Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1931)
- Date
- 1931-04-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 16 16. April 1931 TAPETEN LINOLEUM UND DEKORATIONSSTOFFE A. GUTHEIM ROSSMARKT 25 TEL. 25141 bewußtsein von sich selbst, seinem Körper, und seinen seelischen und geistigen Funktionen Kenntnis hat. Das Selbstbewußtsein hat philosophisch in dem bereits im Aufsätze „Lernen" (Individualistisches und kollektivistisches Denken; „Israelit" Nr. 48) behandelten Satze des Descartes „Cogito, ergo sum", „ich denke, also bin ich da", seine markante Definierung gefunden. Pflanze und Stein haben (vielleicht) kein Wissen um ihre Eigenexistenz, also besitzen sie auch keine Liebe. Erst der Mensch mit seinem Selbstbewußtsein besitzt Liebe; erst durch ihn kann das goldene Zeitalter der Liebeswonnen in der Welt anbrechen. Oder doch nicht? Wir klagten ja im Eingang dieses Aufsatzes über die Liebesarmut der Menschen, über die Liebesarmut selbst der Juden von heute, über die größte Liebesarmut im europäischamerikanischen/Kulturkreise gerade unter, der Herrschaft der Religion der Liebe. Warum denn, wenn Liebe aus Trieb und Selbstbewußtsein besteht? Der Trieb als etwas Naturgegebenes ist doch da, ohne daß wir für sein Dasein zu sorgen brauchen; und das Eigenbewußtsein zeichnet ohnehin den Menschen als Menschen aus. Man müßte darnach also in der Menschheit lauter eitel Liebe erwarten. Warum dennoch soviel Haß und Feindschaft? Es ist etwas Merkwürdiges um das Selbstbewußtsein; dasselbe Selbstbewußtsein, das in mir die Liebe erzeugt, das den Liebestrieb zur Liebe vollendet, dasselbe Selbstbewußtsein raubt mir auch die Liebe. Denn es gewährt mir mit dem Bewußtsein um meine Existenz auch das Bewußtsein um meine Bedeutung. Ich, der Mensch mit dem Selbstbewußtsein, komme immer und überall zuerst. Die persönlichen Fürwörter beginnen mit „Ich"; erst dann folgen „Du, er, sie, es" usw. Der andere kommt erst dann an die Reihe, wenn und soweit meine Bedeutung und meine Interessen nicht darunter leiden. Das Selbstbewußtsein lähmt den Trieb, mit dem anderen zu einer Einheit zusammenzuschmelzen, den anderen mit sich selbst zu identifizieren, ihn und sich selbst für dasselbe Wesen zu halten. Das Selbstbewußtsein tötet den Trieb zur Einswerdung, tötet den Liebestrieb; es ist unmöglich, vom Menschen mit seinem Selbstbewußtsein zu fordern, er solle seinen Nächsten wie sich selbst lieben (Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Tripolis.) Der Turiner Rabbiner Dr. Dario Difegni, der von der italienischen Regierung zum Regierungskommissar für die jüdischen Gemeinden in Tripolis ernannt wurde, hat nach mehrmonatlichem Aufenthalt in Tripolitanien dem Gouverneur Badoglio eine ausführliche Denkschrift über die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerungtn Tripolis, über die Organisation des dortigen jüdischen Schulwesens und der jüdischen Gemeinden überreicht. General Badoglio hat Dr. Disegni in einem Schreiben den Dank der tripolitanischen Verwaltung für die von ihm durchgeführte Mission ausgesprochen und versichert, datz die Regierung die in der Denkschrift enthaltenen Vorschläge einer wohlwollenden Prüfung unterziehen werde. Auf feiner Rückreise aus Tripolis hat Rabbiner Dr. Difegni dem JTA-Vertreter in Rom folgende Mitteilungen über feine Arbeit in Tripolis und die Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung gemacht. Die materielle Lage der jüdischen Bevölkerung in Tripolis, erklärte Dr. Disegni, ist sehr ungünstig. Daher leben die dortigen Juden auch unter äußerst schlechten sanitären Verhältnissen. In den Trachom-Ambulatorien der Regierung stellen die Juden den größten Teil der Erkrankten. Annähernd 90 Prozent aller jüdischen Kinder in der italienischen Kolonie in Tripolitanien leiden an Trachom. Während meines Aufenthaltes in Tripolis habe ich die Gründung eines eigenen jüdischen Spitals und die Errichtung einer Trachom-Klinik für jüdische Kranke auf Kosten der Stadtverwaltung angeregt. Seitens der RegiÄvng habe ich die Zusicherung erhalten, daß in 'dem neuen großen Spital, das gegenwärtig in Tripolis errichtet wird und den Namen des Königs Victor Emanuel III. tragen soll, eine jüdische Abteilung errichtet wird, in der die Kranken rituelle Kost erhalten und von jüdischen Aerzten behandelt werden sollen. In meinem dem General Badoglio oorgelegten Memorandum habe -_Der Israelit_ oder gär Ne andere Backe Hinhalten, wenn der Nächste! ihm einen Streich auf die eine Backe gibt. Wir können auf Grund von Vernunfterwägungen dazu gelangen, den andern für gleichberechtigt zu halten, ihm auch zu helfen, wir können sogar Mitleid mit ihm hegen, aber ihn lieben, das Sehnen haben, mit ihm eins zu werden, nein, dazu sind wir selbstbewußten Europäer nicht imstande. Diese Unmöglichkeit ist aber gerade die Ursache der trostlosen Tollhauserscheinungen der Gegenwart. Der Mangel an Fähigkeit zur Liebe läßt dem Haß die Bahn frei, sich zu tummeln, sich auszubreiten, um schließlich die Welt in einem Meer von Tränen und Blut zu ertränken. Dies kann nicht sein, dies darf nicht sein! Gibt es denn nirgends eine Rettung? Rettung? Das Schicksal ist doch unentrinnbar; das Selbstbewußtsein tötet die Liebe und ohne Selbstbewußtsein wären wir keine Menschen; also ergeben wir uns dem ehernen Walten des Geschickes! Ja, Selbstbewußtsein tötet die Liebe. Aber nur diejenige Art des Selbstbewußtseins, die die europäisch-amerikanische Kultur für allein möglich hält. In Europa—Amerika ist jeder Mensch sich lediglich seiner eigenen Person bewußt. Wie nun, wenn der einzelne Mensch kein besonderer, für sich allein existierender Organismus wäre, sondern nur Organ oder gar nur Zelle eines größeren Organismus?-Daß dann der Zusammenhang der einzelnen Organe oder Zellen untereinander im mechanischen Sinne loser ist als etwa der Zellen im menschlichen Körper, ist unerheblich. — Mein Arm fühlt sich auch nicht als besonderes Wesen; wenn er „Ich" sagt, meint er seinen ganzen Körper, d. h. mich, den ganzen Menschen. Das Ich der einzelnen Organe ist mit dem Ich des ganzen Organismus identisch. Hier liebt jedes Organ das andere oder, genauer ausgedrückt, hier bilden alle Organe eine Einheit. Schmerz und Freude des einen sind auch Schmerz und Freude des andern. Wird dos eine verletzt, jo sind alle anderen um die Wiederherstellung bemüht. Wenn die Zellen eines Organismus einander gleichen, d. h. sich identisch miteinander fühlen, dasselbe eine Selbstbewußtseim besitzen, so hat die Liebe unter ihnen ihren Platz. Würden die Menschen von dem gleichen einen Selbstbewußtsein beseelt sein, so würde Liebe unter ihnen herrschen. Prachtvoll übersetzt Martin Buber die bekannte Bibelstelle (3. B. M. 19, 18): „Liebe Deinen Genossen Dir gleich". Wenn Dein Genosse, der andere Mensch, Dir gleich ist — nicht Gleichheit im abgeschmackten europäischen Sinne, d. h. mit gleichen Rechten und- Pflichten, sondern Gleichheit tm Sinne von Identität —, ich auf die Notwendigkeit der Errichtung eines großen jüdischen Elementarschulgebäudes m Tripolis, das für 1000 Schüler berechnet werden soll, hingewiesen. Drei junge Tripolitaner Juden sind mit mir mitgekommen und sollen am Florentiner Rabbinerseminar zu Lehrern für diese Schule ausgebildet werden. Was schließlich die jüdischen Gemeinden in Tripolitanien anbetrifft, so habe ich ihre Reorganisation aus Grund der Bestimmungen des neuen jüdischen Gemeindegesetzes für Italien und die italienischen Kolonien durchgeführi. (Die Berliner jüdische Bevölkerungsziffer.) Auf Grund der Volkszählung vom 16. Juni 1925 hat das Statistische Amt der Stadt Berlin die jüdische Wohnbevölkerung in der Reichshauptstadt mit 172 672; Personen beziffert. In der jüdischen Oefsentlichkeit aber behauptete man, daß in Berlin mindestens' 200 000, möglicherweise gar 250 000, Juden leben. Man führt ins Treffen, daß eine große Anzahl von Juden sich gescheut habe, die Frage nach der Konfession auszusüllen, ferner seien viele Juden nicht mitgezählt worden, weil sie pvlizeikich nicht gemeldet waren. Dr. Hubert Pollack hält in einem im Gememdeblatt Pder jüdischen Gemeinde Berlin erschienenen Aufsatz die Annahme einer höheren als der statistisch erfaßten jüdischen Bevölkerungsziffer für abwegig und die erwähnten beiden Argumente für falsch. Insgesamt haben von den. 4 024165 Bewohnern Groß-Berlins nur 21433 ihr Religionsbekenntnis nicht angeben. Selbst die Annahme, daß ein Viertel von ihnen jüdisch ist, dürfte zu hoch greisen. Noch erheblich geringer ist die Zahl der polizeilich nicht gemeldeten Juden; sie betrüg nach Angaben des Arbeitsamtes der Jüdischen Gemeinde im Durchschnitt der letzten fünf Jahre keinesfalls mehr als 500 Personen. Auch bei weitgehendster Berücksichtigung der von den Kritikern der amtlichen Ziffern erhobenen Einwände kann man nur dann kann es Liebe geben, nur dann kannst Dir und wirst Du den anderen lieben. Je umfassender das Selbstbewußtsein des Menschen ist, je umfassender das Wesen, das.der einzelne Mensch als seinen Organismus;füW, desto umfassender ist auch die Liebe/ Der Mensch, der den Kosmos als sein Ich empfindet, fühlt sich mit allem identisch, was sich im Kosmos befindet, mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen, Erde und Sternen. Seine Liebe umfaßt die ganze große Schöpfung des lebendigen G'tt-es. Kosmisches Selbstbewußtsein — überhaupt nur möglich, durch das menschliche Bewußtsein als dem Organ und dem Sitz des Eigenbewußtseins des Kosmos — gewährt dem Menschen das Bewußtsein seines Selbst und Äamit das Wissen um seine Liebe, ohne jedach das Bewußtsein von seiner eigenen Sonderbedeutung und damit seiner Sonderinteressen hervorzurufen. Kosmisches Selbstbewußtsein tütet daher nicht die Liebe, im Gegenteil, es ermöglicht und schafft sie. Wie gewinnt der Mensch kosmisches Selbstbewußtsein? Wie gelangt er dazu, von sich selbst zu erklären: „Ich bin der Kosmos?" Dies kann der Mensch nur, wenn er ständig, unwillkürlich und selbstverständlich den Kosmos als seinen lebendigen Leib empfindet; dies wiederum ist nur möglich, wenn die lebendigen Bewegungen, die der Mensch ausführt, mit den lebendigen Bewegungen des Kosmos identisch sind und als identisch gefühlt werden. Dazu muß der Mensch erst einmal vom individuellen Selbstbewußtsein loskommen; er muß um sich schauen, welchem kosmischen Organ er zunächst als Zelle eingefügt ist. Um sich vom individuellen Selbstbewußtsein loszulösen, muß der Mensch erst einmal das Bewußtsein dieses zunächst dem einzelnen übergeordneten Organs gewinnen, aber so, daß das Organ eben nur als ein Organ des Kosmos empfunden wird. Das über dem einzelnen stehende nächsthöhere Organ im Kosmos ist das naturgegebene Volk. Wer das Volksbewußtsein nicht besitzt, kann das kosmische Bewußtsein niemals erreichen. Der Mensch ist eben nicht Zelle im Kosinos, sondern — wie überall im Lebendigen— Zelle in einem ihm zunächst übergeordneten höheren Organ, dieses wiederum Zelle in einem noch höheren Organ und so fort bis zum letzten Organismus, dem Kosmos. Volksbewuhtsein heißt nicht dasselbe wie bewußtes Volkstum, so wie man etwa in Europa- Amerika das Nationalbewußtfein aufsaßt. Europäisches Nationalbewußtfein verlangt, daß der Mensch erklärt undfühlt: „Ich bin ein bewußter Deutscher, bewußter Jude". „Gedenke, daß Du die Zahl der Juden, die mn letzten Volkszählungstag' in Berlin wohnten, höchstens mit -179 000 attsetzsn. Durch die natürliche Bevölkerungbewegung hat sich diese Zahl seitdem. etwas verringert. Alles in allem hat die Jüdische Gemeinde Berlin am 30. September 1930 etwa 174 600 Mitglieder gehabt. (Die Mitgliederzahl der Gemeinde Adaß Jisroelwird auf rund 1000 geschätzt). Wenn das Verzeichnis der Wahlberechtigten, also der volljährigen Gemeindemitglieder rund 132 000 Personen umfaßt, so mag eine Gesamtmitgliederzahl von 174 600 als zu niedrig, erscheinen. Dennoch ist sie annähernd richtig. Der Altersaufbau der jüdischen Bevölkerung Groß-Berlins ist eben abnorm, so daß aus die noch Nicht wahlberechtigten jüngeren Jahrgänge der Gemeindemitglieder nur etwa 40 000 Menschen entfallen; eine recht ungünstige Prognose für die weitere Entwicklung der Berliner Juden. Im Halbjahr Juli bis Dezember 1930 sind in der Jüdischen Gemeinde Berlin bei .1176 Sterbesällen 582 Geburten zu verzeichnen. Demnach sind also in diesem Halbjahr 594 Personen weniger geboren als gestorben.. Rechnet man die in Mischehen geborenen jüdischen Kinder dazu was man ohne weiteres gewiß nicht kann, dann stehen 1176 Todesfällen 722 Geburten gegenüber, so daß selbst bei dieser Rechnung ein Minus übrig bleibt. ZÄmiliennachrichkeu. Geburten: Einen Sohn, Eliefer Berlittger I. und- Frau Klara geb. Röberg, Verlichingen, Wttbg. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schach« nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen lKr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. g., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckeret, Frankfurt a. M.