Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1931)
- Date
- 1931-05-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Mai 1931 D e r Is r a 6 / kt Nr. 20 Seite 3 lematik des modernen Lebens mit dem Geiste jüdischer Religiosität in Beziehung zu bringen, um so jedem einzelnen eine gewisse religiös-ethische Untermauerung des eigenen Denkens und Wollens AU bieten. Eine Wiederverknüpfun-g von Religion und Leben soll die Religion aus ihrer heutigen Aschenbrödelstellung befreien." Nun marschierten die drei Reformrabbiner nacheinander auf, um als höchste theologische Richter das Urteil über die jüdische Ehe zu sprechen. Einigermaßen glimpflich kam noch diese Einrichtung in der Predigt des guten alten Dr. Lehmann weg. Er fand heraus, — was bis jetzt wohl keiner wußte —, daß die Ehe „ein ideales Verbundensein zweier Menschen" sein soll. Er wünscht nicht, daß die Ehe durch eine andere Form ersetzt werde. Ganz andere Töne schlug sein Kollege von der Reformkanzel, Dr. Ros e n t h a l, an. Das Ideal der Ehe in Ehren, aber es müsse dieses Ideal an der Wirklichkeit gemessen werden. Er sucht neue Lösungsmöglichkeiten für die Problematik der Ehe. Und das Resultat? Da häufig in der Gegenwart Liebe und Ehe keine identischen Begriffe harstellen, so müsse auch allseitig Verständnis dafür aufgebracht werden, daß L i eb e s b ü n d n i s s e o h n e d a s äußere E ingeh e n d e r E h e begründet werden. Verstehen ist für diesen sonderbaren Künder des G'tteswortes mehr als Verzeihen. Da. nach feiner Erfahrung die Institution der Ehe eine volle Garantie für das Glück nicht zu bieten vermöge, „so könne es nicht von vornherein abgelehnt wer-, den, auch auf neuartigen Wegen die heutige Eheproblematik zu überwinden." Das ist deutlich! : In dieser Komödie mit verteilten Rollen fiel es dem dritten Redner der Reform-Gemeinde, Dr. I e l s k i, zu, ein autoritatives Wort über die E h e s ch e i d u n g zu sprechen, wobei er gleich von vornherein betonte, daß von der R e f o r m- G e m e i n d e d i e E h e s ch e i d u n g a l s r e i n bürgerliche Rechtshandlung angesehen werde und sie dementsprechendeinen religiösen Get als Vorbedingung f ü r d i e S ch l i e h u n g e i ne r n e u e n Ehe nicht vertan g e. Was hat eigentlich ein Mann, für den die jüdische Ehescheidung gar nicht existiert, über diesen Gegenstand überhaupt noch zu sagen? Kann man über Dinge und Einrichtungen referieren und urteilen, die man gar nicht kennt und anerkennt? Es ist aber die große Kunst und das Vorrecht der Reform, je radikaler um so mehr, am meisten da zu reden, wo man nichts zu s a g e n hat. Noch ein paar solche Veranstaltungen, und wir hätten keinen Grund mehr, uns über die „Gottlosen Abende" im Zeichen des roten Sterns in Moskau und Berlin zu beklagen. Wir messen jenen wie diesen keine allzu große Bedeutung bei . Ein Zeichen der Zeit und ein Fingerzeig für uns sind die einen wie die anderen. Rutzlandhilfe und „Geserd". Wir haben uns in unserer Pessachnummer mir einem Ueberfall beschäftigt, den im „Mitteilungsblatt der Ge fell f chaft zur F ö r b e r u n g des j ü d i s ch e n Siedlungswerkes (G e f e r d)" sin Dr. E. F. auf das damals im Gang befindliche Hilfswerk für die unglücklichen Deklassierten in Rußland unternommen hatte. Wir verwahrten uns damals dagegen, daß diesem gänzlich unpolitischen Unternehmen der jüdischen Bruderliebe, das einigen tausend frommen Familien die Möglichkeit des Mazzosgenuffes oder sin wenig Reis zur Stillung ihres Hungers verschaffen wollte, schwarze politische Nebenabsichten unterstellt wurden. Unsere Ausführungen veranlassen Herrn Dr. Erich Fromm, nunmehr mit seinem Namen, in der Aprilnummer des gleichen Mitteilungsblattes, seine unhaltbaren Verdächtigungen nochmals zu wiederholen. Herr Dr. Fromm erklärt es allerdings für möglich, daß die rabbinifchen und philanthropischen Kreise, die zur Absendung von Liebespaketen nach Rußland anregten, zu naiv seien, um die politische Bedeutung ihres Vorgehens zu e r k e n n e n. ■ Aber diese „Naivität", so meint er, ändere nichts ' an der angeblichen Tatsache, daß die Schilderungen russischer Zustände, wie sie in den versandten Aufrufen gegeben wurden, eine „aushetzende" Wirkung ausübten. Auch wir seien offenbar so naiv, daß wir nichts von dem schweren Abwehrkampfe wüßten, in dem die Sowjetunion sich gegen eine H e tz -e befinde, die von allen möglichen Interessentengruppen ausgehe und die nichts weniger bezwecke, als die Entfesselung eines Interventionskrieges gegen die Union und die Anstiftung von Sabotage und Schädlingsarbeiten innerhalb Rußlands. Die „ L ü g e n m e l d u n - gen" über den Hunger m Rußland und die „Schauermärchen" von religiösen Verfolgungen s e i e n nur e «i! n B e st a n d t e i l dieser s y st e m a t r s ch b e t r i e b e n e n Hetz e. Wir bewundern den Mut, der dazu gehört, derartige, der Wahrheit offen ins Gesicht schlagende Dinge niederzuschreiben und wir richten an Herrn Dr, Erich Fromm die Aufforderung zur Schenken Sie zu Pfingsten einen (Füllfederhalter. 1000 schreibfertige Halter zur Auswahl! mit 14 karat. Goldfeder ah Rmk. 3.— Osmia-Supra, Parker-Duofold, Montblanc, Pelikan, Waterman Hausmarken: Ceka und Juwel und ardere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art Klarstellung des Sachverhalts doch einmal folgende Fragen zu beantworten: 1. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß in Rußland Tausende von sogenannten Deklassierten existieren, die politisch und bürgerlich rechtlos sind, und für deren Lage es in der Weltgeschichte nur zwei Vorbilder gibt: das der H e l o t e n im alten Sparta und das der P a r i a s in Indien? 2. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß zu diesen „Deklassierten" vor allen Dingen die Träger des höchsten Idealismus in Rußland, die Träger des G e i st e s u n d der Frömmigkeit, d ie Rabbiner, Lehrer, Melamdim, Schochtim und ähnliche religiöse Funktionäre, sowie Zehntausende von Kleinhändlern und Kaufleuten, zum Teil hochbetagte Menschen, die überhaupt nichts mehr arbeiten können, gehören? 3. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man diesen Deklassierten, Rabbinen und sonstigen religiösen Funktionären, auch wenn sie körperliche Arbeit verrichten w o l l e n, Ü i e s e Möglichkeit b i s h e r verweigert und' sie zwangsweise in ihrer Helotenstellung fest ge halten hat? 4. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man diesen Heloten die Brotkarten verweigert, daß man sie also bewußt und absichtlich zum Hungertode oder zurBeschreitungvonSchleichwegen verurteilen will, auf denen sie dann erst recht der Rache des Klassenstaates zum Opfer fallen? 5. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man sogar die unschuldigen, arden Anstoß zur Massenauswanderung der osteuropäischen Juden und zürn Entstehen des neuen großen jüdischen Zentrums in den Vereinigten Staaten und geschloffener Niederlassungen osteuropäischer Juden in England, Deutschland, Frankreich, Südafrika und anderen Ländern gegeben haben. Zar Alexander II., der eine Reihe großzügiger Reformen, die vielfach auch der jüdischen Bevölkerung zugute kommen sollten (z. B. Zulassung der Juden zu den Hochschulen, Ausenthaltsbewilligung außerhalb des Ansiedlungsrayons für jüdische Akademiker, Großkaufleute und Fabrikanten) in Angriff genommen hatte, war einem nihilistischen Anschlag zum Opfer gefallen. Die Tatsache, daß einige wenige jugendliche Elemente unter den Juden in der nihilistischen Bewegung tätig waren, wurde zum Vorwand genommen, um die Juden als Gesamtheit für das Attentat auf den Zaren verantwortlich zu machen. Obwohl die jüdische Bevölkerung, die von tiefer Dankbarkeit für den Reformator erfüllt war, stets zu den loyalsten und treuesten Untertanen des ermordeten Zaren, dessen Tod sie tief betrauerte, gehört hatte, fand die Legende, die Ermordung Alexander II. sei das Werk einer jüdischen Verschwörung gewesen, vielfach Glauben. Kurz nach der Thronbesteigung Alexander III. kam es am 27. und 28. April 1881 zu den Pogromen m Jelisawethgrad, denen innerhalb der nächsten sechs Monate 160 Pogrome in verschiedenen Städten Südrußlands folgten. Die planmäßig vorbereiteten Ausschreitungen fanden unter wohlwollender Duldung, mitunter auch Förderung, seitens der Behörden statt. Eine große Zahl von Juden kam in diesen Pogromen um, Tausende Häuser und Wohnungen wurden geplündert oder zerstört. Manche jüdische Familie wurde gänzlich ausgerottet. Die Pogrome riefen eine stürmische Empörung in ganz Europa hervor. In allen großen Städten Westeuropas und Amerikas wurden Versammlungen abgehalten, in denen im Namen der Zivilisation gegen die mittelalterlichen Verfolgungen in Rußland Einspruch erhoben wurde. Die einzige Antwort der russischen Negierung auf diese Kundgebungen der öffentlichen Meinung war der Erlaß der „provisorischen Regeln vom 3. Mai 1882", durch die die Lage der russischen Judenheit bis zur Unerträglichkeit verschlechtert wurde. Eine Denkschrift, die auf Grund eines Beschlusses eines Massenmeetings in der Guildhall zu London dem Zaren überreicht wurde, wurde von diesem dem Lordmayor von London uneröffnet zurückgesandt. Mit den Pogromen setzte die fluchtartige Auswanderung jüdischer Massen nach den überseeischen Ländern, vor allem nach den Vereinigten Staaten, ein. In den letzten 50 Jahren ist die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten, die im Jahre 1881 250.000 Seelen in einer Gesamtbeoölkerung von 45 Millionen ausmachte, auf annähernd 4% Millionen in einer Gesamtbevölkerung von über 120 Millionen gestiegen. (Ein Hawdoloh-Prozetz in Kanada.) Die kanadische Gesetzgebung ist sehr toleraitt gegenüber den verschiedenen Religionen. Erst letzthin gewannen die Rabbiner einen Prozeß gegen Metzger, die trefenes Fleisch mit dem Stempel koscher verkauft haben. Aber jetzt haben sie einen Prozeß verloren, der folgende merkwürdige Grundlage hat. Das kanadische Ruhetagsgesetz gibt den Juden das Recht, statt am Samstag am Sonntag zu arbeiten. Die jüdischen Bäcker machten von dieser Bestimmung Gebrauch. Sie begannen ihre Arbeit am Samstag Abend nach Hawdoloh und arbeiteten dann den ganzen Sonntag. Dagegen erhoben die christlichen Bäcker Einspruch. Rach dem kanadischen Gesetz gehe ein j Taa von Mitternacht zu Mitternacht. Da die jüdischen Bäcker am Samstag aber schon bei Sonnenuntergang zu arbeiten beginnen, müsse dieser Tag voll gerechnet werden und sie dürften deshalb Sonntag nicht arbeiten. Vor Gericht plaidierten die besten Advokaten. Die Juden machten geltend, i h r Tag gehe von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang; die Christen standen auf dem Standpunkt, der Tag beginne um Mitternacht. Die erste Instanz hat den letzteren Standpunkt geschützt und den jüdischen Bäckern empfohlen, die Hawdoloh in Zukunft auf 12 Uhr nachts zu verschieben . . . Der Kampf um die Hawdoloh ist damit nicht beendet, die Appellation an das höchste Gericht ist ergriffen worden. Briefkasten. NN. B. Mk. 50.— für Spende verbucht. Wochenkalender. 1K. - 23. Mai 1931 l v. 29. Jjar bis 7. .Silvan! Samstag 16 n»* 29 Sonntag 17 IVO 1 Montag 18 2 Dienstag! i Mai 19 3 Mittwoch 20 i* 1 2 3 4 5 Donnerstag 21 's Freitag 22 6 Samstag 1 23 7 errfm pana» 't pis *mtoa Mauled: Montag abends 8 Uhr ln/,s Minuten. tnfi * mxiav ans i pb'vari avw 'k nisna» rrn 'a nv msias