Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Welche Aussprache des He-rNschen soll gelten? Don B. C. Die wackeren Aufrufe des Herrn S. Geis, die Pflege des Hebräischen deshalb nicht zu vernachlässigen, weil die heilige Sprache bald das einzige geistige Band der verstreuten Glieder des jüdischen Volkes bilden muh, hat mich an verschiedene Anfragen erinnert, mit denen ich nach Erscheinen meiner „Beiträge zur Aussprachekunde des Hebräischen" schriftlich und mündlich beehrt wurde. Der Hauptinhalt jener Beiträge im Jeschurun 1923—26 war der Nachweis, daß eine Priorität und eine größere „Korrektheit" keiner der heutigen Aussprachen des Hebräischen zuerkannt werden darf, sondern sie alle in sich geschlossene Organismen bilden, ineinander gleichberechtigt wie irgend zwei' Sprachen der Welt, einander gleichwertig wie alles wahrhaft L-ebende. Die dagegen, erhobenen Fragen und- Einwände waren aktueller Natur, und daher gehört ihre Beantwortung in dieses Blatt. Der Hauptinhalt der Fragen war: T Wie gelangt manangesichts der Gleichberechtigung aller hebräischen Aussprachen zur Festsetzung einer Normalaussprache für das Heilige Land? n. Wie läßt sich, wenn es wahr ist, daß zur aschkenasi s ch e n Aussprache die Stamm betonung und zur s esardischen die grammatische Euch u n g S b e t o nung phonetisch wesenhaft dazugehört, -— der in der deutschen Orthodoxie übliche.'Modus Rechtfertigen, a s ch k e n a s i sch und dabei mit S u f f i x betonung zu lesen? : ' , ■ '.!!' i. - , 1. Die Antwort, auf alle diese Fragen führt uns zu einer grundsätzlichen Festsetzung der Grenzen dessen, was die objektive und kühle Forschung unserem jüdischen Leben als solchem überhaupt zu bieten hat. Leben ist nicht in anorganische Formeln zwängbar. Doch mMf) an des Lebens besonderen Gesetze wagt sich heutige Forschung. 2. Seit Wundts Tagen gibt es keine Theorie mehr, die die Sprachentstehung aus mechanischen oder nur triebhaften Urgründen erklären will. Selbst in Cassirers Symbolik der Sprache kehrt als Endergebnis jene Sprachauffasiung wieder, die in unserem Kreise, aus heiligster Quelle schöpfend, Ahron Markus heimisch gemacht hat: S p r a ch e i st S ch r ist der Seele. — Ist sie das aber, dann ist Aussprache Handsch r i s t der Seele. Kündet nach Wundt und Cassirer Sprache von uns selber nicht merklichen, uns fertig in den Schoß fallenden Teilen menschlichen Denkens überhaupt, —so ist Aussprache ein Zeuge gewollten und ungewollten Denkens der sprechenden Persönlichkeit oder des sprechenden Stamms. In unseren Seelen ist das große G'ttesbuch geöffnet, in dem „jedes. Menschen Handsiegel zu lesen" und das „sich selber vorliest", — ohne auf unser Zutun zu warten. Die babylonische Sprachenzersplitterung der Urmenschheit war eine Seelenzersplitterung, und sie spiegelt sich in unserer heiligen Sprache und ihrem Geschicke aufs Neue. 3. Die Humanisten des lfk Jahrhunderts suchten sowohl bei ihren griechischen wie auch bei ihren hebräischen Studien nicht diejenigen Leseweise hervor., die man bei Juden und Griechen damals hörte, sondern die, welche den künstlich grammatischen Aufbau der Sprache am glänzendsten hervorleuchten ließ. Man wollte sich nicht am Wort klänge der Bibelsprachen, noch viel weniger an ihrem g e d a n k l i ch e n Inhalte erfreuen, sondern an der lapidaren Regelmäßigkeit ihrer G r a m m a t i k. Micht viel lebender war das Interesse, das um 1820 die Reformer dem Hebräischen entgegenbrachten. Den G'ttesdienst übersetzten sie zum großen Teil in die Landessprache, und das Hebräische wurde für sie ein Zauberschloß der Theologen. Zu solcher Lebensauffassung paßte das Hebräisch der Humanisten. Zur Ehre des sefardischen Stammes Israels sei es gesagt, daß ganz gewiß nicht irgendwelcher namhafte Zulauf von sesardischer Seite diese Vorliebe der ersten Reformer für Sefardisch erklären kann. Man legte eben mehr Wert daraus, daß humanistisch gebildete Andersgläubige dem jüdischen G'ttesdienste mit ästhetischem Behagen folgen konnten, als darauf, daß die Seele des Volkes bei der Andacht war. Uebrigens bestehen auch erhebliche Unterschiede zwischen dem Lautbestande der sefardischen Aussprachen und dem des humanistischen, Studier- Hebräisch. .j«; 1 4. Auch die z i o n i st i s ch e pflege der jüdischen „Patronalsprache" kam bis zum heutigen Tage offiziell nicht von der Vyx-liebs für das dem Sefardischen ähnliche papierene iStudierhebräisch ab. Die.Ursache ist die gleiche wie!beiden Pesormern, wenn auch die Zionisten das nicht gern zugeben werden: Man ist auch hier nicht vorn gedanklichen Kern zur sprachlichen Schale der, Bibel vorgegangen, sondern mit ganz außerjüdischen Nationalbegriffen in die Behandlung der Bibelsprache eingetreten und hat deshalb diejenige Aussprache vorgezogen, welche ihren grammatischen: Aufbau dem Studierenden am hörbarsten einhämmert. 5. Selbst diese Feststellungen wollen aber keine Werturteile sein. Jede jüdische Seele ist „eine volle Welt für sich", und erstrecht die Seele einer ganzen Landsmannschaft, dies ist die Aussprache eines ganzen Stammes der Judenheit. Die suffixbetonenden Sefardim haben in ihrer grammatisch begriffgefestigten Art dem Judentume die großen Systematisatoren Maimonides und Jehuda Halevi, Rabbi Josef Caro und Rabbi Ehaim Vital geschenkt, — die stammbetonenden Aschkenasim in ihrer gegenständlich vertiefenden Art, deren Urheimat das oströmische Reich war, ber j jüdischen Welt einen Kalir, und Rabbenu Gerj schom, einen Remoo und Ari gegeben. Wer möchte wägen, vergleichen, werten? 6. Wenn das Hebräische nach Absterben von Ladino, Jüdifchdeutsch und Judenarabisch als einzige international brauchbare jüdische Umgangssprache übrigbleibt, dann müssen wir unserer heiligen Sprache ganz gewiß auch einen für alle Juden verständlichen gemeinsamen Klang, eine Normal-Aussprache schaffen. „Machen" weiden wir ein solches Normalhebräisch jedoch nicht können — unb nicht wollen. In der großen Welt haben die künstlichen Weltsprachen sich bisher noch nie durchsetzen können. Die kulturell vorherrschende Nation beherrschte stets mit ihrer Sprache die Welt. Erst werden sich die Völker entschließen müssen, etwas wie eine Weltseele. eine gemeinsame und gleichmäßige Weltkultur aufblühen zu lassen: erst danach wird auch eine gemeinsame' sprachliche Verständigung möglich sein. So werden auch wir Juden unter uns zuerst ein großes, gemeinsames, einigendes und belebendes Ideal zu unserem Nationalgut erkennen; dann wird auch die „aussprachliche" Einigung von selber die Folge sein. Das ist aber ein messianisches Ziel. 7. In der Gegenwart können wir gleichfalls nicht auf eine vorläufige Konvention über Aussprache verzichten, — und keineswegs sollte der philologische Nachweis der Gleichberechtigung aller Aussprachen die nun einmal durch historische Zufälle in Palästina erstandene Vorherrschaft der dem Sefardischen ähnlichen Aussprache als etwas zu Bedauerndes: oder gar zu Bekämpfendes hinstellen. (Das hätte ohnedies dem sesardischen Verfasser nicht unterstellt werden sollen.) Aber solche Konvention sollte niemals über ihre eigene Papiernatur sich täuschen und selber lebendes Wachstum! vorgeben wollen. Damit entfremdet sie sich völlig dem wahren Leben und Denken des Volkes. Ein solches Ueberschreften ihrer Kompetenz ist aber die Entwicklung, in welche einige Sprachlehrer Palästinas die Aussprache der dortigen Juden drängen, indem sie etwa das dageschlose taw mit dem englischen th gleichsetzen oder das., Kaf und das Pe auch ohn4...Aagefch gleich k und p. zu sprechen lehren. Dabei kömmt.., ein auch keinem Sefardi verständliches Kauder- ' welch heraus und man kann nur hoffen, daß die Sokep-Kapupim-Partei bald nur noch historische Bedeutung hat und auch aus ihren Stammsitzen in Galiläa verschwindet, das ja schon einmal in grauer Vorzeit sich des tollsten Dialektes erfreute. Die künstliche Ei n i g u n g d e r A u s sprachen hat den Sinn, v o r e r st die B e r st ä n d i g u n g d e r Juden verschiedener Aussprache gruppen zu erleichtern, nicht sie durch neue E i n - fällezu erschwer e n. Die künstliche Aussprache ist notwendig, aber kein Ideal Ein Verbleiben bei völlig getrennter Aussprachewäre jedoch, mindestens im heiligen Land: ein Unglück.