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Der Israelit · 1931-05-13 · Heft 20 (13.5.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 20 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 20 D e r Israelit 13. Mai 1931 und gegen jede Aenderung in der Strenge und Absolutheit des jüdischen Ehegesetzes gewendet. So möge denn noch ein grundsätzliches Wort über den „Erven hoeser", über das Grundbuch jüdischen Ehegesetzes und jüdischer Ehegesittung gesagt sein, damit auch hier die Einsicht sich Bahn bricht, daß dieser „Stein der Hilfe", den manche verwerfen zu können glauben", zum Eckstein für alle jüdische Zukunftsentwicklung werden muß. Die geschlechtliche Sittlichkeit, die Heiligkeit der Ehe und die gegenseitige Bindung der Generationen ist das Aleph und Taw des Judentums; denn „der G'tt dieses Volkes haßt die Unzucht". Wenn also je auf irgendeinem Gebiet des Lebens Willkür unmöglich ist und nur strengste Regelung und absolutes Gesetz den sittlichen Charakter des Menschen gewährleisten kann, dann ist es auf dem Gebiete des Sexuellen und der Ehe. Hier kann niemals der Einzelne v o n d e r d asWohlderG es amtheitbe dinge Ilde n großen Linie des Gesetzes e ntbunden werden, und es gibt wohl kein einziges Menschenleben, das nicht den Herzenskonslikt mit der Strenge dieser Gesetzgebung durchzukosten und durchzukämpfen gehabt hätte, dem nicht die Sinnlichkeit immer erneute Kraftproben seines Ethos auferlegt hätte. Selbst edle, weiche, reine Gefühle unserer Seele müssen wir alltäglich bezwingen, weit sie, an -der Grenze des Sinnlichen liegend, mit der Strenge dieses Gesetzes nicht verträglich sind. Nie geht jemand aus der Welt, daß er auch nur die Hälfte dessen, was an erotischen Wünschen in seinem Herzen pocht, erreicht hätte. Niemals kann daher ein Konflikt, der d e m E i n- Seinen erwächst, als ein Argument gegen dieses generelle Gesetz der Menschenwürde gelten. Es ist eine Lüge, als hätte jemals das Gesetz das Joch seiner Bindungen auf sexuellem Gebiet erleichtert oder verringert. Nur verschärft wurden die Bindungen im Laufe der Zeiten, nur die von der Thora gegebenen Gedanken zur Beherrschung des Geschlechtlichen zu Ende gedacht und in immer weitgehend-erem Maße in Ausführungsbestimmungen verfeinert. Denn unser Golusschicksal, die fehlende soziologische Grundlage unseres Volkstums, hat das Gewicht der F a m il i e und die Bindung der Ehe als letzten und wichtigsten Kern unseres Volkstums in den Vordergrund geschoben. Weil das Leid der ewigen Wanderschaft und ewigen Zerstreuung der jüdischen Ehe große Schwierigkeiten und Proben auferlegt, muß ihr moralisches Gewicht wachsen. An ihr rütteln heißt das Judentum zerstören. Die Ehe ist einfreier Vertrag z w i s ch e n M a n n u n d Weib. Nur die Formen der Vertragsschließung sind vom Gesetz festgelegt, ihre Stiftung uni)' Aufhebung kann nur ein Akt freien E n t s ch l u s s e s zwischen beiden Vertragschlie ß e n d e n sein.*) Kein Rabbiner, kam Ves-Din, keine Behörde kann durch Zwang eine Ehe stiften oder aufheben. Diese in Freiheit gestiftete Ehe hat ihren höchsten Sinn und' ihre g'ttliche und natürliche Bekräftigung im Kinde. Darum kann eine Ehe nur unter dem Gesichtspunkt der E w i gk e i t u n d d e r M o r a l geschlossen werden, weil wir niemals sonst einem Wesen wider seinen Willen den Zwang zu leben auferlegen können, wenn es nicht eine uns von G'tt übertragene Pflicht wäre, die auch dem Kinde sein Leben als Pflicht und als G'ttesgeschenk zuerteilt. Darum besteht eine von G'tt gewollte Schicksalsgemeinschaft zwischen Eltern und Kindern. Die Erbschaft des Blutes, die wir in Gutem und Böfem unseren Kindern mitgeben, hat ihren Sinn nur in der gemeinsamen Aufgabe der Generationen, daß die Eltern sühnend für die Kinder und die Kinder sühnend für die Eltern eintreten. Woher sollten wir sonst das Recht nehmen, all unsere geistigen, seelischen und körperlichen Unvollkommenheiten unseren Kindern mit aus den Lebensweg zu geben? Aber wie das Verdienst der Väter sich segensreich auswirkt in tausenden Geschlechtern, so bat immer die junge Generation alles das miedergutzumachen, was an Halbheit und Fehlern die Vergangenhevt ihnen als Sühnepflicht aufgibt. Das gilt ganz besonders, wo ein Kind der Sünde entsprungen ist, daß es selbst durch das Joch der Beschränkungen, die ihm auferlegt sind, die Ehre des Gesetzes in Israel wiederherstellt und dadurch die Schuld ausmerzt und' nachträglich verklärt, der es selbst sein Dasein verdankt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß jede Aenderung der jüdischen Ehegesetzgebung nicht nur für das Volksganze, sondern auch für jeden Einzelnen unheilvoll sich auswirkt. Nirgends sind die ( Ehescheidungen häufiger, nirgends das Familienj glück und die Kinderstube so zerstört als dort,! wo man sich der Fesseln dieser Ehegesetze entledigt' fyat Ein Meer von Tränen der Geborenen und ' Ungeborenen klagt diejenigen an, die die heilige Ordnung der jüdische Ehe, die segensreiche Himmelstochter, die das Gleiche froh und frei und freudig bindet, zerstört und gelockert haben. Die Strenge des Gesetzes hat wohl auch manchem für sein Leben lang oder durch Jahre hindurch schwere Bindungen auferlegt, in Zeiten des Krieges wie den jüngst vergangenen, besonders harte Opfer bedeutet. Aber wenn ein Jüngling jahrelang in ernstem Kampf mit sich selbst um seine Keuschheit ringen mußte, wenn ein Mann wegen der Krankheit seiner Ehegattin zu dauernder Selbstbeherrschung und Selbstentäußerung mit eiserner Disziplin sich zwingt, wenn eine Frau in Sehnsucht nach einem fernen, in die Welten verschlagenen Manne die Bitterkeit einsamen Lebens, die Versuchungen des Penelopeschicksals erduldet, so sind diese Martyrien seelische Opfer, die das Leben ernst, aber nicht gemein machen. Es find Unglücksfälle, aus der Komplikation' des Lebens geboren, nicht anders wie alles sonstige Schicksalsleid, wie alles „edle Unglück". Aber wo die hohe Auffassung der Ehe als solche fehlt, da verzehren sich die Menschen in Selbstverachtung, da fühlen sich die Menschen ihres Adels beraubt, und das Schlimmste ihres Lebens, feine Sinnlosigkeit, macht ihnen das Dasein zur Hölle. Darum gilt für den I. F. B. als einzige Konsequenz seiner Bestrebungen auf sexual-ethischem Gebiet: schützt das jüdische Ehegesetz, laßt von niemandem daran rütteln, wenn euch an der Zukunft des Judentums und an der Ehre der jüdischen Frau und an dem Glück der jüdischen Menschen gelegen ist. *) Das Rabbmat hat gewissermatzen nur die Kontrolle und Bestätigung der formalen Richtigkeit und Zulässigkeit der Ehe; auch bei cram nsn -irv>n< der nur die Möglichkeit der zweiien Ehe schasst. Wochenrundschau. «Religion und Leben" und „Die jüdische Ehe". Die Berliner Jüdische Reformgem e i n d e muß von Zeit zu Zeit irgend ein Lebenszeichen von sich geben, um nicht auch dem körperlichen Tode zu verfallen, wie sie mit einer toten Seele seit ihrer Geburt dahinwandelt. Diesen Frühling geschieht das in der Form von sogenannten Religiösen Abenden, auf denen jüdische Probleme zum Austrag kommen, man darf schon sagen, jüdische Einvichtungen und Gebote der Thora vor dem hohen Reformtribunal zur Verantwortung gezogen werden. Auf dem ersten dieser Religiösen Abende saß man über die j ü d i s ch e n E h e g e s e tz e zu Gericht. Die Sache wurde im Bürgersaal so gut aufgezogen, daß sie eine große Gemeinde von Interessierten mnd Neugierigen anzog. Als Regisseur des Ganzen erläuterte Bruno W o y d a in einer Art Ouvertüre den Zweck der Veranstaltung: „Es gilt, die Prob- Die Sefiro. Von Rabbiner Dr. Al. Lervin in Hamburg, ll. Die Sefiro führt zur Einkehr und Selbstbesinnung, zur rechten Lebenserfassung und verständnisvollen Bewertung des Erdenwallens. Das liegt im Wesen des Zählens, das uns die Flüchtigkeit der Zeit und die Wandelbarkeit all dessen, was diese umspannt, so klar und anschaulich zu Bewußtsein bringt. Auch ohne das Ueberdenken dessen, was an geschichtlichen Erinnerungen diese durch das Zählen geweihte Zeit in uns lebendig werden läßt, werden wir zu ernstem nachdenklichen Sinnen geführt und in unseren Herzen auf jenen Ton gestimmt, den unser Allehrer Moses in seinem wundersamen Gebete anstimmt: N»2N #1211 »Tin p IZ'»' „Lehre uns recht zählen unsere Tage, daß wir gewinnen ein weises Herz!" . . . Draußen klangvoller Lebensjubel und beseligendes Frühlingshoffen, in Israels Zelten aber beschauliches Ueberlegen und Nachdenken über des Daseins rechten Sinn — muß das aber so sein? Jst's da nicht wahr, was vom Judentum vielfach behauptet wird, daß es zur Weltflucht führt und zur Lebensverneinung drängt? O, die kennen es schlecht oder überhaupt nicht, die solches behaupten, — die verstehen unsere hl. Lehre nicht. die alle Segnungen, der Erdengüter Fülle, wie unsere Weisen sagen, von r>r bis r~i vom ersten bis zum letzten Buchstaben, uns verheißt, nur diesen Segen an die Bedingung knüpft: onrr omojn i-int?n nt?i m^n ’npnn cs „Wenn tbr in meinen Satzungen wandelt und meine Gebote hütet und sie übet." Damit werden wir selbst die Sachwalter unseres Erdenglückes. In unsere Hand ist unser Schicksal gelegt. Tat und Erfolg, Lohn und Tugend, Strafe und Abfall sind in Wechselbeziehung gebracht wie Saat und Ernte . . . Nein, wir brauchen das Leben und was es bringt, nicht zu meiden, nur dürfen Ewir die Behelfe des Daseins nicht höher stellen als dessen Ziel und Zweck. Es gilt, die Wahrheit zu erfassen, ob sie auch rauh ist und ernst ihre Sprache. Die Sefiro will uns jene Lebensweisheit vermitteln, die uns befähigt, uns an das Ewige und Unendliche zu ketten, i Unsere Weisen sagen: 13 pir 7^» D-pnn r«i nwn ns D”»n os! „Wenn du die Thora in Wort und Geist erfüllst, — dann! mündest du ein mit deinem Tun in das unendliche Meer der Ewigkeit." Ja, die Thora erfüllen, sie lernen und betätigen, das ist unseres Lebens Krone und unseres Daseins Würde. Das sichert uns die Ruhe des Herzens und das Gleichgewicht unserer Seele. Das läßt uns erst voll nachempfinden die große Vefeligung, Sie aus dem Prophetenworte quillt: won» 'i 'in non’ nvs “ran 71m „Gesegnet ist, der auf G'tt vertraut und dem G'tt der Quell seiner Zuversicht bleibt." Das G'ttvertrauen ist ein köstlicher Schatz, es muß aber wurzeln in dem Bewußtsein der vollbrachten edlen.Tat. Unser Schild und unsere Wehr ist es in allen Nöten und Kämpfen des Lebens, wenn wir uns G'ttes Liebe gesichert und seines Segens uns würdig gemacht. Da kann denn die Zeit der Sefiro mit ihren trüben Erinnerungen und wirksamen Ansporn werden. Die Seele unseres Volkes klagt und trauert in diesen Wochen um die Vielen, Vielen die einst in der Zeit der Sefiro ihr Leben für G'tt und die hl. Lehre hingegeben. Was erhielt sie aufrecht und stählte ihren Opfermut, daß sie nicht abwichen und widerstandsfähig blieben? Was hat überhaupt Israel erhalten und zur Wirklichkeit werden lassen: “nan 71m gesnet ist, wer auf G'tt vertraut?" Es. ist die Macht der Wahrheit, die die Glaubenshelden im besonderen und Israels Gesamtheit gewappnet, die Kraft, die aus der hl. Lehre uns zuströmt, die immer neues Heldentum erzeugt hat, daß wir geblieben trotz Druck und Verfolgung. Und da sollten wir die Zeichen der Zeit nicht begreifen und nicht lernen von den Vätern, — ihnen es gleich zu tun in der Treue und Hingebung? . . . Noch ist der Opfermut in Israel sieghaft, und die das Schmittojahr im heiligen Lande feiern, Glaubensbrüder werden nicht vergeblich an unsere Herzen pochen, damit wir mit ihnen tragen ihre Last und ihre Sorge. „Maß um Maß" — wir schauen zu G'tt aus, daß er uns helfe in dieser Tage ernsten Zeiten, — helfen wir, und wäre es auch nur mit kleiner Gabe, unfern Brüdern im G'tteslande. Fühlen wir uns ihnen verbunden, so segnet uns der Herr, der der Quell unserer Zuversicht ist und bleibt. kleines Feuilleton. Lin trauriges Jubiläum, Am 27. April waren es 50 Jahre, seitdem durch den Pogrom in Jelisawethgrad die Reihe jener schrecklichen Judenmasfakres eröffnet wurde, die

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