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Der Israelit · 1931-04-30 · Heft 18 (30.4.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 18 (30.4.1931)
Date
1931-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist-dafür Moselstr.16 . Taunus 1593 mmmaammmmm Unverbindlicher Besuch erbeten mmmhm lvochenrundfchau. Gegen Vie Gottlosen- Propaganda. Eine große Versammlung, einberufen vor-, den verschiedenen Religionsgemeinschaften in Frankfurt a. M., nahm dieser Tage folgende Entschließung an: „1500 im Saalbau zu Frankfurt versammelte Männer und Frauen der christlichen und jüdischen Religionsgemeinschaften wenden sich mit Entrüstung gegen den Vernichtungskampf, der in Rußland gegen die Religion geführt wird. Sie bitten die Regierungen des Reiches und der Länder in Deutschland, der Religion den ihr zustehenden gesetzlichen Schutz in vollem Umfange zu erhalten, insbesondere mit allen Mitteln und aller Schärfe gegen die immer dreister auftretenden religionsfeindlichen Bestrebungen und Umtriebe in Deutschland einzuschreiten." So sehr mir uns mit Sinn und Wortlaut dieser Resolution identifizieren, so müssen wir doch vor dem Weg, über den man in der Versammsung im Saalbau zu diesem Entschluß gelangt ist, ernstlich warnen. Eine Gefahr zieht am Horizonte Europas heran, die man, nicht übertrieben, mit „geistigem Giftgas" bezeichnen kann. Der Bolschewismus in Rußland glaubt, mit dem Aaren auch G'tt entthronen zu können. Da er aber „immer noch im Himmel thront", so gründet man Gottlosen-Verbände, entfaltet man eine Gottlosen-Propaganda, schafft „Gottlose Klubs" und veranstaltet „Gottlose Abende", all das, — weil man über G'tt in Welt und Leben und im Herzen des Menschen nicht hinweg kommen kann. Die religiösen Gemeinschaften, und nicht Zuletzt die jüdische Gemeinschaft in Rußland, können ein trauriges Lied davon singen. Unzählige Edelopfer hat dieses wilde Treiben gefordert und — in einem Sätiüß, wo man mit der Brot- und Kohlenkarte die Menschen erzieht. Gefühle und Anschauungen reguliert —, ein MarannentUM gezüchtet, wie es die Geschichte noch nicht erlebt hat. Marannentum ist Heldentum, dauert aber erfahrungsgemäß selten über eine Generation hinaus. Wird eine kommende Generation ln Rußland ohne G'tt aufwachfen? Wird der neue Menschentypus, der absolute Diesfeitsmensch ohne Bindung an Geist und Glaube, an Religion und sittliche Kultur, erzeugt werden? Es kann auch anders kommen, aber das Gespenst grinst uns an. Wir dürfen die Gefahr nicht gering achten. Und es ist eine Gefahr für Europa, seitdem im Herzen Europas, in Deutschland, von der wirtschaftlichen und politischen Not rechts und links Bewegungen genährt werden, die, so weltenfern sie lebensanschaulich voneinander sind, einig sind m der Verneinung der G'ttgesolgschaft. Die extremen Rechtsparteien verbinden mit dem Verzicht auf die ethischen Forderungen ihrer Religion der Liebe auch einen solchen auf alle Gnadender Kirche. Der Kommunismus in Deutschland hat aber längst von der russischen Zentrale zu seinen politischen und gesellschaftlichen Aspirationen auch den Kampfruf g e g e n G ' t t u n d G e ist mitübernommen, und er findet dafür einen guten Resonanzboden in den vielen Freire l r> g i ö s e n V e r e i n i g u ng e n, die etwas Aehnliches schon längst im Stillen wollten und propagierten. „Gottlose Abende" gibt es heute, mit all dem widerwärtigen Zynismus, der bei einer solchen Veranstaltung felbst- M. April 1930 verständlich ist, nicht allein in Moskau, sondern mich in B e r l i n. Eine suchende und! ringende Nachkriegsjugend am Scheideweg läßt, sich von klingenden Phrasen locken,-hört eine Parole,-die aufs Ganze zielt, und« ist beeindruckt. Die Gefahr ist groß! Darum wäre eine geistige, in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit dieser verhängnisvollen Strömung heute Pflicht aller, die im religiösen Positivismus wurzeln und in ihm die sichere Grundlage für alle geistige und sittliche Kultur und g'ttgegebene Weltordnung sehen. Ein Zusammenschluß der Konfessionen zu diesem Abwehrzwecke, ist gerade das, was wir schon längst wünschen und propagieren. Man konnte es daher begrüßen, daß der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Hand den evangelischen und katholischen Kirchengemeinschaften für diese Veranstaltung geboten hat. Wir finden es auch in Ordnung, daß nicht, wie bei den anderen, eine jüdischreligiöse Instanz, sondern ein politischer Abwehrverein diese Aufgabe übernimmt, womit dokumentiert wird, daß jüdische Religion nicht Sache von Berufstheologen ist, sondern eine Angelegenheit, die jeden Juden im letzten Hause und im letzten Dorf so angeht, daß er sie als feine ureigene Sache vertreten und verteidigen kann und muh. Was wir aber im Frankfurter Saalbau erlebten, war genau das Gegenteil von einer „geistigen Auseinandersetzung". Ein Mann mit ausgeprägt demagogischen Allüren wetterte zwei Stunden lang über das neue Rußland und die es beherrschenden bolschewistischen Despoten. Es mag das alles wahr oder nicht wahr sein. Aber mit Schauerromanen und Einzelheiten, die Attacken auf die Nerven sind, kommen wir hier nicht ans Ziel. Man ist an starken Pfesser gewöhnt, wenn man von Rußland spricht. In diesem Falle aber war es Pfeffer in die Augen der Versammelten, die gekommen waren, um die tieferen Abgründe, aus denen im unglücklichen Rußland sich der Giftnebel erhebt und den Horizont Europas schwarz überzieht, kennen zu lernen, etwas über die ewigen geistigen Werte der Menschheit zu hören, die vor der Gefahr geschützt werden müssen, über die Mittel und Wege Klarheit zu erlangen, wie sich alle positiv Denkenden und Gutgesinnten zusammentun könnten, um mit gemeinsamer Kraft der Seuche Einhalt zu gebieten, daß ihren Kindern das erhalten bleibt, was wie ein höherer Stern über das Leben der Geschlechter leuchtete. Es muß anerkannt werden, daß Herr Pfarrer S t r u ck m e i e r , der Leiter der Versammlung, in seiner guten -Rede der Veranstaltung diesen Sinn gab: Ein gemeinsames Zeugnis all derer, die Bindungen anerkennen wollen, welche über das Diesseits hinausweisen, sollte es sein. Gegen den russischen Brandherd, den absoluten radikalen Nihilismus, der alle überkommenen Werte verneint, sollte das Bewußtsein gemeinsamer- Verantwortung der abendländischen Kutturwelt geweckt werden. Dieser Absicht entspricht auch die oben wiedergegebene Entschließung. Der Vortrag selbst war aber ein Reinfall, für den gewiß nicht allein der „Centralverein deutscher Staastbürger jüdischen Glaubens" verantwortlich zu machten ist. Das gemeinsame Verantwortungsbewußtsein wird nächstens dazu führen müssen, auch tn de r W a h l d e r Re dner und der Themen vorsichtiger zu sein. Jüdische und nichtjüdische Studenten Es ist nicht zu leugnen, daß es unter den völkischen Studenten in Deutschland und anderen Ländern auch welche gibt, die mit dem Radau-Antisemitismus nichts zu tun haben wollen, vielmehr glauben, einen idealen Kampf für Reinhaltung einer völkischen Kultur mit geistigen Waffen auskämpfen zu können und zu müssen. Gerade darum, weil diese jungen Menschen reinen Möllens, aber von der Seuche der Zeit innerlich infiziert sind, ist es gut, daß das „ W e I t st u d e n - t e n w e r k " den Studierenden aller Göistesrichtungen Gelegenheit zur offenen Aussprache! bietet. Ob die zweite internationale Studentenkonserenz in N.y o nüber, deren Referate und Verhandlungen wir an anderer Nelle aussuhrlich^erichteten, eine volle Klärung in diesem Belange gebracht haben, läßt sich nicht sagen. Von Nutzen wird dieses Zusammentreffen öer Partner auf alle Fälle. sein. Es wirkt beruhigend, aus berufenem Munde zu hören, daß rüpelhaftes Benehmen noch kein Kriterium der':deutschen Studentenschaft ist, daß breite Schichten der jungen Akademiker in Deutschland den völkischen Standpunkt ablehnen und in ihrer vornehmen Ruhe ein stilles, aber gewaltiges Uebergewicht den. irregeleiteten Lärmschlägern bieten. Es wird:, vielleicht auch erzieherisch auf manchen jungen Fuchs und Dachs im Studentenrock wirken, wenn erhört, wie besonnene Führer der völkischen.Studentenbewegung über den Antisemitismus der Gaste urteilen und wie weit sie von ihm abrücken. Wir wollen in diesem Zusammenhänge keine Meinung äußern über die von jüdischer Seite vor diesem Forum gehaltenen Referate, auch nicht darüber, ob es angebracht war, hier vor Augen und Ohren des gemeinsamen Feindes einen Meinungskamps zwischen Zionismus und Assimilation vom Zaune zu brechen. Die Gesamtwirkung dieser Verständigungskonserenz spiegelt sich am Ende doch nicht im Gerede, sondern in den von ihr gefaßten Beschlüssen und aufgestellten Richtlinien ■ wider. Und diese verdienen unsere besondere Beachtung. In diesen Richtlinien wird zunächst gesagt, daß die nicht zu bestreitende starke Spannung zwischen Inden und Nichtjuden an vielen Hochschulen auf tiefere Ursachen zurückzuführen ist, Ne nur auf dem Wege einer offenen Erörterung in akademischen Formen, ohne Gewalt und Herabsetzung des Gegners, zu ergründen und zu beheben sind. Für eine dritte Konserenz soll, ein umfassendes Werk des Leiters des Kulturdepartements des Welfftudentenwerkes, des Herrn- Parkes, den geistigen Boden schaffen. Zunächst sollen sich die Beschlüsse von Nyon zur Beruhigung der Gemüter in den einzelnen Ländern auswirken. Ein Ausschuß, der aus drei Juden und drei Nichtjuden besteht, bleibt mit dem Sekretariat des WeltstudentenwerLes ln allen die Judenfrage berührenden Angelegenheiten im engsten Arbeitskonnex. Ohne übertriebenen Optimismus, aber auch ohne Skepsis, sehen wir der Entwicklung der Dinge entgegen. Führen diese Bestrebungen dazu, daß nur ein.junger Mensch an einer deutschen, rumänischen, ungarischen undpolnischen Hochschule Vernunft annimmt, dann hätten die Konferenzen des Weltstudentenwerkes nicht umsonst getagt. Ueber die Berufsaussichten des künftigen Skudienraks. Bearbeitet im Aufträge der Berufsberatung des B.J.A. Die Reihe der Einzelbetrachtungen über die Berufsaussichten des jüdischen- Akademikers wird im folgenden durch-einige Ausführungen über die Aussichten des künftigen Oberlehrers fortgesetzt. Cs kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß der künftige Studienrat wenig Aussicht auf eine selbst bescheidene Lebensstellung hat. Die Erhärtung dieser Behauptung kann von zwei Seiten aus geschehen, einmal durch den Hinweis auf vorhandene Planstellen an öffentlichen Schulen, verglichen mit der Anzahl der Studierenden, die auf der Universität cmgaben, sich dieser Lausbahe widmen zu wollen, zum anderen durch den Nachweis, wie groß speziell der Bedarf an jüdischen Oberlehrern an jüdischen höheren Schulen ist, verglichen mit der Zahl der augenblicklich - auf diesen Berus sich Vorbereitenden..

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