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Der Israelit · 1931-05-13 · Heft 20 (13.5.1931) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 20 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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13. Mai 1931 Der Israe 1 it Nr. 20 Seite 5 sen. Die Krankenkassen können jährlich nur eine beschränkte Zahl von Aerzten ausnehmen. So steht heule die Sache des ärztlichen Nachwuchses. Der gesetzesLreue jüdische Arzt ist genau so den allgemeinen Bedingungen unterworfen. Er findet dazu noch Beschränkungen, die ihm die gewissenhafte Uebung des Religionsgesetzes auferlegen. Es ist vielfach nicht genügend bekannt, daß Kohanim nicht Mediziner werden können. Der Sabbat hindert schon beim Studium die Teilnahme an praktischen Uebungen und Examensarbeiten. Doch das wäre ein kleines Uebel, über das jeder Student hinwegkommt. Ernster steht es mit Assistenten« und Vertreterstellen aus, die oft an Sabbat und Kaschruth scheitern. Zur Ausbildung steht nur eine kleine Anzahl von rituell geführten Krankenhäusern zur Verfügung. Der fertige Arzt führt einen ständigen' Kampf um den Sabbat. Größtenteils geht er am Sabbat seiner Praxis nach, doch auf Schritt und Tritt ist er in der Ausübung behindert. Nur wenige jüdische Aerzte nehmen das Opfer auf sich, einen ständigen Sabbatvertreter zu halten. So - allein können sie der Gefahr entgehen, Sklaven des Berufes, den Sabbatgenuß als Mensch und Jude ernzubüßen und das Familienleben zu entbehren. Noch einige Worte über das Verhältnis des Arztes zu seiner Kehillah. Mancher glaubt, sich durch Beziehungen mühelos das Feld erobern zu können. Das mag für kleinere Gemeinden vielleicht zutreffen, jedoch muß stets zu der persönlichen Beliebtheit noch die Tüchtigkeit hinzukommen. Der jüdische Patient ist besonders kritisch und denkt nicht daran«, der Freundschaft zuliebe sein körperliches Wohl und Wehe einem nicht erstklassigen Arzte anzuvevtrauen. Ein einziger Mißerfolg in einer Kleinstadt stellt die ganze Existenz des Arztes in Frage. Dazu kann eine kleinere Kehillah einen Arzt nicht ausreichend beschäftigen, er ist auch auf andere Praxis angewiesen und die scheitert oft an der sehr engherzig von den Arztkollegen gehandhabten Kassengulassung. So sind auch die häufig, angebotenen „sehr günstigen Njederlassungsmöglichteiten für jüdischen Arzt" mit äußerster Vorsicht zu bewerten. In der Großstadt sieht das mit der Kehillohpraxis anders aus. Hier ist die Auswahl unter den Aerzten größer. Mancher will feine persönlichsten Angelegenheiten lieber einem fremden als einem Arzt aus der Bekanntschaft offenbaren, er hat den andern auch am Sabbat zur Verfügung, braucht deshalb keine Rücksichten zu nehmen; außerdem leidet die Objektivität und Autorität des zu nah bekannten Arztes. Es soll hier nicht die Richtigkeit solcher Einstellung geprüft werden, es wird dagegen eingewendet, man könne dem Arzt, dessen menschliche Qualitäten und religiöse Gewissenhaftigkeit man kennt-auch in ärztlicher Beziehung mehr Vertrauen entgegenbringen. Es gibt ja tatsächlich in manchen Gemeinden Aerzte, die vorwiegend Kehillohpraxis haben. Aber ein jeder ist dazu nicht geschaffen, und man muß die Verhältnisse nehmen, wie sie allgemein liegen. Bei der Berufswahl kann jedenfalls der jüdische Mediziner nicht auf auskömmliche Beschäftigung durch die Gemeinde rechnen. Hmzugefügt sei noch, daß es für den sabbathaltenden Arzt fast unmöglich ist, als beamteter Arzt unterzukommen. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Konferenz über die Kalenderreform. Frankfurt a. M., 13. Mai. In Anbetracht der Wichtigkeit und Dringlichkeit der mit der Kalenderreform im Zusammenhang stehenden jüdischen Fragen hat das „Jüdische Komitee betr. der Kalenderreform" gestern eine Konferenz in Frankfurt unter dem Vorsitz des Herrn Grand-Rabbin Israel L e v i aus Paris abgehalten. Bei dieser Konferenz, welche die zunächst zu unternehmenden Schritte eingehend beriet, wurde beschlossen, das Komitee zu erweitern und als Exekutiv-Komitee eines Rates der Jüdenheit zur Verteidigung des Sabbats gegen die Gefahr einer Kalenderreform mit Blankotag auszugestalten. Einstimmig wurde die Notwendigkeit erkannt, die Arbeiten des Komitees tatkräftig fortzusetzen. Aus der Berliner Gemeinde. Endgültige Feststellung des Wahlergebnisses. — Gemeinde-Etat. Berlin, 5. Mai. Auf Verfügung des Polizeipräsidenten, der für die Bestätigung der jüdischen Gemeindekörperschaften zuständig ist, mußte der Wahlprüfungsausschuß, bestehend aus den Vorsitzenden der mehr als 100 Wahlbezirksvorstände, nochmals zusammentreten. Die Sitzung fand am 4. Mai unter dem Vorsitz des Gemeindevorstehers L. G. R. Dr. L i l i e n t h a l statt. Das Ergebnis der neuerlichen Prüfung ist folgendes: Abgegebene gültige Stimmen: 77.302 Liste 1 (Liberale) 41.736; Liste 2 (Jüd. Volkspartei) 25.811; Liste 3 (Mittelpartei) 1787; Liste 4 (Konservative) 1410; Lifte 5 (Poale Zion) 1930; Liste 6 („Deutsche Liste") 1335; Liste 7 („Kelal Jisroel") 114; Liste 8 (Ueberpart. Vereinigung) 2336; Liste 9 (Positiv-Liberale) 722; Liste 10 (Ostjüd. Demokr.) 121. An Mandaten erhalten — ebenso wie nach der ersten Zählung — Liberale: 24, Jüd. Volkspartei: 14, Mittelpartei, Poale Zion und Ueberparteiliche Vereinigung je 1. An Stelle des inzwischen verstorbenen Kommerzienrats Gerson Simon wird als auf der Liste der Mittelpartei gewählt Dr. Alfred Wiener, Syndikus des C. V., festgestellt. Der Voranschlag für das schon seit dem 1. Januar laufende Etatsjahr 1931 der Jüdischen Gemeinde Berlin konnte infolge des die für die Vorbereitung entscheiden' den Herbstmonate beherrschenden Wahlkampfes, der Wahlen selbst und der sich verzögernden Bestätigung der Wahl erst jetzt soweit gefördert werden, daß die vom Kämmerer entworfene „Referentenvorlage" den Gememdsvorstand in seiner Sitzung am ö. Mai beschäftigen wird. Aus Kreisen der Gemeindeverwaltung erfährt die ITA. über die voraussichtliche Gestaltung des Etats Folgendes: Der Etat für 1930 sah an Ausgaben fast 12 Millionen Mk. vor, ist aber um 3U Millionen Reichsmark überschritten. Der neue Etat wird zwar auch mit etwa 12 Millionen Mk. abschließen, bedeutet aber gegenüber dem „Ist" von 1930 eine bedeutende Einsparung, zumal bisher fast stets der „Jst"-Vetrag des letzten Jahres Grundlage des Etats für das kommende war. Zu berücksichtigen ist ferner, daß die Gemeindeaufgaben gestiegen sind: das Wohlfahrtsamt mußte an sich weit mehr erhalten als bisher. Wenn sein Etat auch nicht gekürzt wird, so ist das doch tatsächlich eine Ausgabendrosselung. Das erst jetzt eingeweihte Altersheim in Schmargendorf, die jüdische Mädchenvolksschule, die erst jüngst ihren Klassenausbau vollendet hat, die im Herbst 1930 eingeweihte Synagoge Prinzregentenstraße usw. treten erst im gegenwärtigen Etat gebührend in die Erscheinung. Ferner müssen jetzt die aufgenommenen Anleihen amortisiert werden, so daß die eigentliche „Vermögensverwaltung" mehr Aufwendungen beansprucht als je zuvor in den letzten Jahren. Eine nicht unerhebliche materielle Belastung bringt auch die Uebernahme der Gemeinden Köpenick und Oranienburg mit sich, die sich ebenfalls erst jetzt rechnerisch bemerkbar machen kann. Andererseits soll auch keine für das jüdische Gemeindeleben lebensnotwendige Einrichtung verkümmern, deren Wiederaufbau nach Rückkehr besserer Zeiten unverhältnismäßig große Kräfte erfordern würde. Wahlkampf in Oldenburg. Berlin, 10. Mai. Am 17. Mai wird in Oldenburg der Landtag neu gewählt, und schon heute ist der Wahlkampf in vollem Gange. Besonders bei den Nationalsozialisten wird fieberhaft gearbeitet. Oldenburg ist eine ihrer stärksten Domänen. Soll es am 17. Mai zur absoluten Mehrheit im Landtag langen, müssen von 48 Mandaten 25 erobert werden. Behaupten die Nationalsozialisten die Stimmenzahl von der Reichstagswahl, sind ihnen 16 Mandate sicher. Hitler selbst greift in den Wahlkampf ein. In Kloppenburg sprach er am selben Tage wie Reichskanzler Brüning. In Oldenburg sprechen Goebbels und Prinz August Wilhelm. Von den Parteien der Rechten, die ein Dutzend Mandate zu verteidigen haben, wagr sich eigentlich nur die Volkspartei gegen die verantwortungslose Hetze der Nationalsozialisten heraus. Das Zentrum führt in der Presse und in Versammlungen eine hitlerfeindliche Sprache, die von äußerster Kampfentschlossenheit zeugt. Von den Sozialdemokraten sind 75 Reichstagsabgeordnete als Redner aus allen Teilen des Reiches in Oldenburg zusammengezogen worden. Die SPD. verfügte im alten Landtag über 13 Mandate. Auch der Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens greift in den Wahlkampf ein. In Delmenhorst fand am 7. Mai eine Massenkundgebung statt, in der Arthur Schweriner über das Thema „Ist der Jude schuld?" sprach. Die Krise im Alisrachi. Berlin, 6. Mai. Die allgemeine Krise, die im Gefolge der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Kraft und Bestand der zionistischen Bewegung aufs äußerste bedroht, hat für den konservativen Flügel des Zionismus, den Misrachi, besondere Formen angenommen. Bei dieser Krisis stehen sich der deutsche und der holländische Misrachi einerseits, die palästinensische Landesorganisation und die Weltzentrale des Misrachi mit ihrem Hauptinspiratvr Farbstein-Warschau in scharfer Frontstellung einander gegenüber. Die deutsch-holländische Opposition hat dreierlei auszusetzen: erstens die fnanzelle Mißwirtschaft und organisatorische Unbeholfenheit der Zentrale, die das Ansehen und auch die Arbeitskraft des Misrachi feit Jahren lähmen, zweitens die ausgesprochen negativen Erziehungserfolge des umfangreichen Misrachi-Schulwerks in Erez Jisroel und drittens die radikal-revisionistische Politik der letzten Jahre, die den Misrachi, im schärfsten Gegensatz zur religiösen Tradition, in die unmittelbare Nähe Jabotinskis geführt hat. Zu diesen Gegensätzen kommen noch die gewaltigen weltanschaulichen Differenzen, die den linken Flügel insbesondere des jüngeren Misrachi von der älteren Generation und den der Orthodoxie näherstehenden Gruppen trennen. Für den linken Flügel ist möglichst weitgehende Anpassung dev Gesetzes an das Leben und eine ebenso weitgehende Anpassung der Lehre an die bibelkritische und philosophische Wissenschaft das eigentliche Kulturideal, während der rechte Flügel diese Tendenzen aus der Tiefe der religiösen Ueberzeugung aufs entschiedenste verwirft. An dem Delegiertentag des deutschen Misrachi, der am 3. Mai in Berlin stattfand, nahmen 38 Delegierte teil. Obgleich hiernach numerisch die deutsche Misrachi- Organisation innerhalb des Welt-Misrachi keine große Rolle spielt, ist ihr gestiger und kultureller Einfluß doch ungleich bedeutender, als es der Zahl entspräche. Die Tagung brachte ein Referat Dr. Oskar Wolffsbergs über feine Palästina-Reise, worauf Alexander Adler die Forderungen der deutschen Landsmannschaft an die Weltorganisation darlegte. Die Herren Dr. R a b i n und Dr. Grünberg befürworten zwar schärfste Opposition gegen die Weltorganisation und die jetzige Zentrale, wollen aber von einem Austritt aus der Misrachi- Weltorganisation nichts wissen. Demgemäß wurden die sachlichen Fordenrungen an die Weltkonferenz einstimmig angenommen, das Ultimatum jedoch, wonach im Falle der Ablehnung der Austritt des deutschen Misrachi angedroht wird, fand mit 24 Stimmen gegen 8 bei 3 Stimmenthaltungen Annahme. Zu Delegierten bei der Misrachi-Weltkonferenz wurden gewählt: Rabbiner Dr. Hofsmann, Dr. Leibowitz, Dr. Arnold Barth und Lazarus Barth, zu Ersatzdelegierten Alexander Adler und Eugen Michaelis. In der Nachmittagssitzung erstattete Lazarus Barth ein Referat über das Thema: Die Situation des Misrachi beim Kongreß. Hilfe für die durch die Aeberschwemmung in Polen obdachlos gewordenen Juden. Berlin, 10. Mai. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erläßt einen Ausruf, in dem es u. a. heißt: „Wilna und eine Anzahl von Orten in weiten! Umkreise sind von einer furchtbaren Hochwasserkata-

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