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Der Israelit · 1931-03-12 · Heft 11 (12.3.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 11 (12.3.1931)
Date
1931-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 11 Der Israelit Ruhesetzung, Tod usw. von höchstens 9000 zu erwarten ist. Es würden also ohne Abwanderung jährlich 16 000 das Heer derjenigen vergrößern, die ihr akademischer Beruf nicht ernährt. Man hat bereits . vor.einem' halben Jahr, bei festen akademischen Stellen mit einer Erwerbslosigkeit von über 10 Proz. gerechnet, während die Zahl der im freien Beruf nicht auskömmlich Beschäftigten nicht statistisch erfaßbar ist, aber noch höher als 10 Proz. geschätzt werden muß. Wenn es also 1930 bereits 40 000 nichtbeschäftigte Akademiker gegeben hat, so würde der Abiturient, der heute die akademische Laufbahn wählt, nach einer angenommenen Studiendauer von sechs Jahren wohl schon 136 000 erwerbslose Akademiker antreffen. Mit einer Minderung dieser voraussichtlichen Erwerbslosenziffer durch Abwanderung zu anderer Betätigung während und nach der Ausbildungszeit ist nicht in dem Ausmaße wie früher zu rechnen. Heute sind andere Berufe ebenfalls überfüllt und reizen nicht zum Uebertritt. Ein Luxusstudium, nur um einen akademischen Grad zu erwerben, findet kaum noch statt. Die Verwaltungen, Ministerien usw. haben ihre Tore gesperrt. Die Aufnahme akademischer Kräfte in Heer und Kolonien ist fast ganz in Fortfall gekommen; im Gegenteil, ein, Rückstrom solcher anderweitig beschäftigt gewesener AkademikÄ' zum freien akademischen Berus ist zu verzeichnen. Mit einer Unterbringung studierter Deutscher im Ausland ist es auch schlecht bestellt. Die akademischen Diplome und Approbationen sind landbegrenzt und haben im Ausland keine Gültigkeit. Von ungünstigen Momenten tritt hinzu, daß wir uns einer Phase der Bevölkerungsabnahme nähern, wenn sich erst der nach dem Kriege eingesetzte Geburtenrückgang auszuwirken beginnt. Noch wird er durch die verlängerte Lebensdauer der aus dem Krieg heil hervorgegangenen Generation verdeckt und ausgeglichen. Bei den jüngeren Jahrgängen ist der Rückgang schon fühlbar, und von der verringerten Zahl des Gesamtnachwuchses streben über, doppelt so viel wie früher akademischen Berufen zu. Praktisch bedeutet das z. B. für den Lehrerberuf, daß einer fortschreitenden Verminderung der Schuljugend ein noch im Steigen begriffenes Ueberangebot von Lehrkräften gegenübersteht. Daß auch die durchschnittlichen Leistungen mit dem stärkeren Zustrom zu den einzelnen akademischen Berufen sinken, ist nicht unbekannt. Nicht alle können begabt und geeignet sein, und die Mittelmäßigen stellen ein höheres Kontingent unter den Anwärtern. Nur für die Wertung dieser Faktoren fehlt der objektive Maßstab, wenn man von Schulzeugnissen und Prüfungen als nicht ausschlaggebend absieht. Gerade.die- Berufswaht'des AkadeMkexs ist keine 'imriier 'aufgehende Rechenaufgqhe,..subjektive.-Momente, das Gefühl des, Berufenfeins zu einem bestimmten akademischen Beruf, der Drang nach Wissen und Bildung, spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und doch sollte jeder, der vor der Berufswahl steht, rechnen und sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Zwar gibt es keine absolute Deutung der Statistik, sondern nur subjektive Wertung, und alle Vorausbestimmungen der Zukunft scheitern an der menschlichen Unzulänglichkeit. Zugegeben, daß die von den akademischen Verufsverbänden angegebenen Zahlen und Berufsaussichten pro domo zur Fernhaltung der Konkurrenz zu schwarz gemalt sein sollten, so darf nicht verkannt werden, daß ein gewaltiger, nie. dagewesener Ueberschuß an Akademikern zutage tritt, welcher durch Konjunkturschwankungen und selbst durch rapide Besserung aller Wirtschaftsverhältnisse nicht ausgeglichen werden kann. Während das Fassungsvermögen aller anderen Berufe bei Wiederanstieg der Wirtschaft eine wesentliche Ausweitung erfahren muß, bleibt die Kapazität der akademischen Berufe relativ beschränkt, und der Ueberschuß an Berufsträgern, der soziologischzur Auslese und Reserve gewissermaßen erwünscht ist, wird bei weitem überholt. In näheren Vergleich mit anderen Berufsgruppen soll nicht ringetreten werden, aber wenn man alljährlich trotz aller Warnungen einen erhöhten Zustrom zu den Universitäten erlebt, so will es scheinen, daß die Fragestellung dieser jungen Menschen zur Berufswahl nicht gelautet hat: Soll ich Akademiker werden? sondern: Was hätte ich denn sonst werden sollen? Gewiß sind heute die Aussichten nirgends rosig, und die negative Fragestellung läßt den auf die Lebensfrage antwortsuchenden Abiturienten Zeit gewinnen. Im Gegensatz zu den meisten Berufen vollzieht sich im akademischen Leben der wirkliche Eintritt in den Beruf erst in weiter Ferne, nach langer Ausbildungszeit, die Studienjahre sind eine Art Fortsetzung der gewohnten, weniger sorgenvollen Schulzeit und bedeuten . keine so einschneidende Aenderung der Lebensbedingungen, wie der sofortige Eintritt ins Berufsleben. Jeder Abiturient muß erkennen, daß es heute unnütz ist, dem Gesetz der Beharrung nach eine wirkliche, positive Stellungnahme zur Berufsfrage zu verschieben. Zu jedem Schritt im Leben gehört G'ttvertrauen, aber es wäre ein sträflicher Verlaß auf Wunder, wollte man mit einer grundlegenden Aenderung der Aussichten irrt Laufe der Studienjahre rech- Eine rätselhafte Rafchistelle zi> Taamk 27b. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O. S., In Traktat '3 tw t"d na rvwn findet sich in '"sav Stichw. ’nrn aas der rätselhafte Satz ’K.ab rra'nv Duns Es dürste als ausgeschlossen gelten, daß Raschi auf einen Ausspruch des Talmuds die despektierliche Bezeichnung a-j« angewendet habe und noch dazu auf einen Ausspruch, der so klar und (vgl. Meharscha) so sinnvoll ist wie der in Frage kommende. Meines Erachtens ist der rätselhafte Satz folgendermaßen zu erklären: Er ist die Anmerkung eines Forschers, der in seinem Manuskript die in '-«ns vorangehenden Worte fand ">a i'aipv i»t 'ia onb vupn aas Worte, die lediglich abgekürzte Zitate aus der xam sind, denen keinerlei Erklärung hinzugefügt ist, die also völlig überflüssig erscheinen. Hierauf bezieht sich m. E. die Bezeichnung o-,»»»- Der Ausdruck tra-> hat hier nicht die Bedeutung „lernen", die er im Talmud hat, sondern die spätere Bedeutung „lesen", „die Lesart haben". Diese Anmerkung wurde dann dem Raschitext hinzugefügt, so daß nun der irrige Eindruck erweckt wird, als ob Raschi einen talmudischen Ausspruch vir»» nenne. Oder weiß jemand eine bessere Erklärung? (Die höheren jüdischen Schulen Deutschlands.) Im Jcmuar-Februar-Heft der Breslauer „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (I. Kaufsmann-Verlag) veröffentlicht Dr. A. F ü r st in V u d a p e st eine interessante Uebersicht über Geschichte, Wesensart und Entwicklung der höheren jüdischen Schulen Deutschlands. Der Verfasser hat über das gleiche Thema vor 16 Jahren schon an der gleichen. Stelle zwei Aufsätze veröffentlicht und hält zunächst als charakteristische Tatsache, fest, daß zwei von den damals vorhandenen jüdischen Realschulen, nämlich die Samson-Schule in Wolfenbüt-/ tel und die Jacobfon-Schule in Seesen als jüdische Schulen nicht mehr existieren. Es hat sich hier an der äußersten jüdischen Assimilation das Wort vom Saturn bewährt, der seine eigenen Kinder verzehrt. Dagegen sind im letzten Jahrzehnt drei höhere Schulen g e setze sftreuen Charakters in Köln, Berlin und Breslau hinzugekommen. Allerdings haben alle die jetzt bestehenden zehn Anstalten, die mit Ausnahme des Philantropins in Frankfurt auf traditionellem Boden stehen, heute mit ungeheuren finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß eine der Schulen, die Mädchenrealschule in der . Viberstraße in Hamburg, nicht zu halten sein wird. Der Aussatz enthält sehr interessante Notizen über die Finanzierung der Anstalten und auch über ihre Eigentümlichkeiten in geistig-pädagogischer Hinsicht. (Ein neuer Katalog.) Bei I. Kavffmann, Antiquariat, Frankfurt a. M., Schillerstr. 19 ist der neue Katalog für Fudaica und Hebrar'ca mit 6 Tafeln erschienen. Gerade die letzteren fesseln die Aufmerksamkeit eines je^en Buchfreundes. Das Vücher-Verzeichnis selbst (529 Nummern) ist für Fachgelehrte wie für Laien, insbesondere für Liebhaber des allen Buches, gleich interessant. Wir finden hier Werke, die als längst vergriffen galten, zu einem annehmbaren Preis angeboten. . Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das?keuilletor ®. Sch ackinowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. V: S. Schach nowitz. ebenda. — Für die pädagogische Beiloge: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbar). — Verla?, des Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M> — Druck Hermon-Druckerei» Frankfurt a. M. 12. . März 1931 : men. Nur zu studieren^ weil man zur Zeit nichts : Besseres weiß, ist ein leichtfertiges Vertun von 'öffentlichen und privaten Mitteln; um! mach einer . langen Ausbildungszeit einzusehen-- baß- - keine Möglichkeit -besteht-, "Ehr zll ^rreichWiiAls vor oder nach Beendigung der Schute in jedem anderen Berufe. Mit dem Wahn müßte schon längst aufgeräumt fein, als ob durch ein Studium eine bessere wirtschaftliche oder gesellschaftliche Stellung-geschaffen würde.-- Nur -der voll--beschäftigte Akademiker hat sein kärgliches Auskommenfindet er aber keine Stelle, dann wehe ihm, es gibt keinen teilweisen Verdienst uni Mm öffentlichen Fürsorgemaßnahmen. Kranken- und, Erwerbskosenhilfen wie bei jedem -anderen Angestellten. Der akademische Beruf hat die längste und teuerste Ausbildungszeit und gewährt nur geringe Aussicht, ein befriedigendes Auskommen zu finden. Unterscheiden sich nun die Berufsaussichten des gesetzestreuen Akademikers von den allgemeinen Bedingungen? Nicht zum Vorteil; denn mon vornherein sind dem Juden eine Reihe von Berufen verschlossen. Durch den besonders in akademischen Kreisen überhandnehmenden Antisemitismus ist der Kreis der erreichbaren akademischen Stellen immer mehr eingeengt worden. Das wesentlichste Hemmnis bietet die strenge Beobachtung des Religionsgefetzes. Dies muß um so stärker betont werden, als die irrige Meinung sehr verbreitet ist, als hätte es -in dieser Beziehung der Akademiker leichter als alle anderen. Bereits in der Ausbildungszeit stößt manüberall auf Hindernisse. Kurse, Seminarien, Kollegs usw. müssen am Sabbate versäumt werden. Die Befreiung von schriftlichen Examensarbeiten -anjüdischen Feiertagen bereitet schon größere Schwierigkeiten. Die Annahme von Assistentenstellen usw. scheitert sehr oft an Sabbat und Kaschruth. Eine wirkliche Freizügigkeit-kann ebenfalls nicht bestehen, da nur Universitäten und Tätigkeitsorte in Frage kommen, wo man auch jüdisch leben kann. Dabei ist das jüdische Leben teurer undentbehrungsreicher. Die Nebenverdienstmöglichkeiten sind zur Zeit besonders schlecht. Einen gesetzestreuen Werkstudenten kann es kaum geben. Selbst nach absolviertem Studium im freien Beruf hat der sabbathaltende Akademiker mindest ebensoviel materielle Einbuße wie der selbständige Kaufmann. Bei den beamtenähnlichen Laufbahnen ist es noch viel schlimmer. Ein ewiger Kampf um öen Sabbat, wo oft in einem späten Stadium nach langer. Ausbildung der gewählte Beruf dem Sabbat weichen muß, oder es wird ein Kompromiß geschlossen, das sehr zu Ungunsten des Sabbats ausfällt. Der Referendar, der Richter, der Arzt, der staatliche Oberlehrer usw. geht' dannwie werktags am Sabbat feinem Berufe nach, nur.bemüht er sich, nicht direkt, den-Sabbat zu entweihen. Ist -das eine, Sabbathut, hie den Nachwuchs zur W ah-l ein en akademif chen Berufes ein! adet? . Fast will es scheinen, als weZn die/anderen Berufsträger es in. der Durchführung des.Religionsgesetzes bester hätten. Der Kaufmann, der Landwirt, der Handwerker hat feinen Sabbat. Die Schwierigkeiten sollen nicht verkannt oder geschmälert werden. Sie bringen die größten Opfer, aber sie können dafür die Li-chtmomente genießen, die ihnen die hingebungsvolle Ausübung der g'Mchen Lehre verschafft. Nicht so der Akademiker in seiner Zwitterstellung zum Religionsgesetz. Er findet an den Ruhetagen keine beseligende Befriedigung an Lehre und Leben des Juden, und darf ebenfalls keine wirtschaftlichen Vorteile aus feiner Tätigkeit ziehen, die er mit Mühe ohne Uebertretung des Gesetzes ausüben kann. An Vorteilen, die sich demgegenüber speziell dem gesetzestreuen Akademiker bieten sollen, ist die Wirklichkeit sehr arm. Wer aus Neigung einen bestimmten akademischen Beruf ergreifen will, sieht wie ein Verliebter nnr das Gute und Schöne. „Ich werde es schon schaffen, ich habe das Zeug in mir! Die Leistung ist entscheidend, es gibt auch Protektion, Bekanntschaft, Familie, Gemeinde!" „In unseren Kreisen ist der Geburtenrückgang nicht so groß. Die Befürchtungen

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