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Der Israelit · 1931-04-01 · Heft 14 (1.4.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 14 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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r. 14 m Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenschenschicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. ^Fortsetzung). Nach einer Weile sagte Jaker noch zur „glücklichen" Ueb erfahrt: „Es war eine schlimme Sache heute, und der Teufel möge den Peter holen.. Er hatte sich erst total betrunken und hielt sich nicht genau an die Abmachungen. Um ein Haar wäret Ihr in eine fatsche Zone geraten. Nun ists vorbei, und Glückaufs"; . So erreichte Meikemeier, mit -den anderen, das andere Ufer, das Einfallstor zu Licht und Leben, zum Lande seiner Träume . . .;■ . XII. Als der graue Morgen die Sichr em wenig frei machte, tat sich vor den übernächtigen Augen Meikemeiers eine Märchenland schaff im Nebel auf, ganz ähnlich, wie er sie bisher in seinem Herzen, in seinen Träumen trug. Eine schöne, breite | und glattgepflasterte Landstraße begann schon scharf an der Holzbrücke, wo der russisch-litauische Morast aufhörte. Noch in Sehweite drüben die verfallenen grauen Strohhütten mitten im Sumpfland und Geröll, und hier zog nach Westen eine Straße, die schon beinahe einer Parkallee glich, von schön beschnittenen Bäumen flankiert, die sogar noch im Herbst wie gut gepflegte und geputzte, seinsrisierte ältere Menschen zu beiden Setten Wache hielten. Zwischen den Bäumen in regelmäßigen Abständen blendend weihe Kalksteine, auf denen rätselhafte Zahlen die Gemarkung bezeichneten. Telegraphenstangen erhoben sich blank und sauber zum Himmel. Führen rollten die Straßen hinunter, federnd, schwebend, auf glatter Bahn. Er ging mit den anderen, unsägliches Befreiungsgefühl im Herzen, zu Fuß die Straße hinunter, zu deren beiden Seiten die Wintersaaten aus den wohlbestellten fetten Aeckern grün hervorlugten, bis zum ersten preußifchen Dorfe, S ch m a l l e n i n g - k en. Hübsche, gartenumgebene, Häuschen, blitzende' Auslagen in. den. kleinen Fenstern, alle Menschen'- säübtzt'' und'^güt gekleMt, und das nannten die-Preußen- D or f. Manches erinnerte an GelgudiWerr/'-^Ä-M ' A m.Ma n n s, junge schlanke blande - Menschen, die''wie dieser korrekt in Kleidung u'M'^Düchs. lMrett^fcA'man hier, auch!,' Er war ist Deutschland, l; Einen Blick 'warf er noch emttial nÄch der Richtung der litauischen Grenze hin. „Nimmermehr in diesen Schlamm, in diese Traurigkeit, in diese geistge Armut zurück!" Wie unausgesprochenes Gelöbnis lag dieser Vorsatz in Meikemeiers Herzen- Schmallenmgken! das erste preußische Dorf hinter dem litauischen Schreckensgraben, dehnte sich auf der rechten Njemenseite dem Fluß entlang aus. Hier wurde der Fluß schon weiblich und hieß nicht mehr der Njemen, sondern d i e M e - m eh Ein kleiner vorgeschobener Hasen von malerischer Pracht langte beinahe bis zu den ersten Häusern hin. Dort stand der kleine Passagierdampfer und gab Signale, daß er für die Abfahrt , nach Tilsi t bereit sei. Alle Emigranten von der Schreckensnacht begaben sich dahin, alle hatten sie zunächst das gleiche Ziel. Um die Schienen zur weiten Welt zu erreichen, mußte man zuerst nach Tilsit. Nachdem die Sirene bereits den letzten grellen Pfiff von sich gegeben und der Matrose angefangen hatte, die Brücke einzuziehen, rollte von der Ostseite eine kleine Führe daher, der einige Männer entstiegen'. Sie liefen noch rasch zur Landungsbrücke. Gebeugt und schweren Schrittes, die Rechte ans Herz gepreßt, das das rasche Tempo der Beine nicht mitmachen wollte, keuchte Reb Jechiel, der Schächter, hinter den anderen her. Er stand auf der Brücke und winkte dem Sohne, den er nicht mehr umarmen konnte, da sich der Dampfer schon langsam in Bewegung setzte, mit beiden Händen ein Lebewohl zu. Wußte er überhaupt, wohin der Sohn fuhr und zu welchem Zwecke? Das wußte ja der Sohn selber nicht recht. Meikemeier lehnte sich über die Rampe, schob den Kopf vor, um mit dem Vater noch einige Worte zu wechseln. Reb Jechiel bildete mit beiden Händen vor dem Mund eine kleine Gasse für die Schallwellen seiner Stimme, daß sie nicht abseits in Wind und Wasser verwehten. Er schrie mit dünner Stimme etwas hinüber. Er habe sich noch im letzten Augenblick entschlossen, hinüberzufahren, aber der Wagen habe so lange Geschichten gemacht. An der Grenzstation wollte die Paßkontrolle kein Ende nehmen, obwohl er, ein alter Mann, mit Grenzkarte freie Passage hatte. So hätten sie beinahe schon den Dampfer vexpgßt. Er sprachdas alles lebhaft, und überlaut!, i aus einer gewissen. Verlegenheit heraus. Als müßte er sich entschuldigen, daß er noch einmal gekommen sei. „Die Mutter läßt vielmals grüßen. Sie wäre so gern mitgekommen, aber Du weißt es ja . . .". Ja, Meikemeier wußte es. Das tückische Leiden, das sie plagte seit seinem Kindesgedenken. Ihr Stöhnen pflegte in seine Kinderträume hineinzugeiftern. Sie hatte auch viel geweint, und jede Aufregung warf sie aufs Bett. Dann . .! Vielleicht fehlte es auch an den weiteren fünfzig Kopeken für die Fahrt... Er wußte das alles, wenn sich auch die weiteren Worte des Vaters in Wind und Wasser und im Getöse der Maschinen verloren. Meikemeier starrte mit Augen, die keine Tränen hatten, aber die ganze Beklommenheit eines jungen, aus der Heimat gestoßenen Menschen in ihrer Starrheit widerspiegelten, nach dem Vater, so lange er ihn sehen konnte. Alles andere war dem Auge entschwunden, die Menschen, das schöne Ufer, die sauberen Häuschen. Er schüttelte das Haupt und winkte mit der Hand. Der Vater wurde immer kleiner . . , Er sagte, so lange seine Stimme noch das Ufer erreichen konnte: „Vater, sorge Dich nicht. Ich komme nicht eher wieder, als bis ich etwas g e w o r -- d e n b i n und Euch beistehen kann. Küß mir M Mutter! . . . ' ,/5 Nun aber überkam ihn', je weiter der Dampfer den Sttom hinausfuhr und je kleiner und winziger die Menschen und DinHe am Ufer wurden, der. schaurige Gedankd, daß er die Mutter, die daheim'm Tränen und. Schmerzen seiner dächte, vielleicht auch den Vater, n i e M e h r s e h e n w ü r d e . . Kleiner und kleiner wurde der Alte am Wasser. Er schmolz in sich zusammen, er verschwand . . . Heimat und Vater vergingen vor seinen Augen . . . Und er hatte nicht einmal eine Träne im Auge. Im Herzen lag über tiefer Beklommenheit schwellende Hoffnung und wehte wie eiste lustige Fahne über eine Ruine ... In späteren Jahren dachte er oft darüber nach: Wie zärtlich und innig waren doch die Bande, die besonders im Osten Eltern und Kinder verbanden. Wie leicht und rasch, vielleicht gerade darum, weil sie so fein gesponnen waren, r i ff e n d o ch g er a d e diese B a n d e! Eine Trennung von Heimat und Vaterhaus, das wußte Man von vornherein, bedeutete eine T r e n - n u n g fit r d.ie C w i g k e i t. Das machte das Entwurzeltem im Leben des östlichen Golus . . . Fünf Stunden dauerte die Fahrt auf dem schönen Strome, der gut gebaggert, gereinigt und ausgebaut, keine Hindernisse und Sandbänke wie der Njemen auf der anderen Seite bot. Gegen Abend war Meikemeier in der ersten deutschen Stadt, in der befestigten Burg, in T i l s i t. Zinnen und Mauern hoben sich hoch und drohend. Die Straßen waren belebt und von einer Sauberkeit und Ordnung, wie er sie nie im Leben gesehen. Der Schutzmann mit weißen Handschuhen, mit einer spitzen Pickelhaube ans dem Kopf, stand selber wie eine ragende Mauer, eine befestigte Burg da. Nur der Markt erinnerte noch an Litauen, an Bürki, an Kowno, wegen der vielen Männer, die von drüben in Kaftan oder Kopftuch mit ihrer Ware herübergekommen waren und in jiddischer oder litauischer Sprache feilschten. Wo die Straße stiller und einsamer wurde, löste ein mächtiger, endlos langer, rotgelber und kahler Steinbau die Geschäftshäuser mit den bunten Auslagen ab. Aus Fenstern und Türen kamen Johlen und Lachen, aus.den weiten Höfen das Wiehern von Pferden und Kommandorufe. Menschen in Drillichjacken, aber auch Offiziere in buntem Rocke, bewegten sich einzeln und in Massen. Ganze Trupps marschierten im gleichen Schritt und Tritt mit überschultertem Gewehr. Das war eine Kaserne, die Kaserne der ersten großen Grenzgarnifon. Daran anschließend ein anderer Bau, noch höher, noch trauriger, noch kahler und trostloser, mit vergitterten kleinen Fenstern, aus denen kern Laut des Lebens drang. G e f ä n g n i s, Festung oder Zuchthaus. Und gleich daneben der freie Platz vor einem großen grauen Haus mit der runden Riesenuhr. an der Fassade. Der Bahnhof. Er war der einzige in der Wandergruppe, der die deutsche Sprache genug beherrschte, um ihr Führer zu fein. Er konnte die Ueberschriften über den Schaltern und an den Türen der Wartesäle und Amtsgebäude lesen und deuten. Bald waren sie in einem großen Wagen vierter Klasse, der ohne die paar Bänke an den beiden Längsseiten ein Viehwagen hätte sein können. Der Wagen war angefüllt mit Arbeitern und Marktfrauen. Eine wackelige, für die Begriffe Meikemeiers, der nur Ruwkes Fuhre, höchstens noch den Dampfer als Verkehrsmittel kannte, fabelhaft rasche Fahrt begann. Aber es ging ein voller halber Tag darauf, bis ihn endlich die erste deutsche Großstadt empfing. Er war in Königsberg Seine Fahrtgenossen rollten weiter — gen Berlin, nach Hamburg. Er war hier in Königsberg zunächst am Ziele. In Königsberg war die Vorstadt, die vielleicht nur so hieß, well in diesem. Viertel alle Juden wöhirten, vongroßen, gewaltigen' grauen Mauern eingeengt, durch die selten volles Tageslicht durchdrang. n Manche Höfe erinnerten mit ihrem Düster irtid ihren Gerüchen an Kowno und Slabodko. In den Straßen roch es ein wenig nach- Teer- und Hering.' Dazu kam der dicke Rauch von der Ostbahn her, die gleich hinter-der Vorstadt ihre Schienen vorstreckte. Arbeiter! die auf der Straße das Pflaster aufrisien und die Kanäle bloßlegten, entsprachen nicht alle der Vorstellung, die Meikemeier vom Deutschen hatte. Es waren nicht lauter Ammanns. Sie schimpften und fluchten mit Ausdrücken/ i)te er der deutschen Sprache gar nicht zugetraul hätte. Wenn sich der Abend senkte, kamen Geschrei, Sang und Zank aus den unzähligen Kneipen und Destillationen in der Vorstadt. Betrunkene gröhlten, torkelten und rauften miteinander. Das war nicht das Deutschland, das er suchte. Aber etwas weiter, wo sich die Straße ein wenig hob und zum Schloßberge emporschlängette, stand ein massiver Vau mit breiter Fassade voller Arabesken da. Der Palast von Liwadia (das Märchenpalais des Zaren, im Städtchen Inbegriff und Höchstpunkt aller menschlicher Pracht), könnte nicht größer und schöner sein. Die Säulen davor und das flache Dach darauf, und die Figuren an den Simsen deuteten auf das Besondere dieses Hauses hin, nicht zuletzt die breiten Steinstufen vor dem halbgeöffneten Portale. (Fortsetzung folgt.)

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