Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1931)
- Date
- 1931-05-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 In der ehemaligen Donaumonarchie. Wien II. Dem jüdischen Reisenden, der sich im kurzen Fluge über die verschiedenen Richtungen und Landsmannschaften innerhalb der Judenheit unterrichten will, bietet ein Besuch in der Leopoldstadt Wiens beste Gelegenheit hierzu. Die „Schiffschul" ist die Siegelbewahrerin der ungarischen Orthodoxie, eine ganze Zahl deutscher Baalebattim, zum Teil in ihrer Verwaltung führend tätig, vermitteln das Judentum deutscher, speziell süddeutscher Prägung — und um die Schiffschul in zahllosen Bethäusern, tnzni» »na» „Stübeln", flutet das polnische Judentum, dessen belebende Mittelpunkte die vielen, während des Krieges aus Galizien nach Wien geflüchteten Rabbiner sind, die sich hier dauernd niedergelassen haben, vor allem aber die Rabbeim, deren bekannteste — Szortkow,Sadagora, Kopeczynce — ja auch im Westen dank ihrer unermüdlichen Arbeit für unsere Agudas Jisroel als Führer der orthodoxen Gesamtheit verehrt werden. Dieses Nebeneinander und teilweise sogar Gegeneinander wird zum Miteinander — und dies ist eine der gesegneten Seiten agudistifcher Leistung — in den verschiedenen Gremien der Agudas Jisroel, in Orts- und vor allem Jugendgruppe, welch letztere zur Ueberbrückung der zwischen den älteren oftmals noch bestehenden Gegensätze außerordentlich viel beigetragen hat. Dieses Miteinander dokumentiert sich am fchönsteä und eindringlichsten im Wiener G. A. der Agudas Jisroel, an dessen Sitzungen wiederholt teilzun-tzhmen mir der diesmalige Aufenthalt Gelegenheit bot. Keine würdigere und markantere Vertreter konnte „Ungarn" in ihn entsenden als den verehrten „Schiffschnlraw", Oberrabbiner Fürst, und den unermüdlichen, noch Heute rastlos schaffenden Reb Wolf Pappenheim, Polens Orthodoxie keine typischere Repräsentanten als den Sadagorer Rebben und Rabbi Beer Friedmann (Czortkow), beide treue, interessierte Agudoführer, voll innerer Anteilnahme auch an den Anliegenheiten der westlichen Orthodoxie und schließlich Deutschland keine besonneneren Verfechter der westlichen Auffassungen im „Chor der Mächte" als Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, den feinen Diplomaten, als Dr. Leo Deutschländer, den großzügig und weitsichtig arbeitenden Pädagogen. Gewiß, auch im Wiener G. A. prallen die Meinungen aufeinander, auch hier gibt es verschiedene „Flügel", aber daß diese Gegensätze niemals die Arbeit gefährdet haben, daß sich im Gegenteil immer aus der Vielfalt der Äuffassungen eine gemeinsame, von der Zustimmung aller getragene, mittlere'Linie des Handelns heraus kristallisiert, kennzeichnet den wirksamen Einfluß der Agudo auch auf unsere berufenen Führer in dieser Hinsicht. Die so oft gehörte Frage: „Was tut eigentlich die Wiener Zentrale?" kann ich aus eigener Beobachtung dahin beantworten, daß viel geschieht. Ich bringe nur einige Kapitelüberschriften: aus dem Ressort des politischen Chefs: Kalenderreform, Schechltoangelegenheiten, jüdischarabische Beziehungen, aus dem Ressort des K. H- Direktors: Bais Jakauw-Seminarien in Krakau und Wien, Rußlandhilfe, K. H.-Aktionen, Phoenix usw. . Warum die Welt von der vielseitigen Arbeit, der Leitung so wenig hört? Weil unsere führenden Herren, — ich weiß nicht, aus welchen Gründen — noch immer die „vertraulichen Berichte an Einzelne der öffentlichen, monatlichen Informierung aller Welt verziehen, leider vorziehen, und weil, ablesehen von dieser prinzipiellen Einstellung, in der Tat unsere Presseabteilung noch nicht richtig klappt. Ob ihr Ausbau gelingen wird, Hängt auch nicht zur Gänze, so doch zum großen Teil ab von der finanziellen Leistung unserer einzelnen Lan- D e t .. 3 s t a c I M Blätter desorganisationen an unsere Organisations- und Finanzabteilung in Frankfurt a. M. Diese so oft ausgesprochene! Selbstverständlichkeit bei jeder Gelegenheit zu betonen, ist leider notwendig, und darum verzeihe der Leser, daß ich sie auch hier unterstreiche. „Das Herz des Mitglieds der O. u. F.-Abteilung kennt die Betrübnis seiner Seele!" •waa rwv snr» ab . Die Wiener Jugendgruppe mit ihren ' verschiedenen Abteilungen (Sektionen), A- und B- Gruppen, mit ihren zahlreichen omspty zur Ertüchtigung des Geistes, mit ihren ebenfalls sehr gut frequentierten Einrichtungen zur Stärkung des Körpers — Schwimmen, Wandern usw., mit ihrer gut gepflegten Kameradschaftlichkeit — sie bietet die beste Gewähr dafür, daß die nunmehr tatkräftig und zielbewußt arbeitende, nach jahrelangem, durch alle Jahreszeiten sich erstreckenden Winterschlaf wieder arbeitende Ortsgruppe, die in Davi Türkl einen energischen und zielbewußten Generalsekretär gewonnen hat, jederzeit über guten Nachwuchs wird verfügen können. iyra s*7K ■pn -npn « Daß in der Mädchengruppe und im Bais Jakauwseminar den jüdischen Mädchen wird, was des jüdischen Mädchens ist, daß auch-hier, planvolle Aufbauarbeit geleistet, dafür sorgt im Seminar die bewährte Kraft Eva Landsbergs, in der Mädchengruppe ein Kreis gut disziplinierter rrmxw im 20. Bezirk die dort durch starke Opfer Einzelner geführte Bais Jakauw- Schule. Anteil an dieser Belebung der Arbeit hat auch indirekt der „Phoenix", der in großzügiger Weise die Jnteresfengemenschaft mit der A. I. pflegt und viele geeignete Kräfte in den Dienst dieser Arbeit gestellt hat — so vor allem in unserem langjährigen „Agudotuer" Salomon Aschkenasi den geeigneten Verbindungsoffizier gefunden hat. Daß hier das Sprüchwort von der einen Hand, die die andere wäscht, zu seinem Rechte kommen muß, ist selbstverständlich. Wer also — und diesen Rat gebe ich besonders meinen Freunden in Deutschland, bei denen ja Agudopessimismus zum guten Ton gehört — sich von starkem agudistifchen Leben und Willen tragen lassen will, der gehe für ein paar Tage nach Wien, hier, an der schönen, blauen Donau und m weniger schönen, jetzt aber nach gründlicher Renovation, sich doch ganz prächtig präsentierenden Zentralbüro wird er, trotz allem, was zu wünschen übrig bleibt, gesunden — an Agudismus. Wien VI. Die Schiffschul und -Dii'e Stump erschul, Oberrabbiner Fürst und Rabbiner Flesch, Wolf Pappenheim und Moritz Felsenberg, — es ist ein richtiges nt nt,* die Möglichkeit dieses Vergleiches habe ich den meisten Wienern voraus, der ich diesem Bezirk als „Privatmann" meine freien Stunden, vor allem den nat?» zu verbringen pflege. Ein vorbildliches jüdisches Leben hat die Tatkraft der führenden Männer, hat vor allem die unentwegte, rührige Arbeit des von der Liebe der ganzen Gemeinde getragenen Rabbiners, hier in ursprünglich wenig jüdischer Umgebung hervorgezaubert. Morgens und abends gut besuchte O'-iizpwam nnt? fast ununterbrochener Lernbetrieb, jeden Nachmittag kurze, gehaltvolle fmk nar ausgehend vom apy» pp das ist die gestge Speisekarte dieser Synagoge. Ich hatte Gelegenheit, einer Prüfung in der Religionsschule, an der der Rabbiner sich mit dem Kantor Fink in den täglich mehrstündigen Unterricht teilt, beizuwohnen. Der Prüfungskommissar, ein Funktionär der Wiener Kultusgemeinde, fand nicht genug Worte des Lobes für die Leistung, die an keiner Religionsschule der Gemeinde auch nur annähernd erreicht würde, feierte den Raw und den Lehrer als hervorragende Pädagogen. Ich vestehe nichts vom Fach, aber dies weiß ich, daß sie rechte v'isiK sind. 13: Mai 1931 Die Trennung von diesen jüdifchen Kulturzentren fällt jedes Mal schwer, dieses Mal aber wurde sie leichter, weil mein Weg mich dorthin führte, von wo diese Kultur ihren Ausgangspunkt genommen hat, von wo sie auch heute noch am stärksten befruchtet wird, nach den Thorazentren der Slovakei. Zunächst fuhr ich nach T i r n a u. Während dem Fremden, der sonst nach Tirnyu kommt, regelmäßig die'Frage vorgelegt wird von den auf die Jeschiwo ihres Rebbe fo stolzen, mit Recht so stolzen Baale Battim: „Nun, wie gefällt Ihnen unsere Jeschiwo?" lautete diesmal die beftürzjte, angstvolle Frage: „Was meinen Sie, wird der Rebbe hierbleiben?" Sie wissen ganz genau, daß ihnen der Gast nichts sagen kann, sie sind von dieser Frage aber so eingenommen, so in Sorge, in Unruhe, daß sie von jedem Anteilnahme erwarten und — wenn dies auch ganz ausgeschlossen ist, Einflußnahme auf ihren Rebbe erbittert. Noch sind die Würfel nicht gefallen, noch steht es nicht fest, wie die Entscheidung fällt, ob der Dirnauer Raw seiner Berufung, nach Neutra Folge leistet, jedenfalls ehrt es Trrnau aufs Höchste, daß die Liebe zu feinem geistigen Führer es gegenwärtig alle anderen Sorgen und Fragen vergessen läßt. Der Schisfschulraw, der erste Raw und. eigentliche Gründer der Dirnauer orthodoxen Gemeinde, sagte mir lächelnd: „So ändern sich die Zeiten, mich wollten die Ttrnauer nicht hereinlasfen, ihren jetzigen Raw lassen sie nicht hinaus!" Bon Tirnaus nrpttp' soweit dem Laien überhaupt eine Bemerkung dazu zusteht, schrieb ich bereits früher, sie wächst von pt zu jor und mit ihr wachsen die Sorgen ihres Führers. „Unter v'v2 wurde die m*m. gegeben, darum muß sie sich unter cpd: erhalten," pflegt der Lubliner Raw zu sagen, und der ist in dieser ziehung doch wahrhaft ein 0'vra lai1?»- Dem mw in Preßburg sah ich diesmal mit besonderer Erwartung entgegen, wußte ich doch, daß einer unserer verehrtesten deutschen Agudoführer, der Nürnberger Raw, ebenfalls dort Station machen würde. Bon dem gewaltigen Eindruck, den Preßburgs Judenviertel, den all die geweichten Stätten der Lehre und des Gebets, den der gegenwärtige Inhaber des nmnn kod auf beit dafür empfänglichen Besucher machen, schrieb ich schon bei früherer Gelegenheit. Diesmal fei darum nur von der dortigen Agudo bevichtet. Als wir vor Jahren dort waren, hauste sie in einem kleinen, ihr von der Gemeinde leihweise überlassenen Raum, jetzt bewohnt die Jugendgruppe und 'sie ist vorwiegend, wenn nicht allein die Trägerin 'des dortigen agudistifchen Lebens — ihre eigenen, großen, lustigen schönen Räume, im „Edlhof", etan der modernsten Neubauten Preßburgs. Hier'führt sie hr reiches Leben, Unaufhörlich: wird in den drei Gruppen — A-, B- und C- Gruppe, diese betreut die Schulkinder bei etwa zur niL» — gelernt und gearbeitet. Hier hat die Berbandsleitung der aktiven und agilen slovakischen A. I. I. O. ihren Sitz, hier arbeitet Jacob Joel Braun, mivv» von hier aus wird eine neue Leitung der Landesorganisation, deren Reaktivierung meine Aufgabe war, hoffentlich in Bälde zeigen, daß man der slovakischen Orthodoxie nicht umsonst besondere organisatorische Fähigkeit nachrühmt. Es war ein wunderschöner nnw dieser Tag im Kreise der dortigen inn 'MN2; die Jugendgruppe veranstaltet ihr eigenes Minjan, vielleicht 200 junge Leute, ausnahmslos alle im Schmuck des Sefirobarts, vereinten sich da zum Gebet, jeder rfrsn geht ein sehr stark besuchter tupet voran — den w lernt man in zwei Abteilungen, dem a'ivo am eine zu Ehren des Nürnberger Gastes veranstaltete herrlich verlaufene rmyO' bei der Rabbiner Dr. Klein eine herrliche Agudodroscho hielt, die es mir: klar machte, warum in Deutschland-