Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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10. April 1931 Frankfurt a« M., den Nr. 15 23. Nißan 5691 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. 'Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich: Ausland: Btertellahrpreife-(entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreichs Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5.; Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Jugoslavien 68 Din.; Litauen 780 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 180 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 88 Kronen; Ungarn Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.60 Krön.; Norwegen 3.30 Krön.; Schweden 3.80Kro». Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldpf. für die flebengesp attene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuchen und Familtenanzeigen nur ^0 Pf. 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Am schwierigsten fiel unseren Ahnen zu allen Zeiten, wenn die Gerufchim, die Vertreibungen, wider sie dekretiert worden sind, die Ahnengräber zu verlassen, von den Friedhöfen Abschied zu nehmen, vielmehr als von ihren Wohnstätten, von' ihrem Hab und Gut. „Ehre deine Eltern während ihres Lebens , und ehre sie nach ihrem Ableben", ist die Losung des Talmuds. Es ist etwas mehr als Pietät, das der Jude beim Betreten eines Friedhofs empfindet. Der Schulchan-Aruch weist Bestimmungen auf, die eine Ruhestörung der Toten fast unmöglich machen. Die Grabsteine werden als das Eigentum der in der Erde Gebetteten bezeichnet. Keiner darf sich an ihnen vergreifen. Der jüdische Schmerz und seine Trauer, seine Empörung und Entrüstung, ob der den jüdischen Friedhöfen, Gräbern und Grabsteinen erwiesenen Schmach, sind deshalb besonders stark. Diese rohen Akte der Feinde Israels bedeuten eine Steigerung der jüdischen Leiden, die ohnehin groß genug sind. Sie verletzen uns bis tief in die Seele hinein und tun uns weh. Sie geben uns aber auch zum Nachdenken Anlaß. Sollten wir Juden, angesichts der traurigen Dauererscheinung der Schändung unserer Friedhöfe, nicht gleich den Mitreisenden des Propheten Jona während des anhaltenden, sie bedrohenden -Sturmes, sprachen: „Wohlan, laßt uns Lose werfen, daß wir erfahren,'durch wessen Schuld uns dieses Unheil widerfährt." . Von jeher waren es unsere Propheten und' 'Weisen, die dem Geiste der Thora folgend, nach den Ursachen der über Israel hereinbrechenden Leiden, der Leiden des Einzelnen wie der Gesamtheit, der Lebenden wie der Toten, geforscht, nach den Vergehen gefragt, die eventuell jene Leiden bedingt, deren Ursache darstellten, um so eine Besserung zu erwirken. Auch in unserem Falle müßten wir nach der Ursache dieser uns dauernd zugefügten Schmach fragen, nach der Schuld suchen, die vielleicht dieses Unheil über uns gebracht. Wir müssen nichr nur an die Roheit und Verhetzung unserer Feinde denken, die eine solche Untat sich zuschulden kommen lassen, sondern auch an nostra culpa. Im Talmud, diesem Buche der Weisheit des jüdischen Volkes, wird auch über einen solchen Fall wie der unsrige gesprochen, und es wird wohl manchen Leser interessieren, zu erfahren, daß dieses tiefschmerzende Geschehen', Monument unserer Zeiten Schande, in der traurigen Geschichte unseres Volkes, in noch schärferer Form bereits inregistriert ist. Und die Weisen des Talmuds fragten nach der Ursache des Nebels, nach dem Vergehen unsererseits, das diese Schmach uns brachte, und gaben auch eine gewisse Erklärung. Im Traktat Jebamoth Fol. 63a wird von drei verschiedenen Leiden, hie unsere Vorfahren in Babylonien zu erdulden hatten, über Ursache und Wirkung gesprochen. Unter den Noten wird angeführt die Schändung der Fri'edhöfe.''vvna Kj?. ■»SDP heißt es dort: es werden die Totengräber aufgewühlt und die Toten in ihrer ewigen Ruhe gestört. Als Ursache wird' dann angegeben: 'n i' nrpm i'axnr? üt»x M'2 Q’naw 'iss laxu 'vlvn 1? 22 .222 2VX V2'tt12 «21 .pvvnna D’na a”rr pjn m (dies geschieht, meint der Talmud, weil die Iuden an den nichtjüdischenFeiert a g e n s i ch m i tfr eu en, denn es heißt: Und die Hand G'ttes wird! fein wider euch und euere Eltern (1. Sm. 12, 5) wozu Rabba bar Schmuel bemerkte, damit sei gemeint das Ausgraben der Toten, denn Mar (der Herr) hat gesagt: wegen der Vergehen der Lebenden werden die Toten ausgegraben. Hier wird also klar von der schlimmsten Form der Schändung jüdischer Friedhöfe gesprochen. Die betrübenden Ereignisse dieser Art in den letzten Jahren in Deutschland stellen in unserer Leidensgeschichte nichts Neues dar. Unsere Talmudweifen haben darüber nachgedacht und die innerjüdische Ursache hierfür gefunden zu haben geglaubt. Sie haben uns mittels ihres kurzen Ausspruchs eine vielsagende kulturhistorische interessante Darstellung aus dem Leben der Juden zu jener Zeit und ihrem Verhältnis zu ihren Nachbarn überliefert. Zugleich ihre Meinung hierüber. Unsere Weisen wollten wohl unsere Ahnen daran erinnern, daß die Juden sich an ihren j ü - ,d i s ch e n Feiertagen zu freuen haben, wie es da heißt: “pm nnaipv die Freude an den nichtjüdischen Feiertagen den Nachbarn allein überlassen, suum cuique . . . Was können wir daraus für die Geschehen unserer Zeit lernen? Erleben wir es nicht dauernd, wie der jüdische Sabbat und die übrigen jüdischen Feiertage jüdischerseits zum Alltag degradiert werden. Arbeit und Geschäftigkeiit füllen sie aus. Die gehobene Stimmung, die Freude, die einst in Jakobs Zelte an Sabbaten und Feiertagen herrschten, sind längst dahin. Kommt aber der Sonntag und die anderen nichtjüdischen Feiertage unserer Mitbürger, da feiern die Juden mit, verspüren in sich eine feierliche Stimmung, man freut sich, und vergißt dadurch noch leichter seinen Sabbat, seinen Jomtof . . . Den Gipfel der Assimilation in diesem Punkte stellt die leider so häufige Aufstellung von Weihnachtsbäumen in jüdischen Häusern dar. Ja, leider ist dies eine Dauererscheinung in jüdischen Wohnstätten geworden, wogegen sogar manche christliche Stimme, mit Recht, schon oft protestierte. Im judenseindlichen Lager heißt es sogar: Die Juden nehmen uns alles, auch unsere Feiertage machen sie sich zu eigen. Aber das Vergehen des otx ai'2 vmaw' diese Versündigung an dem jüdischen Geist, ist leider auch im Lager derjenigen za beobachten, die dem jüdischen Sabbat und den übrigen jüdischen Feiertagen noch die Treue - wahren. Auch in diesen Kreisen fühlt man sich am Sonntag und an christlichen Feiertagen in einer mehr oder weniger gehobenen Stimmung. Wie sagte doch vor kurzem eine äußerst orthodoxe Dame, die Frau eines Thoragelehrten Deutschlands, und dies in aller Ehrlichkeit: Der Sabbat ist unser Heiligtum, aber den Sonntagsbraten können wir doch nicht vermissen . . . Soll man nach Ansichr unserer Weisen, sich da noch wundern, wenn bei solchen Zuständen im jüdischen Lager die Strafe nicht ausbleibt, und als Entgelt für nufere uujüdische Freude, Trauer unser Herz erfüllt ob der Störung der ewigen Ruhe unserer Toten:? Sollen diese Vorfälle uns nicht zur Besinnung bringen und dadurch die Ruhe unserer teueren Heimgegangenen sichern!