Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450670--77860-2535515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 18 Der Israelit 30. April 1930 Jüdisches Ritual und Psycho- Analyse. Im 16. Band der Zeitschrift für Anwendung der Psycho-Analyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften (1930) finden sich zwei sehr interessante Aufsätze, die sich mit jüdischen Dingen beschäftigen. Georg Langer, bekannt durch seine verschiedenen Schriften über die Kabala, schreibt über die „Jüdischen Gebetriemen" und Theodor Reite über „Gebetmantel und Gebetriemen der Juden". So sehr man den subjektiven Ernst der Autoren anerkennen muß, so wenig kann man das Ergebnis dieser wissenschaftlich sein sollenden Phantasien ernstnehmen. Die Psycho-Analyse stellt, von einer Art Zwangsvorstellung beherrscht, alles auf das sexuelle Gebiet ein, alles sucht sie in seinen letzten Zwecken auf den Erhaltungstrieb zurückzuführen. Tefilin und Zizis sind aber doch ganz offensichtlich Gebote, die in ihren Grundgedanken einzig und allein aus G'tt und auf nationale Erlebnisse Hinweisen und das geistige und sittliche Leben beeinflussen sollen.. Es mutet geradezu lächerlich an, wenn Langer z. B. die kleine Erzählung Sabb. 49a im Zusammenhang mit Ausdrücken bringt, die der Volksmund für das erotische Leben geprägt hat. Ebenso, wenn Langer (Seite 7) die Freude des jüdischen Knaben in seiner Pubertät bei der Erfüllung des Tefilinanlegens durch die phantastische Behauptung verständlich zu machen sucht, frisches Leder übe eine sexuelle Einwirkung auf den Geruchssinn aus! Man darf wohl sagen, daß das Gefühl jedes denkenden Menschen, der einmal die Bibel gelesen hat, sich gegen eine solche mit den Haaren herbeigezogene Verunreinigung einfachster psychologischer Tatsachen aus das allerschärfste wehren muß. Der Fleiß, mit dem die beiden Verfasser der vorliegenden Schriften alles „zusammengetragen" haben, was im jüdischen Religionsgesetz in Bezug auf die genannten Ritualien niedergelegt ist, soll nicht im entferntesten verkannt werden. Von diesem Gesichtspunkte aus sind die Schriften vielleicht ein wertvolles Lehrmaterial für diejenigen, die das jüdische Gesetz nicht im Urtext lesen können, aber die erotische Zwangsneurose des Psychoanalytikers wandelt das Sinnvollste und Natürlichste in gespreizten Unsinn. Auf daß der Humor nicht fehle! Tefilin und Zizis sind Teile der Bekleidungsstücke einer primitiven Bekleidungspraktik als Tier und somit Ersatz des heiligen Tierfelles, der G'ttheit lebendiges Kleid, seelische Verbundenheit mit dem Gefühls- und Gedankenleben der Ahnen. Tefilin sind ein Ersatz für jene Teile des Tierfelles, das die antiken Israeliten anlegten, um sich mit ihrem tetomistifchen Gotte zu identifizieren. Da das Tclllis aber aus Schafwolle ist, so muß eben der Einwand damit erledigt werden, daß man auf historische Momente hinweist und mit der Beobachtung, daß nicht selten die Ablehnung der einen Art des Teutotems durch eine andere im Laufe der Geschichte antiker Stämme nachgewiesen werden kan.n Daß auch eine innere Beziehung zwischen dem jüdischen Tallis und dem katholischen Skapolier besteht, ist eine alte Anschauung. Das Primäre ist allerdings der Tallis. Die beiden Schriften haben in ihrer Darstellung weder der Psycho-Analyse etwas Wertvolles gegeben, noch dem Judentum einen Segen gebracht. Ich könnte die Stürme der Entrüstung gewisser Kreise begreifen, wenn ein jüdischer Gelehrter über Einrichtungen der katholischen Kirche, ihre religiöse Bedeutung und ihren Einfluß auf das Leben solcherart schreiben würde. Aber daß man in das Judentum und seine religiösen Gesetze Gedanken hineinträgt, die ihnen nicht innewohnen, und sie damit der Lächerlichkeit preisgibt, scheint gestattet zu sein. Das wahre Wort, mit dem Reike feine Abhandlung schließt, daß in den psycho-analytischen Untersuchungen häufig eine Erklärung „an den Haaren herbeigezogen" ist, hat wohl selten eine solche der Wahrheit entsprechende Bestätigung gefunden wie hier. — Auf einige Kleinigkeiten sei aufmerksam gemacht. Reike Seite 9 soll wohl Sonnabend heißen statt Sonntag, denn Sonntag werden Tefillin gelegt, Seite 12 nicht Godell, sondern Godol, nicht Kamfot, sondern Kanfot. Langer, Seite 40 im Schlußabsatz entspricht nicht den Tatsachen, im Gegenteil, das Judentum verbietet diese Art der Totenbehandlung: das kann ihm jeder Laie, der Mitglied einer Beerdigungsbrüderschaft ist, bestäligen. Vielleicht bietet sich auch Gelegenheit, an anderer Stelle auf andere Jrrtümer aufmerksam zu machen. —r—. pessach inmitten des Odenwalds. Der Schnellzug auf der Strecke Stuttgart—Heidelberg rastet nur wenige Augenblicke in der Station Eberbach. Wenige Reisende verlassen den Zug. Kurz darauf bin ich in den reingehaltenen Straßen dieses Neckarstädtchens. Ein Kraftwagen der Reichspost bringt uns durch prächtige Waldungen in einer knappen halben Stunde von dem 130 Meter hoch gelegenen Eberbach nach Strümpfelbrunn, das, umrahmt von dunklen Wäldern, etwa 600 bis 700 Meter hoch liegt. Das erste Haus dieses Ortes ist das Wirtshaus zum Löwen, das wir besuchen. Dies ist ein Wirtshaus, wie tausend andere und trotzdem so ganz anders als andere, denn der Wirt betätigt sich nicht nur in seinem Berufe, sondern auch in allen Angelegenheiten der Kehillah. Diese Kehillah Strümpfelbrunn hat meist nur am Jomtow Minjan. Als eine lobenswerte Eigenart ist hervorzuheben, daß hier, entgegen dem „Minhag" der meisten Landgemeinden, während des G'ttesdienstes kein Wort gesprochen wird. Alle Anwesenden sind mit Herz und Seele bei der Tesilloh. Ein Privatmann, der seit Jahrzehnten oorbetet, läßt es sich trotz seiner 75 Jahre nicht nehmen, auch an den Pessachtagen vorzuoren. Die gleichen Melodien, wie sie sein Ahne sang. Die Gemeinde feiert in diesem Jahre das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge. Es lockt den Fremden, durch die Fenster der Synagoge zu blicken, um das herrliche Bild in sich aufzunehmen. Eine Eintracht herrscht unter den Mitgliedern, wie man sie ihresgleichen wohl kaum in anderen Landgemeinden antrifft. Diese drückt sich besonders darin aus, daß jeder, der zur Thora tritt, jedem Gemeindemitglied, ob verwandt oder nicht, einen Mischeberach zukommen läßt. Nach dem G'ttesdienst geht es wieder zu unserem Wirt. Er versteht, den Seder in altherkömmlicher Weise mit lieblichen und vertrauten Melodien zu geben. Die Festtafel in diesem einfachen Dorfgasthof kann von erstklassigen Hotels berühmter Badeorte wohl kaum übertroffen werden. Ausflüge geben den Cholhamoed-Tagen einen besonderen Reiz. Einer wird besonders in guter Erinnerung bleiben. Er führte uns in die wildromantische Wolfsschlucht. Hier rauscht zwischen hohen nackten Felswänden ein reißender Wildbach. Er stürzt immer tiefer und tiefer, um nach wenigen Kilometern sich in den Neckar zu ergießen. Es war ein schönes Fest, das man im Odenwald auf einem gesegneten Fleck Erde bei tiefreligiösen Menschen und bei allerlei Kurzweil verbrachte. K. Rinderecke. Wallfahrt zum Pessachfeske. II. Die Tore der heiligen Stadt waren weit geöffnet, als Azaljah mit seinen Begleitern inmitten anderer Pilgerscharen in Jerusalem eintras. Zitternd vor freudiger Erregung wollte Azaljah semem freundlichen Gönner dafür dünken, daß er ihn nun wirklich nach Jerusalem geführt hatte. Doch siehe — im Gewühl der Menge war der Fremde verschwunden und Azaljah konnte ihn nicht mehr entdecken! Das Kamel trug ihn sicher und ruhig durch die belebten Straßen einer Herberge zu. Kaum aber war Azaljah mit Hilfe des herbeieilenden Wirtes abgestiegen, da war auch das Kamel seinen Blicken entschwunden. Am nächsten Tag war der 14. Nissan. Die ganze Stadt rüstete sich mit heiligem Eifer zur Darbringung des Pessachopfers. Der König Josiah selbst hatte es geboten, wie die Priester und die Lewiim die Ordnung zu halten hatten; die Sänger standen auf ihrem Platze und mit silbernen und goldenen Stäben ordneten die Pförtner den Zugang zum Vorhof. Von weitem hörte man schon die Lobgesänge und das mächtige Saitenspiel aus dem Tempel. Auch Azaljah war unter den Tausenden von Menschen, die durch die Straßen Jerusalems dem Tempel zuströmten. Aber Azaljah jubelte nicht mit der Menge; müde und langsam ging er im Gedränge und bitterer Schmerz 'erfüllte ihn: es hatte ihn niemand gebeten, an seinem Pessachopfer teilzunehmen! Traurig betete er zu G'tt, er möge ihm nun noch einmal helfen, nachdem er ihm doch in so wunderbarer Weise beigestanden hatte, nach Jerusalem zu kommen. Da berührte eine Hand seine Schulter — und neben ihm stand sein vornehmer Freund von der Reise. Er ließ Azaljah gar nicht zu Worte kommen und' sprach: „Mein lieber Reisekamerad, wie habe ich dich gesucht! Mein Haus ist zu klein für ein Lamm und nun bitte ich dich, bringe du mit mir zusammen das Pessachopfer dar und laß es uns heute Nacht in Freude und Frieden zusammen verzehren!" — Wortlos nickte Azaljah; er war zu gerührt, um sprechen zu können. Run schritt er an der Seite des stattlichen Fremden dem Tempel zu und es war ihm, als bahne sich ihnen nun von selbst der Weg durch die Menge. Sie gelangten in den Vorhof >bes Tempels, wo die Priester und die Lewiim den heiligen Dienst verrichteten. Wie im Traume sah Azaljah die feierliche Handlung, vernahm er die herrlichen Gesänge, die sie biegleiteten, undwie ein wunderbarer Traum war es ihm auch, als er mit dem gütigen Fremden beim Mahl des Pessachopfers faß. Kaum konnte er es glauben, daß er, Azaljah, es nun wirklich erreicht hatte, was sein höchster, innigster Wunsch gewesen war. Verzückt schloß er die Augen — als er sie wieder öffneteda war der Platz neben ihm leer! Bestürzt fragte er die Nächstfitzenden, wo denn sein Freund so plötzlich hingegangen wäre. Aber niemand wußte etwas von ihm, niemand hatte ihn gesehen. Da erkannte Azaljah, daß er nur durch ein Wunder G'ttes zur Erfüllung seines Wunsches gelangt war und dankte G'tt aus freudigstem Herzen für feine Hilfe. Nach Hebron aber kehrte Azaljah nicht mehr zurück, er konnte sich nicht mehr trennen von der heiligen Stadt. Er starb in seinem geliebten Jerusalem und wurde dort auch begraben. vom Omer. Denkt Ihr eigentlich daran, wenn Ihr vom „Omern" sprecht, was dieses Wort im Grunde bedeutet? Daß Omern nicht zählen heißt, wißt Ihr natürlich schon längst und den meisten von Euch ist wohl auch bekannt, baß Omer ein Maß ist, z. B. aus dem Abschnitt vom Man-, das ungefähr für die Tagesnahrung eines Menschen reicht. Um was für ein Omer handelt es sich nun hier, nach welchem .wir unser Zählen benennen? Um das erste geschnittene Omer der jungen Gerste, das am 16. Nissan (also am ersten Tag des Omer) im Tempel dargebracht wurde. Von diesem möchte ich . Euch ein wenig erzählen. Das Schneiden dieses ersten Getreides war eine sehr feierliche Handlung. Noch, am Abend des ersten Peffachtages gingen die Boten des Beth- Din eiligst aus Jerusalem hinaus aufs Feld, und banden die stehenden Halme zu Garben zusammen, damit man sie leichter schneiden könne. Von den nahe gelegenen Orten versammelten sich viele Menschen um den Platz, damit das Schneiden in großer Oeffentlichkeit und Feierlichkeit vor sich ginge. Als es dunkel wurde und alle Umstehenden es bestätigten, daß die Sonne untergegangen war, durfte der Schnitt der jungen Gerste beginnen. In der Nacht wurde sie geschnitten und das noch frische (Betreibe in einem großen Korb in den Vorhof des Tempels gebracht. Am Morgen wurde es dort mit leichten Stöcken gedroschen, am Feuer geröstet und dem Winde zum Trocknen hingebreitet. Dann wurde es gemahlen und durch dreizehn Siebe geschüttelt, bis es ganz rein und fein geworden war — und dann erst wurde es vom Priester vor dem Ewigen dargebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt durfte Brot und Mehl von der neuen Ernte nicht gegessen werden. Nun aber, nachdem die erste junge Frucht zur Ehre G'ttes im Heiligtum auf den Altar gekommen war, da stand es jedem in Israel frei, vom neuen Getreide zu essen. Die Märkte Jerusalems füllten sich und schmückten sich mit Früchten und in allen Teilen des Landes wurde frohgemut die Ernte begonnen. Von diesem Tage aber, an dem das Omer bargebracht wurde, zählen wir die sieben Wochen des Omer, die eine schöne, fröhliche Zeit für Israel bedeuteten, als es noch im eigenen Lande war. Für uns jedoch sind die Tage des Omer eine Trauerzeit geworden, voll schmerzlicher Erinnerung an die schlimmsten Verfolgungen unsres Volkes. Von diesen traurigen Gedenktagen will ich Euch das nächste Mal berichten. Afikomon. Bei der Pr e i s a u f g a b e war leider in einem kleinen Teil der Auflage ein Buchstabe des Wortes pwa« weggefallen, aber zum Glück habe alle unsre lieben Einender und Einsenderinnen doch verstanden, daß das ehlende -i* noch zu den sieben Buchstaben gehört, die nan verwenden durfte. Nun seid Ihr bestimmt alle urchtbär gespannt, wer die beste Lösung gefunden hat — aber leider war es noch ganz unmöglich, die große Menge der Einsendungen durchzusehen und die vielen, vielen Wörter zu prüfen. Aber in 14 Tagen habe ich mich hoffentlich durch diesen Berg durchgelesen und in der nächsten „Kinderecke" findet Ihr dann die Namen der glücklichen Preisgewinner.