Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1931)
- Date
- 1931-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Marz xmöl Der Israelit lAkademiker sich des Unterschiedes der beiden Denkarten dewuht werden; es ist aber auch des sweiteren unbedingt notwendig, daß ein Schüler, bevor er die Universität bezieht oder bevor er sich |nl;t der europäisch - amerikanischen Wissenschaft und deren Ergebnissen befaßt, so sehr sich in bas kollektivistische jüdische Denken hineingelebt hat, daß er, n-ach der Voraussetzung aller Philo sophie befragt, als selbstverständlich aus seinem ^ollektwbewußtse'Ln heraus erklärt: „Das jüdische Volk denkt, also t st das jüdische Volk. Das jüdische Volk denkt, also denke ich." Wochenrundschau. Die Sfaafenlofenftage in Litauen, Vor kurzem berichteten wir -an dieser Stelle von der großen Aufregung, die in Tausenden von jüdischen Herzen in Litauen ein Erlaß hervorgerufen hat, der der Erwerbstätigkeit von „Ausländern" und. „Staatenlosen" Grenzen fetzte, in Verbindung mit einer Zusatzverordnung, die den Begriff „Ausländer" und „Staatenlose" so wesentlich erweitert, daß selbst diejenigen, die aus dem alt-litauischen, nunmehr polnisch gewordenen WAn-aer Gebiete nach- Litauen flüchteten, über Nacht zu „Ausländern" wurden. Nun darf mit Freude konstatiert werden, daß die Angst übertrieben war. Dem Vertreter der ITA., Direktor Jacob Landau aus Newyork, gab der Minister die bindende Erklärung ab, daß am Judengesetz in Litauen, — das ein litauisches Bürgergefeh ist —, nicht gerüttelt und nicht gedeutelt werden soll. Die neue Staatentosenverordnung darf nicht in dem von den Unterbeamten in der Provinz mi ß ve r st an d e n en Sinne ge Hand habt werden. Die Besitzer der Nansenpässe werden sich nach wie vor ihrer Rechte erfreuen. Auch soll das „Ausländertum" nicht weiter ausgedehnt werden, als durch die tatsächlichen Verhältnisse gerechtfertigt. Damit ist ein Verhängnis von unseren litauischen Brüdern abgewendet, und wir freuen uns mit ihnen. Aber ist damit die Frage der Staatenlosen, die keine litauische Frage, sondern in gleicher Weise auch eine polnische, eine deutsche und französische Frage ist, gelöst? i Ein bekannter Roman unter dem Namen - „Das Totenschiff" schildert das Schicksal., eines ' Matrosen, der seiüe Papiere verloren hat, und seitdem durch die Welt gepeitscht wird, ohne Recht und ohne Rast, ohne Haus und ohne Halt, von keinem Staate anerkannt, von keiner Behörde als existierend reg'striert. Ihm bleibt nur das tragische Ende -aus dem Totenschiff. In unserem Falle handelt es sich nicht um i einen Matrosen, sondern um Zehntausende,! die nicht einmal Matrosen sind, sondern blinde Passagiere der Menschheit, Zaungäste des Lebens, überall außer Recht und Gesetz gestellt. Uns will es scheinen, daß die in Litauen weilenden „Staatenlosen" noch nicht -einmal am übelster; daran sind. Roch weit entwurzelter und rechtloser sind die in den europäischen Städten von Konsu-! lat zu Konsulat gejagten früheren polnischen- Staatsbürger, die aus irgend .einem Grunde um j ihren Paß gekommen sind oder den richtigen Zeit-! punlt, zu optieren, verpaßt haben. Aber gerade! die Dinge -in Kowno decken uns die ganze Tiefe! des Staatenloseuelends auf. Wie. unsicher, wie, wenig bodenständig müssensich doch diese armen Menschen fühlen, wenn jede behördliche Verordnung sie sobald aus dein Gleichgewichte werfen kann. Es ist die Panik des Menschen, der, in; ewigen Gefühle der Unsicherheit, stets die Balken über sich zusammenstürzen sieht, der sich als Prügelknabe der Gesellschaft weiß, und den Stachel eines jeden neuen Gesetzes schon im Voraus spürt, lhnd so grundlos ist schließlich diese Angst nicht, zumal die subalternen Beamten in der Provinz, nach -altem russischem Muster, bei jeder GetegsnhLit, ein neues Gesetz a-uszuproben, ihre Argusaugen zuerst auf die Juden, und unter ihnen auf den schwächsten und schutzlosesten Teil, auf die „Ausländer" und „Staatenlosen" richten. Ein Prominenter kam von weither, und dlie Sache bekam ein anderes Gesicht, das Gesetz eine andere Interpretation. Wie aber, wenn der Onkel aus Amerika nicht gekommen wäre? W'e wird es sein, wenn er wieder in Amerika ist und der Kreischef in der Kreisstadt, und der „Pristav" in der Provinzstadt, und der „Uradnik" auf dem Dorfe die Verordnung immer noch in der Hand hat und vom Interview seines höchsten Regierungschefs mit dem amerikanischen Juden nichts weiß, oder nichts wissen will? Die kritische Lage der „Staatenlosen", oder sagen wir richt'g, der willkürlich zu Staatenlosen gemachten Bürger der Ost- und Randstaaten, schreit nach, einer Lösung. Und die Lösung muß vom Völkerbunde kommen und eine einheitliche und umfassende sein. V e r s a i l l e s hat diesen armen Menschen, freilich ohne es zu wol- Nr. 12 oeuc len, die Heimat genommen, Genf muß sie ihnen wiedergeben, das geben, worauf jeder Vogel in der Luft Anspruch hat: Haus und Heim, Rast und Recht. Ein rurnänisch-fran z ösksch es Bündnis. Nicht immer dient die Kunst der Politik, besonders, wenn die Kunst von zweifelhafter Be? fchaffenheit und die Politik, wie einmal Politik ist, nicht frei ist von Engherzigkeit und trüber Mischung nalionaler Kleinlichkeit. In Frankreich kam die längst vergessene D r e y s u s - A f f ä r s wved-er ins Rollen, zunächst durch die Auffindung und Auswertung der Akten im Berliner A r ch i! v d e s A u s w ä r t i g e n A m t e s durch Bruno W e i l l, was nicht schlimm ist, denn keine Macht der Welt wird es verhindern können, daß die Wahrheit aus dem Aktengrab eine Auferstehung erlebt. Weniger gut tat d-er Sache ein Theaterstück, das wir auch in Deutschland gesehen haben, das aber in Frankreich alle verborgenen und totgeglaubten dunklen- Instinkte wieder ans Licht brachte und Leidenschaften entfesselten, _öie wir längst erloschen glaubten. Die Nationalisten, die in der.Erinnerung an die politische Hetze infolge d-es Dreyftrs-Skandals schwelgen, verstanden -es, eine Reflektion jener Vorgänge auf der Straße als, Volksbewegung vorzutäuschen, und sie hatten den Erfolg, daß die Regierung die weitere Aufführung des Stückes verbot; darüber hinaus den Erfolg, auf den es ihnen ankam: daß sich die Straße wieder einmal mit Dreyfus und den Juden befaßt. Der Deutschenhaß spielt dabei die größere Rolle, aber Judenhaß ist Parole. Deutsche Waren boykottiert man, deutsche Musiker läßt man nicht konzertieren, deutsche Gelehrte nicht sprechen. Die Kultur des Hiiller und Goebbels verschreibt man sich aber gern aus München und Berlin. Die antisemitische Internationale! Das ist nicht Frankreich. Aber daß im Frankreich von heute einer solchen Clique noch Mglich ist, Gefolgschaft zu finden und Gehör in Presse, Publikum und Parlament zu erhalten, gibt sehr zu denken! Etwas Schlimmeres, das nicht grade in direkter Beziehung zu d-er neuen Auspeitschung der nationalen Leidenschaften in Paris steht, bekommen wir aus Paris über Bukarest zu hören. Ihren Liebling vor und die Rettung gebracht, — und sie sind auch heute der einzige Weg. Moschiachs Zeiten? Wer wollte es wagen, dieses Wort mit Bestimmtheit zu sagen? Nur da; eine wissen wir: Wenn die Not am größten ist,, dann ist G'tt am nächsten. Wir wissen aber auch dieses: Eine thoratreue Judenheit, die den Sinn der vier besonderen Sabbate erfüllt, wird sich und der gesamten Judenhrit die Erlösung aus allen Wirren bringen und - des Moschiachs Kommen beschleunigen. kleines Feuilleton. Aus Büchern. Des Rumänen Panait Jstratl Wert: „Drei Bücher über Sowjet-Rußland" (l Auf falscher Bahn; II So geht es nicht!; III Rußland nackt), Ergebnis eines 16 monat'ichcn Aufenthaltes in Rußland, geschrieben von einen; unerschrockenen, ehrlichen und geistig bedeutenden Manne, dürste das Sachlichste und Wahrste darstellen, was über das heutige Rußland geschrieben wurde. Eine moral'sche Persönlichkeit wie Jstrati, ein Mann, der z. B. schreibt: „Helsen wir der ^Erde, ihren edlen Mutterschoß zu erschießen, denn unsere Seele dürstet nach dem Guten und Schönen" oder wenn auch „die kalten Sce'en ixte’ Welt her s heu", so „l chst doch die Me^rmhl der Menschheit nach Gerechtigkeit", ein Mensch von solchem ethischen Schwung ist aber auch uns Juden gegenüber unvoreingenommen. So heißt es 135: „Von der ersten Stunde wußte ich, daß ich mich bei einer jener braven jüdischen Familien befand, deren ich in meinem Leben so viele kennengelernt habe und die ich sehr liebe." I 138 ermähnt, daß in dem Sommeraufenthalt die Bauern „tückische Bemerkungen über die Juden machen", weil sie jeden Preis befahlen, und bemerkt dazu: „Ich glaube vor allen Dingen nicht mehr an die „Juden", sondern nur noch au die Menschen. Und dann weiß ich nichts, we^er von ihrem Leben „vorher" noch von ihrem jetzigen. Andererseits aber sehe ich neidische, haßerfüllte Bauern, die zu Dutzenden rund um uns Datschas erbauen und einem dreihundert Rubel für zwei oder drei unmöblie"te Räume abver'angen ..." I 170 hemt es: Den Armenier kenne ich gut, ebeuiogut wie den Griechen und Juden. Alle drei sind mir sehr sympathisch t"otz ihrer Fehler, am meisten macht man ihnen zum Vorwurf, daß sie sich 'einreden, wenn einen schönen Tages die Sonne für immer verschwände, so würden sie "die ersten sein, die sich dem neuen Zustand der Dinae anz'lna^en wüßten." II 87 beschäftigt sich mit dem Antisemi'ismus. „Die niedrigen Löhne, die widrigen Wohnverbäll'i'fe, Unbildung, Alkoho'ismus haben den Antisemitismus im Schlevptau. Zu wiede^bolten Malen wurde bereits auf die Verheerungen hingswiessn, die er, sogar iu der Partei, «nächtet. In Orscha war eine jüdische Arbeiterin monatelang furchtbaren Verfolgungen ausgesetzt und zwar unter den Augen von 701 Arbeitern, des Arbeiterkomitees und verschiedener O-gandakionen." (Rede von Tsikon aus dem 8.. Eewerkscha''tskongreß.) „In einer Fabrik von Kostroma wurde den jüdischen Arbe'tmn nachgestellt, und wir erröten, sagen zu müsten, daß die Snndikatsbeamten und die Komsomols sich daran beteiligten ... In einem Unternehmen von Minsk fand eitt' richtiger Pogrom statt." lRe^e von Grigoriew auf dem 8. Gewerkschaftskongreß.) i'fw. ufw. Sehr interessant ist da; Kapitel über Trotzkk (II 149— 161), der, wenn er auch von jeher jede Verbindung zu Juden und Judentum zerschnitten hat, doch der Sohn jüdischer Eltern ist und die geistige Erbschaft jüdischer Generationen in seiner Seele trägt. „Seine hohe Intelligenz, seine persönliche Unantastbarkeit, seine Charakterfestigkeit können selbst seine ärgsten Feinde nicht leugnen." „Er hat die Popularität eines Feischarenführers. Er hat, was außer ihm nur noch Leri.g besaß: rie'c tausend Schüler und Anhänger, die ihm restlos vertrauen, die den Menschen in ihm lieben und bewundern, und die dem Führer bi; ins Gefängnis folgen, wie sie ihm früher aufs Schlachtfeld ge'olat sind. Er hat die persönliche Anziehungskraft solcher Menschen, die die andern in ihren Bann ziehen. Jeder, der sich ihm nähert, bleibt noch lange unter ihrem Eindruck. (Ein Zeichen der Ze t) Zum ersten Male in ihrer Jahrzehnte langen Praris ist der Anzeigen-Redaktion des „Israeli" diese Woche eine im Inseratenteil dieser Nummer veröffentlichte Anzeige aus Amerika zugegangen, in der e'ne amerikanische jüdische Dame eine Stelle in Europa sucht. Der kleinliche Vorgang ist ein tieftrauriges Symptom für den Wechsel der Lage, der sich drüben vollzogen hat und der an die Stelle der hundertfährigen Europamüdigkeit eine AmeeNamüdigkeit zu fetzen beginnt. Ob diele; Stellengesuch wohl in dem lci-er ja ebenfa l; mit Millionen von Arbeitslosen gesegneten Europa Anklang finden wird? (Eine Tochter von P'ehve ArbL.rrin in einer jüdischen Fabrik.) Newyorker Blätter berichten: In der g'oßen Werkstatt einer jüdischen Kleidersabrik in Newyork sitzt zwischen jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen eine russische Dame, die fleißig mit der Nadel hantiert. Schon längst siel die Frau auf, erstens durch ihr zurückgezogenes Wesen, zweitens durch eine immense Bildung und großen Sprach--