Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Leite 14 Nr. 14 Der Israelit 1. April 1931 Der Seder in der Fremde. Novelle von Binjamin Segrl. (Fortsetzung.) Aber er war bereits zu alt für fein Handwerk und mutzte bald jüngeren Kräften Platz machen. Dann richtete er eine Grocery ein, die aber ebenfalls kein Glück hatte. Endlich schnallte er den Hausierkasten um die Schultern und> wanderte tagaus tag sin von einer der umliegenden Farmen zur anderen, wo er die Waren absetzte, die er jedes Vierteljahr in dem fernen Cincinati einkaufte. Da man ihn allerwärts wegen seiner strengen Redlichkeit und Pünktlichkeit schätzte, so machte er für seine Verhältnisse gute Geschäfte und konnte bereits davon träumen, einst auf die alten Tage der Wohltätigkeit nicht zur Last fallen zu müssen, was er stets gefürchtet hatte. Aber je älter er wurde, desto häufiger beschlich ihn eine unbekannte Traurigkeit, die er anfangs selber nicht verstand und die ihn manchmal tagelang bedrückte. Es war das Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, welches ihn heimsuchte. Er empfand eine unbestimmte, aber sehr lebhafte Sehnsucht nach verschollenen, fernen Dingen, nach Menschen, mit denen er von vergangenen Zeiten reden konnte. In solcher Gemütsverfassung, die sich zumeist am Sabbat Nachmittag, da er von jeglicher Arbeit ruhte und auch von dem einsamen Gebet nicht in Anspruch genommen war, bei ihm einzustellen pflegte, setzte er die Hornbrille aus, zog aus der Tasche das abgegriffene, noch aus der alten Heimat stammende Psalmenbuch hervor und sang einen Psalm nach dem andern, nach alter Melodie, während er in die daneben gedruckte Jargonübersetzung blickte, bis es dunkel wurde. Dann sank das Buch auf seine Knie herab und er verfiel in ein halbklares Träumen. Verworrene Gestalten zogen an ihm vorüber, aus denen langsam seine Frau und seine einzige Tochter auftauchten. Er sah die verwischten Umrisse seines Heimatstädtchens, die schmalen Gassen, die Synagoge mit dem hohen phantastisch sich türmenden Dach, dann den weißen, breiten, zwischen einer Allee von alten breitästigen Wildbirnbäumen sich schlängelnden Weg der, weit hinaus ins Freie führt, wo der „heilige Ort", der Friedhof, lag. Dort ruhten alle, die er in diesem Leben nicht mehr sehen sollte. Zuweilen erfaßte ihn eine Art Neugierde, wie es denn dort, daheim im Städtchen aussehen möchte. Manchmal empfand er ein förmliches Herzklopfen, als lauschte er in spannungsvoller Erwartung auf eine Nachricht von dort, auf eine Kunde, die ihm etwas erzählen, vielleicht auf eine geheimnisvolle Stimme, die ihn heimrufen würde, und er ertappte sich dabei, wie er richtig zum Fenster hinausschaute, ob nicht jeden Augenblick jemand käme. Aber er hatte keinen mehr, der an ihn dachte. Dann trat Mrs. Rollinson ein mit einem brennenden Holzscheit, um Feuer zu machen, und alles war vorüber. Mrs. Rollinson, eine strenggläubige, bibelkundige Methodistin, bei der <er seit vielen Jahren wohnte, schätzte diesen braven Mieter, der so sauber war, so pünktlich die Miete bezahlte, den Sabbat so streng beobachtete und die Psalmen fast auswendig konnte, sehr hoch. Im Städtchen kannte ihn ein jedes Kind; da er hier der einzige Jude war, betrachtete man ihn anfangs mit einer Art freundlicher Neugierde, bis man sich an ihn gewöhnte und fand, daß er ganz so war wie die anderen, abgesehen davon, daß er nie Fleisch aß und sich nie betrank. Vor einigen Wochen ging Mr. Davis gegen Abend aus, um in der benachbarten Schenke tzin Glas Bier zu trinken. Unterwegs hörte er ein eigentümliches Geräusch aus einem armseligen Häuschen in einer der angrenzenden stillen Gassen. Es war das Summen einer Nähmaschine. Mr. Davis trat näher und erblickte an der Türe ein riesiges Plakat, das den Bewohnern von Green City ankündigte, daß Mr. Flock, nämlich Mr. Flock aus Boston hier einen Salon eröffnet hatte, in welchem die schönsten Gewänder für Gentlemen sowohl als für Ladies angefertigt werden, alles nach der neuesten Pariser Mode. Auch verschmähte es Mr. Flock nicht, obgleich er mit Arbeit überhäuft sei, getragene Kleider zu wenden und sogar zu flicken, insofern man es nicht Vorzüge, sich neue zu bestellen. Mr. Davis, dessen Rock gerade ausbesserungsbedürftig war, trat ein. Der „Salon" bestand aus einem langen dunklen Zimmer, mit einem auf zwei Stühlen gestützten Brett zum Bügeln. Bei dem einzigen Fenster stand eine abgenutzte Nähmaschine, und vor ihr, im Scheine einer qualmenden Lampe saß die gebückte Gestalt des Mr. Flock, mit blassem, eingefallenem Gesicht; durch die große Brille schimmerten matt die erloschenen Augen mit rot angeschwollenen Lidern. Mr. Davis brachte sein Anliegen vor, während er den Meister genau betrachtete. Plötzlich unterbrach er sich in der Mitte des Satzes, hieb: ihm die Hand hin und rief im reinsten „Jiddisch": „Scholem aleichem, Reb Jehudi, von wo seid Ihr her?" Der Schneider sperrte den Mund weit auf, die Brille rutschte ihm von der Nase herunter und die große Schere fiel ihm aus der Hand. Jäh erhob er sich, schleuderte das Stück Tuch von feinen Knieen fort und faßte mit beiden zitternden Händen die dargebotene Rechte des Gastes. Er war tief erregt vor Freude, hier einen Juden, und noch dazu einen aus feiner Heimat, zu finden. „Was hört man dort bei uns daheim?" fragte Mr. Davis mit einer Stimme, die ihm selber fremdartig klang. Er war gleichfalls eigentümlich berührt von diesem Zusammentreffen. „Was soll man hören? Schlecht!" „Seid Ihr schon lange von dort weg?" „Zehn Jahre schon!" „Und ich fünfundzwanzig. Habt Ihr Reb Kalman gekannt?" „Reb Kalman . . . Reb Kalman? Ach ja, Ihr meint wohl den Glaser?" „Nein, Holzhändler war er. Ein Großonkel der Frau meines seligen Schwagers. Lebt er noch? Wie gehts ihm? Und Reb Nüssen (Nathan)? Was macht der . . .? Und die Tante Zierle?" Reb David Broder fühlte plötzlich eine Fülle von verblaßten Gestalten in seiner Erinnerung auftauchen. (Fortsetzung folgt.) 'TTin '22 Man kann viel Nachdenken am Seder. Das Buch, das vor uns liegt, ist dünn und alt, und man hat schon sehr viel herausgedeutet. Das geht so jedes Jahr. Man braucht nur aufzuschlagen, schon stockt man. „Brot des Elends", — die Zahl derer, die bei diesem ewig aktuellen Begriff innehalten, wird jedes Jahr größer. „Dieses Jahr Knechte, — künftiges Jahr Söhne der Freiheit!" Das ist gewiß das geheimnisvollste Rätsel am Sederabend. Der Jude grübelt. Wenn er's noch kann. Mancher ist im Ringen mit dem Bissen Brot abgestumpft, innerlich unbrauchbar. Aber gerade für den spricht die Hagadah dieses Wort von den „freien Menschen", die rwV ntnn, zum künftigen Jahre hin heran- und emporgebildet werden sollen. Und dieses nrwn mert» klingt uns hebräisch, unendlich heimisch, vertraut, aufmunternd ins Ohr. Das Wort vorher, dieses unbarmherzig wirkliche •»13? «rrn ist so fremd, so von fernen, beinahe unjüdischen Gestaden . . . Knechte? Das Materialistische verschlingt uns. Draußen ist ein Uebereinander-Herfallen. Man nennt es Kampf ums Dasein. Um welches Dasein? Meist, fast immer meint man nichts anderes als ein Hier-Sein. Man denkt an die Einordnung. Dieser Kampf endet im Anpasten, im Mitmachen. Religion? Judentum? Man ist religiös, wie die andern alle. Man ist vielleicht einige Grad jüdischer, aber man sucht krampfhaft nach Definitionen für sein Jude-Sein. Das lauteste Judentum kann sich national dokumentieren, — damit kann man seine Existenz beweisen, Hamit kann man große Politik machen. Man kann im Völkerbund auftreten. Man kann verhandeln, sogar mit Ministerpräsidenten. Man ist gleichberechtigt. Zwischendurch bekennt man: dieser Nationalismus ist anders. Darin liegt seine Selbstüberhebung. Aber sowas ist leicht. Nur die Copie ist nötig. Für alles übrige sorgt dieser Zeitgeist, dem man anhängt wie ein Knecht. Und diese sklavische Sucht nach Einordnung ist schlimmer, tragischer. <rls der materielle Druck. Unsere jüdische Seele ist geknechtet, — bei denen, die mit „neuen Glaubensbekenntnissen"' und bei jenen, die mit der nationalen Formulierung aufsahren. . - Zum kommenden Jahre sehnen wir uns nach freien Menschen. Frei im Sinne der jüdischen Verwirklichung. Und nach der Ausrottung des „Apikores", der nicht in Moskau seine Residenz hat, sondern in unserer eigenen Mitte. Es ist bequem, den Feind auf eine ferne Leinwand zu projizieren, man kommt sich dann so selbstgerecht vor. Aber die Grundlage jeser Freiheit ist die Erkenntnis der Wahrheit. Jede widerreligiöse Aeußerung, die irgendwo in der Welt lebt und wirkt, kommt aus unser Konto. Wir leben ja in knechtischer Gesinnung. Die Erscheinungen der Zeit beugen uns nur zu bestimmten Erwägungen, bringen uns nur zur Ueberlegung, wie wir uns, uns hindurchtragen können, möglichst glimpflich. Wir usurpieren die Ideologie der herrschenden Sphäre, aber wir wagen nicht den Ruf nach dem Schlußstrich. Das nay swn ist uns lebensnahe, ist uns gewohnter Laut, trotz und wegen seiner unserm Lebenskreis völlig unähnlichen Klangfarbe. In allen Poren sitzt Assimilation. Unsere Freiheit wird erst sein: wenn das Jüdisch-Sem unsere politischen, wirtschaftlichen,, sozialen, gesellschaftlichen Gedantengänge vom Knechtsinn der seelischen Abhängigkeit restlos, gründlich gereinigt haben wird, — wenn sich aus der „Apikores"-Spaltung in konfessionelle, wirtschaftliche und politische Momente und die Manifestationen die Einheit und Unteilbarkeit jenes Judentums heben wird, das sich nicht zu Tode organisiert, sondern in seiner Erfassung des ganzen Menschen und der gesamten Lebensformung die Tat unsrer Freiheit lebt. Man kann viel Nachdenken beim Seder . . . I. Raphael. Aus dem Lebe« eines Gpotze«. Pessach des Chatam Sofcr. Einen Tag vor non ms? pflegte Rabbi Mosche Sofer selbst seine Mazzoth zu backen. Er hatte dafür ein eigenes Backhaus im Vorraum seines Lehrhauses, das von keinem andern benutzt werden durfte. Alle, die mithalfen, waren in der Lehre und Frömmigkeit bewährte Männer. Er sah aber darauf, ihre Mühe zu belohnen, da er es ablehnte, die Dienste eines Thoragelehrten umsonst anzunehmen. Das gesamte Mehlquantum war aus S ch e m u r a. Er selber beaufsichtigte das Backen von Anfang bis zu Ende und er selber teilte die Teigstücke zum Walgern aus. Die Becken waren aus reinem Marmor. Nie durste man in den Ofen mehr als 12 Mazzo'th auf einmal einschießen. Cs mußte dann eine kleine Pause gemacht werden, bis der Ofen von neuem ordentlich erhitzt war. Am Rüsttag zu Pessach buck er in gleicher Art, aber mit noch mehr Vorsicht, die für die Sederabende bestimmten Mazzoth. Wenn erster Pessach auf Sonntag siel, wurden diese Mazzoth nach Sabbathausgang vor Beginn des Seder gebacken. Er berief sich dabei auf seinen Lehrer, den Baal Haflooh. Der Sederlisch war vor Nacht vollkommen gerichtet. Sämtliche Geräte, die aus dem Tische standen, waren aus Silber. Der Becher des Elijahu ragte über alle anderen Geräte hoch empor. Der Sederabend zog sich etwa bis zwei Stunden nach Mitternacht hinaus und er sah nicht darauf, den Asitomon vor Mitternacht zu essen. In der Hauptsache gab er sich am Sederabend mit den jungen Kindern und Enkeln ab. Cr erklärte ihnen Wort für Wort aus der Hagadah, trug aber tiefere Druscherklärungen nicht vor. Nach dem ersten Becher verteilte er Nüsse an die Kinder. Nach dem Tischgebet begaben sich die Frauen zu Bett, während er mit den Männern (auch den Kindern) bis nach Äiitternacht noch die Schlußlieder sang. Die drei letzten Gesänge von Adir bis Chädgadio übersetzte er den Kindern. Nach Beendigung des Seders lernte er noch mit 'einen Schülern das Hohelied mit dem Rafchrkommentar, wobei er noch eigne Erklärungen einflocht. Er schlief ein paar Stunden in den Kleidern auf dem Sedersofa und war bereits um 6 Uhr morgens in 'einem Bethause. (Nach dem Büchlein der Preßburger Agudas Jisroel-Jugendgruppe.) (Der Kampf um das Baby.) Dorothea Cohen, eine jüdische Dame im Alter von 8 Monaten, ist der Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen zwischen den hohen Einwanderungsbehörden von Canada und der Verci .rgten Staa en geworden. Es handelt sich um das Wohnrecht dieser jungen Dame. Ihre Mutter wanderte, als sie das Kind unter dem Herzen trug, aus Canada nach den Vereinigten Staaten ein, wo das Kmd geboren wurde. Vorher hatte jedoch die Polizei der Vereinigten Staaten bereits beschlossen, Frau Cohen das Aufenthaltsrecht in den Vereinigten Staaten zu versagen, damit nicht die Mutter, und das zu erwartende Kind der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fielen. Die Behörden von Canada machen nun geltend, daß dieser Beschluß der amerikanischen Behörden sie nicht interessiere. Nachdem das Kind auf dem Gebiete der Vereinigten Staaten das Licht der Welt erblickt hat, müssen die Vereinigten Staaten auch die Last seiner Ernährung zu tragen. Zwei Wochen lang hat man Frau Cohen mit ihrem Säugling zwischen den beiden Grenzen in Hast gehalten, bis einige jüdische Organisationen in Newyort einen Platz für das Baby in einem Waisenhaus fanden. Nun durfte Frau Cohen wieder nach ihrer Heimat Canada zurück aber das Kind bleibt getrennt von seiner Mutter. Wozu werden auch sonst so viele Steuern zur Erhaltung hoher Staatsbehörden bezahlt!