Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 18 Seite 5 3,0. April mi Än Preußen Men die Verhältnisse so,.Unrecht, es zu beschönigen. Man lasse sich auch hrte SlrtSuw/ti 4X.u Jv—C. Cr _ 6. .yj."i daß (nach einer amtlichen MütieÄung des MlNrstermms für Wissenschaft, Kunst und Vnlksbrldung) im Jahre 1935 ca. 7000 beschäftigungslose Assessoren das akademische Proletariat vermehren^ werden, während i Aeichzeitig noch 4—5000 m der Ausbildung begriffen sind. Die jüngst eingetretenen Sparmaßnahmen (Erhöhung der Pftichtstundenzahl) haben wieder Hunderte von Planstellen überflüssig gemacht, so daß der im vorigen Jahr noch auf jährlich 800 Assessoren angegebene Bedarf, unter Emrechnung der Befchäftigüngsmöglichkeit im höheren Privatschuldienst, heute auch nicht mehr erreicht wird. Das sind niederschmetternde Aussichten, für die Studierenden sowohl und ihre Ernährer, wie für Ae verantwortlichen Stellen, denen die Berufsausbildung und Auswahl dieser viel zu vielen obliegen wird. Ein junger Philologie-Student von heute hat damit zu rechnen, daß er nach 4—5jährigem Studium und 2jähriger praktischer Ausbildung über 10 Jahre außerhalb feines Berufes, günstigenfalls durch Erteilung von Vertretungen im Schuldienst, sich durchschlagen muß. > > Liegen die hier geschilderten Verhältnisse bei den jüdischen . Schulen genau so? Um die Antwort vorwegzunchmen: Die Lage ist hier nicht besser, eher schlechter als an den öffentlichen Staatsschulen. Eine Umfrage an alle jüdischen höheren Schulen in Deutschland nach ihrem voraussichtlichen Bedarf an Lehrkräften in den nächsten 10 Jahren hat ergebene daß nur ganz wenige Stellen zu besetzen sind. Das liegt einmal an der Tatsache, daß die Mehrzahl der Schulen Neugründungen sind mb über ein erstaunlich junges Kollegium verfügen, so daß die Zahl an „Abgängen" sehr gering ist. Außerdem ist der Aufbau fast aller in Betracht zuziehenden Schulen zum Stillstand gekommen, undeine Ueberficht beweist, daß selbst bei einem Aufbau aller jüdischen Schulen Deutschlands der Bedarf an Lehrkräften schon im Jahre 1926 aus Jahre Hinaus gedeckt war. Unterschiede sind natürlich hinsichtlich der einzelnen Fakultäten zu machen. Alle Schulen verfügen über eine Ueberbesetzung an Mathematikern, -anscheinend eine Auswirkung der -alten Legende, daß wir Juden für Mathematik besonders begabt seien. Bis zum vorigen Jahre herrschte an Germanisten und Historikern ausgesprochener Mangeln der an manchen jüdischen Schulen zur Beschäftigung nichtjüdischer Lehrkräfte gerade m diesen Gesinrmngsfächern führen mußte, inzwischen hat aber in diesen Fachgruppen elfte so große Anzahl die Referendarprüfung gemacht, daß ab Herbst 1932 -eine -ganze Reihe von jüdischen Germanisten. und Historikernohne Stellungsein wird. Bei. den Neusprachlern liegen die Verhältnisse ähnlich. Die Lage der Germanisten jedoch verschlechtert sich noch dadurch, daß'. bei ihnen wenig Aussicht besteht, -an einer öffentlichen Schule angestellt,zu werden. Deutsch und Geschichte sind zwei - derartig weltanschaulich gebundene Lehrfächer, daß kaum ein ni-chtjüdifcher Direktor einer! ausgesprochen jüdisch-orchodox -eingestellten Lehrer mit diesem Unterricht — speziell m der Oberstufe — betrauen wird. Dazu kommt die Schwierigkeit auch'für den jüdischen Lehrer, der — es rührt diese Frage an ein tiefes, hier nicht näher zu behandelndes Problem — den Unterricht an nichtjüdWen Schulen gerade in diesen Fächern oft als eine G-ewissensbe-lastung -empfinden muß. Dagegen bleibt wenigstens den Mathematikern und in gewissem Sinne auch den Neusprachlern die Möglichkeit, auch an anderen Schulen unterzukommen, aber diese Möglichkeit ist nach den obigen statistischen Darlegungen nur theoretischer Art, die Fachgruppen selbst sind schon lange übersättigt. Als Fazit sei festgestellt: Die Philologenlaufbahn ist heute so überfüllt, daß nur dringend vom betr. Studium abgeraten werden kann. Und dabei ist leider kein- Unterschied zu machen zwischen jüngeren und älteren Semestern. Das hier. ge-, zeichnete Bild ist keineswegs zu trüb, es wäre rUcht -dadurch täuschen, daß zuweilen Fakultäten wie Erdkunde und Biologie noch gefragt sind. Denn bei den wenigen Wochenstunden, die -diesen Fächern zur Verfügung stehen, genügt meistens eine einzige Lehrkraft zu threr Besetzung, es geht also nicht an, daß, von dieser vagen Hoffnung verleitet, Dutzende van jungen Studenten diese Fakultas zu erstreben suchen. Sollten, trotz allen Warnungen, doch noch Studenten die Studien^ ratslaufbahn einschlagen wollen, so sei ihnen folgendes geraten: 1. Wer nicht damit rechnen kann, daß er wissenschaftlich und pädagogisch hervorragend qualifiziert sein wird, der ziehe eine bescheidene Lebensstellung einer unsicheren Hoffnung vor. .2. Jeder Student fei darauf bedacht, sein Studium so einzuri-chten, daß -er nicht im Studienratsberuf allem Verwendung finden kann. 3. Jeder —, ohne Unterschied des Faches — : sichere sich durch gründliche Kenntnis einer . f fremden Sprache die Möglichkeit, auch außerhalb Deutschlands seinen Weg zu machen. 4. Jeder Student halte -es für feine Pflicht, auch auf dem Gebiete des rem jüdischen Wissens Beachtenswertes zu leisten, denn!' immer wird an Mischen Schulen der Lehrer bevorzugt, der neben feinem -eigentlichen Fachstudium sich auch um fein jüdisches Wissen bemüht hat. Korrespondenzen nacbricbte«. Deutsches Reich. Die Krise im Kalenderreform-Komitee. Frankfurt a. M., 27. April. Chiefrabbi Dr. I. H. Hertz in London ersucht uns mit Schreiben vom 22. ds. Mts., bekannt zu geben, daß er ebensowenig wie Grand-Rabbin Levy in Paris die Gefahr der Einführung eines Kalenders mit Blankotagen als beseitigt betrachte. Er sei nur ein Gegner des von Oberrabbiner Dr. Lewenstein befürworteten Projektes einer großen Gemeindekonferenz und glaube, daß ein kleines Komitee religiöser Führer aus Frankreich, England, Deutschland und Polen, zusammen mit den Delegierten der größeren jüdischen Organisationen, der Sache bessere Dienste leisten könne. (Wir freuen uns, in diesem Zusammenhänge mitteilen zu können, daß unsere Anregung, auf dem Wege einer persönlichen Aussprache die vorhandenen sachlichen Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen, Anklang gefunden hat und daß eine solche Aussprache voraussichtlich in etwa 14 Tagen stattfinden. wird. Das in der Zuschrift von Ehiefrabbi Dr. Hertz beklagte und berichtigte Mißverständnis ist wohl durch die Formulierung der vor 14 Tagen veröffentlichten JTA-Notiz hervogrerufen worden. Es hieß dort: „Die Grohrabbiner von Frankreich und England ermächtigen die ITA zu der Mitteilung, daß sie unter den gegebenen Umständen die Konferenz (das ist die große Gemeindekonferenz) nicht mehr für not'wendig halten und daß sie nicht beabsichtigen, an einer solchen Konferenz teilzunehmen." Die Oeffentlichkeit mußte aus dieser Mitteilung schließen, daß die Großrabbiner von Frankreich und England die Teilnahme an der Konferenz lediglich deshalb ablehnten, weil sie „nicht mehr notwendig", d. h. also weil die Gefahr beseitigt sei. In Wirklichkeit sind es nun ganz andere Gründe, die die beiden Herren zu ihrer Stellungnahme veranlahten. Red.). 30 Iahre hilfsverem der deutschen Juden. Berlin, 20. April. Die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden, die am Sonntag, den 19. April, unter dem Vorsitz von. Dr. James Simon im Hotel „Karferhof" zu Berlin stattfand, trug als 30. Jahresver- Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Q ua I ität zu b i 11 igsten Preisen“. Uhren aller Arl Gold . Silber Juwelen rr ____ Besfecke uno SOMn Trauringe Nur Zeil 95 u.Töngesg. 25-27 fi lefafdi sammlung des Vereins einen besonders festlichen Charakter. Unter den Anwesenden bemerkte man neben den zahlreich erschienenen Mitgliedern viele Gäste aus allen Teilen Deutschlands. In den auf der Tagung gehaltenen Referaten wurde ein anschauliches Bild des 30jährigen Wirkens des Hilfsvereins entrollt, wobei bemerkenswerte Schlaglichter auf die politischen Verhältnisse und die Lage der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern, insbesondere in Rußland, Polen, Litauen und Rumänien sielen. Die innige Zusammenarbeit des Hilfsvereins mit anderen großen jüdischen Organisationen, insbesondere mit der Jewish Colonisativn Association, auf dem Gebiete der Auswandererhilfe kam vor allem in den Ansprachen Dr. James S i - m o n s und Dr. Mark W i s ch n i tz e r s zum Ausdruck. Max M. Marburg teilte mit, daß Freunde Dr. James Simons im Begriffe stehen, zu Ehren des verdienten Vorsitzeirden des Hilfsoereins, der am 17. September 1931 fernen 80. Geburtstag feiert, einen James Simon-Fonds für die Schulzwecke des Hilfsvereins zu schaffen, für den bereits 140.000 Mark gezeichnet sind. Schweiz. Schlußsitzungen der Skudenlenkonferenz in Ityon. Genf, 18. April. Am 4. Verhandlungstag referierte Dr. Nahum oldmann über „Die Stellung der Juden im..kulturellen Leben". Er bespricht die zwei Tendenzen in der Menschheitskultur: die weltkulturelle und die nationalautonome. Der moderne Jude sei seinem ganzen Wesen nach Träger der weltkulturellen Tendenz. Die Juden seien aber darum auch nicht Gegner der nationalen Jsolierungstendeng. Redner bekämpft die Assimilation und lehnt auch den Gedanken ab, daß die Tragik des Galuth durch Eingreifen des Staates aufgehoben werden könnte. Numerus clausus fei kulturwidrig und barbarisch, das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden eine Frage des Taktes auf beiden Seiten, das ewige Sichverteidigen ein Zeichen der Schwäche. Die jüdische Frage werde in Palästina nur da gelöst werden, wo eine jüdische Wirklichkeit im Entstehen sei. Pros. Beryng, Lublin, sieht dis Gefahr nicht in einem Nationalismus oder Internationalismus, sondern in einem internationalen Nationalismus, der den Internationalismus zu egoistischen nationalen Zwecken ausnutzt. Cr würde für Polen eine Assimilation der Juden begrüßen, wenn eine solche möglich wäre. Als polnischer Nationalist habe er für die nationalen Bestrebungen der Juden volles Verständnis. In der Diskussion wendet sich u. a. Dr. B r o d n i tz gegen Goldmann, der die Apologetik als Ausdruck der Schwäche bezeichnete'. Der Angegriffene müsse sich wehren. Vertreter aus Ungarn und der Tschechoslowakei polemisieren gegen die Punkte im Goldmann'schen Referat, die sich gegen die Assimilation richten. Ein Vertreter der deutschen sozialistischen Studenten erklärt, daß innerhalb der deutschen Studentenschaft breite Schichten den Antisemitismus ablehnen. Andere bemängeln, daß hier vorwiegend von Deutschland gesprochen werde. Dr. Goldmann erklärt dieses mit der Tatsache, daß Deutschland auf der Konferenz am besten vertreten sei und sich seine Vertreter offenherzig über ihre Stellung zu den Juden ausgesprochen hätten. Es ist genugsam bekannt, daß es auch an den rumänischen, ungarischen und polnischen Universitäten eine Judenfrage gäbe. Der letzte Verhandlungstag brachte einige Länderberichte. Der Berichterstatter aus Amerika stellt fest, daß auch in Amerika von Zeit zu Zeit an den Hochschulen antisemitische Tendenzen in Erscheinung treten. Der Referent aus Frankreich konstatiert mit Genugtuung, daß der jüdischeStudent, auch der Ausländer, in Frankreich volles Recht und alle Gastfreundschaft genießt. Referenten aus Polen haben über mancherlei Zurücksetzung der jüdischen Studenten zu klagen. Anwesende Vertreter der Polnischen Universitäten erklärten