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Der Israelit · 1931-04-01 · Heft 14 (1.4.1931) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 14 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 14 Der Israelit 1. April 1931 8. Ebenso gibt ja jeder Mensch, ob Freund oder Gegner einer künstlichen Weltsprache, doch das zu, daß die Pflege verschollener oder örtlich eingeengter Dialekte kein taugliches Erziehungsmittel zu weltbürgerlicher Friedensgesinnung ist. H. 1. Noch weniger aber konnte es Absicht jener philologischen Abhandlungen sein, den Wert der heute in deutschen Synagogen üblichen Aussprache mit Suffixbetonung und westaschkenasischem Lautbestande irgendwie in Frage zu stellen. Denn diese Aussprache ist durchaus nicht künstlich und volksfremd oktroyiert, sondern.aus einer erneuerten und geeinigten geistigen Struktur jüdischen Denkens und Fuhlens organisch erwachsen, — aus der Einigung zwischen begriffbetont systematisierendem sefardischem und gegenstanderfülltem aschkenasischem Denken, aus dem Akkord zwischen Thorainhalt und rnnerjüdischem Derech Erez oder Formdenken, aus der Denkweise Samson Raphael Hirschs. Er hat sie in seiner zweiten Chaurewvorrod»e selbst als gleichberechtigt mit der fefardifcherr Aussprache bezeichnet, wenn sie nur vor Entstellungen bewahrt und sorglich gepflegt würde. Wir wissen, daß er unter dieser sorglichen Pflege die Innehaltung des Suffixtons mitbegriffen hat. Er hat also lange vor den Philologen das volksfremde Monopol der dem Sefardischen ähnelnden Reform- und Humanisten-Aussprache als Erster durchbrochen. Salomon Ludwig Steinheim wußte darüber nur mit Spott Zu berichten. Doch die Geschichte hat dem mutigen Neuerer Recht gegeben. Selbst nichtorthodoxe Betftätten haben später das volksfremde Pfeudofefardifch fallen gelassen. 2. Schon vor und gleichzeitig mit Hirsch hatte sich diese Aussprache m norddeutschen gesetzestreuen Synagogen heimisch gemacht. Sie war also kein Kunstprodukt eines Einzelnen oder weniger Betstätten, sondern entsprang dem Denkprinzip eines Jahrhunderts. Wir wissen nicht, ob wir diese Aussprache in anderen Ländern und Umgebungen werden beheimaten können. Diese Aussprache ist auch nie, selbst von ihnen Initiatoren nicht, in die talmudische Lehrstätte übertragen worden. Sicherlich hat sich beim Sprechen des T a l m u d w o r t e s in der Volkserinnerung das. Gedenken dessen wach erhalten, daß die aramäische Grundsprache des Talmuds nicht die Suffixe, sondern die Stämme betont; — wie es übrigens noch bei Syrern der späteren Zeit selbstverständlich ist. Selbstredend ist das auch davon die Folge, daß im Talmud nie die Wort form, sondern immer der tiefste Wort i n h a l t das Entscheidende ist. 9. Wir brauchen also aus der seltenen Anwendung der seit Hirsch üblichen Aussprache keine schlechte Zukunftsprognose für sie schließen. Wenn einmal sorgenärmere Zeiten der jüdischen Seelenharmonie, wie Hirsch sie angestrebt, neue Scharen zuführen werden, dann wird in der europäischen Judenheit auch die in diesem. Kreise entstandene hebräische Aussprache neue Freunde gewinnen. Ob auch anderen Kreisen der Judenheit mit der Ausbreitung dieser Aussprache gedient sein würde, — das wird mir von der geistigen Kraft abhängen, mit der sich die um das Hirfchische Gemeinschaftsideal gescharte Judenheit die übrigen Stämme Israels zu gewinnen verstehen wird. Denn des Menschen Sprache ist Schrift menschlichen Geistes überhaupt, — feine Aussprache seine seelische Handschrift. 4. Was folgt daraus für uns? Wir sollen ohne Zweifel uns dem in Palästina und in and erw eitig en Hebraisten kreisen heim isch gewordenen sefardoiden Idiom nicht aus Prinzip widersetzen. Dadurch würden wir uns eines Einflusses berauben, den wir auf gutwillige Glaubensgenossen ausüben können. Wohl aber sollen wir in unserem Kreise die Aussprache pflegen, die uns seit den Zeiten unseres großen Meisters, — in seiner engeren Heimat schon etwas früher geläufig geworden ist. Sie ist geeignet, auch den Juden ganz abweichender Sprechweise ein geistiges Milieu zu schaffen, in das sie hineinwachsen können. Ob sie sich dieses Milieu dann in ihrem eigenen Lautsystem oder dem europäischen schaffen werden, muß höherer Fügung anheimgestellt bleiben. 5. So verkehrt es wäre, zwischen den Aussprachen zu werten, zu wägen und historische Rangunterschiede zu suchen, ja so unrichtig und lebenswidrig das Bestreben wäre, eine oder gar „die" korrekte Aussprache des Hebräischen ermitteln und normieren zu wollen-, — ebenso unvereinbar mit unserer ewigen jüdischen Bestimmung wäre es, auf jede allmähliche leben-entsprechende Annäherung der Aussprachen zu verzichten oder ihr entgegenzuarbeiten. Schließlich ist Europa kein Trachtenfest, und die romantische Liebe zu Stammeseigenarten und provinziellen Belangen darf nicht die Anbahnung des Zusammenschlusses des zivilisierten Erdteils aufhalten, — und ebenso ist Judentum kein Weltinstitut für Folklore, so daß die berechtigten Eigenarten einer seiner Landsmannschaften ihre Verständigung mit den übrigen nicht hindern dürfen. Aussprachen also, die so stark durch die Landessprache des Wirtsvolkes, und zwar eines nicht im Weltverkehr stehenden Volkes mitbedingt sind, daß sie nur dem Ohre eines Kenners der" betreffenden Winkelsprache verständlich werden, sollten nicht künstlich am Leben erhalten und gar noch propagiert werden. So ungern die Menschheit den inneren Reichtum ihrer nationalen Vielfältigkeit missen möchte, so ist doch ihren größten Geistern wie M. Scheler als bedauerlich erschienen, daß wir statt des im Mittelalter so einheitlichen Menschentyps heute einen ganzen „Trödelladen" von Menschen- und Kulturtypen auf der Welt sehen. Und ebenso müssen auch wir Juden in unserer Einstellung zum Hebräischen den organisch gebotenen Mittelweg zwischen Gleichmacherei und Verzettelung herausfinden. Die orthographische Kommission der „Aulim" kann bei ihrer Arbeit an der Rechtschreibung des Jüdischdeutschen zugleich einen guten Dienst für die Lautbestandsentwicklung dies ostafchkenasischen oder polnischen Hebräisch leisten, wenn sie das Ziel einer Konvergenz aller Erscheinungsformen der heiligen Sprache im Auge behalten. Denn gerade im Osten ist die Anpassung an das nicht weltverkehrsnahe Slavisch und seine verschiedenen Idiome recht weit gediehen, und eine Wiederannäherung an das Hebräisch des Weltjudentums täte not. 6. Die Juden angelsächsischer Länder sind der Phonetik ihrer Wirtvolkssprache nicht im gleichen Maße erlegen. Doch sollen diese und ähnliche Einzelbetrachiungen uns nicht vom Hauptgedanken dieser aktuellen Frage ablenken. Es ist unsere Aufgabe, in unserem engen jüdischen Kreise dem Menschengeschlechte die gegenseitige Achtung der Eigenart und zugleich das Streben nach Einheit vorzuleben. 7. Es würde unseren gesetzestreuen an der hebräischen Sprache -interessierten Kreisen geradezu eine neue Lebensaufgabe sein, obigen Grundsätzen zu folgen und Geltung zu verschaffen. Bücherbesprechungen. N"1« jwm pbn maiwm n'chxv isv 'rrnVxT nur bNbxn i-nana nsa •‘r*m Herausgegeben von .(rrjni) >^2111p«2 p"12«N Rabb. Ch. H. Schafran in Bukarest. Bukarest 5690. Selbstverlag. Die hier vorliegenden Responsen eines anerkannten Meisters der halachischen Wissenschaft, des vor zwei Jahren verstorbenen Rabbi Bezalel Schafran in Baku, werden von allen Sachkennern mit Freuden begrüßt werden. Sie offenbaren das gerade Denken und reiche Wissen des Verfassers und die Treffsicherheit seines Urteils. Einige der behandelten Fragen seien hier hervorgehoben: Auslosung einer Sefer Thora zwecks Reparatur des Beshamidrasch, Hochzeitsfeiern im Veshamidrasch, künstliche Zähne betreffs nvs- Anstellungs- und Konkurrenzfragen bei Gemeindebeamten, Synagogenumbauten, Kautionsfragen, Verwendung von Spendengeldern, Friedhofsangelegenheiten usw. Im ganzen enthält der stattliche Band in Großquart 195 Resvonsen. Vorangeschickt ist eine Auswahl geistvoller Erklärungen schwieriger agadischer Stellen des Talmuds. r-pffma bv pvm p^n osi ms^an vip^' mos 18 « » iss NSV21S1V21 rnp'1 ma& •D^'na? i'V i"vi 'wsi '212 by »'idi Bon Rabbi David Katzburg in Bac (Ungarn). 148 Seiten. Oktav. Der über die Grenzen seines Landes bekannte Begründer and Herausgeber der feit ca. 40 Tahren in Waitzen erscheinenden, in der rabbinischen Wett sehr geschätzten talmudischen Zeitschrift: *TTPai>n imder sich des Rufes eines großen cwsn vaS>n erfreut, hat sich durch seine vor Jahren erschienenen Agad «werke:;m -,»aa nwK 'oa und piwa »a-a /prt jms »nV-n bv x-a auch als Meister der Agada einen Namen gemacht hat. Mit dem uns vorliegenden Agadawerk r-,ix'i>anwill der gelehrte Verfasser einem vielfach empfundenen Bedürfnis Nachkommen. In ftüherer Zeit, da der m fast ausschließlich nnayn *»sn nnmn bv saß und ein mehr oder weniger thorakundiges Publikum hatte, zu dem er über jedes Thema sprechen konnte, war die nm die er in den 2 bis 4 nivni, die er im ganzen Jahre zu halten hatte, bringen mußte, bei feiner großen Versiertheit auf dem Gebiete der Halacha und der Agada wirklich keine große miay- Anders aber heute, da die traan bei ihrer vielseitigen Beschäftigung sich mehr der rnia* als der n-wj wiomen müssen, und das der Thora unllindige Publikum, das die alten rrnw nicht versteht und an ihnen keinen Geschmack findet, zeitgemäße m®n hören will. Da es nun aber b^it om> die fast mava na» vm und bei sonstigen Kasualien zu sprechen haben, -an Zeit fehlt, in den verschiedenen Agadawerken nach einem zeitgemäßen nun *m zn suchen, so besteht ein dringendes Bedürfnis nach einem Agadawerk mit Thorawörtchen im modernen Gewände, lln diesem Bedürfnis will nun Herr Rabb. Katzburg Nachkommen mit seinem nniX'^an mpy>, indem er die besten, für die heutige Zeit brauchbaren Agadadeutungen aus seinen Sabbath- und Chewravorträgen, aus seiner Zeitschrift rrps^n bn und aus verschiedenen nrm 'ivv zusammengetragen und sie nebst zahlreichen D'ruschdeutungen Heimgegangener und lebender Thoragrößen nach dem Sidroth geordnet. Die hier zusammengetragenen geistvollen Erklärungen werden dem Thoragelehrten von Berus, als auch thorabeflissenen Baalebatim einen geistigen Genuß bereiten, weshalb wir zu der Hoffnung berechtigt find, daß dieses Werk die gleich gute Aufnahme und allgemeine Verbreitung finden wird wie die beiden vorher erwähnten O'-rep des Verfassers. — Das Werkist zum Preise von 1 Dollar beim Verfasser oder Verlag Salomon Katzburg, Budapest, Dobucca 28 zu beziehen. Dr. S. F. . . in B — h. Esra, der Schreiber. Von Hans Heinrich Schänder. Beiträge zur historischen Theologie. Tübingen, 1930. Mohr-Sieb eck. Oktav 77 Seiten. Auch wenn man der Meinung ist, daß halbe Feindschaft schädlicher sich auswirkt als ganze, wird man dem Verfasser dieser Schrift zugestehen müssen, daß er ein wirklich objektiver und taktvoller Gegner ist. Wohl geht auch diese Schrift nicht von den Grundlagen der Wellhausen-Graf'schen Theorie ab und schließt auch in den Texten Esras und Nehemias auf Jrrtümer und Aehnliches. Aber der Gesamtgeist der Schrift ist ein neuer. Hier erscheint nicht mehr wie bei den Genannten das Zeitalter des Esra als Anfang zur „Verknöcherung" des Judentums im Gesetze, und hier wird nicht mehr alles was nicht unmittelbar von dem Propheten zur Kirche führt, als schwarze Folie für den Glanz ausgemalt, den die aufkeimende Kirche verbreiten sollte. Esras Lebenswerk wird hier chronologisch auf ein einziges Jahr seines Lebens beschränkt, aber in seiner ganzen weittragenden Bedeutung sogar für die dem Judentum entsprossenen Religionen dankbar anerkannt. Die kritischen Konjekturen finden sich meist im ersten Kapitel. Die von Sch. zitierte (Seite 12, Note 2) Bemerkung Duglers, Esra habe den Tempeldien st des Versöhnungstages nicht vollziehen lassen, weil die Priester Eliaschib und Jojada' dessen nicht würdig waren, laßt sich auch von u s nicht völlig abweisen,' denn den Tempeloienst mag ja Esra erst allmählich eingerichtet haben. Aber die Idee, er habe Jomkippur durch die Butzversammlung des ß4. Tischri „ersetzen" wollen, stimmt wohl weder zu den traditionellen Begriffen über Jomkippur noch zum Terte des Esra. Die Frage, weshalb Nehemia nichts von Esras Werk erwähnt, hätte Sch. vielleicht ihrer Lösung näher gebracht, wenn er auch die traditionelle Auffassung mit in Betracht gezogen hätte, welche hier scheinbar „freier" verfährt als die Modernen. (Siehe Markus, Barsilai, Seite 320/1, Note 1). Danach ist Esra Zeitgenosse Artarerres' II. Mnemons, also erst 116 Jahre nach der Tempeleinweihung nach Jerusalem gekommen. Nehemia aber wird dabei zum Zettgenossen Artarerres HI. und des letzten Darius, ohne ein besonders hohes Alter erreicht zu haben. Nach Schänder dagegen bleibt die Differenz zwischen Neh. 12,n und 12,22 ungelöst, und der Bericht Josephus' über den Zug Bagoas unberücksichttgt. Bei solcher Zeitdifferenz erscheint Esras Nicherwähnung nicht verwunderlich. — Schänder findet in der Bezeichnung „Himmelsg'tt" des amtlichen Schreibers Esras ftin Zugeständnis an persische Anschauungen, wohl aber einen Anlaß zu späterer Universalisierung jüdischen G'ttesgedankens, — eine Annahme, die noch die Zugehörigkeit zum Panparsismus verrät. Mit ganz wenigen Ausnahmen können wir die Untersuchungen über die Worte naiv und «niaa akzeptieren. Seine Schrift gipfelt in der Erkenntnis: „Daß sich im Judentum immer wieder der Geist der Vernunft und der llaren Erkenntnis sittlicher Pflichten gegen die Trübungen der Ekstasis und des

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