Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1931)
- Date
- 1931-04-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JtNilleton. Neikeryeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenschenschicksals und einer Zeitepoche. Vvn S. Jzchali. jForljetzung). In erster Zeit ging es leidlich gut. Das kleine Verdienst vom Stundengeben reichte für Schlafstelle und Mittagessen bei Familie Silberstein aus. Andere Bedürfnisse hatte er nicht. Mit der Mathematik wollte es aber nicht so recht vorwärts gehen, da die Grundbegriffe fehlten und Bunimowitz nicht das Talent noch die Ausdauer hatte, einen Unterricht in richtigem Aufbau zu leiten. Mit dem Latein ging es schon besser. Der Weg zur Universität war weit, mit Vokabeln und mathematischen Formeln gepflastert. Aber die Hochschule am Mittagstisch bei Silb-erstein war im höchsten Betrieb. Die Auseinandersetzungen waren so lebhaft, daß Frau Silberstein kein allzu großes Gewicht auf die Zubereitung der Speisen legen mußte. Hochgedanken der Menschheit leuchteten wie Raketen auf. Ideen erhoben sich im Dampfe der Suppe und flatterten im Weltenraum der bescheidenen Behausung herum; die Speisen aber wurden ganz gedankenlos herantergeschlungen. Da waren die Brüder K o w n e r, auch einmal angehende Studenten, jetzt aber resignierte kleine Angestellte, die aber jede freie Minute in Bibliotheken und Lesehallen zubrachten. Sie waren „Russen", von Beruf und Ueberzeugung. Sie glaubten an das Rusientum und daß die russischen Propheten, Turgeniew, Gogol, Tolstoi und Dostowjewski der Welt die Erlösung bringen. Es fiel auf, wie einig die Brüder immer in ihren Ansichten waren und wie geschlossen sie sich den Meinungen anderer entgegensetzten. Das machte, weil sie die gleichen Bücher und die gleichen Zeitungen lasen. Sie waren kommunistisch entflammt und' wußten ganz genau, daß eines Tages der russische Koloß sich regt und die herrschende Klasse, wie ein überhitztes, mißhandeltes Roß den Reiter, von sich abschüttelt und in den Abgrund, wirst. Da war der Student in dem Havelock, K n o - p ing, der deutsch sprach wie ein geborener Ostpreuße. Er stammte aus der Gegend von Riga und hatte in der Heimat deutsche Schule besucht, stand aber 'immer noch in der Vorhalle der Wissenschaft, da er'Abitur nachzuholen hatte. Er glaubte nicht an Rußlands Kraft und Auferstehung, war aber von, gleicher rebellischer Feindschaft gegen das Zarenhaus. Da kam hie und da, nicht zu oft/ der großgewachsene robuste Uritzki, der Meikemeier am meisten an Skobeljew erinnerte. Er hatte alles gelesen, was je Menschen über Sozialismus, Kommunismus, Atheismus, Anarchie und Revolution geschrieben hatten, sprach vortrefflich russisch, kaum ein Wort deutsch und kannte sich in Geschichte und Volkswirtschaft wie in seiner Tasche aus. Er hatte, wie es Meikemeier schien, vielleicht die besten Qualitäten für das Studium, aber gerade er sprach,von seinem Studententum am allerwenigsten. Er sprach überhaupt kaum ein Wort von sich, von seinem persönlichen Anliegen und' Zukunftsplänen. Soviel war im kleinen Kreise nur durchgedrungen, daß Uritzki mit sechszehn Jahren den Weg aus der Jeschiwah ins Gymnasium zu Charkow fand und dort sein Examen bestand, später aber wegen Beteiligung an verschiedenen Komplotts Vekcmtschaft mit der Peter Paulsfestung gemacht hatte, bis es ihm gelang, über die Grenze zu kommen. Was er hier trieb, war nicht durchsichtig. Die einen hielten ihn für einen fanatischen Revolutionären, der von hier aus den Zarenthron stür- >er jsraelit M 17 Mi Zen wollte, die anderen umgekehrt für einen geheimen Agenten, der im Aufträge der russischen Ochrana dst russischen Studenten bespitzelte. Solche Zwittergestalten, die beinahe selber nicht mehr wußten, wo sie standen und gelegentlich die eine Macht gegen die andere ausspielten, gab es damals in den europäischen Großstädten in Menge. Meikemeier sah mit größtem Respekte zu dem rätselhaften Uritzki hinaus. Er schien ihm in seiner Art aufrichtig. Er konnte schweigen und auch sehr viel reden, je nachdem, wie er zum angeschnittenen Thema stand. Wenn er sprach, wußte er mehr als die anderen, und' wenn er schwieg, so wußte er vielleicht noch mehr . . . Neben diesen Tatsachenmenschen nahm sich Saul Goldin wie ein Mensch gewordenes Phantom aus. Las Goldin Gedichte vor, so blies Uritzki den Rauch aus seiner Zigarette, als wollte er die Luft vor schädlichen Bazillen desinfizieren. Ein Zeichen des Beifalls older Mißfallens war ihm nicht abzuringen. Poesie und ein gewisses Maß von Romantik muh der Mensch haben, sagte Uritzki, aber nicht um Worte und Verse zu reimen, sondern große Taten zu vollziehen . . . In diesem Zauberkreis verbrachte Meikemeier wohl ein halbes Jahr, den Kopf voll der lateinischen Vokabeln und mathematischen Formeln, das Herz voll der Sehnsüchte und Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschungen. Er sah Menschen vor sich, die am Dache ihres Hauses bauten, ohne ihm ein Fundament zu sichern. Auch er hatte es früher nicht viel anders gemacht und wußte gar nicht, wie schwer es war, an den Grundmauern zu arbeiten, wenn der rechte Zeitpunkt in der Jugend verpaßt war. Sa verging ein Winter. Mit dem Frühling nahm Königsberg ein freundliches Gesicht gn. Goldene Sonne glitzerte in den Zinnen, und die Fassade des Narrenhauses, genannt Börse, leuchtete sauber und silbern. In den Anlagen vor dem Schloßberg blühten die ersten Schlüsselblümchen und die Kastanien in den Alleen vor der Universität schlugen aus und bekamen rote. Blüten. Neue Hoffnung schlich sich in sein Herz. Seine Lage hatte sich indes bei zunehmender Wärme keineswegs gebessert. Sein Verdienst verringerte sich, es reichte nicht mehr für Bücher und Esten. Er kaufte aber die Bücher und verzichtete aufs Esten. Er hatte bei Silberstein nur noch die Schlafstelle, lebte tagsüber von trockenem Brot, leistete sich zuweilen abends in einer billigen Küche ein Glas Tee. Zum Mittagstisch bei Silberstein kam er täglich etwas später wie sonst, um, mit der , Vorgabe, er habe schon anderswo gespeist, sich nur an den Gesprächen zu beteiligen. Damals versuchte er sich auch schriftstellerisch. Er schrieb Artikel für die hebräische „Hazesiroh" in Warschau, auch Berichte aus Königsberg. Manche erschienen auch und verschafften ihm große Achtung im Kreise der Freunde, aber keine drei Pfennige für ein Brötchen. Das ging so einige Wochen. Die lateinischen Deklinationen faßen ihm fest m Kopfe, auch hatte er sich mit dem pythagoreischen Lehrsatz abgefunden. Eine große Reihe von Sternennamen und die ganze Sippe der altgriechischen Götter waren ihm vertraut. Den Mars und den Saturn konnte er zwar am Himmel mit seinen kurzsichtigen Augen nicht entdecken, auch nicht den großen Bären, und in der Milchstraße am nächtlich blauen Firmament sah er keinen Weg und Steg. Nach Büchern und Zeichnungen prägte er sich aber all diese Namen und Worte ein, die Dinge des Kosmos, wie Vokabeln und Formeln der lateinischen Grammatik. All das hatte er im Kopfe, im Magen aber so gut wie gar nichts. Sein Einkommen vom Stundengeben schmolz bald zu einem Nichts zusammen, seine kleinen Vorräte im Beutelchen gmgen rasch zu Ende. Es lohnte sich bald gar nicht mehr, das Beutelchen auf der nackten Brust zu tragen. Er kaufte sich morgens ein trockenes Brötchen für drei Pfennige, mittags mußten es zwei Brötchen tun, abends konnte man, wenn amn sich was besonderes leisten wollte, in dem Kellerrestaurant für zwanzig Pfennige einen Teller" Pellkartoffeln und einen halben Hering erstehen. Das war ein Festesten, wenn der Hering nicht so tückisch gewesen wäre, immer mehr den Appetit anzuregen und außerdem einen Durst zu entfachen, der die Nacht nicht schlafen ließ. Er schrie, dieser aus fremden Gewässern kommende Hering, nach T e e. Das hätte aber eine weitere Ausgabe von fünf bis sechs Pfennigen bedeutet. Solche Belastung des Etats war für den angehenden Studenten nicht tragbar. Ambrosia und Nektar der griechischen Götter machte er in der Theorie mit. Der leere Magen knurrte und seine ewigen Proteste konnten aus die Dauer auch auf den Kopf nicht ohne Wirkung bleiben. Die Milchstraße gab keinen Tropfen Milch, die trunkenen alten Götter mit den gefüllten Kelchen in den Händen höhnten seiner. Sein Mut, seine Lust, seine Freude und seine Hofnung hoben und senkten sich wie aus einer Schaukelbahn. Er verfaßte „Königsberger Briefe" in hebräischer Sprache für die „Hazesiroh" in Warschau und verlangte Honorar. Seitdem erschien kein Iota mehr von ihm. Am Mittagstisch bei Sitbersteins sollten sie aber nichts merken. Er kam täglich mit den zwei trockenen Brötchen im Magen, oft just zur Zeit, da die Freunde die herrlich duftende Suppe löffelten, gab an, bereits vortrefflich gespeist zu haben, und dann stieg die Unterhaltung über Politik und Kunst, Wissenschaft und Ethik, Dostojewsky und Tolstoi und die neuesten Erscheinungen des Tages, soweit sie in der Lesehalle zu erreichen waren. Goldin las neue hebräische Verse vor und fuchtelte mit den Händen, wies mit der flachen Hand nach unten, um anzudeuten, daß alles andere nichts sei, daß mit seinen Jamben eine.ganz neue Meltordnung anhebe, der Menschengeist ganz neue Bahnen einschlage. Es kam schon so, daß nach etwa vier Wochen Meikemeiers Körper so dünn war wie ein Weidenrohr, sein Gesicht so saht, sein Auge hohl und seine Stimme so matt, als wäre er gerade von einer längeren Krankheit ausgestanden. Die Freunde wurden auf ihn aufmerksam. Damals ergab es sich zur rechten Zeit, daß ihn Knopping auf ein kleines Inserat im lokalen Teil einer Tageszeitung aufmerksam machte: „Ein Getreidekommissionär suchteinen jungen Mann für hebräische und russische Korrespondenz, Meldungen an K . . . Vorstadt Nr. 37." Nach einer halben Stunde war Meikemeier in dem bezeichneten Hause. Drei Treppen kletterte er hinauf, ohne die bezeichnete Firma zu finden. Er stieg noch eine vierte Treppe zu einer Dachkammer hinauf. Da stand an der Türe, schwarz auf weiß: „Jonas Kubak, Getreide und Heringskommissionär. Zu Hause erst nach 9 Uhr abends." Um neune stand Meikemeier wieder vor der Türe der Dachkammer. Sie war fest geschlossen. Er wartete wohl eine halbe Stunde. Es war stockdunkel auf der Treppe und es roch im Treppenhaus nach mancherlei außer nach Hering. Als er nach einer halben Stunde etwas resigniert die vier Treppen wieder hinunterbalanzievte, stieß er unten im Dunkel auf einen rundlichen Bauch, zu dem ein großer Kopf mit einem Gesichte voll graumelierter. Bartstoppeln gehörte. Ganz unwillkürlich rief er: „Herr Kubak?" „Ich bin der Kubak," gab die rundliche Gestalt zur Antwort, „und was wünschen Sre bei Herrn Kubak?" „Möchte bei Ihnen wegen der Stelle ansragen." „Dann kommen Sie mit heraus." (Fortsetzung folgt.)