Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-04-16 · Heft 16 (16.4.1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 16 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450668--77818-2535470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 6 Nr. 16 D e r Israelit 16. April 1931 Eindruck, daß sie nur für die Araber arbeiten, wenn sie die Entwicklung Palästinas begünstigen. Der letzte Brief MacDonalds hat diesen Eindruck noch nicht genug verwischt." lieber das Verhältnis -er Araber zum Zionismus sagte Dr. Weizmann: „Es gibt viele Araber, die bereit find, mit uns einen modus vivendi zu beraten. Aber sie fürchten, wenn sie das tun, durch die Executive und die Presse als Verräter des Vaterlandes denunziert zu werden. Ich bin aber dennoch der Meinung, daß die Juden und die Araber sich einmal verständigen und Zusammenarbeiten werden, wenn die Engländer diese Entente nicht v e r h i n d e r n." Angarn. Das Attentat in der Vudapester Hauptsynagoge. Budapest, 12. April. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde Budapest hat eine Reihe anonymer antisemitischer Drohbriefe erhalten. Die Polizei hat daraufhin die Bewachung der Großen Synagoge in der Tabakgasse durch ein besonderes Detachement angeordnet. Wie „Pester Lloyd" erfährt, hat sich bei der Vudapester Polizei ein Mann gemeldet, der bereits am 29. März, also 6 Tage vor dem Attentat, eine vertrauliche Mitteilung erhalten hat, daß in nächster Zeit in einem jüdischen Tempel ein Anschlag verübt werde. Der Betreffende hat sich damals in der Annahme, daß es sich um leeres Gerede handle, nicht weiter um diese Mitteilung gekümmert. Er hat nunmehr Namen und Wohnung seines Gewährsmannes der Polizei mitgeteilt, die diesen einem Verhör unterziehen wrd. „Pester Lloyd" gibt der Vermutung Ausdruck, daß der Anschlag auf Veranlassung einer geheimen antisemitischen Terror-Organisation erfolgt ist, und fordert die Behörden aus, den Attentäter Zatloka nochmals auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen und Nachforschungen darüber einzuleiten, ob er keine Komplizen hatte. Ein Todesopfer. Budapest, 10. April. Das Attentat, das der für geisteskrank befundene Ingenieur Satloga in der Budapester Synagoge am Abend des zweiten Pessachtages verübt hatte und bei dem mehrere Betende schwer verletzt wurden, hat nun ein Todesopfer gefordert. Der 17 jährige Lehrling Eugen Roth ist am zehnten April seinen Verletzungen erlegen. Eugen Roth war der Sohn eines in ärmlichen Verhältnissen lebenden Reisenden. Die neologe Israelitische Religionsgemeinde Budapest hat eine Trauersitzung einberusen, in der Eugen Roth als ihr Toter erklärt wurde, für dessen Beerdigung sie sorgen werde. Die Beisetzung des getöteten Eugen Roth wird am Montag, den 13. April, in feierlicher Weife unter' Teilnahme der ganzen Iudenheit Budapests auf der Märtyrer- Parzelle des jüdischen Friedhofs in Budapest stattfinden. Auf der Märtyrer-Parzelle sind auch die Opfer des vor genau 9 Jahren verübten Boinbenattentats im demokratischen Elisabethstädter Klub beerdigt worden. Der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen hat in einem Schreiben an die israelitische Religionsgemeinde Budapest der Gemeinde sein tiefes Beileid anläßlich des Todes des bei dem verabscheuungswürdigen Attentat in der Budapester Synagoge schwer verletzten Eugen Roth ausgesprochen. Gleichzeitig gibt der Ministerpräsident bekannt, daß sich die ungarische Regierung bei der am Montag, den 13. April, stattfindenden Leichenfeier für das Opfer des Attentats offiziell vertreten lassen wird. Budapest, 13. April. Am Montag, den 13. April, wurde der 17jährige Lehrling Eugen Roth, der den beim Vudapester Synagogenattentat erhaltenen Verletzungen erlegen ist, unter ungeheurer Beteiligung zu Grabe getragen. Ueber 10000 Personen folgten dem Sarge. An der Trauerfeier auf dem Budapester jüdischen Friedhof, die sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung für konfessionellen Frieden gestaltete, nahmen Kultusminister Graf Klebelsberg in Vertretung der ungarischen Regierung, der katholische Bischof Dr. Johann Meszaros, der Bischof der reformierten Kirche, Dr. Ravasz, der evangelische Bischof Raffay, der Bischof der ungarischen Kirche, Jo- Me Woche. Berlin. Eine 75jährige Frau, Anna Goldschmidt, hat gemeinsam mit ihren beiden Töchtern unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Not Selbstmord begangen. Es war früher eine wohlhabende Kaufmannsfamilie. Die Tragödie hat in Berlin einen erschütternden Eindruck gemacht. — Der jüdische Friedhof in Hermsheim bei Worms wurde geschändet. Wie jetzt polizeilich festgestellt wurde, hat ein Betrunkener diese Uebeltat ausgeführt, so daß hier ein politischer Hintergrund nicht vorliegt. Darmstadt. In der letzten Sitzung des Hessischen Landtags wurde der Entwurf, durch den die jüdischen Gemeinden Hessensdas Be st euerungsrecht erhalten, einstimmig angenommen. Mosbach. Der bayerische nationalsozialistische Landtagsabgeordnete, Dr. Otto Hellmuth, hatte öffentlich die Juden des Ritualmordes bezichtigt. Auf Grund seiner Immunität konnte er den ihm darob gemachten Prozeß um ein ganzes Jahr hinausschieben. Nunmehr wurde der Angeklagte von der Mosbacher Strafkammer freigesprochen, weil die Belastungszeugen nach dieser langen Zeit ihre Aussagen nicht mehr unter Eid nehmen konnten. Wien. Hofrat Prof. Dr. Solomon Frankfurter wurde, in Anerkennung seiner Verdienste um das österreichische Vildungswefen, vom Bundespräsidenten mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Montreal. Bei der Beratung des neuen jüdischen Schulgesetzes in der Unterhauskommission sprach sich das jüdische Ratsmitglied, P. B e r k o w i t f ch , gegen die Zubilligung von Minderheitsrechten an die Juden aus. Die Juden Canadas wollten sich nicht als Minderheit, sondern als echte Canadier betrachten. Brüssel. Der bisherige Antwerpener Oberrabbiner Dr. Wiener wurde zum Grandrabbin von Belgien mit dem Sitz in Brüssel gewählt. Der neue Oberrabbiner hatte sich in seiner 27jährigen Tätigkeit in Antwerpen als Führer des belgischen Zionismus betätigt. Amsterdam. Der Protest der holländischen Juöenheit gegen die geplante Kalenderreform trägt 55 000 Unterschriften. Melbourne. Am 4. April sind die E i n w a nderungsbeschrä^lkungen in Kraft getreten. Dadurch wird die Einwanderung so gut wie vollkommen verhindert, Nur mit einem vom Außenamt ausgegebenen Scheine kann ein Ausländer noch in Australien landen. Sonstantinopel. Mit Gesetz wurden die Schulen der Minoritäten in der Türkei den türkischen Schulen gleichgestellt, was insbesondere den j ü d ischenSchulen zugute kommt. Es kann durch diese Verordnung verhütet werden, daß jüdische Kinder Missionsschulen besuchen. Mlawa. Hier geht seit Jahren ein Prozeß wegen des jüdischen Friedhofs, den ein christlicher Landwirt der jüdischen Gemeinde streitig macht. Das Kreisgericht hat nunmehr dem Kläger das Eigentumsrecht am Landstück zugesprochen. Sollte die letzte Instanz das Urteil bestätigen, so wird die jüdische Gemeinde ihre Toten exhumieren und auf einen neuen Friedhof über- ' führen müssen, korvno. Auch dieses Jahr durften am Bestach keine Ritualmord- Märchen fehlen. In Kaidan und in Dörfern verschiedener Gegenden ging die Hetze hoch, die alle von einer Zentralstelle geleitet waren. Warschau. Der polnische Vizeminister für Finanzen, Starzynski, ein eifriger Vertreter der Verstaatlichungspolitik, die unzählige Juden um ihr Brot gebracht hat, ist von seinem Amte zurückgetreten. — Montag den 13. April begab sich ein Transport von 500 Ehaluzim aus Warschau nach Palästina, weitere 120 Ehaluzim folgen am 22. April. 300 Ehaluzim werden sich im Mai nach Palästina begeben. — Ungefähr 80 000 Warschauer Juden haben dieses Jahr die Pessach- Hilfe der Warschauer Gemeinde in Anspruch genommen. Tel-Awiw. In der Nacht von Freitag zu Sabbat wurden 43 Autobusse in Tel-Awiw durch Feuer vernichtet. Der Schaden wird aus 20 000 Pfund geschätzt. Für einige Tage war dadurch der Verkehr in der Stadt fast völlig lahmgelegt. Jerusalem. Am Sabbat flog „Graf Zeppelin", von Aegypten kommend, über Jerusalem, von der gesamten Bevölkerung aufs herzlichste bejubelt. — Die Jewish Agency erhielt Einwanderungserlaubnis für 12 Juden, die aus der sibirischen Verbannung geflohen sind und sich zur Zeit in Persien aufhalten. Es sind Opfer von Religionsverfolgungen. zan, der Budapester Oberbürgermeister Dr. Ripka, der Oberstadthauptmann (Polizeipräsident) Dr. Bezegh Huszagh, zahlreiche Reichstagsabgeordnete und Deputationen jüdischer Gemeinden und Organisationen teil. Am offenen Grabe sprach Großrabbiner Dr. Simon Hevesi, der in ergreifenden Worten an die wahre Nächstenliebe appellierte und die Hetzkampagne gegen das Judentum, durch die der Glauben erweckt wurde, daß die Juden an allem Unheil dieser Welt Schuld haben, verurteilte. Möge dieses neue Märtyrergrab, schloß Dr. Hevesi seine Trauerrede, de mungarischen Vaterlande endlich einen brüderlichen Klassen- und Konfessionsfrieden bringen. Polen. Die Not der Juden in Polen. — Zahlreiche Selbstmorde. — Verstärkte Tätigkeit der Alisfionsgefellfchaften. Warschau, 1. April. Die wirtschaftliche Lage der polnischen Iudenheit gestaltet sich immer verzweifelter und führt vielfach zu Selbstmord oder Taufe. In Lodz haben an einem Tage vier Juden Selbstmord begangen, weil sie den Hunger nicht länger ertragen konnten. Es wurde sestgestellt, daß sie seit Tagen keine Nahrung zu sich genommen hatten. In den Straßen von Warschau brechen Juden häu- I sig vor Erschöpfung zusammen. Am Tage vor Pessach mußten mehrere jüdische Frauen, die auf der Straße ohnmächtig geworden waren, in die Spitäler gebracht werden. In verschiedenen Teilen von Warschau wurden weggelegte jüdische Kinder gefunden, an deren Decken Zettel mit der Mitteilung geheftet waren,' daß die verzweifelten Mütter sich zur Weggabe der Kinder entschlossen hätten, um sie nicht vor ihren Augen Hungers sterben zu sehen. Herzzerreitzedne Szenen spielten sich vor dem Gebäude der Jüdischen Gemeinde ab, wo eine Menge von 3000 Menschen im letzten Augenblick um Pessachunterstützung bat. Da die Mittel der Gemeinde und der Hilfsorganisationen völlig erschöpft sind, werden etwa 3000 Personen in Warschau zu Pessach ohne Mazzothversorgung gewesen sein. Die Gesellschaft zum Schutze des jüdischen Glaubens veröffentlicht einen Aufruf, in dem darauf hingewiefen wird, daß viele Juden durch den Hunger in die Arme des Proselytisnius getrieben werden. Die jüdische Bevölkerung wird aufgefordert, sich zu einer organisierten Bekämpfung der verstärkten Tätigkeit der Missionsgesellschaften Zusammenzuschließen, die in allen jüdischen Städten, besonders aber in Wilna, wo sie 7 Missionshäuser eröffnet haben, am Werke sind, um die Krise für ihre Zwecke auszunutzen. Tausende verarmter Juden, heißt es in dem Aufruf weiter, führen einen verzweifelten Kampf gegen den Hunger und werden häufig, wenn sie jede Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse verloren haben, dazu getrieben, Hand an sich zu legen, während andere der Verführung durch die Seelenfänger erliegen. Es müsse etwas geschehen, um der wachsenden Epidemie der Selbstmorde und Glaubensübertritte ein Ende zu setzen. Das Gesetz über die Abschaffung der zaristischen Ausnahmebestimmungen gegen die Inden in Polen in krafi getreten. Warschau, 11. April. Das polnische Amtsblatt veröffentlicht in seiner soeben erschienenen Ausgabe das im Februar d. I. vom Sejm beschlossene und Mitte März nach einigen Abänderungen vom Senat bestätigte Gesetz über die Abschaffung der aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung Polens. Damit find die Ausnahmebestimmungen gegen Juden endgültig abgeschasst. Der Kampf gegen die Wahlordnung für die jüdischen Gemeinden in Polen. Warschau, 12. April. Die antiorthodoxen Elemente haben unter dem Namen „Vereinigter Block unparteiischer polnischer Juden" eine neue Organisation geschaffen. Das Programm der neuen Partei, die extrem polnisch-patriotisch und pilsudskifreundlich orientiert ist, umfaßt alle jüdischen Probleme wie Kampf um das Recht der Juden auf Arbeit, Bekämpfung der Zwangssonntagsruhe, der Uebersteuerung, Kampf um den Ausbau des jüdischen Schulwesens, Förderung des Paläftinawerkes usw. Die Partei wird sich bestreben, die fortschrittlichen Elemente im Judentum,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.