Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1931)
- Date
- 1931-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 12 Der Israelit 19. März 1931 Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung “auf den „Israelit“ für den Monat April) Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. Würde also z. B. der Jude anstatt eines Jch-Bewußtseins ein kollektives Bewußtsein besitzen, würde er also erklären, das jüdische Volk ist es, das da denkt, so würde diese Behauptung mindestens so wahr sein wie die Behauptung, daß ich, der einzelne Mensch, denke. Denn die Behauptung, daß ich denke, stelle ich kraft meines Jch-Bewußtseins auf, obwohl funktionell 'das Denken eine Eigenschaft lediglich des Gehirns ist. Hätten das jüdische Volk und damit die einzelnen Juden ein kollektives Volksbewußtsein, so würde die Erklärung-, daß das jüdische Volk denkt, die selbstverständliche Folge dieses Kollektivbewußtseins sein, obwohl funktionell nur der einzelne Jude, noch richtiger das Gehirn eines jeden einzelnen Juden,- denkt. Wie ich im Aufsatz „Lernen" „Individualistisches und kollektivistisches Denken" ausgeführt habe, zerstört das individualistische Denken, das dem europäisch-amerikanischen Kulturkreise eigen ist, Welt und Natur, ja das Leben überhaupt: das kollektivistische Denken allein kann uns vor dem Untergänge des Abendlandes retten. Ich habe ferner m dem Aufsatz ausgeführt, daß Thora und Judentum auf dem kollektivistischen Denken beruhen. Ich habe in weiteren früheren Aufsätzen ausgeführt, daß die Thora die kollektive Lebenserscheinung und Lebensbetätigung des jüdischen Volkes darftellt. Der Schöpfungsbericht ist daher überhaupt nur vom Standpunkt des kollektivistischen Denkens verständlich und erklärbar. Dom Standpunkt des indMidualistischen europäisch-amerikanischen Denkens m u 6 der Schöpfungsbericht ewig ein unlösbares Rätsel bleiben. Wenn der einzelne Mensch aufhört, als Individuum zu denken, wenn er lediglich Denkorgan des -ihm Übergeordneten Kollektivs ist, dann ist die weitere Konsequenz die, daß die Menschheit das denkende Organ des einheitlichen Lebewesens Kosmos ist. In einem einheitlichen Organismus gibt es aber keine Gegensätze und keine Vorzüge des einen Organs gegenüber dem anderen. Ist die Menschheit das Denkorgan des Kosmos, das Gehirn des Kosmos, so ist dieses menschheitltche Gehirn innerhalb des Kosmos dem Kosmos genau so wertvoll wie irgendein anderes Organ l>m Kosmos. Es ist hierbei vollkommen unmöglich, auf eine Naturgeschichte zu verfallen, die den einen Teil des Kosmos als minderwertig gegenüber einem anderen Teile stellte, die d-as eine Organ als die niedrigste, das andere als die höchste Stufe einer kosmischen Entwicklung . hinzustellen vermöchte. Wenn alles Kosmische gleichwertig ist, so ist auch alles Kosmische vom Urbeginn des Daseins an vorhanden gewesen. Es gibt dann keine Entwicklung, sondern ein Wachstum. Gewachsen ist der Kosmos als Ganzes und in allen seinen Teilen. Unrichtig ist es, daß irgendeM Teil des Kosmos erst sich aus anderen Teilen des Kosmos entwickelt hat oder auch nur entwickelt haben kan n. Und ist es denn bei Menschen anders? Sind nicht auch beim Menschen die einzelnen Organe, ja, sogar Bewegungen und Eigenheiten des Alters schon in seinem Keime und den Keimanlagen im Mutterleibe gegeben? Erst dadurch, daß dies der Fall ist, erklären sich vererbte Eigenschaften eines Menschen, die -erst später in Erscheinung treten. „In die Erscheinung treten", darauf muß besonderer Nachdruck gelegt werden. Es ist zwar alles von Anfang an da, aber vieles noch nicht sichtbar. Vieles tritt eben erst später in die Erscheinung. Dieser Umstand ist es, der dazu verführt, den Zeitpunkt, in welchem im Kosmos irgendetwas in sichtbare Erscheinung getreten ist, für denjenigen Zeitpunkt zu halten, in welchem das in die Erscheinung Getretene auch erst entstanden sei. Das ist genau so falsch, als wenn man behaupetn wollte, das vom Vater ererbte frühzeitige Ergrauen der Haare eines Menschen sei erst in dem Zeitpunkt, wo das Haar zu ergrauen beginnt, entstanden. In Wirklichkeit war das Ergrauen bereits in der Anlage des Keimes, aus dem der Mensch allmählich gewachsen ist, vorgezeichnet. Derjenige, der es verstanden hätte, in der Keimanlage dieses Menschen zu lesen, hätte darin auch die Anlage zum frühzeitigen Ergrauen gestmd!en. „Im Anfang erschuf G'tt Himmel und Erde". Im Anfang war also der ganze Kosmos als ein einheitliches Wesen von G'tt geschaffen. Was nun folgt, ist lediglich ein Wachstum: In den und Haararbeiten ist Vertrauenssache! E U G EN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 ♦ Taunus 1593 mmmammmammm Unverbindlicher Besuch erbeten ersten sechs Schöpfungstagen ein Wachstum im embryonalen Zustande, dem am siebenten Tage, am Schabbos, die Geburt der Welt, das ist das Emhauchen des Lebens -in Iden Organismus Kosmos, folgt. „Er ruhte und hauchte Leben ein", heißt es im 2. B. M. Kap. 31, 17 vom Sabbat- Tage. Welche Schwierigkeiten können also die modernen Entdeckungen der Astronomie, Geologie, Biologie, Geschichte usw. dem kollektivistisch denkenden Juden oder dem biblischen Schöpsungsbericht eigentlich noch bereiten? Erdschichten, Tierskelette aus dev sogenannten Eiszsll, Meeresablagerungen in der Wüste Sahara, Tropfsteingebilde und dergl. mehr, sollen daraus Widersprüche entstehen? Sobald an die Stelle der Entwicklung das Wachstum tritt, sobald wir wissen, daß alles von Urbeginn an da gewesen ist und da gewesen sein muß, fallen die aus den vorgenannten Erscheinungen errechneten Jahrtausende und Jahrmillionen in ein Nichts zusammen. Cs kommt lediglich darauf an, wann die entdeckten Phänomene sichtbar in die Erscheinung getreten sind. Wann? Mit dem siebenten Schöpfungstag, mit dem Schabbos. Wie lange ihr embryonales Wachstum gedauert haben mag? Sechs Tage? Niemand kann das embryonale Wachstum cm) eine Vergleichsstufe stellen mit dem lebendiger Wachstum des lebendigen Kosmos. Denn die Bedingungen eines embryonalen UBatfyetums find ganz andere als diejenigen des nachgeburtlichen Wachstums. Aus dem nachgeburtlichen Wachstum kann daher auf das embryonale Wachstum kein Schluß gezogen werden. Abgesehen davon wissen wir aber schon gar nicht, wie der Zustand bei der Schöpfung der Kermanlage irgendeiner kosmischen Erscheinung beschaffen war. Vielleicht war der Zustand damals schon so, wie wir ihn heute beobachten. Ebenso wenig wie es jemals dem individualistischen europäisch-amerikanifchen-Denken gelindert wird, eine Gleichberechtigung dev Menschen untereinnader zu schassen oder auch nur einwandsfrei zu begründen, ebensowenig wird es jemals diesem Denken glücken, den Kosmos und die Natur in ihrer heutigen Gestaltung in einer dem menschlichen Geist befriedigenden Weise darzustellen und zu begründen. Dem kollektivistischen jüdischen Denken allein bleibt dies Vorbehalten. Es ist unbedingt notwendig,, daß Schüler und Moschiachs Zeiten? Don Saly Geis in Tel-Awiw. Kann das Chaos in der Menschheit einschließlich unseres jüdischen Volkes größer sein als es heute ist? Sieht es nicht aus nach den Zeiten des Mofchiach? Ist nicht menschliche Kraft zu Ende? Mutz nicht G'tt sichtbar eingreisen und die Erlösung bringen? — Diese Fragen drängen sich aus die Lippen des denkenden, der G'ttlichkeit seines Judentums bewußten Juden. Es ist ihm, als klängen in seine Ohren die Worte Moschehs an das verzweifelte Volk, das, sich gerettet wähnend, plötzlich zwischen dem Meere und dem Heere Pharaos eingeklemmt wurde. Aus der Ferne der Jahrtausende tönt Moschehs Stimine zu seinen Kindern: „G'tt wird für euch streiten; ihr habt nichts anderes zu tun, als die Ruhe zu wahren!" Wieder hat im Wechsel der Jahreszeiten der Fünfzehnte des Schwat den nahenden Frühling, den großen Erwecker und Erlöser, den Moschiach für die Welt der Pflanzen und Tiere, der einst auch mit dem E'ttesstabe in Moschehs Händen unseren Vorfahren die Erlösung brachte, verkündet. Wieder winkt Pessach, das Eedenkfest der Besreiung aus menschlich hoffnungslosem Sklavendasein zur Geburt als freies G'ttesvolk. Doch zwischen dem Fünfzehnten des Schwat und Pessach liegen vier Sabbate, die für alle Geschlechter hervorgehoben sind aus den Sabbaten des Jahres, weil diese besonderen Sabbate mit jedem neuen Frühling in der Natur und I mit jedem diesem verbundenen Pessach Geschlecht auf Geschlecht sagen sollen, daß und wie es der Erlösung würdig sein muß. Schabbat Parschat Schekalim, Schabbat Parschat Sachor, Schabbat Parschat Parah, Schabbat Parschat Hachodesch wolleu wahrlich nicht nur von der Vergangenheit erzähien. Wäre das ihre Absicht, dann würden sie sich von den anderen Sabbaten im Jahre nicht unterscheiden. Sie wollen für alle Zeiten die Gegenwart belehren über die einzige Politik, die über die Freiheit zu Horebs Höhen führt. Schekalim! „Einen halben Schekel der Reiche wie der Arme als Hebe für das G'ttes Gegenwart auf Erden symbolisierende G'ttesheillgtum!" Soziales Verantwott'ichke't-ge ühl! Nur soziales Verantwortlichleitsgefühl läßt den Reichen nicht übermütig feine Macht mißbrauchen und den Armen nicht fatalistisch in Untätigkeit versinken. Nur soziales Verantvort'ichkeitsqefühl adelt Reich wie Arm, läßt sie ihres g'ttlichen Ebenbildes würdig werden. Nur mit sozialer Verantwortlichkeit kann man gut sein, kann man ein Leben des Segenspendens leben, das allein wert ist, gelebt zu werden. Nur mit sozialer Verantwortlichkeit weiß man, daß man nicht mehr als einen Teil zum Ganzen beitragen kann. Die Hälfte eines Schekels ist es! Dieser halbe Schekel bedeutet aber zehn Gera, eine runde, geschlossene, vollendete Summe, ist trotzdem ein Ganzes, ist das, was G'tt fordert. Sachor! „Gedenke, daß Amalek, da du müde und matt warst, dich überfiel und G'tt nichtt fürchtete. Wenn du zur Ruhe in deinem Lande gekommen fein wirst, dann vernichte das Andenken Amaleks unter dem Himmel, vergiß es nickt!" Deine Politik als Volk fei nicht wie die Politik der Völker, die die Moral für den einzelnen Menschen, aber nicht im Verhältnis von Volk zu Volk anerkennen. Es gibt nur einen Maßstab für die Moral. G'ttesfurcht, Gerechtigkeit und Menschenliebe bestimmen diesen Maßstab. Das jüdische Volk ist wohl das einzige, das den guten Menschen aller Nassen, Nationen und Glaubensgemeinschaften das jenseitige Leben zuerkennt. Mit einer solchen Anschauungsweise vernichtet das jüdische Volk das Andenken amalekit.scher Gesinnung und erwirkt sich den Namen eine- G'ttesoolkes. Parah! Die Zeremonie der Roten Kuh war bestimmt, um den Unreinen zur Reinheit zu führen, und nur einem Reinen war es gestattet, das vorgeschriebene Pessachopfer zu vollziehen. Der Jude nach dem Gesetze der Thora soll nicht nur das richtige Verhältnis zu seinen Nebenmenschen haben, er inuß sich selber auch zur Reinheit emporringen. So mahnen Parschat Schekalim und Parschat Parah jeden einzelnen jüdischen Menschen, damit er befähigt sei, den Gedanken des Pessach zu erfassen und damit er selber wenigstens das Seinige für ein künftiges Pessach der Erlösung getan habe. H a ch o d e s ch! Parschat hachodesch wendet sich wie Parschat Sachor an die jüdische Gesamtheit. Parschat hachodesch hält die letzte Episode vor der Erlösung fest. Wie war damals die Situation? Der "charakteristischste Ausdruck für das ^damalige Aegypten ist die Pyramide. Aegypten war ein Kastenstaat in Pyramidenform: oben der g'ttlich verehrte König, dann seine Familie, dann sein Hof, dann die Priester, dann die Beamten immer breiter und weiter bis unten die große Masse dep proletarischen Volkes als Basis —, und unter dieser erdrückenden Last das Sklavenoolk der Juden. An diese Sklaven ergeht nun der Ruf, daß;jede Familie sich ein einjähriges, fehlerloses Lamm am 10. Nissan verschaffe, bis zum 14. Nissan gegen Abend bewahre, dann schlachte und dann das Blut-an die Haustüre gebe. Man vergegenwärtige sich den Mut und das G'ttvertrauen! Dieser Mut in der Befolgung des g'ttlichen Wortes, dieses G'ttvertrauen als die einzige Politik des jüdischen Volkes haben damals aus schier unerschöpflicher Not herausgeführt 606584