Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-04-16 · Heft 16 (16.4.1931) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 16 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450668--77830-2535482
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2. Bei den Sejmwahlen im Jahre 1928 waren die Verhältnisse im polnischen Staate schon ganz andere geworden. Die allgemeine politische Lage hatte sich gänzlich geändert. Während früher der Antisemitismus das ganze Staatsleben beherrschte, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, vom höchsten bis zum kleinsten Beamten, während! früher der Antisemitismus die eigentliche Achse war, um welche sich der ganze Staatsapparat drehte und niemand den Mut und den Willen hatte, ein gutes Wort zugunsten der Juden zu sprechen, gelang es jetzt Pilsudski, entsprechend seiner allgemeinen politischen Einstellung, sämtliche Parteien zu zersplittern und damit die Macht der antisemitischen Nationaldemokratie und der antisemitischen Bauernpartei des Herrn Witos zu brechen. Hieraus entstanden unbedingt große Vorteile für die Juden. Tatsächlich muß jeder objektiv denkende Mensch anerkennen, daß seit der Kursänderung vom Mai durch Pilsudski die politische Atmosphäre Polens von Antisemitismus gereinigt wurde. Der damalige Premier Barthel erklärte ausdrücklich, daß er den Antisemitismus bekämpfen will und wenn in der Gesetzgebung ungünstige Bestimmungen für die Juden enthalten sind, so sind diese ein Produkt des Regimes vom Vormai. Demzufolge wollte die Agüdas Jisroet in Polen im Jahre 1928 keinen Block mit den nationalen Minderheiten Polens zu den neuen Sejmwahlen bilden, weil dieses in den polnischen Regierungskreisen als ein Akt gegen die Regierung angesehen worden wäre, um so mehr, als die Beziehungen zwischen der Regierung und den nichtjüdischen Minderheiten im Laufe der Zeit sich noch verschärft hatten. Die Agudas Jisroel war der Meinung, daß wir nicht zulassen dürfen, aus Nichtantisemiten Antisemiten zu machen. Außerdem hätte das Zusammengehen mit den Ukrainern und Deutschen uns keinen numerischen Gewinn bringen können, weil diese selbst unter sich stark zersplittert waren. 3. Deshalb wollte die Aguda einen gemeinsamen Block sämtlicher jüdischer Parteien bilden. Herr Grünbaum dagegen wollte eher mit den Ukrainern, die im übrigen nicht selten ihre stark antisemitische Einstellung hervorkehren, gehen als mit der Aguda. Er hatte es sich damals zum Ziele gesetzt, die Orthodoxie aus der politischen Arena zu verdrängen und hat damals die Parole ausgegeben, der Orthodoxie einen „Toitklapp" zu versetzen. Die Aguda ging selbständig zu den Wahlen und trotzdem sie kernen numerischen Gewinn zu verzeichnen hatte, war es doch das Verdienst ihrer konsequenten Stellungnahme, einerseits den Minderheitenblock, der unseres Erachtens für die Juden einen Unsinn bedeutete, zu brechen, andererseits die Gefahr abzuwenden, die den Juden gedroht hatte, falls sämtliche Juden mit den Minderheiten gegangen wären. Dies war das historische Verdienst der Aguda. Die Regierung wiederum wollte das Unrecht, das letzten Endes den Juden durch die neugeschaffene Wahlordination angetan war, wieder gut machen, indem sie an aussichtsreicher Stelle ihrer Wahlliste Herrn E. Kirschbraun als Abgeordneten der Orthodoxie stellte. 4. Während der Sejmwahlen im Jahre 1930 waren alle der Ansicht, daß angesichts der furchtbaren Krisis, von welcher die polnische Judenheit am schwersten getroffen war, es unsinnig gewesen wäre, innerhalb des jüdischen Lagers einen Wahlkampf heraufzubeschwören. Auch von Seiten der Regierung wurde der Wunsch laut, daß bei dem derzeitigen erbitterten Kampf um die Macht zwischen Regierung und Opposition die Juden am besten täten, selbständig zur Wahl zu gehen, ohne sich nach irgend einer Richtung hin zu engagieren. Bis zum letzten Moment war die Aguda bestrebt, den vereinigten Block sämtlicher jüdischen Parteien trotz bestehender Meinungsverschiedenheiten zu schaffen. Die Aguda hat nachdrücklichst darauf hingewiesen, daß bei einer Zersplitterung viele jüdische Mandate verloren gehen würden, während bei einer Vereinigung die Aussicht bestünde, mindestens 20 Abgeordnete und 6 Senatoren durchzubringen. Herr Grünbaum hat diese Vereinigung mit Absicht zu verhindern gewußt und die Verantwortung dafür trägt die Zionistische Organisation, die ihn gedeckt hat. 5. An dieser Stelle müssen wir über seine Tätigkeit und sein System etwas weiter ausholen. Man kann die Zionisten in Bezug auf ihre Stellung zur Religion in drei Gruppen einteilen: a) in diejenigen, die der Religion mit Sympathie gegenüberstehen: b) die sich der Religion gegenüber gleichgültig verhalten, c) die der Religion feindlich gegenüberstehen und sie bekämpfen. Für uns sind alle drei Gruppen gleichwertig, da wir wissen, daß die Grundlage des jüdischen Lebens e i n z i g u n d a l l e i n d i e R e l i g i o n ist. Immerhin ist es wert, festzustellen, daß Herr Grünbaum zur dritten Gruppe gehört und die Orthodoxie mit allen Mitteln zu bekämpfen bestrebt ist. Er will unbedingt das jüdische Leben verweltlichen und es auf einer u n r e l i - glösen Basis aufbauen. Sein besonderer Haß gilt der Aguda. Er ist aufrichtig genug, zu erklären, daß die Orthodoxie früher immer das Reservoir für den Zionismus gewesen sei und erst die Aguda dieses Reservoir verschlossen hat. Aus diesem Grunde gilt seine Feindschaft speziell der Aguda, die er bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck bringt. Insbesondere hat er dies bei den Wahlen 1930 gezeigt. Der Kampf gegen'die Orthodoxie nahm damals Formen an, die beispiellos sind. Dieser Kampf steht in seiner häßlichen Form einzig da in der Geschichte der Juden Polens. Die Juden Polens wurden in zwei Lager gespalten. Die Orthodoxie wurde mit unerhört scharfen Mitteln, sogar bis zu brutalen Tätlichkeiten bekämpft. Die Hetze gegen orthodoxe Juden war derart groß, daß es einfach eine Gefahr war, sich in traditioneller Tracht auf der Straße zu zeigen. Die jüdische Gasse war von einem schrecklichen Hasse aufgewühlt. Und dies alles wegen Grünbaums, der bisher schon immer eine traurige Rolle im jüdischen Leben Polens gespielt hat. 6. Sein politisches System war immer gewesen, die Polen zu hetzen und zu reizen, ohne Rücksicht auf den großen Schaden, den er dadurch den Juden verursachte. Als seinerzeit Grünbaum im Sejm ausrief: „Nun habt Ihr Lemberg und Wilna verloren", folgte hieraus die Wegnahme der Konzessionen auf Ausschank von den Juden, wodurch 30 000 Juden brotlos gemacht wurden. Noch heute geben sich die orthodoxen Abgeordneten große Mühe, diesen Schaden, den Grünbaum verursachte, wieder gut zu machen. Als er wiederum die Hatlkwa im Sejm anstimmte, wurde das Schächtverbot in Polen hierauf angenommen und nur den stillen Bemühungen der orthodoxen Abgeordneten gelang es, diese Gefahr abzuwenden. Den Höhepunkt seiner schädlichen Tätigkeit erreichte er, als er im Jahre 1930 öffentlich von der Sejmtribüne herab das gesamte religiöse Jude nürm der heutigen und der vergangenen Generation denunzierte als unloyal und staatsfeindlich Polen gegenüber. Trotz alledem wollte die Aguda dennoch die jüdische Solidarität nicht brechen und hat, wie gesagt, nach einem einheitlichen jüdischen Block weiterhin gestrebt. Grünbaum aber hat diese Bemühungen vereitelt. 7. Nun ging die Aguda selbständig zu den Wahlen gemeinsam mit den Vereinigungen der Kaufmannschaft, Kleinhändler und Handwerker, und rief die jüdischen Wähler auf, ihre Stimmen der rein jüdischen Liste Nr. 18 zu geben. Von dieser Liste wurde in Warschau mit rein jüdischen Stimmen Oberrabbiner Lewin aus Rzeszow gewählt. In fast allen Wahlkreisen wurden von der Aguda eigene Listen aufgestellt. Die Regierung wollte das Unrecht, das den Juden durch die Wahlordmativn Lutoslawskis widerfuhr, gewissermaßen dadurch wieder gut machen, daß sie zwei Agudaführer, Senator Mendelsohn und Dep. Minzberg, auf ihre Liste stellte. Nachdrücklichst muß hier betont werden, daß die Aguda niemals auf d as mindeste der jüdischen Rechte verzichtet hat. Die Aguda hat immer mutig die jüdischen Interessen vertreten und keine Gelegenheit Vorbeigehen lassen, Rechte für die Juden zu fordern. Es ist eine glatte Verleumdung, zu behaupten, die Aguda gehe immer mit der jeweiligen Regierung. Als eine ausgesprochen antisemitische Regierung der Nationaldemokraten und Bauernpartei am Ruder war, befand sich die Aguda gemeinsam mit allen anderen jüdischen Abgeordneten in Opposition gegen die Regierung. Für die Taktik der Belzer Chassidim ist die Aguda ja nicht verantwortlich. (In Parenthese sei bemerkt, daß die Aguda in Galizien nirgends eine eigene Liste aufstellte.), 8. In Kongreßpolen haben s ä m t - I i ch e o r t h o bo x e I udle n die Tendenz Grünbaums, die Orthodoxie aus der politischen Arena zu verdrängen und dem religiösen Judentum einen „Toitklapp" zu versetzen, herausgefühlt und gingen vereinigt in diesen schweren, erbitterten Wahlkampf. Sie wußten, daß es sich hier nicht nur um einen politischen, sondern um einen ausgesprochenen kulturellen Kampf, einen Kampf für oder gegen die Religion, handelte. Dank dieser Vereinigung der orthodoxen Kräfte ging die Orthodoxie aus diesem Wahlkampf erfolgreich hervor. Der Ausgang der Wahlen war wiederum ein Beweis' dafür, da ß die Aguda die stärkste Partei im Jude n t u m i st. 9. Hier soll noch bemerkt werden, daß für die richtige Bewertung des Wahlausganges ausschließlich das Resultat der Senatwahleu maßgebend ist, da bei den Sejmwahlen die Juden in vielen Wahlkreisen sich der Stimme enthalten haben, weil sie wußten, daß durch die Zersplitterung feine Aussichten vorhanden waren, ein Mandat durchzusetzen. Maßgebend sind.nur die Wahlen zum Senat, weil die Wahlbezirke zum Senat viel größer sind als die zum Sejm und die Städte mit kompakten jüdischen Massen eher Aussicht haben, ein Mandat durchzubringen. Das Resultat der Senatwahlen war folgendes: 240 000 Stimmen für die Aguda, 250 00fr Stimmen für die Zionisten, hierin sind aber etwa 70 000 Stimmen der Deutschen in Lodz, die für die zionistische Liste gestimmt haben, eingeschlossen. Daraus geht klar hervor, daß die Aguda die Mehrheit der jüdischen Stimmen auf ihre Liste gezogen hat. 10. Interessant ist der Wahlunterfchied zwischen 1928 und 1930. 1928 haben die Zionisten in Kongreßpolen 7 Abgeordnete und- 5 Senatoren durchgebracht. 1930 gelang es ihnen nur, einen Abgeordneten in Warschau durchzubringen; den zweiten nur mit Hilfe der deutschen Stimmen und zum Senat keinen einzigen. 1928 erhielt die Aguda in Warschau 24 000 Stimmen, die Zionisten 48 00fr Stimmen, 1930 die Aguda 33 000, die Zionisten 39 000. Dieser Auf- und Abstieg allein ist für die Verhältnisse in der jüdischen Gasse maßgebend. Immerhin hat Herr Grünbaum mit seiner schädlichen Taktik die Absicht Ludoslawskis verwirklicht und anstatt eine angesehene Zahl jüdischer Abgeordneten, welche eine' Rolle im politischen Leben hätten spielen und evtl, das Zünglein an der Wagschale hätten sein können, sind in den Sejm nur eine bedeutungslose Zahl jüdischer Abgeordnete hineingekommen. Es ist daher kein Wunder, daß nach einM solchen „nützlichen und ehrlichen" Kampf tzsH entsprechender Epilog kommen mußte, der in häßlichen Mandatenhandel zwischen den Hepym Gründaum und Farbstein sich ab spielte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.