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Der Israelit · 1931-04-30 · Heft 18 (30.4.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 18 (30.4.1931)
Date
1931-04-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Jsraelit Nleikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeitepoche. j Von S. Jzchaki. ^Fortsetzung), Dieser Zusammenstoß auf der finsteren halsbrecherischen Treppe war entscheidend für eine kleine Periode seines Lebens, mittelbar auch für seine ganze Zukunft. Oben in dier Dachkammer lag alles in- und durcheinander, Papiere, Konzepte, Frachtbriefe, Erbsenkörner, Linsen, Hirse, Reispröben, Heringsschwänze stauten sich zu Bergen auf dem Tische. Zwischendurch Tinte, Schreibzeug, Kopierpresse und dergleichen mehr. Sonstige Utensilien waren nicht zu sehen. Es war zu erkennen, daß diese Kammer nicht zu den Wohngemächern des Herrn Kubak gehörte. Hier hatte er nur feist Büro, sein Kontor, seine Kanzlei, sein Geschäftslager, seine kleine Privatbörse, geöffnet von 9 Uhr abends an. Herr Kubak machte es sich ganz gemütlich, zog d^n Rock aus, schob die Füße, nachdem er die Schuhe abgestreift hatte, in große Pantoffeln, zog das große Notizbuch aus der Tasche und setzte sich gleich an die Schreibarbeit. Zwischendurch examinierte er mit zwinkerndem Seitenblick dien Bewerber. „Sie können hebräisch?" „Vollständig." „Sie schreiben russisch?" „Ja." „Und deutsch?" „Kann ich genügend." „Buchführung?" „Keine Spur." „Rechnen?" „Ja, Logarithmen, Wurzeln." „Was? Ich handele nicht mit Wurzeln und Logarithmen," — es war nicht ersichtlich, ob Herr Kubak einen Witz machen wollte, oder es ganz ernst meinte —, „ich handele mit Heringen, Weizen, Erbsen und Bohnen, und meine Kundschaft, . für die ich hier auf der Börse handele, wohnt in Beßarabien und PodMen. Ich bin der vermittelnde Kommissionär. Alle Briefe von ihnen und an sie werden hebräi sch geschrieben.. Nur einige wollen auf russisch informiert sein. . Deutsch brauchen, wir nur für die Adressen. Zeigen Sie Ihre Handschrift." Meikemeier gab eine Schriftprobe. „Ganz abscheulich," urteilte Herr Kubak. „Aber die Ochsen auf der Post werden es schon lesen können. Wie ist der hebräische Stil?" Meikemeier zeigte ihm einen Artikel, den er für die hebräische „Hazefiroh" in Warschau angefertigt hatte. Herr Kubak kniss die Augen zu und las sehr interessiert. Er war Literaturfreund. „Junge Mann," sagte er dann, „Sie scheinen mir ein Dichter zu fein. Das müssen sie sich ganz und gar abgewöhnen. Sehen Sie mal her, wie wir hebräisch schreiben." Er hielt ihm einen Brief vors Auge. Meilemerer las zwei Zeilen in >einem holprigen, mit jüdisch-deutschen Ausdrücken durchsetzten Hebräisch, darin Herr Kubak einem Kaufmann in Berdrlfchew mitteilte, daß d>er Waggon Weizen eingetroffen und zu dem und dem Preis verkauft wurde. „Das wirdsich schon finden," lenkte Herr Kubak ein. „Alle kommen sie als Dichter, Schriftsteller und Philosophen herüber und entwickeln sich, wenn sie ein wenig Gehirn im Kopf haben, nach und nach zu ganz brauchbaren Herings- Händlern. Also abgemacht! Sie könnengleich anfangen. Zunächst die Adressen aus deutsch nach der Lifte, die ich Ihnen gebe. Die Briefe müssen heute noch durch Sie in den Zug geworfen werden, der kurz nach zwölf Uhr nachts vom Ostbahnhof nach der russischen Grenze aügeht. Sie . müssen wissen, junger Mann, Unsere Bürozeit ist so abends von 9—12 Uhr, nur selten wird es etwas später ..." „Und vormittags und tagsüber?" wagte Meikemeier zu fragen. „Den ganzen Vormittag bin ich auf der Getreidebörse, da kommen Sie natürlich mit und besorgen die Botendienste. Nachmittag bin ich in den Heringslagern am Hafen, da haben Sie nur bei der Verpackung der Tonnen ein wenig zu beaufsichtigen. Gearbeitet wird, wie gesagt, nachts." „Und mein Gehalt?" „Sie erhalten dreißig Mark im Monat und können es bei mir, wenn Sie sich Mühe geben, noch weiter bringen." Meikemeier hörte von all dem nur die dreißig Mark. Das schien chm ein immenses Vermögen. So viel hatte fein Vater, der Schächter, nie verdient und hatte Kinder großgezogen. Er selber hatte in Gelgudischkin in einem ganzen Jahre ungefähr so viel erübrigt. Freilich mußte er hier Kost und Logis bezahlen. Aber dreißig Mark waren eben dreißig Mark. 1 Und das Studium, die Vorbereitung zur Universität, die lateinischen Vokabeln, die Logarithmen, die Artikel für die „Hazefiroh"? erhob etwas in ihm Einwand. Vielleicht würde am Tage, in der Börse oder am Heringshafen etwas Zeit dafür übrig bleiben, vielleicht auch nicht. Dann mußte man diese Dinge eine Zeitlang zurückstellen. Zunächst hatte er leere Taschen und einen leeren Magen, und es winkten dreißig Mark, Monat für Monat. So wurde Meikemeier Angestellter, der „junge Mann" — wie man es damals in Königsberg nannte — des Herrn Jonas Kubak, Vörsen- und Heringskommissionär in der Königsberger Vorstadt. XHI. Meikemeier hatte sich seine Ausgabe leichter vorgestellt, als sie war. Ein Schemel zum Studium war sie nicht. Er stand den ganzen Vormittag und den ganzen Nachmittag im Dienste des Herrn Jonas Kubak, und abends wurde gearbeitet. Von den Weizen- und Erbsengeschästen aus der Börse verstand er nach wie vor nichts, so wenig wie von den diversen Heringssorten, aber er hatte dabei zu sein und die Botendienste zu besorgen. Im Heringshafen sahen es die Arbeiter nicht gern, daß-er ihnen beim Packen der Tonnen, im Aufträge Kubaks, auf die Hönde schaute, hänselten ihn.und bedrohten ihn auch gelegentlich Nachts mußte die Korrespondenz gegen zwölf Uhr fertig sein, da der Zug genau um die Mitternachtsstunde aus dem Ostbahnhof hinausfuhr. Alles in allem ein Arbeitstag von der Frühe bis zur Mitternacht, mit einer knappen Mittagspause, die bei Silberstein, wieder bei dampfender Suppe und hochsteigenden Worten, verbracht wurde. Mit den lateinischen Vokabeln und mathematischen Formeln war es fürs erste aus. Er schrieb Frachtbriefe, schrieb Adressen, verständigte in Memoranden Herrn Ivel Lokschenkugel in Lemberg oder Jauno Zimmes in Lublin, daß „ein Waggon Heringe, Schweden oder Schotten, auf ihre Kosten und Gefahr abgegangen sei." Ein Waggon; nicht mehr und nicht weniger. Um 12 Uhr nachts mit dem Zuge aus dem Ostbahnhof, nicht früher und nicht später. Alle Musen schwiegen, alle Lichter waren erloschen. Ueberall, wohin er sah, nichts als Weizen, Korn, Erbsen und Linsen, schwedische und schottische Heringe. Er wußte gar nicht, daß es soviel Heringe auf der Welt gab. Eine Sintflut er. t$ m\ von Heringen, die all seine Ideale und Jugendträunre in ihrer Salzbrühe ertrinken ließen. Er mußte sich aus irgend eine Weise wehren, rächen, dem Hagel von Weigenkörnern im Narrenhause, Börse genannt, und der Heringsslut entgegenstemmen. Auch der Welt und Herrn Kubak zeigen, daß er für etwas besseres geschaffen sei, als für Botendienste, Adressenschreiben und den Geruch von Heringen . . . Und er rächte sich. Eines Tages ging er nach Schluß der Börse um die Mittagszeit nicht wie sonst zu Silberstein, sondern aufs nächste Postamt. Dort lagen Telegrammformulare in Bündeln auf dem Pult, jedes mit einer leeren Seite, die nach Beschriebenwerden geradezu schrie. Eine blaßgraue Tinte war im Faß und eine schlechte Feder an einem beschädigten Halter dazu. So stellte er sich ans Pult undfing an zu schreiben, schrieb und schrieb, daß er Handschwielen bekam, beschrieb ein Formular nach dem andern, schrieb zwei Stunden lang. Dutzende von Formularen mußten ihre leeren Seiten dazu hergeben. Und als er endlich fertig war, war aus einem Gusse ein Aufsatz entstanden über das „Narrenhaus der Weizen- und Gerstenkörner in Königsberg". Seine ganze Wut, feinen ganzen Aerger hatte er sich von der Seele geschrieben, und es war ihm jetzt wohler. Er wußte selber nicht, woher ihm all die Gedanken zugeflogen kamen. Mit der Lauge des Spottes übergoß er die Händler und Kommissionäre auf der Börse; schilderte, wie sie mauschelten und mit den Händen fuchtelten und sich gegenseittg in Aufschneidungen Überboten: schilderte auch die Vorgänge im Heringshafen, zeichnete den ruhigen, vornehmen, stets reservierten Deutschen mit seinen gemessenen Worten und Gesten im Vergleich zum wilden Rennen und Hasten des kleinen, feilschenden, aus Rußland kommenden Händlers. Auch viel Persönliches wußte er von ihnen zu erzählen, ihre ungeregelte, keine Zeitgrenze kennende Nachtarbeit und die Art, wie sie ihre Angestellten ausnutzen. Kleine menschliche Schwächen wurden in den Vordergrund gezogen und dem Spotte der Welt ausgesetzt. Daß ihm bei all dem sein Chef selbst vor dem Geistesauge als Modell stand, daß er dessen Porträt in karikaturenhafter Verzerrung entworfen hatte, kam ihm kaum selbst zum Bewußtsein. Nachdem er das Ganze leicht überflogen hatte, steckte er die vielen Blätter in ein Kuvert und adressierte sie an die „Hazefiroh" in Warschau. Ein wohliges Gefühl der Erleichterung und Entspannung durchrieselte ihn. Das war einmal etwas anderes, als die ewigen Frachtbriefe und Heringsrechnungem, - ' ■ Als er nach Einwurf des Briefes leichtbeschwingt die Treppe hinunter eilte, schrie ihm der Beamte hinter dem Schalter etwas nach. Da er auf den Ruf nicht reagierte, kam ihm der Mann wie ein wilder Tiger nachgesetzt: „Sie, was haben Sie hier zwei Stunden lang gemacht und geschrieben? Dachte, Sie wollten mindestens dreißig Depeschen ausgeben, nun laufen Sie davon. (Sloitben Sie etwa, wir legen das Papier für Ihre Schmierereien da auf? Wissen Sie, daß das strafbar ist? Ich zeige Sie wegen Materialbeschädigung an." Im Schreien und Grollen des erzürnten Mannes sank Meikemeier immer tiefer die Treppe hinunter und verschwand lautlos im Gewühls der Vorstadt. Er dachte vergnügt: „Schade, auch diese Szene hätte mit hineingemußt . . ." Wie oft hatte er Artikel und' Feuilletons nach Warschau geschickt, die dort im Orkus des Papierkorbes verschwanden oder in Akten ihr Massengrab fanden. Auch diesesmal genügte ihm schon, daß er sich all den Groll vom Herzen geschrieben hatte. Der ewige Heringsgeruch wurde seitdem erträglicher. (Fortsetzung folgt.)

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