Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit llr. 19 1931 WZ- ►'f* I /<u>/ » \< Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Akenfchenfchickfals und einer :• rf.r.. Zeikepoche. . i: 1 Bon S. Jzchaki. i->'" ^Fortsetzung). Als er nach zwei Wochen um die Mittagszeit^ den Kopf voll Heringsgedanken, zu Silberstems kam, trat Saul Goldin auf ihn zu, reichte ihm die Hand und huldigte ihm vor allem Volk bei Silbersteins etwa solcherart: „Gepriesen sei als Dichter vor dem Herrn! Dein Feuilleton „Von der Narrenbörse" in der „Hazesiroh" zeigt Talent und gute Beobachtung. Alles gut gesehen und gut geschildert. Aus Dir wird doch noch was." „Was, das Feuilleton ist erschienen?", fragte Meikemeier, nicht ohne leisen Schreck. Er hatte plötzlich das Gefühl, ein kleines Attettat begangen zu haben, was er bet der 2K>* fassung des Artikels auf den Rückseiten der Telegrammformulare nicht empfunden hatte. Bald aber ertrank diese leise Angst im Glücksgefühl des Erfolges. Der erste Lorbeer blühte, er blühte aus Weizenkörnern und Heringstonnen heraus. Es war geradezu betäubend. Einer der Teilnehmer hattedie „Hazesiroh" bei sich. Es war einer von den Brüdern Kowner, der sie wahrscheinlich in der Lesehalle heimlich eingesteckt hatte. Goldin las die Schilderung mit großem Pathos vor. Man lachte über Pointen, fand manches übertrieben, einiges nichtssagend, das Ganze aber gut gesehen und schön geschrieben. Meikemeier schwelgte in einem Wonnenschauer. Er war im Nu zum Dichter erhoben. Nachmittag stand er wieder an feinen Heringstonnen und abends bis zur Mitternacht schrieb er Adressen und Fakturen. Von Zeit zu Zeit zwinkerte er zu seinem Ehef, Herrn Jonas Kubak, hinüber. Wußte dieser schon was? Ahnts er schon, wer da vor ihm sitze und Adressen an Heringskunden schreibe? Er, ein Feuilletondichter . . . Um so überraschender war für ihn der Empfang, der ihm am folgenden Tage in der Börse am Stande von Jonas Kubak geworden war. Zuerst trat ein breitschultriger, vierschrötiger schönbärtiger Kommissionär auf ihN zu, bullte die Fäuste und sagte, er würde ihn gleich auf der Stelle ohrfeigen, wenn das nicht auf der Börse verboten wäre. Er solle sich aber ja Hüten, ihm draußen ist den Weg zu kommen. Ein anderer, jüngerer Getreidemakler fuchtelte mit den Händen und sprach von „grünen Jungen", die da von der anderen Seite herüberlaufen, vom Geschäfte nichts verstehen und die ehrbaren Makler und Kommissionäre dem Gespötte der Welt preisgeb>en. Er solle doch ja machen, daß er aus der Börse heraus komme. ' Meikemeier^mußte unwillkürlich an dien Portier in der Universitätshalle denken, der ihm ebenfalls empfahl, „etwas zu machen", um fortzukommen. Er hatte scheinbar in 5er Wissenschaft wie in der Wirtschaft die gleichen Erfolge. Ein dritter kam mit einem Haufen voll Linsen dahergerannt, die er alle auf das arme Haupt des Jünglings schüttete, als stände, er an der Seite einer Braut auf einem litauischen Ehupahof. „So eine Frechheit, so eine Unverschämtheit," kennte der Mann, „kommt daher, versteht von Weizen und Gerste rein nichts Und erzählt in den Zeitungen 5er Welt, wie wir handeln, wie wir mit den Händen reden, wie . . ." Er konnte nicht weiter, feine Stimme überschlug sich. Er spie weit und wütend aus. Zuletzt kam der Herr Kubak selbst mit dem Platt in der Hand. Er hatte erst jetzt Kenntnis von dem Attentate erhalten und sich das Blatt verschafft. Er las, wie es schien, nicht ohne inneres Vergnügen, langsam und genießerisch, Wort für Wort. Er war ein wenig Kunstkenner. Er las auch die Stellen, die deutlich ihn selbst betrafen und kämpfte sichtlich zwischen Aerger und Freude; wie ein Kind, das zwischen Lachen und Weinen das Gesicht verzerrt. Er hätte endlich fertig gelesen und sah mit großen Augen schweigend seinen „jungen Mann" an. „So so, junger Mann, dazu verbraucht man die Zeit und den Verstand, dafür zahle ich dreißig Mark Monat für Monat ..." Dann schob er die Handin die Hosentasche und holte den Geldbeutel heraus. „Fehlen noch zwei Tage zum halben Monat, aber ich zahle dennoch den ganzen halben. Monat, fünfzehn Mark. So sind die Königsberger Kommissionäre! Sie können es, wenn Sie Lust haben, wieder in der Zeitung beschreiben. Sie haben Zeit, denn bei mir haben,Sie nichts mehr zu suchen . Meikemeier schlich, sich, mit dem ersten literarischen Lorbeer geschmückt, wie ein Verbrecher davon. XIV Wiede/ Mathematik, Latein und Hunger. Aber diesmal waren die Leiden verklärt von einer Art Martyrium. Er war Opfer eines Systems, des Kapitals, er hungerte — weil er feine Seele nicht für sine Brotstulle preisgab, weil ein Apostel der Wahrheit, der kein Blatt vor den Mund nimmt — sondern es voll beschreibt und an die „Hazesiroh" schickt — hungern muß ... Er stand zmn Schmerbauch von einem Jonas Kubak in einem Verhältnis wie der Geist zur Materie. Das schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber je länger dieses Verhältnis andauerte, um so mehr verlor der Geist an Körperlichkeit, an Fülle, Form und Farbe eines körperlichen Wesens. In diesem Zustande nahm ihn einmal der große, stämmige, polternde Uritzki ins Gebet. „Zwecklos hungern ist so unsinnig wie zwecklos essen," verfügte er kurz und scharf, nachdem ihm Meikemeier den Grund seiner fahlen Backen und hohlen Augen eingestanden hatte. „Lieber zwecklos hungern, als höheren Heringszwecken dienen," gab Meikemeier stolz und bitter zurück. . , , „Der Hering in Ehren," lachte Uritzki, „ex ist G'tterspeise des Proletariers. Wir kämpfen gegen den K a v i a r,, picht', gegen den ’ Hering. : Aber lassen wir den Spaß. Kannst Du russisch? Ich meine lesen und schreiben." „Und deutsch?" „Vollkommen!" „Also kannst Du aus dem Deutschen ins Russische und umgekehrt gut übersetzen?" „Ich glaube, ja." „Und in der sozialistischen Literatur bist Du, wie ich höre, beschlagen. Bist Du auch mit dem Herzen bei uns, das heißt gegen Kapital und die herrschende Klasse?" „Ich hätte sonst mit Herrn Kubak nicht gebrochen." Meikemeier flimmerte es ein wenig vor den Augen. Vor der Seele stand chm der runde Jsprawnik in Gelgudischkin mit warnend erhobenem Finger: „Junger Mann!" . . . Aber er fügte nicht ohne überhebliche Selbstgefälligkeit hinzu: . „Ich bin Opfer des Kapitals." Uritzki drückte ihm die Hand, daß er vor Schmerz aufschrie. , „Hu bist von klicke ab Redakteur unseres „Noten Hammers". Kein Wtderwort . „Was?"! ‘ „Ich führe Dich heute noch ein. Wir haben zwei Ausgaben, eine deutsche und eine russische. Die russische wird über die Grenze geschmuggelt, die deutsche kommt hier unter die Arbeiter zur Verteilung. Alles streng geheim . . . Verräter wagen den Kopf . . . Deine Aufgabe wäre zunächst, aus den russischen revolutionären Blättern alles Brauchbare für die deutsche Ausgabe und umgekehrt aus den deutschen Sozialistenblättern alles Geeignete für die russische Ausgabe zu übertragen. Die Direktiven liegen in meiner Hand." Ohne Antwort abzuwarten, steckte er dem stark verdutzten Meikemeier einen Fünfzigmarkschein in die Hand, Vorschuß oder erstes Monatsgehalt im Voraus. Mit der Annahme des Geldes galt für beide Teile der Pakt als unwiderruflich abgeschlossen. Ganz draußen hinter den Schienen, zwischen den Scheunen und Schuppen vor dem Pregelstrom, stand ein altes Haus, unter vielen anderen kleinen alten, grauen Häusern. Unten zeigte ein rotes, bogenartlg gespanntes Schild den Gemüseladen der Frau Piepke an. Daneben schillerten m einem schmalen Schaufenster die bunten Likörflaschen einer Destillation. Durch die Türe zwischen Laden und Schenke gelangte man in einen schmalen, düsteren Gang und zu einer halsbrecherischen Treppe hinauf. Unten und in jeder Etage sah man zu beiden Seiten in kahle Armeleute-- stuben hinein. Im Erdgeschoß sägte Und hobelte ein Schreiner. Im ersten Stock ratterte eine Walzmaschine, im zweiten hämmerte ein Spengler. Hatte man sich die schmalen, zum Teil ganz geländerlosen schmutzigen Stufen bis oben hinausgewunden, befand man sich in einer länglichen Dachkammer mit halb vergitterten Fensterluken am Dachfirst. Es sah darin ein wenig wie in einem Gefängnis aus und erinnerte doch wiederum an das Büro des Jonas Kubak. Hier war die Redaktion des „Roten Hammer". Papierbälle lagen auf dem Tisch, dem einzigen Stuhl und auf dem Boden herum. Auf dem Pult standen in einem Wüste von Papieren Schreibzeug, Schere und Leim. Ein junger Mensch mit schäbiger Kleidung und wild herabhängendem Haarschopf, den Uritzki mit Kapornikow anredete, saß da und schrieb eifrig, ohne aufzufchauen. Es war trotz der frühen Mittagstunde so dunkel im Raume, daß eine Talgkerze auf dem Tische in einem Tonleuchter brennen mußte. Ein Viereck an der einen Wand erwies sich als eine Türe, hinter der ein monotones'hartes Geratter zu hören war. Uritzki, der gleich beim Eintritt die Türe von innen geschlossen hatte, führte den neuen Redakteur durch die Geheimtüre in den anderen Raum. Dort stand ein Setzerkasten, und ein zerzauster Mann hantierte mit kohlschwarzen Händen crn einer kleinen Druckhandmaschine. Unten auf dem Boden türmten sich die fertigen Exemplare zu ganzen Bergen. Wenn der Drucker stillhielt, kam Kapornikow vom anderen Zimmer und sortierte die fertigen Nummern, packte die einen in eine bereitstehende Kiste und legte die anderen zur Seite. Hier waren Setzerei, Druckerei und Expeditton auf engen Raum konzentriert, von dem aus der „Rote Hammer" den Weg über die Grenze nahm oder den Flug zu den deutschen Arbeiterinassen in den Fabriken antrat. Nur zwei Menschen bedienten den ganzen Betrieb, zu denen jetzt als intellektueller Hauptarbeiter Meikemeier hinzukam. An der obersten Spitze mit täglich neuen Direktiven, das Ganze überschauend und überwachend, stand Uritzki, der aber nur zu gewissen Zeiten für wenige Minuten in die Redaktion kam. (Fortsetzung folgt.)