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Der Israelit · 1931-04-16 · Heft 16 (16.4.1931) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 16 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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16. April 1931 Der Israelit Nr. 16 Seite 3 verhältnismäßig leicht und sicher bestimmen. Es gibt hier etwa 110 gesetzestreue amtierende Rabbiner und ca. 50 Stellen, für deren Inhaber Rabbinatsautorifation erwünscht oder erforderlich ist. Dazu gehören Dajanim, akademische Relkgionslehrer, Institutsleiter usw. Vielleicht werden in den nächsten Jahren vereinzelt Rabbinate neu errichtet, eher ist mit Verringerung durch Eingehen von Gemeinden oder Nichtwiederbesetzung freigewordener Stellen zu rechnen. Erfahrungsgemäß werden bei 160 Stellen jährlich höchstens 4—5 durch Pensionierung oder sonstigen Abgang der Inhaber frei. Wie groß wird demgegenüber die Zahl d>er Anwärter sein? Abgesehen vom Breslauer Seminar, durch das jedoch auch schon einzelne orthodoxe Rabbinate besetzt wurden, kommt neben den Jeschiwoth im wesentlichen das Berliner Seminar für Ausbildung gesetzestreuer Rabbiner in Frage. Hier sind zur Zeit rund 60 Hörer, von denen die allermeisten Rabbinate erstreben. Bei einer durchschnittlichen Studiendauer mit Umversitätsstudium von sieben Jahren, würden jährlich 8—9 Hörer mit Autorisation dieses Seminar verlassen. Dagegen stehen höchstens 6 offene Stellen, für welche auch noch andere Bewerber da sind. Zunächst kann ein Teil der freiwerdenden Stellen durch ältere Inhaber von Rabbij natsautorisation besetzt werden, die schon ander-' weitig tätig gewesen sind oder bisher keine rabbinifchen Funktionen ausgeübt haben. Eine gewisse Zahl von Rabbinatsanwärtern wird von der Frankfurter Iefchiwah gestellt. Andere I Posten, und gerade die! größten, bleiben Rabbinern aus dem Osten Vorbehalten, denen die deutschen Lehranstalten keine ebenbürtigen Bewerber zur Seite zu stellen haben. Wer also heute und künftig das Rabbinerseminar verläßt, findet nur eine bereits geschmälerte Anzahl von Rabbinerstellen vor. Tatsächlich sind dabei die Aussichten der älteren Jahrgänge günstiger, für die jüngeren aber erheblich schlechter, denn fast die Hälfte der Hörer ist erst in den letzten beiden Jahren in das Seminar eingetreten. Wenn diese Jahrgänge das Seminar verlassen, wird eine größere Anzahl von ihnen fürs erste nicht auf eine Anstellung rechnen können. Infolge des stärkeren Andrangs sind nun die Anforderungen auf den Seminarien bedeutend erhöht worden. Das ist an sich zu begrüßen, da die erhöhte Leistung auch die Verwendungsfähigkeit und Anstellungsmöglichkeit begünstigt, beideutet aber meist eine weitere Verlängerung des an sich nicht kurzen Studiums. Rur nebenbei sei erwähnt, daß entsprechend die Erlangung von Stipendien schwerer wird. Da die Rabbinatsautorisation im Gegensatz zu fast allen akademischen Diplomen und Approbationen internationalen Wert hat, sei noch Einiges über Ausland und Rabbinerberuf ausgeführt. Daß für einige wenige, deutsche Stellen Ausländer bevorzugt werden, falls sich keine gleichwertigen deutschen Mitbewerber finden, ist bereits gestreift. Die Fälle bilden jedoch eine Ausnahme und hängen mit besonderen Verhältnissen in den betreffenden Gemeinden zusammen. Die meisten Gemeinden berücksichtigen in steigendem Maße deutsche Kandidaten bei Wahl ihrer Rabbiner. Für solche Stellen haben Ausländer, selbst die in deutschen Lehranstalten ausgebildeten, eeteri8 paribus geringe Chancen. Jetzt ist noch zu sagen, daß ein erheblicher Prozentsatz der in Deutschland zur Ausbildung befindlichen Rabbinatskandidaten aus Ausländern besteht, die nach Beendigung der Studien in ihre Heimat Zurückkehren wollen, und daß aus dem Ausland auch deutsche Rabbiner angefordert werden. Diese beiden Momente verbessern erheblich die Lage des Rabbinernachwuchses in Deutschland. Zusammenfassend sei bemerkt, daß im Großen und Ganzen die Aussichten nicht besonders günstig find, doch nicht so trostlos wie in anderen akademischen Berufen. Wer heute glaubt, durch die Rabbinerlaufbahn schnell materielle Erfolge zu zeitigen, kann leicht enttäuscht werden. Hochbezahlte Stellen sind überhaupt selten. Wer sich aber aus innerer Neigung dem Rabbinerberuf zuwendet, sich im emsigen Studium die nötigen Qualitäten und Kenntnisse erwirbt, wird sich letzten Endes durchsetzen können und dann seine Befriedigung finden, wenn er auch längere Zeit aus einen Posten warten und möglicherweise eine außerdeutsche Steste annehmen muß. Liebe. Individuelles und kosmisches Selbstbewußtsein. Von Dr. C. C. in A. Arm und leer an Liebe ist unsere Zeit geworden. Selbst >d>as so oft genannte „jüdische Herz" wird immer kälter. Wir brauchen ja nur unsere moderne jüdische Wohltätigkeit mit Schalterfenstern, Fragebogen, bezahlten Wohlsahrtsbeamten und Fürsorgerinnen zu. betrachten, um zu dem Ergebnis zu gelangen, daß auch bei uns Juden Wohltun geübt wird, nur um einer sozialen Pflicht gegenüber dem Leidenden und Darbenden ledig zu werden, um das Gewissen vom Mitleid loszukaufen, aber nicht, um aus dem Bedeutung als der Ueberzeugung von der wörtlichen Inspiration beigemessen worden sein sollte, — so wäre dies nur ein gutes Zeichen dafür, daß diesem Kreise durch Beruf und Studium nicht der Sinn der ewigen Lebenswerte des Judentums abhandengekommen ist. Auch hierin hätten wir also Anlatz zun: Stolze auf eine Eigenart, die uns von Antzenstehenden übel ausgelegt wird. Und eines harten Willens, der nicht nach Gunst und Ungunst der Außenstehenden fragt, bedurften wir wohl noch in keiner Zeit so wie heute, wo die entgegengesetzten Vorwürfe unserer Thora gemacht werden. Heute gilt von Israel: -7W 'X 1»J? PU, UW» 713 '7 „G'tt führt es allein." kleines Feuilleton. Soll Wohlgemuth's Zeschurun wirklich verschwinden? Die Leser des „Jeschurun" sind durch folgende an der Spitze des soeben erschienenen Heftes 9/12 des Jahrgangs 1930 enthaltene Mitteilung des Herausgebers, Dr. Jos. W o h l g e m u t h , überrascht worden: „Das Erscheinen des letzten Heftes (9/12) des Jahrgangs 1930 hat sich zu unserem Bedauern aus finanziellen Gründen verzögert. Aus diesen Gründen sehen wir uns auch veranlatzt, das Erscheinen des Jeschurun für 1931 vorläufig e i n z n st e l l e n. Wir möchten den Gönnern unserer Zeitschrift noch besonders danken für die Hilfe, die .sie uns zuteil werden liehen, darunter vor allen Dmgen den Herren aus Holland, von denen einige, die wir zu unserem Bedauern nicht namentlich aufsühren dürfen, den Bestand unserer Zeitschrift viele Jahre durch ihre hochherzige Beihilfe ermöglicht haben. Wir bitten, uns vorerst keinerlei Manuskripte und Rezensionseremplare zuzusenden." Wir geben einem in unserem Leserkreise weit verbreiteten Gefühle Ausdruck, wenn wir es aussprechen, datz diese Mitteilung des alloerehrten Herausgebers des Jefchnrun geradezu konsternierend gewirkt hat. Siebzehn Jahre lang ist es Herrn Dr. Wohlgemuth gelungen, durch eine Hingabe und einen Opfermut ohnegleichen der gesetzestreuen Judenheit ein Organ zu schenken und zu erhalten, das den höheren geistigen und wissenschaftlichen Ansprüchen der westeuropäischen Orthodoxie entgegengekommen ist und diese zugleich gegenüber der Kulturwelt in würdigster Weise repräsentiert hat. Darf die Gesamtheit es dulden, datz diese Tribüne echten jüdisch em Gei st es sangn n d klanglos zu s a m m e n b r i ch t, weil es an einigen tausend Mart gebricht, um die Diskrepanz zwischen den Abonnementseingängen und den Herstellungskosten zu überbrücken? Wir halten es für unsere Pslicht, im letzten Augenblick der Oefsentlichkeit diese Frage zu stellen und sind überzeugt, datz es — bei aller wirtschaftlichen Not — in der Welt doch noch immer einzelne hochdenkende und vermögende Mäzene geben dürfte, die es sich zur Ehre anrechnen werden, dem Jefchnrun über die krisenhaften Jahre hinwezuhelfen und dadurch in einer Zeit schwersten geistigen Ringens zum r-mvn pitn im höchsten und wahrsten Sinne beizutragen. (Die Juden in der Türkei.) Die türkische Regierung in Angora veröffentlichte vor einiger Zeit die Endergebnisse der im Oktober 1927 in der Türkei stattgefundenen Volkszählung. Auf Grund dieser Veröffentlichung hat die Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen Drang der Liebe heraus die gequälte Kreatur zu umarmen und aus ihrer Rot zu erretten unÄ zu erlösen. Wo ist denn nur die Liebe geblieben? Im Wirtschaftsleben gilt die Macht des Stärkeren; im sozialen Leben ist der Klassenkamps sogar zur salonfähigen Weltanschauung geworden: im politischen Leben, im inneren sowohl wie im äußeren, sucht einer den anderen zu verdrängen und zu übervorteilen; alles ist bis an die Zähne bewaffnet, bereit, sich auf den Feind zu stürzen, um ihn zu vernichten. Selbst die Kirchen und Religionen bekämpfen einander; ja, auch Diener der Religion und Menschenliebe breiten segnend ihre Hände über Menschen, die zu Haß und Krieg gegen andere aufrufen. Ist die Welt ein Tollhaus geworden? Und hat nicht gerade der Teil der Menschheit am meisten diese Zustände verschuldet, der sich stolz seit fast zweitausend Jahren derjenigen Religion rühmt, welche sich die Religion der Liebe nennt? Warum hat sie ihre Bekenner nicht in den fast zwei Jahrtausenden zur Menschenliebe erziehen können? Warum? Warum? Was ist das überhaupt, Liebe? Der Grundzug der Liebe ist zunächst das Bestreben des Liebenden, sich mit dem geliebten Objekt oder Wesen zu verbinden, mit ihm eins zu werden; auch wenn ich eine Sache, einen Berus, mein Vaterland, liebe, möchte ich ganz darin aufgehen, ganz meine Individualität zugunsten einer neuen Einheit, die aus mir und dem geliebten Objekt besteht, aufgeben. Mit anderen Worten: Ein Grundzug der Liebe ist der Trieb zur Cmswerdung (des liebenden Subjekts mit dem geliebten Objekt). Dieser Trieb für sich allein ist noch keine Liebe. Auch Blutenstaub und Fruchtknollen haben den Trieb, zueinander zu gelangen; vielleicht steckt auch im Stein, der infolge der sogenannten Schwerkraft zu Boden fällt, der Trieb zur Einswerdung mit der Erde; ihnen fehlt jedoch das Bewußtsein ihres Triebes; sie wissen nichts davon, daß irgendeine in ihnen wohnende Macht sie zueinander treibt; sie entbehren daher des Köstlichsten, das der Mensch kennt, des Bewußtseins, mit dem geliebten Objekt eins zu werden. Liebestrieb und Liebesbewußtsein zusammen machen erst die Liebe aus. Der Mensch weiß um feine Liebe, weil er Selbstbewußtsein besitzt, weil er durch sein Selbst- DIA,ISN~Puderbewahrt Ihren Liebling vörWundsein. Wissenschaftlichen Instituts das Material über die jüdische Bevölkerung bearbeitet. Die Ergebnisse sind folgende: Cs find in der gesamten Türkei 13 648 270 Seelen gezählt worden, darunter 81 872 (0,6 Proz.)jüdischen Religionsbekenntnisses. Die 81 872 Juden setzen sich aus 38103 Männern und 43 769 Frauen zusammen. Bei der jüdischen Bevölkerung sind die Frauen prozentual in höherem Maße vertreten als bei der Gesamtbevölkerung: a-us 100 Männer fallen 107,9 Frauen bei der Gesamtbevölkerung, 114,9 Frauen bei der jüdischen Bevölkerung. Dreiviertel der jüdischen Bevölkerung der Türkei leben in Konstantinopel (46 693) und Smyrna (16 215). Ileberhaupt sind die Juden der Türkei nur in sechs Bilayets (Stambul, Sinyrna, Edirne, Brousse, Eanakkale, Tekirdag) konzentriert; in diesen Bilayets leben fast 94 Proz. der gesamten jüdischen Bevölkerung der Türkei, sie machen hier 3,5 Proz. de^ Gesamtbevölkerung aus. Im Bilayet Stambul (mit der «tadt Konstantinopel) ist der Prozentsatz der Juden noch höher: 5,9 Proz. der Eesamibevölkerung dort lebt über die Halste J>er gesamten jüdischen Bevölkerung der Türkei. Der Smyrnaer Vilayet beherbergt fast ein Viertel sämtlicher türkischer Juden. Ileber die Sprache der türkischen Juden ist zu berichten: Von den 81872 Juden habne ca. 68 900 (84,2 Proz.) Jüdisch (d. h. spaniolisch) als ihre Muttersprache angegeben. Die Juden der Türkei sind sprachlich wenig assimiliert; nur etwa 1/7 der türkischen Juden bedienen sich einer nichtspaniolischen Sprache, hauptsächlich natürlich; des Französischen und des Türkischen. Den größten Prozentsatz spaniolisch Sprechender unter den Juden der Türkei weist der Vilayet Edirne auf (96,3 Proz.), dann folgt die Stadt Smyrna mit 94,1 Proz.; in Konstantinopel fällt dieser Prozensatz auf 83,3 Proz., den geringsten Prozentsatz weist der Vilayet Eanakkale aus (70,6 Proz.).

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