Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1931)
- Date
- 1931-04-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 17 Der Israelit 23. April 1931 Festtage in Lugano. Schwarz-Weiß. Durch endlose Schneefelder saust der Zug Berlin— Zürich-Milano. Es sind die immerweißen „Täler" des St. Gotthardt. Ein Signal, und der Zug rutscht in schwarze Nacht hinein, die beinahe eine halbe Stunde dauert. Wieder ein Pfiff und neue Schneefelder tun sich auf, um schon nach einigen Minuten wieder in Nacht und Nichts überzugehen. So dauert das Spiel zwischen Schwarz und Weiß eine ganze Weile. Cs ist wie ein Ringen, Wehen, aus denen das Neue geboren wird. Ein letzter schriller Schrei der Lokomotive, und der Frühling ist geboren! Wir sind auf der anderen Seite des St. Gotthard, und ein warmer italienicher Himmel hängt über einer südlichen Vegetation, daran das Auge sich gar nicht satt sehen kann. In Minuten nur sind wir aus dem weihen Reich des Winters in ein grünes Mailand gelangt, allwo alles im vollen Blühen steht. Bäume, die wir nicht kennen, sind in weißes, gelbes und violettes Glockenkleid wie in Brautgewand gehüllt. Die kleinen Stationen tragen italienische Namen, die einsteigenden Menschen lärmen, lamentieren und lachen in Worten, die wie die Bezeichnungen in den Klaviernotenhesten klingen. Auch der stramme Schweizer Schaffner, der in Zürich noch ein allerliebstes Schwizerdütfch sprach, hat sich in einen Stockitaliener verwandelt und sagt „Biletto!" und „Grazie!" Wir sind in Italien, noch im Lande Tells, aber unter dem Himmel Mussolinis. Lugano. Lugano streckt sich lachend zwischen dem San Salvatore und Montebre, einem See entlang, der so blau ist wie die Adria und in herrlichsten Windungen die Fuß" der schweizerischen und italienischen Berge bespült, wie ein großer Palmengarten. Vom Hotel „Federico" aus (ebenso komfortabel wie rituell zuverlässig vom bekannten Hotelier Kempler geführt), schauen wir zur Landungsstation, die, wie das ganze Viertel, den Namen Paradiso trägt. Leuchtete dieses Wort nicht . aus allen Schildern und klänge es hier nicht aus jedem Munde, man würde von selber in diesem Winkel, zwischen Hotel und Dampfer, am Ufer zwischen den blühenden Palmen, Linden und Kastanien und dem blauen Wasser vor den greifbar nahen Bergspitzen, auf das Wort Paradies kommen. Ja, Palmen, sie machen das Bild von Lugano, aus. Wo man hinschaut, im Garten, in den Alleen, auf den Straßen, im Park, am Wasser, oben aus der Höhe und unten im Tale, überall schlanke, hohe Dattelpalmen, die Krone oben wie einen japanischen Sonnenschirm zum Schutz vor der Wärme über den Kopf ausgebreitet, der hohe, knorrige Stamm in grüngrauen Werg gehüllt. Das Thermometer zeigt schon am frühen Vormittag 28 Celsius. Ueber die Grenze. Wir sind keine zwei Stunden von der Metropole Norditaliens Milano entfernt. Aber um in das Land Mussolinis zu gelangen, bedarf es der zweistündigen Fahrt nicht. Man fährt mit dem Dampfer durch die herrlichen Buchten über Ponte Tresa an die Tramverbindung nach L u i n o. Wer aber ohne große Fahrt und Kosten Italien genießen will, steigt schon nach einer Viertelstunde in Campione aus, und ist mitten im Herzen Norditaliens. Wo ist Mussolini, von dem in der Welt so viel gesprochen wird und den schon angeblich der Unisormknops des letzten Beamten widerspiegelt? Wir sehen nicht viel davon. Karabineri in schwarzer Frackunisorm mit Garibaldihut auf dem Kops empfängt uns mit einem lachenden „Grazie" und will den bereitgehaltenen Paß gar nicht ansehen. Rechts der Landungsbrücke ist Dorf, Dorf mit verfallenen verschlafenen Häuschen, mit fensterlosen Ruinen, mit schmalen, holprigen Gäßchen, mit vielen abgerissenen Männern, die die Hände in die Hosentaschen vergraben halten, wie zum Schutze vor der Arbeit, mit Frauen in klappernden Holzschuhen und schweren Lasten auf dem gebeugten Rücken, mit unzähligen bildhübschen, schwarzköpfigen und malerisch verschmierten Kindern aller Altersgrade. Alles lacht, schreit, lamentiert und gestikuliert. Alle reden die internationale Sprache der Hände, so daß man sich mit Zuhilfenahme einiger Fremdwörter, auf „o" endend, lückenlos verständigen kann. Am See liegen Frauen in bunten Kopftüchern halb im Wasser und waschen ihre Wäsche. Boote schaukeln im Kielwasser. Zwei Menschen aus dem Dorfe haben den Dampfer, den wir verlassen, bestiegen, um weiter in die Welt zu fahren, etwa zwanzig Menschen geben ihnen Geleit, postieren sich auf der Brücke auf Tonnen und Kisten und schreien „Vive!" Das ist Italien! In einem verfallenen Häuschen, in dem wir hinter dem Schilde „Postale" ein Postamt vermuten, sitzt ein rockloser Mann und gibt uns mit klingenden Worten und fuchtelnden Händen zu verstehen, daß ihm gerade die Marken ausgegangen feien. Wir verstehen aber noch mehr: Wir sollten unsere Briefschaften nur ruhig ihm überlassen, mit der nötigen Postgebühr dazu. Er würde sie schon weiter befördern, — sobald er wieder in den Besitz von Marken kommt. Wann? Das hängt von manchen Umständen ab, die zu verstehen, unser italienischer und Händesprachschatz nicht ausreicht. Auch in den Dörfern Mussolinis ist Eile von Teufel . . . Und dann Welk! Und auf der linken Seite im gleichen Dorfe flutet die Welt. Dort steht, dicht am See, in einen Park von Palmen und Kastanien eingebettet, das große Casino, das als das Monte Carlo am Luganer See einen gewissen Weltruf hatte. Noch vor einigen Jahren konnte die mondäne Welt von Lugano und Locarno und anderen schönen Punkten des Tessin aus dem in der Schweiz verbotenen Glücksspiel hier auf italienischem Boden ungehindert und im großen Maße nachgehen. Man nennt Fürsten und Prinzen, die hier ihr Gut und ihr Leben verspielt hätten. Die stillen, lauschigen Alleen erzählen geheimnisvoll kleine und große Menschentragödien. Hier an dieser Ecke plätscherten die Wellen auf und deckten dumpfe Verzweiflung . . . Mussolini hatte — unter vielen anderen guten Werken — diese Spielhölle vor einigen Jahren geschlossen: Da wir an Spiel nicht denken, dürfen wir alle Räume ansehen. Die „Hölle" ist ein Glaspalast. Der Ober, der noch „aus der guten Zeit" stammt (er hatte manchem Kavalier manchen Hundertlireschein geborgt) erklärt uns die Bedeutung einzelner Einrichtungen, Säle und Apartements. Es riecht nach Geld und Selbstmord ... Auf der sonnigen Veranda trinken wir einen schwarzen Kaffee, und ein anderer Ober, der bis dahin in Genf gearbeitet hatte, erzählt uns von „seinen Beziehungen" zu Briand und Stresemann. Stresemann war der erste Gentleman, denn er gab ... Ueberhaupt die Deutschen! . . . Am Ufer stößt ein Uniformierter in die Posaune. Es gilt uns und dem Dampfer. Auf der anderen Seite, im „Paradiso" von Lugano, rüsten sich schon die Menschen im Federico, die Königin Sabbat zu empfangen. Die Festgemeinde. Etwa hundert Wallfahrer halten ihr Pessachfest auf Schweizerboden unter italienischem Himmel, im „Federico". Davon kommen nur drei oder vier Familien aus Deutschland. Es soll am Sederabend hoch hergegangen sein. Wir kamen erst zu den letzten Festtagen hinzu. Das jüdische Leben in dieser internationalen Achttagegemeinde pulsiert so frisch, wie es an einem Fest des Frühlings mitten im paradiesischen Frühling des Südens nur pulsieren kann. Brave, biedere Schweizerjuden, auch solche aus Elsaß und Frankreich, sind glücklich, an einem richtigen Festg'ttesdienst mit Heimatmelodien im Hotel teilnehmen zu können. Sie freuen sich mit dem schönen „Jigdal" fast mehr als mit der klaren Aussicht von Montebre ins liebliche Tal. Kempler hat der Gemeinde mittags und -abends eine Festtafel gedeckt, die bei aller Großzügigkeit den intimen Familienzauber beibehält. Cs brennen Festlichter abends, und hebräische Melodien werden von der milden Abendluft hinuntergetragen bis zum „Paradiso", wo wimpelbehangene und lampionbesäte Mojorboote mit Sang und Klang auf dem blauen Wasser schaukeln. Ausklang. Alles lacht, der See, der Himmel, die Menschen, die Blüten an den Bäumen und die Vögel in der Luft. Italienisch kann man nur singend und lachend sprechen. Wir haben acht Tage lang kein Wort von Not gehört. Hitler keimt keiner. 'Paradiso! . . . Nur nach Festausgang hörte ich einen einsamen Seufzer, und Jemand sagte: „Nun ist Jomtow aus! . . ." Und ein anderer: „Schwere Zeiten! . . ." Das klang gutdeutsch... —tz. Zur Symptomatik des religiösen Lebens im heiligen Lande. Von Hermann Skruck in Haifa und Saly Geis in Tel-Awiw. Im Anschluß an die vor einigen Wochen an leitender Stelle unseres Blattes erschienene ausführliche Schilderung der religiösen Verhältnisse in Tel-Awiw aus der Feder unseres Mitarbeiters Saly Geis schreibt uns der bekannte Maler und misrachistische Führer, Herr Hermann Struck, in Haifa folgendes: „In seiner Beurteilung der religiösen Zustände in Erez Jisroel schreibt Herr Saly Geis einen richtigen Satz: „Selbstverständlich werden die Farben auch heller und dunkler, je nachdem ob ein Optimist oder ein Pessimist, ein Begeisterungsfähiger oder ein Nüchterner die Dinge sieht." Aber abgesehen von der koloristischen Betrachtungsweise ist uns doch geboten: r-n-T o-ntn S2 r« p mn- Erfüllt der Verfasser diese ethische Verpflichtung, wenn er in einem Nebensatz einfließen läßt, daß bei einem Teil der Synagogenbesucher in Tel-Awiw das Kaddisch der Grund ihrer Anwesenheit ist? Ist es nicht vielmehr lobenswert, daß ihn wenigstens diesereligiöse Pietät ins G'tteshaus führt? Warum erzählt er nicht, daß in Tel-Awiw, das einst das Zentrum der Antireligiösität war, jetzt mehr als 5 0 regelmäßig und zahlreich besuchte Synagogen und Betstatten sind? Solch eine Zahl ist doch ganz interessant! Warum sieht er nur ältere Leute? Ich bin gern bereit, ihm allerorten, in den Städten und auf dem Lande, Gruppen von jungen Leuten, von Arbeitern zu zeigen, die ihre, regelmäßigen Schiurim haben. Warum verdrießt es ihn, daß fromme Eltern mit ihren unreligiösen Kindern „verträglich" zusammen wohnen? Sollen sie diese Kinder verstoßen und sich jeder Möglichkeit eines Einflusses selbst berauben? Tut die Orthodoxie irgendwo in der Welt etwas derart unjüdisches? Ist es nicht auch eine erwähnenswerte Ziffer, daß durch das misrachistische Schulwerk 6000 Kinder der areligiösen Erziehung entrissen wurden? Ich verzichte darauf, noch viele Fragen zu stellen: denn ich will die Geduld der Leser nicht ermüden. Nur einen Punkt möchte ich noch beleuchten: Daß man unter den Aerzten und Advokaten hier und unter den Vürobeamten so wenig Religiönstreue findet, ist eine Anklage nicht gegen Tel-Awiw, sondern gegen die gebildete Orthodoxie in den Galuthländern. Sollen sie Herkommen! Dann wird man sie in größerer Zahl sehen. Mit fünfzig gebildeten relkgionstreuen Männern können wir den ganzen Geist des neuen, jüdischen Erez Jisroels ändern! Lohnt dieses hohe Ziel nicht das Opfer? Mit so einseitigen Artikeln aber kann man nur die Liebe zu Erez Jisroel mindern, aber keinesfalls die Zustände bessern. Herr Geis sieht in einer Art partieller Farbenblindheit fast nur graue und schwarze Farben. Möge ein seelischer Augenarzt ihn kurieren, damit er mehr von den hellen und freundlichen Farben sehe!" Zu diesen Ausführungen Strucks bemerkt Herr Saly Geis, dem wir die Struck'fche Kritik vorleaten, folgendes: „Herr Hermann Struck, der große Künstler und Weltmann, ist ein schlichter Thorajude. Dieses in Erez Jisroel getätigte Kidufch-haschem wird auch dem Menschen und Juden Hermann Struck einen Kranz der Ewigkeit flechten. Beanstandungen einer solchen Persönlichkeit sind der größten Aufmerksamkeit würdig. Wenn ich auch stets im Bewußtsein der Verantwortlichkeit schreibe und Für und Wider sorgfältig abwäge, so habe ich in diesem Falle meinen Artikel noch einmal geprüft. Das Resultat ist, daß ich ihn auch jetzt nicht anders schreiben könnte. Ich habe nicht dunkler gefärbt, ich habe mich in der Anführung von Beispielen noch vorsichtig zurückgehalten, da ich, wie ich es schon öfters in meinen Artikeln ausgesprochen habe, volles Verständnis für die Tragödie der Ostjudenheit, die den Krieg und die Revolution in furchtbarster Weife erlitt, besitze: — und Glieder der Ostjudenheit find es, aus denen in den letzten zehn Jahren der neue Jifchuw in Erez Jiskoel zusammengeströmt ist. Vielleicht habe ich, ein langjähriger Redakteur, ein Mann, der sich Tag und Nacht mit den Angelegenheiten der Judenheit beschäftigt, doch einen tieferen Blick! Mich leitet kein Pessimismus. Meine Liebe zur Thora und zum jüdischen Volke legen mir aber die Pflicht auf, die Wahrheit, wie ich sie sehe, aufzudecken, um eine Besserung herbeizuführen. Selbstredend ist die.innerjüdische Situation in Erez Jisroel günstiger als in irgend einem anderen Lande. In Erez Jisroel ist jeder Jude — er mag religiös denken, wie er wolle — stolz darauf, Jude zu sein, und er erstrebt eine jüdische Zukunft. Der berussfreie Sabbat ist selbstverständlich. Die Sprache unseres heiligen Schrifttums ist wieder zur Umgangssprache geworden. Dies alles gibt eine Basis, auf der die Propagierung für das Thorajudentum mit Erfolg möglich ist, während im Galuth die größten Anstrengungen häufg an Widerständen sich zerbrechen, deren man nicht Herr werden kann (z. V. Sonntagsruhe). Es ist die heiligste Pflicht eines jeden religiösen Juden des Galuth, nach äußer st er Kraft für Crez Jisroel zu geben, und wer diele Pflicht nicht ertüllf, versündigt sich schwer. Denn nur wenn die materielle Position der Institutionen des' Thorajudentums in Erez Jisroel gestärkt wird, kann von diesen Institutionen aus auf die Erez Jisroel-Judenheit eingewirkt werden! (Meilensteine.) Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Bernhard Hoff im Verlag K e d e m in Berlin ein kleines Heftchen, das in der Form von kurzen Aphorismen Schlaglichter auf die aktuelle Lage der Juden unter den Nationen und die politischen Probleme der Gegenwart trifft. Der Verfasser ist offensichtlich ein Anhänger Jabotinskis und von dessen politischen Ideen erfüllt, aber er hat nebenbei Geist und viele seiner Aussprüche liest man mit ästhetischem Wohlgefallen. Einige seier herausgegrifsen. Nr. 87. Juden und Engländer — wie Gretchen und Faust: er liebt mich, er liebt mich nicht — liebt er mich? Nr. 89. Der Engländer kennt nur die Palästina not, nicht die Juden not, deshalb kann er vom Zionismus nur ein beschränktes und falsches Bild haben. Nr. 92. Die Balfour-Erklärung leidet an Schwindsucht; ist der englische Nebel daran schuld? Nr. 17. Zwiefach: Wir haben es doppelt schwer; einmal müssen wir für die eigenen Torheiten, Fehler und Sünden büßen, ein andermal für die der andere n. Nr. 174. Die Härte Mosis: Man muß bisweilen. dem Volke unrecht tun, wenn man gerecht sein will. Nr. 198. Leibeigene. Es ist eine infame Lüge, zu glauben, daß die Leibeigenschaft abgetan ist. Der Mensch ist immer noch Sklave seines eigenen Leibes. Nr. 99. Antik und modern. Einst ging Ruth durch sonnige Felder und las viele, viele Aehren auf. Jetzt geht sie durch glänzende Salons und liest viele, viele.Ehren auf.