Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1931)
- Date
- 1931-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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26. März 1931 Der Israelit Nr. 13 Seite 7 Warschau, 20. März. Die Rechtsfrage der lebenden Juden dürfte in ser Theorie mit der Aufhebung der zaristischen Ausnahmegesetze gelöst sein. Die toten Juden lassen aber die Judengegner nicht schlafen. Die Medizinstudenten, leider auch ein Teil der jüdischen, verlangen kategorisch die Auslieferung von jüdischen Leichen im gleichen Maße wie die nichtjüdischen zu anatomischen Zwecken. Leider finden die Wünsche in religiös-desinteressierten jüdischen Politikern eine Stütze. .Im Sejm kam am 18. März eine große Redeschlacht über diesen Punkt zustande. Von Ingresse ist die große Rede von Oberrabbiner Lew in. Als einziger Vertreter der jüdischen Geistlichkeit im Parlamente, erklärt er, daß nach den religiösen Vorschriften des Judentums die Totenbestattung eine der heiligsten Pflichten s,ei die, wo eine Familie nicht da ist, der Gemeinde oder der Gemeinschaft obliegt. Er verwahrt sich mit scharfen Worten gegen den Referenten über diesen Gegenstand, der von einem „veralterten Brauch" und einem „Aberglauben" sprach. Keine Macht in der Welt wird uns auch nur um ein Jota von den Vorschriften unserer Religion abbringen. Ein Beschluß, mit Gewalt hier vorzugehen, würde eine unerhörte religiöse Vergewaltigung darstellen und gegen den Geist der Verfassungsung verstoßen. Eine religiöse Angelegenheit darf nicht dazu benutzt werden, junge Studierende wegen ihrer Religion zu schikanieren und sie um ihr Recht auf Bildung zu bringen. Es geht auch um die hohen Traditionen und den guten Ruf der polnischen Universitäten. Stellt man die Forderung, daß Christen nur an christlichen, Juden nur an jüdischen Leichen experimentieren dürfen, so kann morgen die Forderung auch nach Rang und Berufsstand erweitert werden, womit man zu den Stufungen des Mittelalters zurückgelangen wird. Wenn gar der Referent behauptet, der Talmud erlaube die Sezierung, so mühte er, Lewin, doch für sich in Anspruch nehmen, den Talmud besser zu kennen. Die Rede Lewins machte sichtlichen Eindruck. Der Referent, Dep. B i e l e z k i, gibt Antwort, die sehr matt klingt. Seine talmudischen Informationen, so sagte er. stammen von „Oberrabbiner" S ch o r, der doch schließlich auf diesem Gebiete genau so Autorität sei wie Lewin (?). Uebrigens habe auch F a r b st e i n bei einer Beratung des Ministeriums sich mit dem Sezieren jüdischer Leichen einverstanden erklärt, wenn sie nachher der Gemeinde zur Bestattung frei gegeben werden. In der Abstimmung wird das emgebrachte Projekt mit Stimmenmehrheit abgelehnt. Das orthodoxe Judentum zu den kehittarvrchlen. Warschau, 20. März. Auf der Sitzung des Zentralrates und der C. K. der Agudas Jisroel in Polen, unter Beteiligung der orthodoxen Gemeindevorsteher, wurden nach Referaten von I. M. Lewin und L. Minzberg bindende Resolutionen angenommen, die in der Hauptsache folgendes besagen: Allgemein muß darauf gesehen werden, daß vereinigte orthodoxe Wahllisten aufgestellt werden. Wo dieses durchaus unmöglich erscheint, müssen mindestens Wahlbündnisse zwischen den einzelnen gesetzestreuen Gruppen geschlossen werden. Das neue Wahlregulativ, das die Verweigerung des Wahlrechtes an öffentliche Religionsfeinde vorsieht, ist als Schutzmittel für den religiösen Charakter der Gemeinde gedacht. Die Ausdeutung dieses Gesetzes in dem Sinne, daß alle, die nicht religiös sind, auch wenn sie öffentlich nichts gegen die Religion unternehmen, um ihr Wahlrecht gebracht werden sollen, ist eine glatte Verleumdung. Die Resolution protestiert mit Empörung gegen die zionistische Organisation, die die unabhängige Orthodoxie mit verwerflichen Mitteln bekämpft und die Bevölkerung gegen sie verhetzt. Die zionistische Organisationwird gewarnt, die Wahlkampagne nach Methoden zu führen, die den Bruderkrieg auf der jüdischen Gasse entfachen. An die gesamte jüdische Bevölkerung wird ein Appell gerichtet, solche Methoden nicht zuzulassen. Zuletzt fordert der C. R. alle Agudagruppen auf, geeignete Listen mit würdigen Kandidaten für Kehillarat und Kehillaverwaltung aufzustellen. Eine Wahlkommission wird paritätisch zusammengesetzt. Die konMukionskommifsion. Warschau, 20. März. In die eben gebildete K o nstituti o ns k ommiss i o n des polnischen Sejm wurde der Deputierte, Oberrabbiner L e w i n, als Mitglied hineingewählt. Rutzland. kommunistischer Jeldzug gegen die Beschneidung. Riga, 8. März. Nachrichten zufolge, die aus Minsk in Riga eingetroffen sind, wurde der Minsker Mohel Radminsky, der auch mit den Funktionen eines Schochet betraut ist, unter der Anklage, durch eine Beschneidung den Tod eines Knaben herbeigeführt zu haben, verhaftet. Der Prozeß gegen Radminsky wird von kommunistischer Seite zu einer intensiven Kampagne gegen den Beschneidungsritus ausgenutzt. Die jüdischen Kommunisten haben feit längerer Zeit Beschneidung und Schechita zu den Hauptangriffspunkten ihrer antireligiösen Kampagne gemacht. Das Minsker jiddische kommunistische Organ „Oktiabr" hat wiederholt ausführliche Artikel, veröffentlicht, in denen gegen die Beschneidung in schärfster Weise Stellung genommen wurde. In einem dieser Artikel wurde Klage darüber geführt, daß es durch die Rückständigkeit der jüdischen Frau, ihre Unwissenheit und Befangenheit in Vorurteilen den jüdischen Klerikern möglich gemacht wird, die Frauen an die Religion und an religiöse Gebräuche und Vorurteile zu ketten. Die jüdische Reaktion verleitet die Mütter dazu, der Beschneidung ihrer Söhne auch gegen den Willen der Väter zuzustimmen. Auch das Charkower jiddisch-kommunistische Organ „Stern" hat unlängst den Kampf gegen den Beschneidnngsritus ausgenommen und erklärt, die Beschneidung stelle einen barbarischen Brauch dar, mit dem Schluß gemacht werden müsse. Schwerz. Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft. Zürich, 19. März. Die „Israelitische Religionsgesellschaft" hielt letzten Sonntag bei sehr starker Beteiligung ihre Frühjahrsversammlung ab, der ein gedruckter Jahresbericht der Verwaltung nebst Jahresrechnung vorlag. Das Budget legt wiederum von der großen Opferwilligkeit der nur 123 Mitglieder umfassenden, aber mustergültiger Institutionen sich erfreuenden Gemeinschaft Zeugnis ab. Aus dem Vorstande schieden die verdienstvollen bisherigen^ Mitglieder, Herr Max Lang und Leo Spiro aus, denen herzlicher Dank votiert wurde. Der neue Vorstand setzt sich aus den Herren Max M a n e s, Jakob G u t jr., Ist B e r l o w i tz, Viktor Barth und Louis Braun zusammen. Holland. Die Verhandlungen zwischen Jewish Agency und englischer Regierung endgültig abgeschlossen. London, 18. März. Wie der ITA. vom Kolonialamt mitgeteilt wird, wurden die Verhandlungen zwischen Jewish Agency und britischer Regierung in der am 13. Februar erfolgten Veröffentlichung des Briefes Macdonalds an Dr. Weizmann endgültig abgeschlossen. In diesem Zusammenhang wurde seitens des Kolonialamtes darauf hingewiefen, daß weder der Brief des Ministerpräsidenten Macdonald noch das Antwortschreiben Dr. Weizmanns irgend einen Hinweis auf weitere Verhandlungen enthalten. Eine Aeußerung darüber, ob noch eine Erörterung offenstehender Fragen stattfinden oder ob ein neues Subkomitee zum Zwecke weiterer Verhandlungen mit der' Jewish Agency eingesetzt werden soll, wurde vom Kolonialamt abgelehnt. (Der anscheinende Widerspruch, in dem diese kategorische Erklärung des Colonial-Amtes zu der von der zionistischen Presse allgemein verbreiteten Auffassung steht, daß der Macdonald-Brief nur den ersten Teil der Verhandlungen abschließe, daß diese aber fortgesetzt werden, läßt sich aufklären. Von zionistischer Seite hatte man gehofft, daß die vom Ministerpräsidenten eingesetzte feine Herrenhute bekannte Harken Fabrikate Haarfiiz von 12.50 an/ >/ Kommission des Gesamtkabinetts unter Vorsitz des Außenministers Henderfon die Verhandlungen fortsetzeck werde. Jetzt zeigt sich, daß die Erörterung der Einzelfragen, die natürlich im Endergebnis das Entscheidende sind, gänzlich dem Colonialamt, d. h. dem so grimmig befehdeten Lord Paßfield überlassen bleibt. Cs wird aber wohl nichts anderes übrig bleiben, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und keine Politik des Veleidigtseins zu betreiben. Red.). Frankreich. Zum Numerus clausus für rumänisch-jüdische Studenten. Paris, 22. März. Zum Brief des Dekans der Pariser medizinischen Fakultät, Prof. Balthazards an die medizinische Fakultät der Universität Bukarest, den wir vor kurzem veröffentlichten, weiß der Pariser JTA-Vertreter eine Erklärung des Prof. Valthazard wiederzugeben, die die Situation folgendermaßen darstellt: Im Senat soll ein Gesetz eingebracht werden, durch das ruü.änifche Studenten, die später in Frankreich die ärztliche Praxis ausüben wollen, den gleichen Bedingungen unterworfen werden, wie alle anderen ausländischen Aerzte, sie werden demnach die Abschlußprüfungen auf Grund der französischen Prüfungsordnung abznlegen haben: es wird jedoch weder eine Benachteiligung der jüdischen Studenten geben, noch werden für die rumänischen Studenten ungünstigere Bedingungen maßgebend sein als für Hörer anderer Nationalitäten. Auch besteht nicht die geringste Absicht, die für die Zulassung ausländischer Studenten bestehenden allgemeinen Bedingungen irgendwie schwieriger zu gestalten als sie jetzt find. Die Erklärung Prof. Balthazards hat in ben jüdischen Kreisen von Paris, deren sich nach Bekanntwerden des Briefes Professor Balthazards in der rumänischen Presse heftige Erregung bemächtigte, äußerst beruhigend gewirkt. Prof. Balthazard soll selbst jüdischer Abstammung sein, allerdings fehlt diesbezüglich en zuverlässiger Nachweis. Jedenfalls gilt er als ein Mann von äußerst liberaler Gesinnung und hat bisher jüdische Interessen weitgehend gefördert. Um so mehr waren die Pariser jüdischen Kreise erstaunt über dis Bemerkungen, die ihm in den Publikationen der rumänischen Presse -gugeschrieben worden waren. (Diese optimistische Auffassung wird uns auch in Privatbriefen aus Paris bestätigt. Red.). Bulgarien. Ausbreitung der Sabbalbervegung. Sofia, 8. März. Der Gedanke der Organisierung aller Sabbattreuen zur Vertiefung und Verbreitung der Sabbatidee und' zur praktischen Förderung der Sabbatheiligung hat neuen Boden gewonnen. Auch in Bulgarien hat jetzt die Sabbatbewegung eine Stätte gefunden. Dank der Initiative des Oberrabbiners Daniel Salomon Zion und einiger prominenter Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurde in Sofia eine Ortsgruppe des Weltverbandes Schomre Schabbos gegründet. Um die Sabbatidee in weiten Kreisen der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, zu festigen, werden allsabbatlich in der Zentralsynagoge spezielle Vorträge über die Bedeutung des Sabbat veranstaltet. England. Zur Kalenderreform. Amsterdam, 21. März. Die Bedeutung der Unterschriftensammlungen gegen die gesamte Kalenderreform, ergibt sich deutlich aus dem Beschluß des Holländischen^ Studienkomitees für die Kalenderreform. In der ersten Sitzung des Ko- Gardine« und Dekorationen £reh „ ” 1U - , M , nur bei kugvn Kontnsr Größtes Spezialhaus Deutschlands nur Dei - Durch eigene Fabrikation unerreichte Leistungsfähigkeit. _ g! Verkaufshaus GoefelrT'Mi mechan. Weberei-Gardinenfabriken ' k > '