Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 14 Der Israelit 1. April 1931 I des Gcrluth geschrieben. Durch diese Lieder er- I weckt, erhebt sich noch einmal die Hoffnung mit Leschono habooh bijruscholajim auf die einstige endgültige Erlösung, die kommen möge bald in unseren Tagen. Wochenrundschau. Die „Gefera" der „Geserd". Was „Gefera" ist, das wissen unsere Leser: ein Verhängnis, das der liebe Himmel von uns abwenden mag. „ G e s e r d " ist auch ein Verhängnis, will aber, ihren Buchstaben nach, eine Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Si e d lun g sw er k es in der Union der Staaten Sowjetrußland sein. Und mit diesem neuen Verhängnis haben wir uns heute zu befassen. In der Februar—März-Nummer des „Mitteilungsblattes" dieser Gesellschaft beschäftigt sich im Leitartikel ein Dr. E. F. mit der, bekanntlich auf Initiative des Chofez Chajirn und von Rabbi Chajirn Oser Grodsenski, ins Leben gerufenen „ R u ß l a n d h i l f e " , die er „Rußlandhetze" nennt. Warum? Weil ein Aufruf zu Spenden für Lebensmittelpakete „behauptet", daß unter den Juden Rußlands unbeschreibliches Elend herrsche. Die Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Siedlungswerkes kennt ja ganz gewiß ebenfalls das jüdische Elend in Rußland, sie würde ja sonst, wenn keinem Elend abzuhelfen wäre, ihre eigene Existenzbasis verlieren. Aber wenn von g e f e tz e s t r e u e r Seite das Elend eines Teiles der russischen Juden, nämlich der Deklassierten, erkannt und für die Tage, die von den Worten bi2"i rrn" bs gezeichnet sind, eine wirksame Hilfsaktion eingeleitet wird, dann ist das, nach bekannten Formeln, „Verrat", „Rußlandhetze". Um darzutun, wie rosenrot die Lage in Rußland ist, wird in diesem Artikel erzählt, was die Sowjetunion alles seit der Revolution für ihre Juden getan hat. Energische und großzügige Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Situation der jüdischen Massen wurden ergriffen, ihre landwirtschaftliche und industrielle. Produktivierung wurde in die Wege geleitet. Große Gebiete zur landwirtschaftlichen Kolonisation wurden den Juden angewiesen, junge Juden wurden in Gewerbeschulen zu qualifizierten Arbeitern ausgebildet. Ein freundschaftliches und brüderliches Verhältnis zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Massen wurde auf blutgetränktem Boden geschaffen. Dann zählt der Artikelschreiber die Hektar Boden, die für jüdische Siedlungen zur Verfügung gestellt wurden, die tausende jüdische Familien, die auf dem Lande angesieüelt oder in die Produktion eingegliedert wurden. Fazit: Den Juden geht es in Sowjetrußland besser, als irgendwo auf dem Erdenrund. Gewiß weiß die „Gefera", daß es noch Tausende von Juden in Rußland gibt, die, weil von dem Produktivierungsprozeß nicht erfaßt, Hunger und Not leiden. Man dürfe sie aber nicht zu „Schnorrern" machen. Und dann! Die „Rußlandhilfe" wolle ja gar nicht helfen, sie gehe nur darauf aus, die Welt gegen Sowjetrußland mobil zu machen, gewissermaßen dem Papste in Rom Schlepperdienste zu leisten. Und zuletzr v e r b i t t e t sich Herr Dr. E. F., in dem wir ein irregeleitetes Frankfurter Kind zu erkerm nen glauben, in dem in B e r l i n in d e u t s ch e r Sprache erscheinenden Mitteilungsblatt im Namen der „ g r o ß e n M a s s e der Juden der Sowjetunion" diese Hilfe und d a n k t für das Licht, das man in ihre Finsternis bringen will. Wir müssen gestehen: Die rabbinischen und philantropischen Kreise, die den Aufruf zur Rußlandhilfe erließen, haben bei ihrem Appell an die Bruderliebe gewiß auch mit denen in unserer Mitte gerechnet, die in der Sprache einer bekannten Hagadafigur da sagen:22b rwrn mmn na „es berührt uns nicht, was Ihr da macht." Allein mit einem solchen Ausbruch von Lieblosigkeit und wild fanatischer Abneigung gegen alles, was von jüdischer Seite kommt, haben wir nicht gerechnet. Ist einmal von Hetze die Rede,, so sind es die d e u t s che n H e r r e n d e r „G ese r d " , die verantwortlich zeichnen für die Hetzkampagne gegen alles, was gut und jüdisch und brüderlich ist, den Feldzug, der die Brudernot nicht sieht und Bruderhilfe in schamloser Weise als Verrat verdächtigt. Zunächst eine kleine Richtigstellung: Das jüdische Problem in Sowjetrußland kann unter drei Ueberschriften behandelt werden: Politische Lage, Produktivierungsprozeß, r e l i g i ö s e N 0 t. Das Problem wird in un- Elektr. Warmwasserversorgung Hinkel & Sohn Frankfurt am Main,’Neue Mainzerstr. 14/16 das uns von der Vorsehung ausbewahrte Verborgene, das Peffachopfer der Zukunft, im Afikaumon anzudeuten. So find die drei Teile des Seder Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und wenn die beiden Becher der Erlösung, 2. und 4., einander entsprachen, so ist der vierte ein voller Becher des Heils, dem zweiten dagegen müssen Tropfen entnommen werden bei der Erinnerung der Leiden der Aegypter, denn nicht Schadenfreude und Rachbegier erfüllen uns beim Seder, sondern lediglich Gefühle des Dankes für das uns gewährte, im Becher symbolisierte Schicksal. Dem Schefauch chamoßcho des dritten Sederabschnitts entspricht der Anfang („karpaß, jachaz und holachmo") des ersten. Das Waschen des Hausherrn vor Verteilung des Karpaß hat nur hygienische Bedeutung, als ob wir Tischteilnehmer besonders empfindlich wären und sonst das von ihm in Salzwasser getauchte Kraut nicht essen möchten. Diese Empfindlichkeit, die hier hervorgehoben wird, ist sonst unstatthaft. Wir aber wollen damit gerade zeigen, daß die ägyptische Knechtschaft uns nicht vergröbert hat, die adelige Sitte uns geblieben ist trotz jahrhundertelanger Erniedrigung. Aber eine Brocho macht der Hausherr zu urchaz nicht, weil der Sinn dieses Waschens nur eine Reinigung, nicht eine Weihung der Hand bedeutet. Mit dem Trinken des vierten Bechers schließt eigentlich der Seder. Die fromme Sitte hat ihm noch einen Anhang hinzugefügt: eine Dichtung auf die mitternächtlichen Stunden der Erlösung in der Zeiten Läufte, das Gebet um den Tempelbau und anderes mehr. Dieser schließt mit dem Zahlenrätsel, um auf die 13 Eigenschaften der g'ttlichen Gnade zu kommen, die walten mögen, um die 12 Stämme zu befreien; ebenso endlich mit Chad gadjo als einem Hinweis, daß alles Galuthleid seinen Rächer findet, daß eine strenge Gerechtigkeit obwaltet, die alle Dinge und alle Wesen umfaßt, daß am Ende G'tt Tod und Not und Leid von der Erde verbannt. Das Ehad gadjo, das Galuthlied, ist wieder in der Sprache Einige Bemerkungen zur Pessachhagadah. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Perle in der Krone der religiösen Übungen des ganzen Festjahres ist jene in ihrer Art einzige häusliche Feier an den beiden ersten Pessachabenden, die das Haus zu einem Heiligtum wandelt und den Tisch zu einem Altar, um den die Familienglieder Priestern vergleichbar geschart sind. Im Mittelpunkt dieser Feier steht die man, jenes allen so vertraute Buch, das all und jung immer wieder zum Nachdenken anregt, so daß die beiden Sederabende im Banne der mit besonderer Liebe und Umsicht angeordneten Liturgie stehen und das Wort zur Geltung bringen: . . . d’-isö nx’S’a isvi> nanan i>ai Wer ausführlich sich gedanklich mit dem „Auszug aus Ägypten" beschäftigt, verdient Anerkennung in hohem Maße. Es gibt neben der Bibel und dem Talmud kein zweites Buch, in das sich unsere Großen und Größten so sehr vertieft haben, um es zu einer Fundgrube jüdischer Weisheit zu machen, wie die man. Wir Spätgeborenen werden kaum einen Gedanken da entwickeln, der wirklich als ein neuer anzusprechen ist, der nicht schon irgendwo niedergelegt wurde. L Mit pochendem Herzen und strahlenden Augen trägt das Kind, und je jünger es ist, desto stolzer und glücklicher, die „vier Fragen" vor. Die Herzen der Eltern fließen vor Seligkeit über, sie ernten an diesen Abenden die ersten Früchte ihrer mühevollen sorgenreichen Arbeit der Kindererziehung. Die Fragen sind genau festgelegt und werden sorgfältig vorbereitet. Sie sind aber dem kindlichen Auffassungsvermögen angepaßt und könnten auch spontan aufgeworfen werden. Der Zufall soll jedoch nicht walten. Pessach ist das Fest der Belehrung, des Fragens und Antwortens. Die „vier Fragendie unter allen Umständen gesprochen werden, auch dann, wenn keine Schuljugend mehr in der Familie ist, sollen zu weiteren Fragen anregen und einen Gedankenaustausch zwischen den Teilnehmern an der Feier herbeiführen, Herz und Seele, Verstand und Gemüt sollen cn diesen Abenden in gleicher Weise ihre Bereicherung f'nden. Das ist entscheidend und hat die Anordnung in der Sederfolge beeinflußt. In der Mischna heißt es: ras pa nyn px bki vis1? pn i«ai uw 012 ii> um Man schenkt ihm den zweiten Becher ein, und jetzt richtet das Kind an seinen Vater die Fragen. Hat dieses den Verstand nicht dazu (die Fragen zu stellen), belehrt es der Vater, d. h. so legt ihm der Vater die Fragen in den Mund. (Der liest ausdrücklich pa nn px ox 1*1»^» vax - Pessach ist das Fest unserer Volkswerdung. Unser Volkstum ist solange gesichert als es sich an unserer Thora orientiert und eine Jugend hat, die sich für unsere Überlieferungen begeistert, die immer wieder fragt und belehrt sein will wie der oan, der W ise pn pi „und jetzt gerade fragt der Sohn". Nachdem der zweite Becher gefüllt ist, ist es an der Zeit zu fragen. Der erste Becher, bei dem des Festes Weihe ausgesprochen wird, gibt noch keine Veranlassung zum Fragen. Eher schon würde der Genuß von Gemüse vor der Mahlzeit (0012) dem verständigen Kinde Anlaß bieten, um Aufklärung zu bitten. Vielleicht hofft es aber, diese noch zu erhalten. Eine gewisse Zurückhaltung verrät oft bescheidenen Sinn. Nun aber wird der zweite Becher mit Wein versehen, da hält das Kind nicht mehr an sich und sucht nach Belehrung über all' die merkwürdigen Dinge, die es an diesem Abend wahrnimmt. II- Die oua nsanx, die vier Söhne, die fragend eingeführt werden, sind nach ihrer Geistesschärfe beurteilt. Nur der »vi paßt zu diesem Bilde nicht ganz. Der Haggadist scheint da den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Der Weise, der Einfältige und das Kind, das noch nicht fähig ist zu fragen, — hier ist die Einteilung nach dem Intellekt, nach den Verftandesgaben erfolgt. Der svi der Frevler, der Gesetzlose fällt aus dem Rahmen des Ganzen. Vielleicht soll darunter aber einer verstanden werden, der wohl fragt — aber gleichwohl in Wahrheit nicht von Wissensdrang getrieben wird. Sein „Fragen" verfolgt ein ganz anderes Ziel. Es wurzelt in Eigendünkel und Hochmut und ist von der Absicht getragen, die zweiflerischen von Unglauben erfüllten Anschauungen des Fragenden zur Geltung zu bringen und anderen aufzudrängen. Sein klügelnder Geist zeugt von der Glaubensfeindlichkeit, die in seinem Herzen tief verankert ist. Es ist der Fanatismus der G'ttesleugnung, der hier nach Ausdruck ringt und sich schließlich in der Frage Luft macht: vai» vxm miasn rrn Was soll euch dieser Dienst — der euch Sklaven fesseln bringt und euch zu unfreien Menschen macht. Hier ist allerdings nicht der Intellekt das entscheidende charakteristische Merkmal des Fragenden, sondern seine ungezügelte, ungebändigte Natur, die Gesetzlosigkeit propagiert . . . Sind diese Art von Fragenden uns nicht bekannt? Kennen wir sie nicht, die selbstherrlich mit ihrem Geiste über die Gläubigen triumphieren zu können glauben und überlegen die „kindliche Einfalt der Frommen" belächeln? III. Heiliger Brauch ist es, Sitte, die wir nicht missen möchten, bei der Herzählung der 012a nv? bei Nennung jeder der zehn Plagen mit dem Finger einen Tropfen aus dem gefüllten Becher herauszuheben. Offenbar soll damit angedeutet werden, daß wir den Wein der Freude nicht voll genießen sollen, da Israels endgiltige Bestei-