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Der Israelit · 1931-04-01 · Heft 14 (1.4.1931) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 14 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Der Israelit 1. April 1931 -eite 4 Nr. 14 die Zeit. Aber sie muß! . . . Sie muß!" — Im November schon siel der Winter in das Dorf. Er packte sogleich den ganzen Ort in seine weihe Watte, so daß aller Lärm: das Knarren der schwerfälligen Bauernfuhrwerke, das Rollen der Schubkarren und das Scharren der zur Tränke geführten Pferde und Rinder fast unhörbar wurde. Nur das Brummen der in den Höfen laufenden Motore oder der Schlag der Dreschflegel aus der Tenne eines weniger begüterten Bauern belebte ein wenig die winterliche Stille. Aber auch diese Geräusche verstummten, sobald von den um das Dorf herum stehenden waldigen Bergen die frühen Schatten der Nacht in die Gasten hineinkrochen. Dann konnte ein armer Wanderer die in Schnee eingehufchelten Häuser für hohe Schneewehen halten; und er mußte dann, seine übermüdeten Glieder noch einige Stunden weiter schleppen, bis er das nächste Städtchen erreichte. Aber in der Mitte des Dorfes etwa, da, wo die Hauptstraße um das Schulhaus bog. wurde Tag für Tag die winterliche Stille durch ein im gleichen Taktmaß sich wiederholendes Stoßen, Kratzen und Schnarren unterbrochen. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Diese Geräusche, die nur dem Sabbat wichen, kamen aus dem Hause des jüdischen Bäckers, der bis nahe an' das Pestachfest für eine durch das ganze Reich zerstreute Kundschaft Mazzos herstellte. Wenn die Frau des Hofpächters jetzt durch das Dorf ging, schlug sie um diese Bäckerei einen großen Bogen. Die Scheu vor der Synagoge und dem Bes-olom war bei weitem nicht so groß wie vor dem Hause des jüdischen Bäckers, in welchem gerade Mazzos gebacken wurden. Denn noch im vorigen Jahre und in allen denen, die ihm vorausgegangen waren, bis weit in ihre Jugend zurück, war sie gerade um diese ^eit hier täglich ein- und ausgegangen. Nicht nur weil sie eine Freundschaft verband mit den gleichaltrigen Töchtern des Bäckers. Gerne hatte sie sich auch an die Maschine gestellt, hatte den fein gewalzten, kühlen Teig abgenommen, ausgestochen und dann die runden Fladen dem den Ofen bedienenden Gesellen zugetragen. Und wenn sie dann an den breiten Kasten getreten war, in welchem die aus der Hitze genommenen fertigen Mazzos leise knackten und sie an einem abgebrochenen knusperigen Stückchen mit Behagen knabberte, dann fühlte sie immer schon ein wenig von der Festesfreude des kommenden Pestach, auf den man sich, wie bei keinem andern Feiertage, so lange voraus schon vorbereitete. Solche Erinnerungen konnte auch die Zeit nicht so leicht vergessen machen und es war besser, sie überhaupt nicht wach werden zu lasten. Deshalb umging sie das Haus, solange die Maschinen darin sich drehten und der Arbeitslärm bis auf die Straße hinaus hörbar war. Die Tage wurden länger und in der Mittagszeit leckte die wärmende Sonne schon den Schnee an den Dachfirsten weg, so daß diese wie rotbraune Sättel auf einem mächtigen weißen Reittiere lagen. Und die mit den braunen Rollen beladenen Fahrzeuge, trugen schon jeden Tag die Mazzos zur Bahnstation. Wagen hinter Wagen. „Es wird bald aufhören," sagte sie hinter einem solch hoch bepackten Fuhrwerk her, als es an ihrem Hofe vorüberschwankte. Im März, wie die Stare ihr erstes „Pink, pink" -in die blaue Luft hinausschmetterten und die jüdischen Frauen ihre für Peßach blank gescheuerten Kasten und Schränke in der schon wärmenden Sonne trockneten, schnob unversehens ein frostiger Nordwind über das Dorf hin. Da er-! starben die bereits blühenden Maßliebchen auf | den Wiesen und die stäubenden Kätzchen der Haj selnuß im Bachgrunde. I Da mußte die Frau des Gutspächters vor der Kälte doch noch den zerbrochenen Fensterladen ausbessern lassen. Weil aber der Schreiner drei Häuser unterhalb der jüdischen Bäckerei wohnte, ging sie erst Bor der groben Mühle in Haifa. nach dem Abendessen zu ihm, nachdem dort die Maschinen zum Stillstand gekommen waren. Als sie um das Schulhaus bog, lagen die Räume der Bäckerei in tiefster Finsternis. . Sie ging die etwas abschüssige Gaste hinab und wollte gerade um die oorspringende Ecke einer Scheune die langen Tannenscheite für den Backofen ausgeschichtet lagen. Sie tastete mit der Fußspitze darnach, konnte die Mazzoh aber nicht finden. Da bückte sie sich hinab, suchte mit den Händen den Boden ab, kniete sogar nieder und langte unter den Holzhausen, so daß sie sich an vorstehenden Splittern blutig riß. Und wie sie zwischen die Scheite hineinfaßte, um dort zu suchen, wurde eine verdeckte Erinnerung aus ihrer frühesten Kindheit wach: Sie sah vor sich die festliche Stube in ihrem Elternhaus. Auf dem Tisch stand, vor; silbernen Bechern umringt, die Sederfchüstel. Der Vater hatte sich lachend in den Stuhl zurückgelehnt und schaute ihr zu, wie sie nach dem Afikomon suchte, den er zum Scherze versteckt hatte. Sie hob die Tischdecke empor, faßte unter die Sitzkisten, in alle Schubladen und zog ihn endlich aus dem Bücherschränke heraus. Und erwartete dann auch die versprochene Belohnung. Mit demselben Eifer suchte sie jetzt nach dem Stückchen Mazzoh, das sie fortgeschleudert hatte. Es war überhaupt kein Gedanke mehr in ihr, als der, dieses Stückchen wieder zu finden. Sie verlor den Begriff für die Zeit und hörte nicht die harten Schläge der Uhr auf dem Kirchturm. Sie hatte keine Vorstellung von dem engen Raume, den sie schon unzählige Male auf ihren Knieen durchmesten. Sie vernahm auch nicht die eiligen Schritte und die Rufe der Menschen, die durch die mitternächtigen Gasten eilten, sie zu suchen. Sie war wie besessen von dem Wunsche, dieses kleine Stückchen Mazzoh zu finden. Und sie kroch hm und her. Und suchte und suchte. Vis sie eine Schwäche übermannte und sie neben dem Holzstoß niedersant. Da lag sie noch, als die Glocken den neuen Tag einläuteten.- Mazzosbückerei der Groben Mühle in Haifa. biegen, als sie mit ihrem Fuß auf etwas trat, das leise knackte. Sie bückte sich hinab, und wie sie ein Stück Mazzoh gewahrte, das wohl einem beim Backen helfenden Bauernburschen aus der Tasche gefallen sein mochte, stieß sie es mit einer Jüdisches Allersheim i» Leipzig Gestiftet von Frau L Artowttfch. Gin Urteil über die Montreuxer Zefchiwoh. Dr. Leo Kohn, London, schreibt u. a.: Der jüdische Tourist, der im Frühjahr oder im Herbst die wunderschönen, farbreichen Berge am östlichen User des Genfer Sees besucht, wo wärmere Temperatur früher kommt und länger anhält, als in irgend einem anderen Teile jenes gesegneten Landes, kann sich in diesen Tagen mit einer unerwarteten einzigartigen Erfahrung bereichern. Wenn man an den lieblichen Hügeln vorbeiwandelt, die auf Montreux und Schloß Chillon, über den blauen See zu dem Dent du Midi blicken, kann man unterwegs eine große Gruppe junger Studenten treffen, deren intellektueller Gesichtsausdruck und deren Bewegungen ein Leben und eine Ueberlieferung bekunden, die ihren Ursprung und ihre Wurzel weit hinter diesen Bergen und Tälern haben. Wenn man diesen jungen Leuten nachgeht, wird man sich nach einem sanften Aufstieg in einem lieblichen Garten befinden, der eine prächtige Villa umringt. Das Schild dieser Villa besagt, daß hier das Heim der neuen Jeschiwoh ist. Tritt man ein, so darf man sicher sein, einen herzlichen Willkommengruß zu erhalten in jenem Geist der Gastfreundlichkeit, die seit den Tagen des Patriarchalvaters, der Gäste bei der Gluthitze unter fein schützend Dach brachte, Tradition in Jisrael ist. Die Atmosphäre dieses einzigartigen jüdischen Zentrums ist frei und ungetrübt von materieller Sorge. Die meisten Jünger erhalten sich selbst. Sie sind vorwiegend Söhne russischer Juden, die sich in der Schweiz niedergelassen haben und die ihren Kindern eine Erziehung in dem Geist und in der Tradition geben wollen, in der sie selbst erzogen worden sind. Aber es sind da auch ein guter Teil schweizer und deutsche Jungen und eine Anzahl aus dem Ausland. Oesterreich, Tschechoslowakei und Ungarn sind nicht minder vertreten denn Frankreich, England und Belgien. Ein harmonischer Kameradschaftsgeist gemeinsamen Studiums und Schaffens herrscht in dieser begeisterten Schar. Das ganze Haus atmet einen Geist der Jugend. Die! Anstalt ist eine der jüngsten dieser Art. I Nach einigen Angaben über Gründung und Wesen!der Jeschiwo, die unseren Lesern bekannt sind, schließt jDr. Kohn: Als wir unseren Weg langsam durch das! stille Dorf zu dem dunklen See unten nahmen, winkte hastigen Bewegung zur Seite. Doch als sie weiglühendes Rot an den Bergspitzen zu dem inneren Feuer tergchen wollte llberkam sie eine Art Mitleid SräÄ muß dio rmit b-errt Stückchen Mazzoh. Sie trat von der haben, als die vergeistigten Jünger des einstigen Safed Gaste weg in den von zwei spitz zueinander lauauf den Hügeln vor der Stadt ihrer Träume wandelten, senden Mauern gebildeten Winkel, in welchem. -

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