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Der Israelit · 1931-05-13 · Heft 20 (13.5.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 20 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 20 Der Israelit feine Herrenhute bekannte Marken Fabrikate HaarfilzvonMk15.-an beitswilligen Söhne und Töchter -dieser Heloten zu dem gleichen Todesschicksal verurteilt wie ihre ebenso unschuldigen Eltern, nur weil sie Söhne und Töchter von religiösen Funktionären oder von ehemaligen Kaufleuten oder Händlern sind? 6. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß sogar, wie in der vorigen Nummer des „Israelit" gemeldet, das Organ der A p i - korfim beginnt, die Mißhandlung und Verfolgung der Deklassierten als unzweckmäßig im Interesse des russischen Staates zu erkennen? 7. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man den Deklassierten das elementare Recht raubt, ein ständiges Obdach über ihrem Kopf zu haben, daß man Ehegatten auseinanderreißt, wenn die eine Ehehälfte zur Gruppe der herrschenden Arbeiter, die andere zu den Heloten gehört? 8. Ist es R e l i g i o n s v e r f o l g u n g oder keine Religitonsverfolgung, wenn ein Staat „von Rechts wegen" alles religiöse Gemeinschaftsleben gewaltsam unterbindet, Synagogen in Arbeiterklubs verwandelt, Gemeindevorsteher unter nichtigen Vorwänden ins Gefängnis wirft, ja, durch Staatsgesetz den Eltern das elementare Menschenrecht der Schulerziehung ihrer Kinder im Geiste der eigenen religiösen Ueberzeugungraubt? Und nun noch ein letztes Wort. Gerade die Vertreter der jüdischen Orthodoxie, die Herr Dr. Erich Fromm im Geiste seiner sowjetrussischen Weltanschauung so grimmig haßt, besitzen volles Verständnis für die welthistorische Bedeutung des großen ö k o n o m is ch e n Experiments, das in Rußland heute vor sich gehl und dessen idealer Gehalt an manche unsterbliche Gedanken der biblisch-talmudischen Sozialethik anknüpft. Wenn dieses Verständnis auch nicht blind machen darf gegen die unbegreifliche Verhöhnung der Humanität und Gerechtigkeit, die in der sinnlosen Entrechtung und Unterdrückung aller religiös gesinnten Menschen in Nußland liegt, und durch die sich die Sowjetregierung nur zu ihrem eigene n S ch a d e n um die Sympathien der ganzen Kulturwelt bringt, so lag es doch den Urhebern des bescheidenen Lebensmittel-Hilfswerks gewiß völlig fern, diese Sympathien schwächen, geschweige denn „hetzen" zu wollen. Aber sie mußten die Tatsache n in ihrer traurigen Wirklichkeit angeben, wenn sie die Herzen-in dieser schweren Zeit überhaupt öffnen wollten und wir behaupten, bis zum Beweise des Gegenteils, nach wie vor daß die himmelschreiende physische und moralische Not der Deklassierten in Rußland eine Tatsache von furchtbarster Vehemenz ist. Menschenrecht und jüdisches Studentenrecht. Vielleicht in indirekter Auswirkung der Verhandlungen und Beschlüsse der Nyoner Studentenkonferenz hat die Deutsche Liga für Menschenrechte in einer Massenkundgebung dieser Tage gegen die Reaktion an den deutschen Hochschulen protestiert. Zugleich war b.?r Protest gegen den Vorstand des „Verbandes der deutschen Hochschulen" und der „Organisation der Hochschullehrer Deutschlands" wegen ihres Verhaltens im Heidelberger Konflikt um Professor E. I. Gumbel gerichtet. Es wurde dabei aber in der Hauptsache das Problem des Antisemitismus an den Hochschulen aufgerollt und gründlich besprochen. Prof. Martin Hobohm erzählte, wie er im Weltkriege als Frontsoldat Gelegenheit hatte, die patriotische Hingabe vieler Juden zu bewundern. | Er ist Überzeugt, daß die hochwertigen Elemente unter - dm Juden aus diesem Sturm der Anfeindungen ^gestärkt Hervorigehen werden. Ein Zusammenschluß her freiheitlichen Elemente gegen den nätionalsozialistischen Terror sei G e b o der S e l b stie r h a l t un g. denn „jedes Volk hat d i e Universität, die es verdient." Auch Albert E i n st e i n ergriff das Wort zu einer Verbeugung gegen den Pazifisten und Menschenfreund Prof. Gumbel, der, weil ein Vertreter des neuen, gegen die Gewalt gerichteten deutschen' Idealismus, heute Zielscheibe der wüsten Anpöbelungen von Seiten der Feinde aller Kultur ist. War diese Kundgebung der Schrei aus den Herzen derer, die um Deutschlands Kultur und Zukunft ernstlich besorgt sind, so muß eine andere mehr interne Kundgebung, und zwar die der „Katholischen Studentenverbände" in der „Allgemeinen Studentenschaft" schon als positiver Schritt zur geistigen Sanierung unseres Hochschulwesens begrüßt werden. Veranlaßt war die Erklärung durch eine Aufforderung der „Deutschen Studentenschaft" an die Katholischen Studentenverbände, an der Propaganda für die Wiederherstellung des S t u d e n t enrechtes auf breiter Vasis Mitzuarbeiten. Die Katholischen Studentenverbände lehnten aber jedes Zusammengehen mit der Deutschen Studentenschaft ab, solange in ihr das Arier-Prinzip dominiere. Die Deutsche Studentenschaft umfaßt bekanntlich auch die rassen-antüsemitischen Elemente, denen der Arierparagraph erstes und letztes Glaubensbekenntnis ist. Mit diesem Schritte stellen sich die katholischen Studenten Deutschlands hinter die Führer der katholischen Politik und Religion, die heute an der Spitze der Regierung, mit dem ganzen Gewicht ihrer geschlossenen religiösen und sittlichen Persönlichkeit Deutschland aus der wirtschaftlichen und geistigen Oede in eine bessere Zukunft zu führen suchen. Eine spätere Geschichte wird ihrer -dankbar gedenken. wie geht es dem jüdischen Arzk? Bearbeitet von der Berufsberatung des B. I. A. Die „Not des Aerztestandes" wird von der Berufsvertretung der Aerzte laut in die Welt geschrieen. Nun, wer sollte es sonst tun und' berufen sein, die Lage zu beurteilen, wenn nicht die Aerzte selbst. Trotzdem begegnet man den Angaben von Beteiligten mit einer gewissen Skepsis, weil heute jedem Berufe neuer Zuzug unerwünscht ist, der das Einkommen der beati possidentes bedroht. Der außenstehende Beobachter hat den Eindruck, daß die Mehrzahl der beschäftigten Aerzte verhältnismäßig wenig von der Not der Zet zu spüren bekommt, dagegen der ganz junge und der überalterte Arzt bttere Not leidet. Die Zulassung zu den Krankenkassen spielt heute im Arztberuf die Hauptrolle. Die meisten Aerzte sind aus Kassenpraxis angewiesen und beziehen durch die Kassen den größten Teil ihres Einkommens. Für den Durchschnittsarzt schätzt man einen jährlichen Krankenkassenverdienst von 8000 Mk., die er sich mühselig in stetem Tages¬ und Nachtdienst in kleinsten Einzelbeträgen erarbeitet. Dafür findet er als sicheren Schuldner öffentliche Körperschaften und kann bei gleichbleibender Arbeit auch auf regelmäßige Bezüge rechnen. Wehe aber dem Arzt, der krank oder weniger leistungsfähig wird. Selbst bei kürzeren Unterbrechungen ist die relative Sicherheit des Kassenarztes dahin; besonders in der Großstadt verläuft sich die Kassenklientel in kürzester Zeit. Es muß noch gesagt werden, daß nach Teilstatistiken 42 Proz. der Kassenärzte unter dem Durchschnittseinkommen von 8000 Mk. bleiben. Das bedeutet eine große Anzahl, für die es ein schwacher Trost ist, daß andere Kassenärzte gewaltig über den Durchschnitt verdienend Man darf auch nicht übersehen, daß in letzter Zeit gewisse Einbußen bemerkbar sind. Allein die Notverordnung hat die Kassensprechstunden gelichtet und. einen etwa 30 prozentigen Rückgang der Tätigkeit be- 13. Mai 1931 wirkt. Trotz alledem ist die Zulassung zu den Krankenkassen erstrebenswertes Ziel der Aerzte. Bon den 50 000 deutschen Aerzten sind etwa 30 000 Kassenärzte, die übrigen stehen draußen. Eine dünne Oberschicht kann auf Kassenpraxis verzichten, ein anderer Teilbefindetstch in öffentlichen Stellungen, der große Rest steht vor den gesperrten Toren der Sozialversicherung. Die Aussichten, in Fürsorge-, Gewerbehygiene- und andere beamtenähnliche Stellen hineinzukommen, -find, nicht besonders günstig. Die Posten befinden sich in festen Händen, trotzdem bieten sich gewisse Chancen, da ein Aufbau solcher Stellen unverkennbar ist. Wie sieht es nun heute mit der Privatpraxis aus? Die große Mehrheit der Bevölkerung ist in irgendeiner Form versichert, freiwillig, als Zwangsmitglied oder Familenangehöriger. Riesengroß ist das Heer der Wohlfahrtspfleglinge. Was als Privatpatient noch übrig bleibt, ist der verarmte Mittelstand, der sich ohne private Krankenversicherung kaum einen Arzt leisten kann, und eine ganz, ganz verschwindende Zahl von Begüterten, deren Zahlungsfähigkeit heute auch nicht mehr außer Zweifel steht. Ob die Arztpreise steigen oder fallen, ist bedeutungslos. Der Arzt bekommt fein Geld nur mit Mühe herein, und die Außenstände waren noch nie so groß wie heute. Dabei wird der Arzt doch nur im dringendsten Notfall ausgesucht; selbst dann fließt der Hauptstrom bestimmten, bevorzugten Aerzten zm von deren guter Privatpraxis die Mehrzahl'der' Durchfchnittsärzte keinen Vorteil hat. Also glänzend sind die wirtschaftlichen Aussichten, besonders des Anfängers, nachgrade nicht. Hinzu kommt, daß die Abgaben und Steuern bis zu 20 Proz. des Einkommens betragen, und daß der Betrieb einer Arztpraxis mit Instrumentarium, Angestellten, Praxisräumen und Fahrspesen ein für einen freien Berus erhebliches Kapital voraussetzt. Die Mentalität des heutigen Publikums fetzt eine nur schwer amortisierbare Apparatur voraus. Das medizinische Studium mit seinen vielen praktischen Uebungen ist besonders teuer und lang. Eine siebenjährige Ausbildungszeit bis zur Niederlassung gilt wohl als Norm. Für Spezialärzte muß man mit 10. Jahren rechnen. Es sind Bestrebungen im Gange, die Studiendauer entsprechend dem wachsenden Umfang der einzelnen Fächer zu verlängern. Wer sich heute dem medizinischen Studium zuwendet, muß, abgesehen von wirtschaftlichen Fragen, bedenken, daß zum Arztberuf ein gutes Stück Idealismus und Entsagung gehört. Der Arzt ist nun einmal nicht, wie mancher es sich vorstellt, der uneingeschränkte Herrscher seinen Patienten, sondern von den Wünschen, oft! Launen des Krankenabhängig und in vielen Dingen fein niedrigster Diener. Die bedingungslose Unterwerfung unter Bürokratie und Sondergerichte der Aerzte- und Krankenkassenorganlfationen, die Einengung seines idealen Helferberufs durch, zahlreiche gesetzliche Bestimmungen ist nicht jedermanns Geschmack, der einen „freien Beruf" erwählt. Ausgewogen können alle diese Widerwärtigkeiten nur durch stark idealistische Einstellung des Arztes werden, der sich bewußt ist, in erster Linie für das Wohl der Kranken und der Volksgesundheit zu wirken. Nur so bringt er die Kraft auf, unter Hintansetzung seiner persönlichen und familiären Verhältnisse den entsagungsreichen, körperlich wie geistig aufreibenden Beruf des Arztes auszufüllen. Kehren wir zu den wirtschaftlichen Aussichten des Arztes zurück, so sehen wir heute schon eine bedeutende Ueberfüllung in allen Zweigen des ärztlichen Berufes. Die Hauptgefahr ist erst im Entstehen. 18 000 Mediziner studieren an den deutschen Hochschulen; das sind über ein Drittel des heutigen, gesamten Aerztebestandes. In fünf Jahren sind sie alle im Beruf, während man in dieser Zeit trotz der hohen Aerztesterblichkejt mit Abgängen von nur 6000 rechnen kann. 12 000 werden dann das ärztliche Proleatriat vermehren helfen und außerhalb des Fundaments der Kassenpraxis ihre unsichere Existenz aufbauen müf-

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