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Der Israelit · 1931-04-23 · Heft 17 (23.4.1931) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 17 (23.4.1931)
Date
1931-04-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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23. April 1931 Der Israelit Nr. 17. Seite 5 Wochenkalender. o. 25. April bis 2. Mat J931 - n 8. - 15. Ijar 5691 25 's ="na pia» . ll'v'ip nn« 26 9 8 27 10 '2V n'jyn 28 11 29 12 30 13 'v'vn n’isfn Mat 1 14 2 15 n pns *inx Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag teilt sehen will. Das Berliner Rabbinerseminar, das diesem Bildungsideal dient, ist eine Anstalt fui generis. Ihre besondere Aufgabe kann von anderen Rabbiner- Bildungsanstalten, die sich vom Berliner Seminar nicht nur weltanschaulich, sondern auch in der Form der Ausbildung unterscheiden, in gleicher Weise nicht gelöst werden. Dozent Dr. M. Auerbach hielt einen Vortrag über „Die Braunschweiger Rabbinerversammlung im Jahre 1844". Von der jüdischen Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgehend, schilderte Dr. Auerbach die allmähliche Entwicklung des Gegensatzes zwischen der konservativen und der reformistischen Richtung im Judentum. Durch historische Betrachtung, erklärte der Vortragende, sei es möglich, zu einem Verständnis jener religiösen Richtung zu gelangen, zu der heute vom konservativen Judentum keine Brücken mehr führen, und deren Vertreter bekämpft, aber nicht verunglimpft werden sollen. Die reformistischen Bestrebungen, die sich anfangs unter prinzipieller Anerkennung der Verbindlichkeit des Gesetzes auf bloße Anpassung in den äußeren Formen und aus die Umgestaltung des G'ttesdienstes hauptsächlich nach dem Vorbild der protestantischen Kirche beschränkten, führten erst gegen die Mitte des Jahrhunderts zu der Behauptung, daß das wahre Judentum die strikte Beobachtung des Gesetzes nicht verlangt. Auf der von Philippsohn im Jahre 1844 einberusenen Rabbinerversammlung zu Braunschweig wurde erst mit aller Deutlichkeit offenbar, wie weit sich das Reformjudentum vom überlieferten Judentum entfernt hatte. Dies kam in charakteristischer Weise in dem auf Antrag des Hamburger Rabbiners Dr. Solomon einstimmig gefaßten Beschluß zum Ausdruck, „das berüchtigte Kol Nidre-Gebet abzufchaffen". In der Frage der Mischehe ging die Braunsweiger Rabbinerversammlung sogar noch über die unter dem Druck politischer Verhältnisse gefaßten Beschlüsse des Pariser Synhedrions vom Jahre 1807 hinaus. Der durch den Verlauf der Rabbinerkonferenz vermittelten Erkenntnis des scharfen Gegensatzes der reformistischen Tendenzen zum überlieferten Judentum, erklärte Dr. Auerbach zum Schluß, sei es zu verdanken, daß nicht alle deutschen Juden Opfer der religiösen Zersetzung wurden. Schweiz. Die Studentenkonferenz in Nyon. Genf, 15. April. Die Studentenkonserenz in Nyön befaßte sich am zweiten Verhandlungstage mit der Frage der Stellung der jüdischen Studenten an den europäischen Universitäten. Das einleitende Referat hielt der Leiter der Kulturabteilung des Weltstudentenwerks, James Parkes, der u. a. ausführte: Die jüdische Hochschulfrage ist ein modernes Problem. Im Mittelalter wurden christliche Universitäten von Juden nicht besucht. Diese besaßen ihre eigenen rabbinischen Hochschulen, an denen ihnen in der Regel viel größere Bildungsmöglichkeit geboten war. Erst im 19. Jahrhundert begannen die Juden die europäischen Universitäten zu besuchen, und am Ende des 19. Jahrhunderts entsteht der Hochschulantifemitismus. Ursprünglich eine politische Bewegung, hat dieser unter dem Einfluß der rassenantisemitischen Theoretiker, u. a. Houston Stuart Chamberlarns, den Charakter einer Rassenbewegung angenommen. Nach dem Krieg tritt eine Verstärkung der antisemitischen Bewegung ein, die sich zwar noch immer auf politische und Rassenlosungen beschränkt, deren wichtigste Triebkräfte aber wirtschaftlicher Natur sind. Der Redner befaßt sich sodann mit den verschiedenen An¬ Die Woche Berlin. In der Nacht zum Freitag wurde n die Synagoge in der Kleinen Auguststraße ein Einbruch verübt. Unbekannte Täter verschafften sich mit Dietrichen Eingang in die völlig unbewachte Synagoge, plünderten zwei Wandschränke aus und nahmen eine Anzahl wertvoller Silbergeräte und Talissim (Gebetmäntel) mit. Die Verbrecher sind entkommen. Trier. Vor einigen Tagen wurde eine Kinderjugendgruppe des Jüdischen Jugendbundes, die von einer Wanderung nach Trier zurückkehrte, von Nationalsozialist enangegriffen. Die Rohlinge hieben auf die 12—15jährigen Kinder und die sie begleitenden Erwachsenen ein, entrissen einem 18jährigen die Fahne und schlugen ihm mit der Fahnenstange ins Gesicht. Zuletzt nahmen sie den flüchtenden Kindern die Zeltgeräte ab und verfolgten sie bis vor den Eingang der Stadt, worauf sie das Weite suchten. Breslau. Vor dem Schöffengericht in Oels wurde am 15. April gegen drei Nationalsozialisten wegen Schändung des jüdischen Friedhofs in Trebnitz verhandelt. Sie waren in Hitleruniform vor Gericht erschienen. Zwei der Angeklagten wurden zu drei bezw. zwei Monaten Gefängnis verurteilt, der dritte mußte mangels Beweises freigesprochen werden. Danzig. Der Danziger polnische Generalkommissar Straßburger wollte zum Protest dagegen, daß der Danziger Senat eine Reihe von polnischen Juden, gegen die Gewaltakte verübt worden waren, keine Genugtuung verschafft hat, von seinem Posten zurücktreten. Die polnische Regierung hat seine Demission nicht angenommen. Amsterdam. Senator Henry Polak, der Präsident des allgemeinen holländischen Diamantarbeiter-Verbandes und ehemaliger Vorsitzender der sozialistischen Partei Hollands, hat sich in einer Konferenz von Gewerkschaftsführern gegen die Durchführung der geplanten Kalenderreform ausgesprochen. Prag. Im Kaschauer Untersuchungsgefängnis sind 24 jüdische Häftlinge in den Hungerstreik getreten, weil die Gefängnisleitung ihnen die Selbstversorgung mit ritueller Verpflegung entzogen hat. Die Gesängnisleitung begründet das Verbot der rituellen Beköstigung damit, daß auf diese Weise den Gefangenen Briefe mit zugeleitet werden, und erklärt, daß sie bei Fortsetzung des Hungerstreiks nach drei Tagen eine künstliche Ernährung der Häftlinge anordnen werde. Budapest. Der Bischof Dr. Desider Balthazar richtete an den Vorstand der Pester Israelitischen Religionsgemeinde ein Kondolenzschreiben, in dem er u. a. ausführt: „Alle jene, deren G'tt der G'tt der Liebe ist, leben in einer brüderlichen Seelengemeinschast, in der auch ich mich Ihnen gegenüber befinde. In dieser Seelengemeinschaft teile ich die Trauer um den jungen Eugen Roth mit Ihnen. Die Obenstehenden mögen sehen, daß die Nacht des Grolles nicht mehr lange währt, denn aus ihr entstehen fluchwürdige Taten." Czernowih. In Suczaweni kam es ZU Ausschreitungen der Bauern gegen die jüdischen Einwohner, wobei viele jüdische Häuser ausgeolündert wurden, Kowno, Die Stadt Kowno und eine Reihe anderer Orte wurden von einer schweren UeberschwömMungskatastrophe heimgesucht. Die jüdischen Viertel von Kowno UNS das Städtchen S l o b o d k a sind fast völlig unter Wasser gesetzt. In Kowno wurden mehr als 300 zum großen Teil von Juden bewohnte Häuser schwer beschädigt. London. Wie gemeldet wird, soll es dem englischen Archäologen G a r st a n g gelungen sein, den Königspalast von Jericho zu entdecken. Doch mußten die Ausgrabungsarbeiten wegen der ungünstigen Witterung verschoben werden. Paris. In Paris wurde in Anwesenheit des französischen Großrabbiners Israel Levy und des Präsidenten des Verbandes der jüdischen Gesellschaften von Paris ein dem Andenken des verstorbenen jüdischen Philanthropen Efim Pernikoff geweihtes Jüdisches Studentenheim eröffnet. Warschau. In der Kanzlei der Großen Synagoge in der Tlomackstraße wurde ein Ejnbruchsdiebstahl verübt. Die eiserne Kasse der Kanzlei wurde von den Einbrechern gesprengt. Den Dieben sind neben Bargeld kostbare Thorakronen und andere Tempelgeräte in die Hände gefallen. schuldigungen, die von antisemitischer Seite gegen die Juden vorgebracht werden. Das Hauptübel erblickt der Referent in der Tatsache, daß Anklagen gegen jüdische Individuen oder Gruppen auf das gesamte jüdische Volk ausgedehnt werden. Sodann geht er auf die historischen Ursachen ein, die zu einer Konzentrierung der Juden, in bestimmten Berufen geführt haben. Im Zusammenhang mit einer Besprechung der Ueberproduktion an Intellektuellen bei den Juden erwähnte er auch die aus berufliche Umschichtung gerichteten Bestrebungen. An der nunmehr folgenden Debatte nahmen jüdische und nichtjüdische Strldenten teil. Besonderes Interesse erweckten die Ausführungen des deutschen Delegierten S ch m a d e l, der Jahre hindurch Führer der gesamten deutschen Studentenschaft war. Obwohl Schmadel den Antisemitismus für begründet hält, spricht er sich doch gegen jeden gewalttätigen Antisemitismus aus und verurteilt die Ueberfälle auf die jüdischen Studenten. Der Kampf der deutschen Studenten gegen die Juden sei ein geistiger Kampf, der mit geistigen Waffen geführt werden müsse. Auf die Frage, warum deutsche Studenten ihren jüdischen Kommilitonen ritterliche Genugtuung verweigern, antwortete Schmadel, dies dürfe von den jüdischen Studenten nicht als Beleidigung und Diffamierung aufgefaßt werden, da der Zweikampf ein rein deutsche Sitte und nur zwischen deutschen Studenten berechtigt sei. Die weiteren Verhandlungen brachten Referate und Aussprachen über die Juden frage' Ein deutschvölkischer Redakteur, Dr. Stapel, hielt ein zweistündiges Referat über die „Stellung der Juden in der Politik". Er lehnt das Gleichheitsprinzip als Grundlage einer Staatstheorie ab und spricht auch vom „Juden Rathenau". Den Antisemitismus in Deutschland erklärt er mit biologischen Gründen und mit den höheren Rassenwerten des deutschen Volkes. Der Jude fei international, es fehle ihm die nahe Beziehung zum Staat. Er idnetifiziert sich mit der Auffassung der Zionisten, daß „die Juden im Exile leben" und polemisiert gegen den Zentralverein und seine Synthese „deutsche Bürger jüdischen Glaubens". Judentum sei nicht Glaubensgemeinschaft, sondern Volkstum. Die Naumann-Partei begehe die „Unverschämtheit", von den Juden die Preisgabe ihres Volkstumes zu verlangen. Er bekämpfte noch zum Schluß den Sozialismus und Pazifismus als jüdische Einrichtungen. Den eindeutigen Ausführungen des völkischen Redners treten entschieden, aber in vornehmer Sachlichkeit, Dr. Friedrich V r o d n i tz vom C.-V. und Ministerialdirektor Dr. Hermann B a d t als Vertreter zionistischer Weltanschauung entgegen. Brodnitz gibt einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung der Judenfrage seit der Emanzipation. Die Juden seien in deutscher Kultur ausgewachsen und erzogen und bekennen sich zum deutschen Volkstum, ohne dabei die Bande mit jüdischer Religion und Tradition zu lösen. Alle anderen Theorien seien politische Schlagwörter aus verschwommenen Begriffen heraus. Biologie lasse sich auf das Leben der Tiere gut anwenden, aber nicht auf das von Menschen und Völker. Auch Dr. B a d t weist die Unhaltbarkeit und Verwerflichkeit der biologischen Methode für xine objektive wissenschaftliche Analyse nach. Klassische Werte lassen sich nicht feststellen. Wichtiger sei die h i st o r i s ch e Methode, und diese zeige, daß ein bewußter Jude wohl vollwertiger und treuer Bürger des Staates sein könne. Er selber habe niemals einen Konflikt zwischen seinen Pflichten als preußischer Staatsbeamter und denen als Jude empfunden. In England bekleiden bewußte Juden höchste Staatsämter. Die treffendste Widerlegung der Mär von der rassischen Minderwertigkeit der Juden habe der Zionismus mit dem Aufbau in Palästina, auf den Redner näher eingeht, geboten. In einer Diskussion wurde mit Stapel scharf zu Gericht gegangen. Solche Theorien, betonten die Redner, bilden die größte Gefahr für die einzelnen Länder mk für den Weltfrieden. Stapel verteidigte sich in seinem Schlußwort damit, er habe den Standpunkt der deutschen Jugend vertreten un dwerde dieser die ablehnende Haltung der Studentenkonferenz übermitteln. Dr. Badt bittet ihn zum Schluß, der deutschen Jugend zu sagen, daß Stapels Auslassungen nicht nur von den jüdischen, sondern auch von den nichtjüdischen Teilnehmern schlankweg abgelehnt wurden.

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