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Der Israelit · 1931-04-10 · Heft 15 (10.4.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 15 (10.4.1931)
Date
1931-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 15 Der Israelit 10. April 1931 In. Die hrnausgeschrieene Empörung und Ne Recherchen der Polizei werden-, noch Ansicht unserer Weisen, nicht viel nützen, das besagen uns die hundertfachen Schändungen der jüdischen Friedhöfe, die systematisch von unseren Feinden verübt werden. Beherzigen wir doch die Meinung unserer Talmudweisen und die Lehre, die sich daraus ergibt: Sagt mir mein Freund, was ich bin, so lehrt mich mein Feind, was ich soll und — was ich nicht soll . . . Zwischen Licht und Schatten in Rußland. _ Daß vor Pessach die an tir e lig i ö s e Prop a g a n d a auflebt, ist man schon gewöhnt. Diesesmal gab es sogar einen eigenen Kongreß zu diesem Zwecke. Dieser fand in Moskau unter Beteiligung von 70 Delegierten statt. Es war ein Plan zur Durchführung einer antireligiösen Kampagne entworfen, die „die völlige Vernichtung der jüdischen Religion" in gewissen Provinzen zum Ziele hat. Große Ueberraschung ries ein Bericht eines Delegierten aus Leningrad hervor, wonach in der ehemaligen Hauptstadt Rußlands zahlreiche geheime Chedarim und Jeschiwoth bestehen. Der Delegierte aus Leningrad erklärte, es gebe in Leningrad, das noch immer das Zentrum des jüdischen Rationalismus sei, zahlreiche „Nester" der früheren Bourgeoisie. Die Delegierten aus der Krim und anderen Gebieten Rußlands teilten mit, daß die antireligiöse Kampagne unter den Juden ihrer Heimat nur geringe Fortschritte macht. Auf diesen Ton sind auch die Klagen der Presse abgestimmt. Die jiddisch - kommunistische Tageszeitung „Emeß" kündigt die bevorstehende Entsendung antireligiöser „Meschulochim" (Sendboten) in die Städte Weißrußlands und andere jüdische Gebiete durch den „Apikorsimverband" an. Die Sendboten werden die Aufgabe haben, jüdische Arbeiter und Handwerker in eigenen „Apikorsimartels" zu organisieren. Das Blatt veröffentlicht eine Reihe jüdischer Kollektive, die in ihrer Namensbezeichnung das Wort „Apiköires" führen. So gibt es im Gebiete von Bukbarin ein jüdisches Kollektiv unter dem Namen „Horn des Apikoires". Im Gebiete von Klinitz gibt es ein Kollektiv, das den Namen „Der Anti-Religionzmk" führt. In dem in Nordkaukasten gelegenen Dorf Pawlawka hat ein jüdisches Kollektiv soeben den Namen „Apiköires" angenommen. Im jüdischautonomen Rayon Stal i n d o r f wurden zwei ausgesprochen antireligiöse Kollektive gegründet. - Die Bildung eines „apikorstschen Kustarenartels" ' steht bevor. - Ferner veröffentlichte der „Emeß" eine Reihe; von „Thesen" für die Antipessachkampagne. In - diesen Thesen wird erklärt, Zionisten und Orthodoxe seien die offenen Verbündeten der Henker; der revolutionären Arbeiterklasse. Rabbiner nehmen gemeinsam mit dem römischen Papst an Kreuzzügen gegen die Sowjetunion teil. Die hebräischen Sätze „Schefoch chamos'cho al Hagojim" und „Kol Jisroel Chawerim" seien die „chauvinistischen Losungen der jüdischen Ausbeuter". Das Pestachfest sei nicht eine Feier zur Erinnerung an Befreiung aus Sklaverei, wie man die Juden habe glauben machen wollen, sondern stärke vielmehr den Sklavensinn im Volke. Die alte Hagada der jüdischen Rabbiner und die neue Hagada der modernen jüdischen Nationalisten zeigen dieselbe Tendenz, sie predigen Klasseneintracht innerhalb der jüdischen Rasse und tragen daher dazu bei, die jüdischen Arbeiter ihren Ausbeutern auszuliefern und den Geist öer Rebellion gegen die Bourgeoisie zu schwächen. Die Losung der jüdischen Arbeiterschaft dürfe nicht lauten „Schefoch chamos'cho", sondern „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Eine zweite Losung müsse lauten: „Kampf gegen Me Religion ist Kampf für den Sozialismus." Cheder und Jefchiwah, heißt es in dem Artikel weiter, sind Brutnester zur Aufzucht von Sklaven für dien Kapitalismus. Wir wollen diese Nester zerstören, wir treten ein für eine allgemeine sozialistische Erziehung. Wir wollen der jüdischen Jugend technische Ausbildung geben. Wir wollen ebensowenig am Sabbat einen Ruhetag haben wie der nichtjüdische Arbeiter ihn am Sonntag hat. Wir haben die Fünftage-Arbeitswoche eingeführt, weil wir das Joch des Kapitalismus ab g ew orfen haben und am Sozialismus bauen. „Emeß" stellt fest, daß die jüdischen Frauei: nicht so fortschrittlich gesinnt sind wie die nichtjüdischen und daß sie mit der Tradition noch nicht in dem Ausmaß gebrochen haben wie die jüdischen Männer. Die jüdischen Frauen müssen jede Erinnerung an Mazzoth, Kerzenzünden und andere Gebräuche, die die Orthodoxie ihnen speziell Vorbehalten hat, auslöschen. Die jüdische, arbeitende Frau gehöre in die Fabrik, sie müsse Mitglied der Kollektive und der Sowjets werden. Am Schlüsse der „Antipessach-Thesen" wird an die jüdischen Arbeiter der Appell gerichtet, in Massen dem Apikorsimverband beizutreten. Und der Erfolg all dieser hemmungslosen Himmelsstürmerei? Ueberall in Moskau und anderen Städten wurde tüchtig zu Pessach gerüstet und das Fest auch nach allen Vorschriften gehlalten. Die Synagogen waren überfüllt. Besonders erfreulich ist die Mitteilung, daß die Juden in den Kollektivwirtschaften am Sabbat feiern. Die Sabbatruhe wird nicht nur von den religiösen Juden, sondern auch von den jüngeren Elementen beobachtet. In dieses Bild paßt auch der Prozeß gegen einen Mo h-et hinein. Man gab sich alle Mühe, den Prozeß gegen d> e n M o h e l R a - d u n s k i zu einer großen Demonstration gegen „Klerikalismus .und mittelalterlichen Geist" zu gestalten, was aber mißlang. Radunski wurdeanfangs März unter der Beschuldigung, an einem Kinde des jüdischen Arbeiters Tfchertok gegen den Willen des Vaters den „barbarischen Ritus der Beschneidung" vollzogen zu haben, verhaftet. Wie „Oktiabr" nunmehr berichtet, verantwortet sich Raduuski vor Gericht mit großer Würde, er weist nach, daß er ein erfahrener Mohel ist und daß die Behauptung, fein Jnstrumentar fei vernachlässigt und verrostet gewesen, unrichtig ist. Er stellte unter Beweis, daß seine Instrumente sterilisiert waren, daß er vor Vornahme der Operation seine Hände desinfiziert, alle erforderlichen medizinischen und chirurgischen Vorsichtsmaßnahmen getroffen und feine Medikamente aus der Sowjetapotheke bezogen hat. Der als Zeuge einvernommene Minsker Arzt, Dr. Churgin, bestätigte die Angaben des Angeklagten und sprach in höchst anerkennender Weise von Radunskis fachlicher Ausbildung. Auch die Mutter des verstorbenen Kindes sagte für Radunski günstig aus. Der Vater, der 23jährige Bauarbeiter Scholom Tschertok, trat der Behauptung der Anklage, daß die Beschneidung „gegen seinen Willen" erfolgt fei, entgegen. Er habe gegen die Beschneidung des Kindes keinen Einwand erhoben und es feimer Frau überlasten, die Befchneidung vornehmen zu lasten oder nicht. Trotzdem gestaltete sich der Minsker Prozeß immer mehr zu einem Generalangriff nicht nun gegen die Befchneidung, sondern gegen alle jüdischen Gebräuche. Der Fall des Knaben Tfchertok und die Person des angeklagten Radunski traten demgegenüber immer mehr in den Hintergrund. Die Anklagebehörde schickte eine ganze Phalanx medizinischer Spezialisten ins Treffen, die bezeugen sollten, daß die Befchneidung die junge Generation schädige und häufig wenige Wochen nach durchgeführter Operation zum Tode des Kindes führe. Bestellte medizinische „Fachleute" traten nachdrücklichst der Behauptung ent- Formen (Eharukh und Cherukh). Von Rabbiner Dr. Michalsli in Karlsruhe. Immer wieder werden Stimmen laut, die die Gebote des Judentums als Formen bezeichnen, als Eeremonien erklären und sich erhaben dünten über diese. Zu ihnen gehört auch Martin Buber. Seine Rede „Lheruth" stellt am Beginn fest: „nicht darum also geht es, der Jugend Religion aufzuerlegen, sie in eine Ordnung des Witzbaren und Tubaren einzustellen, . . . nicht, von ihr zu fordern, daß sie als einzig verpflichtend anerkennt, was zu irgend einer Stunde der Vergangenheit geschehen ist, sondern ihr zu bestätigen, daß jeder Mensch seine Stunde hat, die Stunde, da sich die Pforte austut und das Wort ihm vernehmlich wird. Wir wollen der Jugend nicht ein Wissen um G'ttes Wesen und Werke vermitteln, die wir Ehrfurcht vor dem Unwitzbaren hegen, wir wollen ihr Leben nicht durch E'ttabgeleitete Gesetze und Vorschriften regeln, die wir das Leben für g'ttlicher Hallen als Gesetze und Vorschriften." „Das Geheimnis ihres Herzens", so stellt er am Schluß der Rede es als ideales Ziel auf, „schwillt über alle Schranken der Lehre und des Gesetzes dem noch Unsäglichen, noch Formlosen zu." Es bedarf wohl keiner Erörterung, daß vom gesetzestreuen Standpunkt aus diese Worte in keiner Weise zu billigen sind, daß sie der Willkür Tür und Tor öffnet, wenn sie sie als das Geheimnis des Herzens adeln. Ihre Widerlegung wäre eine Wiederholung dessen, was unsere Weisen bn immer wieder betont haben; bei der prinzipiellen Einstellung des Wortführers des Formlosen wäre sie zwecklos. Nur vom rein logischen Gesichtspunkt aus sei darauf hingewiesen, daß das Formlose nicht Inbegriff des Erhabensten ist. Im Geistigen, Künstlerischen, Historischen und Politischen läßt sich rein logisch der Vorzug der „Formen" erweisend In den trüben Winkeln der Menschenseele ist alles auf das Subjektive eingestellt, auf unlogische Selbstsicherheit freien Ermessens. Jeder erstrebt Vollkommenheit auf eigene Rechnung, hält persönliche Unbotmätzigkeit für allgemein geltende Freiheit. Im ungehemmten Drang des Blutes, in der ungebundenen Glut des Willens lauschen die Menschen dem Rauschen ihrer dunkelsten Selbstbejahung. Im Echo des eigenen Ich vernehmen sie die Stimmen der Wirklichkeit. Im Geheimnis des Herzens liegt die Gefahr der Verführung, und die strenge Form vermag ihr zu begegnen. In der geschichtlichen Objektivität der Gesamtheit liegt Wirklichkeit. Diese kleidet den zarten Willen zur Ordnung in Formen, die die Selbstsucht mit dem Schleier edlen Verzichtens decken. In gezügelter Zurückhaltung wird das Naturhafte gemäßigt zum Gleichklang und Gleichmaß, gebietend über Stimmung und Empfindsamkeit über Neigung und Erregung. Die Form bändigt den Egoismus und zwingt ihn zur Objektivität der Beziehungen. Sie läßt die Sonderweisheit des trotzigen Eigenwillens zurücktreten, sie macht die Seele unabhängig vom eigenen Ebenbild, von Eigenliebe, die nur das Ich sucht. So wird die Form zeitlose Wirklichkeit, Verankerung und Verkettung des Innersten in der Sachlichkeit. Die Spannung des Eigenwillens weicht von der ruhigen Freude 1 Vgl. Hermann Hesele: Das Gesetz der Form. Jena 1921. der Einordung, die der Auseinanderstrebende zur Einheit gestaltet. Der Stolz der Seele liegt im jubelnden Ja ,zum Aufstieg des Individuums zum Universum, im Kampf gegen die Betörung des Subjektivismus. Restlose Behauptung der eigenen Willkür würde ein Chaos von unzähligen Mittelpunkten schaffen. Form ist die Kette des guten Willens vom Ich zum Du, geläutert von der Trübung des Eigennutzes. Von diesem bringt Befreiung die Form und so wird Eharuth zu Lheruth. Kleines Feuilleton. Fern vom Lärm der Wett. Von Karl Darmskädker in Mannheim. In einem kleinen Dorf, in der Judengasse, die wer weiß, wie lange schon, die Heimat der Vorfahren ist, lebt er als stiller Mensch, geplagt von körperlichem Leiden, schwächlich und kränklich jahraus, jahrein. Eine alte, greise Mutter pflegt ihn. Sie stirbt und eine Schwester führt es weiter wie zuvor, hütet ihn, daß ihm nichts fehle. Im siechen Körper ist eine Weisheit, die alle Mühsal überwindet. Der grüblerische Geist sucht nach vielerlei Ablenkung, Beschäftigung, Zerstreuung, schasst emen Künstler von besonderer Art; läßt ihn die schönsten Landschaften im Lichtbild erfassen, Blühen und Waldesdunkel, Blick auf den Sedertisch, Blick ins E'tteshaus, Stille des „Gutsorts", das Menschenantlitz. Alle kennen ihn. Kind und Greis. Und er kennt alle. Alle lieben und ehren ihn. Es geht kein Hatz an ihn heran, obwohl der Hatz und sein allzu bekanntes Zeichen auch vor dem Dorf nicht Hall macht. Sein Lieblingsaufenthalt ift. draußen. Inmitten der Täler und Wälder am Wiesenbach und, so lang die Kraft

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