster^ Kirchen und Heiligenbilder. Ausgleich der Geschichte? Vergeltende Gerechtigkeit des Weltenschicksals? Mit Nichten. Die- Brandstätten, auf denen heute heilige Symbole gläubiger Menschen verglimmen, sind, genau wie die Scheiterhaufen der Inquisition von damals, gegen bas Sinaifeuer g erichte t. Wo Flammen der Volkswut Zerstörung und Vernichtung künden, steigt keine Rauchsäule der Verehrung zum Himmel hinauf. Nur Wahn jenseits der Straße, die zu G'tt und Sinai führt, kann in jedem Falle Menschen, oder was Menschen heilig ist, dem Moloch der Flammen übergeben. Wenn wir hiermit den Wandel der Zeiten nur feststellen, so können wir nicht umhin, aus menschlichem und jüdischem Empfinden die Hoffnung auszudrücken, daß das spanische Volk bald soweit zur Vernunft gekommen ist, um den Preis chung zu leisten, — dazu fehlen den Kirchen die geistigen Urmächte im Volke. Mit Paragraphen stoppt man keine Bewegung ab; — mit schreien-1 den Naziversammlungen schon gar nicht. Es ist In der Wüste. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Wüstenwanderung wurde für Israel die Schule seiner religiösen Reise und inneren Festigung und Ertüchtigung. Es hat Israel das Wunder seiner vielfachen Erlösung aus Mizraims Fesseln und Gefahren erlebt, seines G'ttes Stimme vom Sinai herabtönen hören/ hat diesem G'tte, der sich ihm als Eigener und Beherrscher der Welt und als seinen Befreier geosfenbart und das Diadem seiner Erwählung ihm aufs Haupt gesetzt, das pwa als Stätte der G'ttesverehrung, ais Thron der ri-'2v der G'ttesherrlichkeit errichtet. . . Also erst in der Wüste wuchsen ihm die Schwingen seines Geistes. Durch die mannigfachen Prüfungen und Entbehrungen, die ihm die Wanderung durch Oeden und Steppen auferlegte, begriff unser Volk den Herrn als seinen treuen Hirten, der es durch alle Fährnisse hindurch sicher seinem Ziele entegenführte, ihm das Brot vom Himmel herniedersandte und aus dem starren harten Felsen den Labetrank emporrieseln ließ. Jetzt erst nach vierzig Jahren von Entsagung und strenger Zucht war Israel gestählt und zum Volke G'ttes herangereift, würdig, im heiligen Lande Träger des G'ttesgedankens und Vollstrecker seines erhabenen Willens zu werden. Es hatte nun förmlich seinen G'tt erworben, um ihn in Wahrheit zu besitzen. Aus diese Zeit der Erziehung und Läuterung läßt sich das Dichterwort anwenden: „Unter Leiden -formet sich der Meister das Gebilde seiner Hand." Auch Moses singt von dieser wunderbaren G'ttessührung in seinem herrlichen Liede: —ma psn insx»’ Es fand ihn — Israel den Herrn — im Lande der Wüste, in der Oede beim Wüstengeheul. — w iivma ins* waaia» inaaao’ Er umwarb es — G'tt sein Volk —■ er umwartete es, er umhegte es wie den Apfel seines Auges." Schön und sinnig heißt es im Midrasch. nana^ oaaap xmb ^va Ein Fürst kam einst in ein Land. Bei seinem Erscheinen flohen alle Einwohner. Er ging in ein -zweites mit dem gleichen Erfolge. Da kam er in eine öde, trostlose Stadt. Aber die Bewohner jubelten ihm zu. Da sagte der Fürst: „Das ist eine Stadt, dis ich mir lobe. Hier will ich verweilen." So verhält es sich mit dem Erscheinen G'ttes bei der Entfaltung seiner Macht. Das Meer floh vor ihm, als er Israel vor dem drohenden Tode in den Wellen errettete. Die Hügel und höchsten Berge hüpften, als G'tt sein Wort am Sinai offenbarte. Die Natur förmlich mutzte weichen, als G'tt in seiner Macht und Weisheit sin seiner Güte und Liebe »sich kund gab. Israel pries wohl den Herrn, sang ihm das Lied und gelobte ihm Treue, als es übermannt war von alledem was es erschaut. Bald aber erschlaffte es in seinem Glauben und Vertrauen. Da kam der Herr in der Wüste, führte hierher sein Volk und zog ihm voran mit der Wolkensäule am Tage und dem Lichtschein in der Nacht. Dieses ununterbrochene Schauen der Herrlichkeit des Höchsten kettele das Volk an G'tt und an seine Ausgabe und Bestimmung. „In der Wüste'." Das ist der Weg geblieben, den Israel immer wieder betreten mußte im Wechsel der Zeiten und im Wandel seiner Geschichte. Und dieser Weg hat uns immer von neuem geläutert, daß wir G'ttes treue Fürsorge für unsere Gesamtheit erkannten und wir getreu der Lagerordnung in der Wüste a'av ian' i57->a — rings um das Heiligtum uns lagerten. Das ist uns zum Heile geworden, daß wir geblieben sind, ob auch das Leben uns Druck und Verfolgung, Entbehrung und Entsagung brachte. . . Sollte diese Erfahrung unserer Geschichte und Vergangenheit nicht richtunggebend und wegweisend uns werden? "iVai bv vrt< Ein jeder bei seinem Panier." Das ist auch für uns Norm und Weisung. Hin zu G'tt und seiner Lehre, das ist Mahnung, mit der uns der Monat Siwan grüßt. Der Monat der Offenbarung des Herrn bringt uns aber auch die Verheißung und Zuversicht: nann i^an G'tt pflanzt in liebender Erfüllung unseres Sehnens und Höffens in unserer Mitte das Banner seiner Gnade auf . . . Der Name Obed. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O. S. In der zur Verlesung am Schabuot bestimmten Megillat Rut wird berichtet, daß das Kind, welches dem Boas und der Rut geboren würde, den Namen Obed erhielt, wie es dort heißt: „Da nahm Noomi das Kind, legte es aus ihren Schoß und wurde seine Wärterin. Und die Nachbarinnen benannten es mit einem Namen sprechend: Ein Sohn ist der Noomi geboren^ Und sie nannten seinen Namen Obed . . ." (4. 16, 17) Aus dem ganzen Tenor dieser Stelle ist ersichtlich, daß hier beim Namen Obed ein Wortspiel vorliegt. Ehrlich^ Randglossen zur Bibel, meint zwar, daß die erste Hälfte von Vers 17 nichts mit der Benennung zu tun habe^ sondern zu übersetzen sei: „Es sprachen vorher die Nachbarinnen von ihm in ihrer Weise." Aber es erhellst daß diese Uebersetzung eine willkürliche ist, daß es sich vielmehr nach Wortlaut und Zusammenhang um eine Namensnennung handelt, die in irgend einer gedanklichen Verbindung mit dem Verhältnis des Kindes zu Noomr