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Der Israelit · 1931-04-30 · Heft 18 (30.4.1931) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 18 (30.4.1931)
Date
1931-04-30
Page
– (sequence 29)
Language
German
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7. Mai 1931 Rinderecke. Sefirah-Zeit. Ich habe Euch versprochen, dieses Mal über die schrecklichen Zeiten zu berichten, -an die uns die Trauer der Omerwochen -erinnern soll. Viele schmerzliche Erinnerungstage weist der jüdische Kalender auf, aber nach den Gedenktagen., die sich an Jerusalems Fall anknüpfen, ist keine Trauerzeit beim jüdischen- Volke mit so furchtbaren Erinnerungen verbunden wie die an mn unrv an die Verfolgungen des Jahres 1096. In blühenden, aufstrebenden Gemeinden lebten die Juden damals in den- Städten am Rhein. Sie durften sich geschützt und sicher fühlen-, sie konnten sich unbehindert dem Handel widmen und kamen allmählich durch Fleiß und- Geschick zu einem bescheidenen Wohlstand. Da trat im Frühling des Jahres 1096 mit dem Beginn des ersten Kreuzzuges der schreckliche Wandel ein. Aus allen- Gauen Frankreichs und Deutschlands sammelte sich das bunt zusammengewürfelte Heer der Kreuzfahrer. Sie zogen dem Rhein entlang, dem Morgenlanide zu, um Jerusalem aus -den Händend-er Ungläubigen zu befreien. Nicht alle aber trieb der heilige Gtaubense-ifer; viel fahrendes Volk und Gesindel war dabei, das von den kostbaren- Schätzen des Orients sich reiche Beute erhoffte oder sich aus reiner Abenteurerlust den Pilgern anschloß. Als nun dieses bunte Heer auf seinem Zugs durch die Städte längs des Rheines kam-, wo die Juden in friedlichem Wohlstand wohnten, da sprach wohl -einer zum andern: „Run ziehen wir so weiten Weg, um mit den Ungläubigen zu kämpfen und an ihnen Rache zu nehmen, und siehe, hier unter uns wohnen die Juden, die auch unfern Glauben nicht ehren und nicht bekennen. Wollen wir uns nicht zuerst -an ihnen rächen und „sie ausrotten unter den Völkern?" Da bedurfte es keines langen- Aufhetzens — ungläubig waren die Juden und Schätze auch bei ihnen zu holen — und schon stürzten sich mordend und plündernd die erregten Massen auf die unglücklichen Juden. In Speyer begann der furchtbare Sturm. Die Juden weigerten sich, von ihrem Glauben abzufallen und viele wurden -erschlagen, die nicht im Palast des edlen Bischofs Johann Schutz vor den Verfolgern fanden. Dann kam die Reihe an Worms: 800 jüdische Män-n-er wurdenhingemordet, viele gaben sich selbst den Tod, um der Taufe zu entgehen — eine ganze Gemeinde war vernichtet! Das nächste Ziel war diebedeutendste jüdische Gemeinde am Rhein, Magenza, das alte Mainz. Das schrecklichste Schicksal erwartete die dortigen Juden. In ihrer Not und Angst nach den Schreckenskunden aus Worms und Speyer hatten sich die Häupter der Gemeinde an den Erzbischof Ruthard gewandt. Er sägte ihnen seinen Schutz zu und forderte sie auf, mit ihren Frauen und Kindern und all ihrem Vermögen in die feste Bischofspfalz zu kommen, bis die mordenden Scharen vorübergezogen waren. Die ganze Gemeinde verbarg sich im Palaste des Erzbischofs — aber gefangen waren sie dort, wie man- Fische im Netze fängt! Hatte sie der Bischof verraten oder einer seiner Diener oder kam ein anderes furchtbares Verhängnis den schrecklichen Scharen zu Hilfe? Unter dem Grafen Emicho, dem grimmigsten Judenfeind, rückte fon Haufe vor die Mauern der Bischofsburg, stürmte das Tor und drang in den Hof, wo ihnendie ersten frommen Verteidiger zum Opfer fielen. Die entsetzlichsten Szenen aber spielten sich im Innern des Palastes ab; Frauen töteten ihre Kinder in ihrer Verzweiflung, Männer ihre Frauen — und wer noch lebte beim Eindringen der Feinde, wurde grausam hingeschlachtet. 1300 Männer, Der Israelit Nr. 19 Seite 15 Frauen und Kinder waren umgekommen. Eine! Höhle und rief: „Rabbi Schimon den Jochai, der schönsten Gemeinden, in der sich Reichtum und Größe und Thora und Wohltun vereint hatten — war zerstört! Auch in den übrigen Städten am Rhein wüteten die plünderndien Massen, hinterließen blutige Spuren auf ihrem ganzen Wege. Unendlich waren die Leiden der Juden in diesen Monaten des Jahres 1096, das.als ein Schreckensjahr bei unserm Volke unvergessenbleibt. Es ist freilich nicht die einzige Zeit, die mit so grausamen Verfolgungen die Juden Europas heimsuchte. In den nächsten Jahrhunderten brachten die alljährlich nach Pessach auftretenden Blutbeschuldigungennoch Tausenden von Juden in der Sefirah-Zeit die entsetzlichsten Leiden und Qualen. Aber das Jahr 1096 ist uns deutschen Juden d-och schmerzlicher eingeprägt durch die furchtbare Ausomanderfolge der Metzeleien unschuldiger Menschen. So habenauch Die Piutim der Sabbate zwischen Pessach und Schewuoth diese Erinnerungen vor -allein ausgenommen an die Zeit, -in der ganze Gemeinden von Juden den Tod erlitten, um G'tt nicht zu verleugnen und ihr Leben Hingaben mit dem Bekenntnis: "jnVn trj?1?** p«. Es ist kein G'tt außer Dir! Rabbi Schimon ben Zochai In der Nähe von Safed liegt in Galiläa ein kleiner Ort mit einer großen Vergangenheit, das alte Mer-on, in dem rn früheren Zeiten viele berühmte Ehachomim gelehrt haben. Heute ist es fast ganz verfallen und selten besucht, nur einmal im Jahr, an Lag B'Omer ziehen große Menschenmengen aus Safed- und aus anderen Gegenden Palästinas hinauf nach dem einsamen Meron, um dort den Todestag des berühmten Rabbi Schimon ben Jo-char feierlich zu begehen. Von diesem großen Rabbi erzählt uns die Gemoro folgende Geschichte: Es war einmal, da saßen Rabbi Jehudoh und Rabbi Jose und Rabbi Schimon beisammen und Jehudoh ben Gerim saß auch bei ihnen. Rabbi Jehudoh sagte: „Wie schön und wie angenehm sind doch die Einrichtungen öer Römer. Sie veranstalten Märkte, sie bauen Brücken über die Flüsse und errichten Badehäuser, daß das Vol sich reinigen kann!" Rabbi Jose antwortete nichts, Rabbi Schimon aber sagte: „Alles, was sie tun, tun sie nur sich selbst zuliebe! Märkte richten sie ein, damit sie ihren Lastern dienen; Badehäuser, um sich selbst zu verschönern und Brücken b-auey sie, damit sie Zoll erheben kön neu!" So sprach er schlecht von den Römern. Jehudoh ben Gerim hatte dabei zugehört und erzählte seinen Eltern weiter, was die Rabbomm gesagt hatten, diese berichteten es anderen und schließlich gelangte es zu den Ohren des Kaisers. Da sprach der Kaiser: „Jehudoh hat unsre Taten gerühmt — so soll auch er gerühmt und erhoben werden; Jose, der nichts gesagtzu unserm Lob. soll auch nicht mehr wellen dürfen in unserm Reich. Schimonaber hat unser Werk verachte: und geschmäht — den Tod soll er dafür erleiden!" Als dies R. Schimon ben Jochai erfuhr, versteckte er sich eilends mit seinem Sohne im Lehrhause und jeden Tag brachte ihm seine Frau heimlich Brot und Wasser ms Bethamid-rafch. Eines Tages erzählte sie ihm, daß die Soldaten des Kaisers nach ihm gesucht hätten. Da fürchtete Rabbi Schimon, seine Frau könnte auf vieles Drängen und Quälenhin das Versteck verraten, und so flohen sie aus dem Lehrhaus und verbargen sich in einer Höhle. Kein Mensch konnte wissen, wohin sie gekommen waren, und niemand konnte ihnen Speise und Trank bringen. G'tt ließ aber durch ein Wunder ihnen in der Höhle einen Johannisbrotbaum erstehen, und bescherte ihnen auch eine Quelle, so haß sie zu essen und zu trinken hatten. Um ihre Kleider zu schonen, legten sie sie nur zur Zeit des Betens an, sonst vergruben sie sich bis zum Hals im Sande der Höhle. So bliebensie viele Jahre lang in der Höhle und beschäftigten sich mit dem Studium der Thora. Als 12 Jahre verstrichen waren, kam der Prophet Elijahu, stellte sich anden Eingang der komm' heraus, der Kaiser ist gestorben, und das Unheil ist von dir abgewendet." Da ging R. Schimon mit seinem Sohne aus der Höhle heraus und sie kehrten zu den Menschen zurück. Aber sie waren so lange dem täglichen Leben ferne gewesen und als sie einige Bauern trafen, die ihren Boden pflügten, da zürnten sie über deren Tun, weil sie zu sehr an diese Welt gedacht und die künftige Welt außer acht gelassenhätten. Und sie straften die Menschen mit brennenden Blicken, da rief eine Stimme ihnen zu: „Seid ihr deshalb aus der Höhle gegangen, um die Menschen zu strafen? So wäre" es bester, ihr wäret darinnen geblieben!" Darauf kehrten sie in die Höhle zurück und blieben dort nochmal 12 Monate. Rach Ablauf dieser Zeit kam wieder eine Stimme vom Himmel: „Run gehet wieder heraus aus der Höhle!" Da tratensie ins Freie, aber noch immer waren sie zornig über die Weife der Menschen und noch immer glaubten sie, daß das Volk seine heilige Lehre mißachten würde. Run war es gerade ein Freitag, als sie aus der Höhle kamen und sie sahen einen alten Mann, der trug zwei Bund Myrten in seiner Hand. Da fragte R. Schimon den alten Mann, wozu er die Hadassim brauche. „Zu Ehren -des Schabbath", antwortete der Alte. „Da hast du doch wohl an einem Bund genug?" sagte R. Schimon. „Nein, ich brauche sie beide," erwiderte der alte Mann-, „einen entsprechend dem „Hüten" und einen zum „Gedenken" des Schabbath!" Da freute sich R. Schimon undsprach zu seinem Sohne: „Nun weiß ich doch endlich, daß das Volk Jisrael die Gebote des Heiligen (gelobt sei er) noch innig liebt" und ihre zornigen Gedanken beruhigten sich. Inzwischen hatte sich die Kunde schon verbreitet, daß R. Schimon ben Jochai zurückgekehrt, den jeder schon to-tgeglaubt hatte. Sein Schwiegersohn, R. Pinchas, kam ihm entgegen und traf ihn bei den warmen Quellen von Tiberias, wo R. Schimon seine matten, narbenbedeckten Glieder badete. Rabbi Pinchas weinte bei dem Anblick der vom Sande zerrissenen Haut und rief: „Wehe mir, daß ich dich so sehen muß." Aber Rabbi Schimon erwiderte: „Nicht wehe dir, sondern heil dir, daß du mich so siehst! Würdest du mich nicht so in meinen Wunden schauen, so könntest >du auch den Glanz der Thora nicht sehen, die ich mir in den Jahren meines Höhlenlebens erworben habe." Denn Rabbi Schimon ben Jochai war ein ganz großer Weiser geworden, weil er sich so lange Jahre nur der heiligen Thora gewidmet hatte. Briefkasten. Wir bekamen vor Pessach ein nettes Geschichtchen gesandt, das vom Wettstreit der einzelnen Dinge auf der Sederschüssel handelte. Beim eifrigen Reinemachen wanderte leider die kleine Karte in den großen Papierkorb und der Absender war nicht mehr zu ermitteln. Wir möchten ihm deshalb an dieser Stelle dafür danken und ihn bitten, uns doch wieder einmal etwas zu senden! m Silben-Rätsel. 1 und 3: 3 und 4: 1 und 3 und 4: 5 und 4: 1 und 2 und 5: Anstatt der Zahlen ist in jedes Feld eine Silbe zu setzen. Es ergibt dann: Einen Propheten Einen Propheten Einen treuen Freund Einen Empörer Einen Hohepriester. Auflösung des Rätsels in Rr. 14: Der Buchstabe „V ". Richtige Lösungen sandten ein: Ilse Lewin, Rastenburg (Ostpr.); Meier Front; S. Knöpfelmacher, Kopen' Hagen; Fredel Bamberger, Frankfurt a. M.; Heinz I. Heilbronn, Gallingen; Kurt Eisemann, Nürnberg; Hanna u. Jakob Feuchtwanger, Nürnberg; Josef Toner, Frankfurt a. M. Eine sehr hübsche Lösung sandte Hermann Tayer, Frankfurt a. M.: Es sei das Wort 3’bdv, das in eder Megilloh (d. h. in Megillas Esther) und in jeder Tfilloh (d. h. in jedem Siddur) vorkomme, das man am Sederabend zweimal sage, das aber in der Tauroh nirgends steht. Gemeint war diese Lösung steilich nicht, aber sie ist doch gut, nicht wahr?

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