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Der Israelit · 1931-03-19 · Heft 12 (19.3.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 12 (19.3.1931)
Date
1931-03-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Dr. 12 Meikemeier« Weg zum areml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zelkepoche. r; . Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). „Zurückgestellt für.ein Jahr," rief der Vorsitzende mechanisch, ohne sich den Fall weiter anzusehen und bevor noch der andere Arzt etwas sagen konnte. Die Schreiber schrieben wütend weiter. Der Mqjor hielt sich den Bauch vor Lachen, denn der Polizeihauptmann hatte ihm gerade einen derben Witz aus seiner täglichen Praxis erzählt. Ohne Hast trat Meikemeier zurück, zog sich an undging, verfolgt von hundert neidischen Micken, mit einem Widerwillen im Herzen nur und mit der Gewißheit: „Diesen Saal sehe ich nie wieder, so wenig wie eine russische Kaserne." Noch am gleichen Tage fuhr er nach Hause. Mit vielen Tränen wurde er von der Mutter empfangen. Die geweckten Ahnen aus dem Friedhofe waren nicht müßig . . . Der Vater verrichtete ein Dankgebet gegen- G'tt, der ihm den Sohn noch einmal zuführte. Dann aber dämpfte seine Freude der Gedanke, daß es nur eine Bewährungsfrist sei, daß nächstes Jahr das Spiel von neuem beginnen sollte. „Man bringt eine Henne zum Schächten und läßt sie noch Me Zeitlang herumlaufen," drückte er die Situationin den Gedankengängen und der Sprache seines Berufes aus. Meikemeier aber schüttelte verneinend den Kopf. Die Henne wird weiter lausen, lausen und vielleicht sogar den grünen Tisch in der großen kahlen Amtsstube zu Tauroggen überrennen ... XI. Meikemeier stand wieder am Anfang. Sem MMärverhältnis war nicht gelöst, blieb noch in der Schwebe,, also war er an die Scholle gebunden und dennoch entwurzelt. Ein Paß war in diesem Stadium der Dinge nicht zu erhalten, nicht einmal für das Inland. Sein halbes Vermögen war unnütz in die Tasche des Dr. Scholz geflossen. Tauroggen, hie Amtsstube, die fensterlose Halle, all das'starrte ''in seine Träume wie aus lehren'-Augen. ' Fort, hinaus! Jenseits der Grenze winkte eine neue schöne Welt, voll Licht und Leben..; Dort durfte sich der Mensch frei bewegend „D e r Mensch, d e s Menschen,; d e m . Menschen, d e n Menschen", wie es in der deutschen Grammatik hieß. Diese Deklination bekam beinahe wirklich tieferen menschlichen Sinn. Der Mensch war d e r Mensch, und man gab dem Menschen, was des Menschen ist . . . Und je mehr er sich in Me " Illusion vom jenseitigen Menschenglück hineintebte, um so stärker und brennendex wurde bei ihm die Sehnsucht, über dieses Glückes Brücke zu springen. Das konnte ohne Paß, ohne Beziehungen, ohne Geld auch einen Sturz ins Wasser bedeuten. Von dem auf dem Gute verdienten Gelde war noch kaum die Hälfte vorhanden. Die größere ' Hälfte war vertan, ohne damit mehr zu erreichen, als was er schon einen Tag vor der Musterung besaß: beschränkte Bewegungsfreiheit für eine beschränkte Zeit. Etwa dreißig Rubel trug er noch in einem Beut eichen auf der bloßen Brust. Er gab, seitdem er von Gelgudischkin zurück war, auch deutsche und russische Stunden an Jünglinge und Mädchen und verdiente so viel, um der schmalen Kost im väterlichen Hause ein wenig aufzuhelfen. Er mußte hinüber. Und dafür gab es nur ein Mittel, dieses ' hiikß I a k er, d e r' G r enzdirektor. Jaker war eine bedeutsame Persönlichkeit im Städtchen, genau so gehaßt und geachtet, gemieden und umworben wie alle Beamten, die eine leuchtende-Kokarde an. Btot'Mützenschirm ttriö' blinkende Knöpfe am Rocke hatten: Jaker hatte indes weder Kokarde noch Messingknvps, er war ein einfacher Handelsmann, der Gänse und Eier über die Grenze/auf den Markt nach Tilsit brachte. Das war ein ganz legales Geschäft, denn Gänse brauchten keinen Paß, und Jaker hatte einen. Was er aber zum Austausch an Waren aller Art von der preußischen Seite über dis l kt auische , G r enz e zurückbrachte, war weniger legal. Tee, Spiritus, Seidenware und viele andere guten Dinge, auf denen hoher Einfuhrzoll stand, fanden im Schutze der Nacht einen sicheren Grenzweg weitab von dem im nächtlichen Dunkel schlafenden Zollamt, und Jaker h-atte Men Zauberschlüssel in der Hand, geschlossene Soldatenkordone, die die Grenze umschwärwten, zu durchbrechen. Der Zauberschlüssel paßte, wenn es fein mußte, auch für die Türen und Herzen der Offiziere und der höchsten Grenzbeamten; sintemalen auch sie gern Tee und Schnaps tranken und ihre Frauen uüd Töchter sich mit Vorliebe in Samt und- Seide kleideten. Und Jaker konnte, wenn die Herren ein wenig die Augen zudrückten, billiger liefern als jeder andere, billig oft bis zu einem Nichts. Was konnte auch dem Zaren, der soweit war, daran liegen? Würde es der Jude mit ihrem Wissen nicht tun, täten es andere ohne ihr Wissen. Oder die guten Dinge blieben drüben, und keiner hätte was davon ... So brachte Jaker sich selbst und fein Geschäft in gute Beziehungen zu den höchsten lokalen Stellen, und mit der Zeit vergrößerte sich sein Betrieb zusehends. Er arbeitete jetzt schon mit einem ganzen Stab von Helfern. Man wußte bald nicht mehr: stand er im Dienste der Aemter oder waren die Grenz- und Polizeibeamten in seinem Dienste. Die Eier und die Gänse, die nach Tilsit zum Markte wanderten, waren nur noch Vorwand, äußerer Deckposten. Es war harmlos und beruhigend, wenn die Gänse in ihren Kästgkisten schnatterten, imlfr die Eierkörbe aus der Grenzstation gezählt wurden. Hauptgeschäft war das, was ohne zu schnattern und zu gackern und ohne gezählt zu werden, bet Nacht und Nebel von Preußen herüberkaM. Und es ergab sich von selbst, daß Jaker, ein kleiner, pfiffiger, bättloser Mann, der Sommer wie Winter in hohen Wasserstiefeln Und kürzet Pelzjacke mit großer Schirmmütze auf dem Kopfe dah erging, auf den Gedanken kam, auch die Ausfuhr von Litauen irgendwie^ zu frpktjsizieren. Was konnte, man aber aus Litauen über die Grenze bringen außer den harmlosen Gänsen und Eiern, deren Ausfuhr nicht verboten war und darum nicht reizte? Es g ab eine Ware, eine Menschenware, die sich hinüber sehnte und sich das schon etwas kosten lieh. Den meisten Inden war das Ueberschreiten der Grenze verwehrt, und wie es im Leben schon so ist, gerade denjenigen, die wie nach dem gelobten Lande nach der anderen Seite hinüberschielten. Hier setzte Jaker ein, zum Wohle dieser Menschen, zum Wohle der Beamten und Grenzsoldaten, die dabei ihr Teil abbekamen, zum Wohle seiner Tasche, vielleicht auch zum Wohle des S t a a t e s, der einen Teil seiner unglücklichsten, unzufriedensten und darum unberechenbaren Bürger auf gute Weise los wurde, ganz gewiß aber zum Wohle dieser Menschen selbst und des Landes, das sie aufnahm. Manch einer, den Jaker über die Grenze wie einen Verbrecher hinüber geschmuggelt hatte, kam nach Jahren als reicher Fabrikant aus Amerika zurück, um vom letzten preußischen Dorfe aus unter Tränen einen Blick über die Grenze in die alte Heimat zBwerfen. Hinüber dursten sie nicht, ohne eine Freireise auf russische Staatskosten nach Sibirien zu riskieren; denn es waren zumeist Deserteure. Aber die Verwandten kamen, svwett sie es dürften, ins preußische' Dorf hinüber, wo das Wiedersehen groß gefeiert wurde. Jaker pflegte bei solchen Festlichkeiten als ein wichtiger Faktor der Umwandlung dabei zu sein. Jaker mußte die Methode für den nächtlichen Menschenschmuggel über die Grenze oft nach Zeit und Umständen wechseln. In der Regel ging das mit Wissen und Willen der Beamten bis zum Direktor, die ihre Beträge per Kopf erhielten. Trat ein Personenwechsel in der Verwaltung ein, was sehr oft geschah, mußte eine Zeitlang, bis die Beziehungen neu angebahnt waren, auf Schleichwegen gearbeitet werden; oft mit den Grenzsoldatengegen die Verwaltung, zuweilen mit der Verwaltung gegen die Grenzsoldaten. Die geheimen Wege der Grenze kannten Jokers Leute besser als alle Soldaten, die aus weiter Ferne stammten. Das. letzte Glied in der Jaker'fchen Apparatur war ein heimatkundiger Bauer aus dem Grenzdorfe, der alle Schleichwege im Schlafe kannte. Ganz ungefährlich war das nächtliche Unternehmen für die Beteiligten nie, am gefährlichsten aber in der Zeit eines Interregnums oder einer Neubesetzung in der Grenzverwaltung, da die einzelnen Glieder der Maschine noch nicht richtig inemanderarbeiteten. Der Humor des Städtchens gab Jaker, dessen menschliche und jüdische Qualitäten man nicht sonderlich hoch schätzte, den man aber hinnahm wie ein Ventil in der drückenden Golusnot, den Namen G r e n z d i r e k t o r. In ruhigen normalen Zeiten, da das Geschäft sich „legal" abwickelte (mit Wissen der hohen Stellen) mutete der Name schon gar nicht wie ein Witz an, er entsprach der Lage, dem Manne und seinem Geschäfte. Meikemeier wollte ins Ausland, 'hatte aber keine Papiere. Er war reif für Jaker. Die schwarzen langen Novembernächte waren wie geschaffen für den Warenschmuggel, wie für Schwarzfahrt über die Grenze. Es rentierte nur, im Großen zu arbeiten und man mußte abwarten, bis ein größerer Transport beisammen war. Ost muhten die Auswanderer, die hier zusammenströmten,' ein paar Tage im Städtchen bleiben. In den Häusern/die ihnen Jaker anwies, nächtigten sie auf Stroh.'Ganze Familien waren darunter, mit Greifen und'kleinen Kindern. Einige Fuhrleute:.! des, -Städtchens genossen Vertrauen und gehörten zum Unternehmen. Meikemeier war angemeldet und harrte des Zeichens; es konnte jeden Augenblick, kommen, ganz unvermittelt, er war bereit. Als er am frühen Abend erfuhr, daß die Fuhre gegen 12 Uhr nachts mit dem Transporte abgehe, hatte er noch einige Stunden Zeit, seine Sachen zu richten, seine wenigen Habseligkeiten zu ^sten, einige Briefe zu schreiben und sich von Freunden unauffällig zu verabschieden. Es war ihm sehr feierlich zumute, indes die Mutter vor Angst und Sorge zitterte und der. Vater das Psalmbuch bis zur Abschiedsminute nicht aus der Hand ließ. Das alles galt nicht der Sorge um des Sohnes Zukunft, dem Augenblick nur, der Angst der einen Nacht... Die Nacht war, je weiter sie vorrückte, immer schwärzer, nächtlicher und einsamer geworden. Die letzten Lichter erloschen im Städtchen. Vor dem Hause Vurke's, des Fuhrmanns, setzte sich ein Monstrum von einem mit Zeltstoff bedeckten Wagen ohne Licht und unter gedämpftem Geratter in Bewegung. Ein Dutzend Menschen kauerten darin, fröstelnd, schlotternd, angstgeschüttelt, wie die verängstigten Schafe fest ineinander gepreßt.

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