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Der Israelit · 1931-04-01 · Heft 14 (1.4.1931) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 14 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1. April 1931 D e r I -s rl'C I i t Nr. 14 oeite 3 keine Ermäßigung' gewährt' Wird, Mk. 125 monätlich. Nach dem -Wunsche der Stifterin soll das Heim zu gleichem Teilenvon Männern und Frauen über 60 Jahre besetzt werden. Zunächst kommen natürlich die Mitglieder der sächsischen Gemeinden in Detracht. .. if;: Ein Stück Alazzoh. Von 2air. Als es Eva Grünberg mit gepreßtem Atem ihrer Nachbarin erzählte, machte diese eine abwehrende Handhewegung. -- - „Das' ist unmöglich; das kann nicht wahr sein," sagte: sie danst. Und konnte sich doch nicht eines Zitterns erwehren, das ihr über den schmächtigen Körper flog. Eva Grünberg trat ganz nahe ans sie zu und beugte sich tief an ihr Ohr: „Eben hat's mir die Christine Wagner gesagt; und die weiß es vom Pfarrer selber." Zwei entsetzte Augenpaare starrten sich eine kürze Zeit an, dann ging Eva Grünberg schleppenden Schrittes die Steintreppe hinab über die Gasse in ihr Haus zurück. Und wo an diesem Tage zwei Juden aus der kleinen Gemeinde sich begegneten, standen sie zuerst still., schauten sich ins Gesicht und schüttelten den Kopf. Doch Worte gingen nicht hin und her. Denn sie fürchteten sich davon zu sprechen. Sie meinten, wen?: es unausgesprochen bliebe, könne es vielleicht auch nicht Wirklichkeit werd en. Aber am nächsten Tage schon hing dos Aufgebot hküter dem vergitterten Kasten im Treppenaufgang des Rathauses. Ueber der jüdischen Gemeinde lag es wie ein das Herz beklemmender Nebel. Jeder einzelne spürte im Nacken eine unsichtbare Faust, die den Kopf vornüber zwang. Keiner betrat die Dorfstraße. Zu den Hintertüren hinaus gingen sie auf die Nachbarorte, wo ste ihren Geschäften oblagen. Und zwei alte Frauen — ihre weißen Haare schauten an den Schläfen unter dem etwas verschobenen Scheitel hervor — saßen auf der Treppe der Synagoge mnd weinten. Denn die Gemeinde hielt noch auf sich. Sie war stolz aus ihre Geschichte. Fromme Lehrer hatten sie belehrt, angesehene Gelehrte waren aus ihrer Mitte erstanden und hatten ihr weithin einen Namen gemacht. Sie bewahrte mit Zähigkeit ihre synagogalen Gebräuche. Und wenn auch die Kenntnis des.Gesetzes unter den -;Mitgliedern . ahgenommett hatte und' eigentliches, Työrastudium .nicht mehr betrieben würbe, so hielten sie sich doch noch genau all das Tun ihrer Väter und waren mit dem ganzen Gefühl der Tradition verbunden. Und nie — so sagten ihre Aeltesten — war es vorgekommen, daß jemand abgefallen wäre, den Glauben verlassen hätte wie diese, die jetzt, noch dazu im Dorfe selbst, mit einem Christen die Ehe einzugehen fest entschlossen war. , Die wenigen Verwandten hatterr keinen Einfluß auf sie. Die Ermahnungen anderer hörte sie nicht an. .' Aber das war das Unverständlichste: Nie noch hatte sie gegen ihren alten Glauben eine Abneigung kundgegeben. In sichtbarer Andacht und Stimmung hatte sie sich bisher am Sabbat und Feiertag an dem G'ttesdienfte beteiligt. Und jetzt — an einem Sommertag, als die vollen Getreidefuhren durch die Dorfgassen schwankten — ging sie, von ihrem Taufpaten begleitet, aus einem Seitenweg zur Kirche. Ein paar jüdische Kinder, die gerade auf dem großen Platze davor spielten, riefen sich etwas zu. Da eilte .sie ihrer Begleitung voraus! und huschte durch das schon geöffnete Portal. . Am Abends dieses Tages bezog sie das ansehnliche Wohnhaus, das umgeben von Scheunen und Schuppen,: im Hintergründe eines weiten Hofes lag. Die Nacht fiel langsam durch schwere Gewitterwolken. Die zur Feier geladenen Gäste entfernten sich erst gegen Mitternacht. Der Hofpächter begleitete den letzten bis zum Hofore. Da war sie zum erften1 Mal in dem großen Zimmer allein.- Jetzt erst nahm sie den schweren fi.ffrrsr> Aus dem Leben der deutschen Juden int Mittelalter. Plünderung der Judengasse zu Frankfurt am Main 1614. (Nus Georg Liebe. Das Judentum in der Dergiingentzeit. Verlag Eugen Diederichs, Jena) Geruch wahr, der sich aus dem Duft des Heues in den Scheunen und den Ausdünstungen der vielen Tiere in den Ställen mischte. Sie hörte von dorther das Stampfen der Hufe und das Klirren der eisernen Ketten. An den Wänden sah sie kleine und große Heiligenbilder und Darstellungen aus dem neuen Testament. Und alle diese Eindrücke vermittelten ihr deutlicher als die Vorgänge in der Kirche ihren Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter. Darstellung einer jüdischen Trauung. (Nach einem Stich aus der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde, Berlin). veränderten Standpunkt. Sie spürte plötzlich einen dumpfen Druck in den Schläfen und eine Enge in der Kehle, welche nicht nur von dem sommerschwülen Nachtwind herrührten. Und in dieser körperlichen Schwäche tauchten Erinnerungen auf, die sie in den letzten Tagen ausgelöscht zu haben glaubte. Und mit ihnen stürzten Gefühle, in vollem Schwalle gegen ihr Herz, daß sie am Körper erbebte und sich an einem Stuhle sesthalten mußte. Da schlug das Hoftor zu und der schwere Querriegel würde eingestoßen. Das. brachte sie zu sich. Sie bäumt?, sich in ldie Höhe. Ihr Blick suchte an den Wänden. Dorr unter dem Spiegel hing der große Kalender einer Düngemittelsabrik. Wie ein Habicht schoß sie aus ihn zu, riß das Blatt mit der großen schwarzen Ziffer herab, zerknüllte es und warf es zun: Fenster hinaus. Die Hand noch vom Wurf erhoben, keuchte sie hervor: „Zeit, nur Zeit! Sonst nichts! Zeit!" Abend für Abend riß sie nun die Blätter des Kalenders herunter und warf sie in den Hof hinaus. Vis sie einmal von drunten her die Magd fragen hörte, woher denn die vielen Papierkügelchen kämen. Von diesem Tag ab ließ sie ein jedes Blatt a?l einem brennenden Zündholz aufllammmen. Und die Tage -flogen schnell dahin. Es schien fast, als ob sie Angst hätten vor dein Verbrennen. Die Ernte füllte die Scheunen. Der Hafer wurde geschnitten. Auf den Feldern leerten Knecht und Magd die voll beladenen Bäume. Und sie, mit einem karrierten Tuch um den Kopf, half überall mit. Die Müdigkeit zwang sie jeden Abend in einen traumlosen Schlaf. Dann flaute die Arbeit ab. Der Herbst hing dichte Nebel um die Hausdächer. Die Schwalben reihten sich Punkt an Punkt auf die Telefondrähte und übten sich dann im Dauerfluge. Die Bauern fuhren ganze Wagen voll Kartoffeln zur Bahnstation und kelterten in der Dämmerung ihren Apfelmost. Da stand sie eines Morgens im weit geöffneten Tore und schaute auf die Straße hinaus. Etwas verschwommen im Nebel kamen von unten her drei Männer. Hinter ihnen zwei andere. Dann ein einzelner. Alle trugen ein Buckln der Hand. Kurz vor ihrem Hofe nahmen sie einen Feldpfad, der hügelauf zum Bes-olom führte. Von oben herab schauten gerade noch die abgerundeten Kopfenden der älteren Grabsteine. Sie sah ihnen nach, wie sie, um die Mauer des Friedhofes herumgehend, aus den Büchern Gebete sprachen. „Erew-Jom-Kippur", sagte sie halblaut und wurde sich im Augenblick ihrer veränderten Lage nicht bewußt. Spruchs vor sich hin wie das jüdische Mädchen, das sie noch vor ein paar Monaten gewesen^ war- Die Gutspäch'terin in ihr war ganz ausgelöscht. „Erew-Jom-Kippur", wiederholte sie, und sie spürte, daß sie sich eigentlich aus etwas besinnen piüßte. Auf etwas, das so nahe lag. Auf etwas, das nicht ganz zu de?n Erew-Jom-Kippur paßte. Darum sagte sie, ganz versonnen, noch e i n mal: „Ere w-Jo m-Kippur ". ... „Was meinen Sie, Frau Vogt?" sagie der Knecht zu ihr, der aus den: Schuppen nebenan gekonunen war und sich angeredet glaubte. Da schlug eine rote Lohe in ihr Gesicht. Einen Augenblick lang legte sie sich an. den- Torflügel zurück. Dann rannte sie wie besessen über den Hof, so daß ihr der Knecht kopfschüttelnd nachfchaute. Die Augen unnatürlich geweitet, mit laut gehendem Atem stürzte sie ins Wohnzimmer, riß mit eineni wilden Aufschrei auf einmal zwei Blätter vom Kalender und schleuderte sie in den schon geheizten Ofen. Dann warf ste sich auf die Ottwnane, kroch in sich zusainmen wie ein weidwundes Tier im Busch und stöhnte: „Jst's denn so schwer zu vergessen? So unendlich schwer? Nichts will helfen! Nicht einmal

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