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Der Israelit · 1931-04-30 · Heft 18 (30.4.1931) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 18 (30.4.1931)
Date
1931-04-30
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 19 D er s r a e l i t 7. Mai 1331 Der Seder in der Fremde. Novelle von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) In einem jeden stiegen halbvergessene Bilder aus alten Tagen auf, abgerissene Töne verklungener Melodien erwachten, un>d> ein Hauch von Sehnsucht und Wehmut durchzitterte die Atmosphäre der Stube. „Ach, was werden wir dasitzen, wie die Trauernden," raffte sich endlich der Fremde, seine Niederlage vergessend, auf. „Ist denn heute „Trscha Beaw" oder was? Heiliges Pessachfest ist heute und wir müssen lustig sein. Ich will Euch lieber eine Geschichte erzählen, die gerade aus uns paßt. Wollt Ihr hören?" Und er fing an, ihnen die wundersame Geschichte vom Vaol-Schem zu erzählen, der einmal den Entschluß gefaßt hatte, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Die Sehnsucht trieb ihn und das Verlangen, feine Gebete mit denen eines anderen, dort lebenden heiligen Mannes zu vereinigen, um dadurch endlich, vor der Zeit, die Erlösung herbeizuführen und den König Messias zu bringen . . . Die Anwesenden hörten anfangs widerwillig zu; aber allmählich fing der Gang der Geschichte an, sie zu interessieren, und bald verfolgten sie mit großer Teilnahme die Schicksale des frommen Mannes, der mit den Mächten des Himmels rang und endlich auf eine einsame Insel verschleudert wurde, wo er und sein treuer Begleiter Tage und Nächte umherirrten, ohne eine Menschenseele zu finden ... Da sprach der treue Jünger zum Meister: „Was schweigst du, Rabbi? So bete doch zu G'tt, bestürme Ihn, daß er uns aus der Not befreie. Hat nicht dein Gehrt oft schon andere gerettet, warum versuchst du nicht, dich selber und mich aus dieser schrecklichen Lage zu retten." „Ich möchte wohl beten," antwortete der Baal-Schem, „aber ich kann nicht, ich bin, keines Gebetwortes mehr mächtig, habe alles vergessen, keinen Vers weiß ich mehr. Alles, alles wurde mir genommen. Ich bin wehrlos." Lange gingen sie so verzweifelt umher, endlich sagte der Jünger: „Rabbi, aber das Aleph-Beth habt ihr doch wohl nicht vergessen?" Nein, das Aleph-Beth hatte er nicht vergessen. „Gut," sagte er, „da hast mir einen guten Gedanken eingegeben. Wir wollen beten wie die Kinder und wollen sehen, ob uns G'tt nicht erhören wird." Und sie fingen an, mit demütigem Herzen, die Seele voll Inbrunst und Sehnsucht nach G'tt, das Aleph-Beth zu beten. Nichts anderes als Aleph, Beth, Aleph, Veth, Gimmel ufw., in einem fort. Die heiligen Laute aber schwangen sich zum Himmel empor, reihten sich zu Wörtern, die Wörter reihten sich zu Sätzen zusammen, und vor den Thron des Allmächtigen stieg ein heißes Gebet hinauf, welches erhört wurde. Und was glaubt ihr, war das Ende?" schloß der Erzähler und blickte triumphierend um sich. Ein jeder wußte, was das Ende war. Eine Weile saßen sie schweigend und in Gedanken versunken. Die Geschichte war ihnen offenbar zu Herzen gegangen. Endlich erhob Mr. Davis den Kopf, blickte dem Erzähler eine Weite ins Gesicht und sagte: „Was sollen wir also tun?" „Natürlich brauchen wir nicht das Aleph-Beth zu beten, wir können singen und sagen, was wir wissen, G'tt wird das gerade so lieb sein, wie die Hagada, die er ja schon unzählige Mate gehört hat." Dieser prächtige Einfall belebte sofort die Geister. Alle fühlten sich auf einmal wie erlöst, das drückende Gefühl der Ratlosigkeit war dahin. Der Erzähler, der eine schöne Stimme hatte, mußte Vorsingen, das Halle! wurde irrt Chor angestimmt, dann folgte „Mschmas", wahllos kamen dann „Echod mi jodea" unidi „Chad Gadja" an die Reihe, die jeder fast auswendig konnte, > schließlich schwirrten noch Bruchstücke und ein- Schon quietscht wieder die Musik. Die Betenden sum- 3elne Teile aus dem ersten und Zweiten Teil der Es ist wie am Jom Kippur, gespanntes Beten, s s , . s ** .. , ,a u .w* summende Stille, Entspannung und leises Gespräch, und Hagada, durchernander gewürfelt, herum. Aufruck zu neuer Spannung, und aufwogendes und ab- D:-e Fröhlichkeit stieg immer höher keiner wallendes Gemurmel. Lichter brennen rund um den dachte an das Essen, sogar, d« übrigen Becher beihm. Der Freund der Blöcke ist er. — Jetzt geht der blieben unberührt, eine kindliche Lustigkeit mächtigte sich aller. Zug langsam herunter. Die Änführenden klatschen in „Ach, was werden wir da dies« kleinen Stück.' die Hände, nach dem Fiedeltakt des SPielmanne-, gehen , . -r' . v \ . ein Stuck, bleiben stehen, klatschen m die Hände, nach cheu iirttncr von neuem wiederholen, machte Medeltakt des Spielmanns. Mr. Davis. „Laßt uns was rechtes singen. Zum Beispiel Adon Olam." 4. Der Sänger ließ sich nicht zweimal bitten, doch Wo seid ihr alle hergekommen, Vetfrauen, Lichterkaum hatte er das Adon Olam angestimmt, als freuen, Greisinnen, Oelflammem Kerzen, buntes Gean der Tur ftch em lerfes Geräusch vernehmbar Nacht, mit Teppichstücken, Kochtopf und Schüssel und gromachte.!ßem Gebetbuch. Walpurgis in Galiläa ist dieses! Ein „Eliah, Eliah, der Prophet!" riefen alle höchst im Mond ergötzt. „Eliah komm zu uns. Wo ist sein Be-' cher? Rasch eingeschenkt!" Mr. Davis erhob sich und ries, halb ernst, halb scherzhaft: „Willkommen Rabbi!", wie er das als Kind zu tun pflegte, wenn man ihn schickte, die Türe zu öffnen. Nein, es war nicht Eliah, sondern nur Mrs. Rollinfon, die hereinkam in der Meinung, daß nun die Zeremonie erst recht begonnen habe. Sie setzte sich abseits und hörte zu. (Fortsetzung folgr.) Lag Beomer-Vilder aus Meron. (Wallfahrtsort in den Bergen von Galiläa.) Zuerst war es wie Schneeschleier auf den ausgebrerteten Hügeln — die vergingen; nun liegt Frühsonnendunst darüber, und es dampft zu den kalkweißen Leichensteinen des Friedhofs am Hügelkamm. Hingelegt, groß ausgestreckt haben sich Schatten auf den steinigen Bergen; Schatten wie Riesen. Die reichen hinein zu moosig-leuchtenden Matten. Die Bäume, die kleinen Olivenbäume, die jungen Tröster der alten Blöcke, sind alle besonnt. Sie atmen auf zum Morgen; und alle Hügel beugen sich stumm zum Himmel, und alle Berge horchen auf den Unsichtbaren; auf ihren Knien liegen die seligen Täler. Stumm trottet der Beduine im Bergpfad auf seinem Esel. Dort denkt ein Maultier über etwas nach, nahe dem Haufen halbbehauener Steine, — und wohlgefällig liegen offene Säcke voll Mandarinen vor blauer Beduinensrau. — Das Maultier denkt schon über nichts mehr nach — es döst gemach. 2. Am Himmel steht noch der Mond. Doch schon wird alles ein Morgengewimmel mit viel Geschirr. Auf allen Stufen hocken die Araberfrauen in den bunten Kattunen, die Taille umwunden von Tüchern, die hohen Brüste in bestickter Weste. Ihr Wassermädchen von dem See Kineret seid ja auch hier oben; unten im Tiberias sah ich euch vor wenigen Tagen, ihr Lieblichen, mit den Kapuzentüchern. Das Wasstrblech auf euer Haupt gestellt, auf Nester aus Klee und Gras. Bleibe nicht bei den schmierigen Buden in dem engen Gewühl der Wallfahrer! Siehe, oben bei be'ti starren Felsenmassen, wo alle Pferde, Maultiere, Esel warten, da führt der Weg zum Grab des Rabbi Jochanan Hassandelar, mitten in den Bergen. Als letztes liegt da ein kalkweißes Gehäuse: Altenhaus mit großem Jnnenhof, gleich jenem des Lehrhauses unten in Tiberias, am Seeufer, — mit Altanen und kalkbespritzten Türen. 3. Am Grab des Tanna Rabbi Jochanan Hassandelar. Der mit dem Kind auf der. Schulter, tanzt einher hinter dem tänzelnden Spielmann. Oben auf dem vorspringenden Hügelkamm sitzen die Fränkinnen und sehen leuchtend zu. Das stufenförmig gebaute, bläulichweiße Kalkmonument ist belagert von Frauen mit Kopftüchern; die heulen und klagen, und weinen große Tränen. Sie haben schwere Gebetbücher und brennende Kerzen. Alle Männer beten wie am Jom Kippur. Der schornsteinhafte Kopf des Sarkophages ist schwarz verkohlt. Dieser Steinwall ist einer der höchsten Hügelbalkone hier oben. Hochwinde schlagen die Seiten der Gebetbücher hoch. Manche Frauen und Männer stehen unter Schirmen, schwarzen Sonnenschirmen. Mit Steinchen und Steinen sind die Stufen des Grabwalls belegt. Bon unten wölben sich die Kuppeln, die drei großen des Grabhauses. Ein Bettler schüttelt seine Büchse jedem ans Ohr. Im Angesicht des Hermon alles. Er leuchtet am Horizont. Die Frauen weinen inbrünstig ganz in sich hinein und in das Grab. Bon unten kommen neue Leute; andre gehen den Serpentinenpfad zurück; nur ihr Kopf guckt heraus aus den schmalen hohen Steinwallwegen. Simon bar Jochai, ihr Volksgeliebter, ihr Weiser, ihr Kämpe —■ er ist auferstanden, hier, heute, in den slammenberauschten, in den endlos wiederkehrenden Liedern und Tänzen seines Ruhms! Feuer lodern hoch von allen Seiten; und Wildverzückte tanzen um die Feuer, und Wildentzückte werfen neue Fetzen und Seiden in die Flammen und jauchzen hingerissen in den Mondeshimmel. 5. Durch den kleinen wilden Pfefferbaum, schaue ich wieder die Gestalten von gestern abend — emporgewandt, von der Vormittagssonne beleuchtet. Sie halten sich an ihren Händen, wiegen sich abwechselnd auf beiden Beinen, kommen so langsam im Kreise herum. — Der kleine Bursch mit der Rose am Samtkäppchen, schläft auf der Schulter des tanzenden Vaters. Der ist der Schönste von allen. Aus Atlas sein Kaftan, gelbseiden und schwer. Schnapsslasche kreist. Sie tanzen jetzt zu zweit, schulterumsaßt. O! Alte Bärtige tanzen leicht, graziös, schwingen dazu Spazierstock und Beine. Da steht ein altes, frischbekalktes Gemäuer — Schale eines großen Jnnenhofes, mit Altanen, rundbogigen Gewölben, kalkbespritzten Türen. Da liegen breit auf Matten fränkische Frauen, umgeben von ihren Körben, Kissen und Teppichstücken. Ein junger Langbärtiger verschwindet in einer der vielen Türen, die wie Stalltüren sind. Ueber die Hofwände sttichen die Schatten von Vögeln. Strohsäcke hängt man heraus zum Lüften. Dicke, wie Aebte in Festkaftanen, seidene Schärpen um den Bauch, Fuchspelzrand um die Mütze, tun sich auch in das Stalltürchen. Knaben erscheinen — gebenschte —, hellblond mit Schläsenlocken, seidig geringelt, mit Bernsteinaugen: viel zu früh heut aufgewachte Kastanienaugen. Bärtige junge Väter und übernächtigte Greise hantieren mit Teekesseln, holen Wasser aus einem Faß. In einer Stube , hinter so einer bekalkten Tür liegt alles auf der Bastmatte herum: kartoffelschälende, sefardische Mädchen, kleine Kinder und Eßgerät. Nebengn verteilt jemand Gurken, die rohen jungen Gurken, die wir ja alle so lieben, weil sie fast nichts kosten. Auf einem Bett, das vollbepackt ist mit jenen kleinen länglichen Kopfkissen, die auch die Araber haben, lehnen sich Chassidim mit Reisebeuteln. 6. Flöten kommen die Treppe herab, die aus dem Hof heraufführt auf das flache Dach. Bärtige mit Trommeln und Flöten steigen herunter. Kommen die, die da oben wandeln auf dem Dach, direkt aus dem hellblauen Himmel, der verschossen ist von lauter Sonne? Steigen die Treppenaufsteigenden nicht himmelein? Jetzt eine alte Frau mit tiefer Haube; jetzt eine dünne Spaniolin mit blondem Kind auf dem Arm; mit Rosen ist sein Samtkäppchen besteckt. Dies ist der Weg in den Himmel, unmöglich anders! Tefillinbeutel, heilige Bücher, werden überall ausgepackt; dazwischen trägt einer beide Hände voll Kuchenstücke zu einem andern. — Jetzt steigt ein Knabe mit wehender Kofia (Kopftuch) hinauf auf das Dach, zwei Kerzen in den Händen. Eine Bucharin, behängt mit Goldmünzen, zieht an ihrer Wasserpfeife; kleine Aschenurne stobt vor ihr, voll glühend-winziger Kohleslückchen. Einer übergießt sich die Hände, spricht seine Brochoh und schneidet glücklich einen schneeweißen Berches an; langsam, mit Andacht, ißt er dazu ein Stückchen Fisch, ausgewickelt aus einer jiddischen Zeitung. In leeren 3uäker-Oats-Dosen holt man Wasser. Einer preist heilige Bücher zum Verkauf, laut schreiend. Jetzt geht eine Touristin in den Himmel, mit wehendem Schleier, weißen Leinenschuhen. Auf halber Treppe muß sie warten. Der Wasseraraber will herunter, er holte oben leere Behälter. Von überall jauchzt Kreistanz und Horra; erfüllt ist der Hof und die Luft. Ein kleiner Knabe mit weißer Kofia steigt hernieder; weißer Schmetterling umflattert ihn. . . Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G> m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.

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