Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-03-12 · Heft 11 (12.3.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 11 (12.3.1931)
Date
1931-03-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450663--77714-2535361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

12. März 1931 Der Israelit Nr. 11 Seite 3 TlNMlrn-ökruttg m Amsrikck zum inidu'striellen Auf- Haas geWaftenlen Gemeiadegefetzes akzeptierte bau und zum rapiden^ Wachstum des Landes sowie aus,einem etwas abgeänderten neuen Gebeigetragen hat.- wie Tausende von Menschen. setz von 1927 aufgebaut. Diese Gesetze sprechen Jahr für Jahr ins Land kamen, die mit frischer klar und deutlich aus, daß die jüdische Gemeinde Initiative, mit durch taufend Leiden erprobtem eine r e in religiöse Körperschaft mit spezi- Smn, mit unentwegter Tatkraft neue Industrien geschaffen, das Handwerk hochgebracht und unzähligen Arbeitern aller Natiionalitäten und Konfessionen Brot gegöben haben. Wie viele Söhne und Enkel von Emigranten, die vor 50 Jahren und später ins Land kamen, dienen heute den Vereinigten Staaten in Wissenschaft und Wirtschaft, in Parlament und Politik, als Richter, Aerzte und Rechtsanwälte! Mit einem erdrückenden Material werden die Gesellschaften zur Hand sein, um das Jubiläum zu einem Jubiläum des Lebens zu machen, Abschluß e>i!ner Periode und Anbeginn einer neuen Periode emsiger Arbeit für die Enterbten der Menschheit und zugleich für Amerika selbst. Vielleicht geht vom Jubiläum ein neuer Auftrieb aus für die menschliche Bewegung, die sich, leider noch in kleinen Anfängen, gegen das Gesetz des Eigennutzes und Jchschutzes geltend macht. Wie kann ein-Land, ein Weltteil, den eine höhere Vorsehung vor 400 Jahren einer von schweren Nöten halb erdrückten Menschheit aus de-r-r Meeresfluten heraus als Zuflucht und Rettungsanker offenbarte, wie kann ein solches Land, bestimm-tvon Anfang an zur Aufnahme von Elenden und Enteigneten, sich nun vor Elend und Heimatlosigkeit, die an feine Tore pochen, verschließen, ohne seine innere Natur zu verleugnen und das Urteil über sich selbst zu sprechen?! Wir wollen hoffen, daß das Jubiläum der Auswanderungsgesellschaftenl, wie es ein Jubeljahr feinem ursprünglichen Sinne nach nach 50 Jahren sein muß, Freiheit kündet, Freiheit dem Menschengedanken und Freiheit den Menschenkindern, die aus der Unfreiheit mit ihren neuen Hoffnungen in das Land kommen, das Millionen eine liebe Heimat geworden ist. ftfch r e l i g lösen Aufgaben ist, fasten aber den Begriff des Religiösen durchaus im Sinne des überlieferten jüdischen Religionsgesetzes auf und erstrecken daher die Kompetenz der jüdischen Gemeinden, wie es der Schulchan Aruch verlangt, auch auf das Gebiet des Erziehungs- und des Wohlfahrtswesens. An der prinzipiellen Tatsache jedoch, daß die jüdische Gemeinde eine Relig v o n s g e m e i n d e ist, und daß alle Bestrebungen zur Entkonfessionalisierung des Judentums und zur Umwandlung der jüdischen Religionsgemeinden in Volksgemeinden im Gesetze keine Stütze finden, an dieser prinzipiellen Tatsache ändert natürlich der Umfang der Gemeinde kompeieng nichts. Das zur Ausführung des Gesetzes und zur Durchführung der Wahlen in sämtlicher! Gemeinden Polens nunmehr im Oktober 1930 erlassene W a h l r e g u l a t i v enthält 84 Paragraphen zumeist rein technischer Natur. Nur zwei Bestimmungen sind es, die unsere zionistischen Politiker aus dem Häuschen bringen und einen wahren Orkan von Anschuldigungen über „Klcntalisierung" und Gewissenszwang herausbeschworen haben. Die eine besagt, daß die zu bAdenden Wahlkommissionen neben einer Anzahl von Berwaltungsmitglledern- 7 bezw. 11 Gemembemitglieber umfassen, bei deren Zusammenstellung die verschiedenen wichtigen religiöi s e n - G r u p p i e r u n g e n in der ®emeinbe | berücksichtigt werden sollen. Die andere Bestim-! mung sichert der Wahlkommffsion das Recht, aus der Wählerliste solche Personen z it st re ich e n, die öffentlich gegen die -jüdische Religion ausgetreten sind. schluß kann nur solche Personen treffen, die ihre grundsätzliche Gegnerschaft gegendiejenige Religion, zu deren Pflege die Religionsgemeinschaft bestimmt ist, ö f f e n t l i ch unzweideutig erklärt haben. Im übrigen ist, darüber kann kein Zweifel sein, der sich jetzt abspielende Kampf um die beiden Paragraphen des Wahlregulativs in Polen nur der Auftakt zu viel w e i ter g r e i f e n d e n Auseinandersetzungen über die Gestaltung des jüdischen Geme'indewesens in Polen, die sicherlich in naher Zukunft unvermeidbar sind. Dort gelangt, weniger verschleiert als in den deutschen Austrittskämpsen, in der Form des lokalen Gememdekampfes tatsächlich diejenige Frage zur Entscheidung, die für die ganze jüdische Gemeinschaft die Grundfrage -ihrer geistigen Existenz ist: de Frage nach dem P r i m a t d e r T h o r a i m jüdischen Volksleben überhaupt. Das neue polnische Tvahlregrrlakw für die jüdischen Gemeinden. Im jüdischen Blätterwald Polens tobt ein gewaltiger Sturm-, der sich auch in recht saftigen - und von außerordentlicher Verärgerung zeugenden AusfälleO des Warschauer Korrespondenten der Berliner „Jüdischen Rundschau" gegenüber der bösen Orthodoxie äußert. Was ist die Ursache? Bekanntlich ist das jüdische Gemeindewesen in Polen auf -einer Verordnung PÄsudskis von 1919, die im wesentlichen die Grundlagen des Kein vorurtelsfreier Jurist wird bestreiten können, daß beide Bestimmungen durchaus dem Geiste des Gesetzes entsprechen und auch keinen Hauch von Gewissenszwang enthalten. Daß in einer Religionsgemeinde lediglich religiöse Gruppen Berücksichtigung heischen können, nicht aber politische O r g a n i s a ti o n e n , die sich ausdrücklich d e r . R e l i g i o n gegenüber als neutral erklären, ist ebenso selbstverständlich, wie es -ein Gebot der Vernunft undder Sittli>chkeit ist, solchen Männern, die (um mit dem berüchtigten Jerusalemer Volksvertreter zu reden) „im Kampfe gegen die Religion ihre Religion" erblicken, von der Ausübung des Wahlrechtes in einer Religionsgemeinde auszufchließen. Dabei wird jede Gewährend der Okkupationszeit von Dr. Ludwig sinnungsschnüffele-l vermieden, d-enn der Aus- Berufsaussichten des jüdischen Akademikers. Bearbeitet von der Berufsberatungsstelle deS Bundes Jüdischer Akademiker. (SB. I A.) In einer Zeit allgemeinen Wirlschastsniederganges über Zukunftsaussichten des akademischen Nachwuchses zu berichten, ist keine' -ermutigende Aufgabe. Ohne besonders prophetisch begabt zu sein, wird man dem heranreisenden Akademiker keine goldene Zukunft Voraussagen könn>en. Wer aber heute vor der Berufswahl steht, will keine unbegründeten Voraussagen, sondern Unterlagen haben, durch deren Prüfung -er sich ein eigenes Urteil zu bilden vermag. Die Wirtschaftsstellen dies Bundes Jüdischer Akademiker haben es nun unternommen, solche Unterlagen zu schassen und sie für die einzelnen akademischen- Berufe in zwangloser Folge der Oessentlvchkeit zu unterbreiten. Hier soll zunächst die allgemeine Lage auf dem akademischen Marti beleuchtet w-erden, und zwar vorwiegend, der Tendenz unseres Bund-es entsprechend, die Verhältnisse, mit denen der gesetzestreue jüdische Akademiker zu rechnen hat. Da man aber die Aussichten der gesetzestreuen Akademiker nicht losgelöst von der allgemeinen Lage schildern kann, so seien einige Zahlen vorausgeschickt. Man vergegenwärtige sich, daß zur Zeit in Deutschland rund 350 000 in akademischen Berufen tätig sind. Demgegenüber steht die Zahl von 150 000 Studierenden, d. h. eine jährliche Zunahme von etwa 25 000 fertigwerdenden Akademikern, die an die Pforten der Berufe klopfen, während ein normaler jährlicher Abgang durch sühlswerten vermittelt hat, diese alte Zeenah u—Reenah hat in Bertha Pappenheim eine liebevolle Bearbeiterin und im Jüdischen Frauenbund einen Herausgeber gefunden. Der erste Band, Vereschith, liegt bei I. Kauffmann in Frankfurt a. M. zum Preise von Mk. 5.— in würdigem Pappband vor. Bertha Pappenheim schließt das dem Buche vorangeschickte Cinführungswort, auf das wir noch zurückkommen, mit der Bemerkung, es sei „chronologisch und logisch gerechtfertigt, daß dieses Frauenbuch von einer Frau bearbeitet und vom Jüdischen Frauenbund herausgegeben wird." . Wir finden im Gegenteil: das entschieden Merkwürdigste an dieser erfreulichen Neuerscheinung auf dem jüdischen Büchermärkte ist — die Bearbeiterin und der herausgebende Bund. Als die Bearbeiterin diesen ihren Bund vor etwa zwei Jahrzehnten gründete, hätte sie die Zumutung, sich in das Studium dieses mittelalterlichen Frauenbuchs zu versenken und es durch den Bund moderner jüdischer Frauen herausgeben zu lassen, weder als „chronologisch noch logisch gerechtfertigt" empfunden, sondern als einen höchst unlogischen Anachronismus. Von diesem Empfinden ist — tempora mutantur — der Vorkämpferin der modernen jüdischen Frauenbewegung im Oberbewußtsein erfreulicherweise nichts mehr übrig geblieben, nur in der Tiefe ihrer Seele, halb unbewußt, grollen noch die Donner der revolutionären Auflehnung gegen die angebliche geistige Knechtung der jüdischen Frau in der Blütezeit des Rabbinismus. Und das Echo dieser abziehenden Gewitterwolken mit ihrem Donnergrollen macht sich in den erwähnten Einführungsworten unangenehmer Weise doch so stark geltend, daß der ästhetische Eindruck des Buches dadurch leider gestört und für viele Leserinnen sicher zerstört werden wird. Nicht als ob diese Einführungsworte' religiös besonders zu beanstanden wären. Sie klingen eher resigniert, als aggressiv und werden niemanden verletzen. Aber sie rauben der Leserin die demütige, unbefangene Hingabe an die originale Naivität des Buches, und sind darum vom ästhetischen wie vom religiösen Standpunkte aus bedauerlich. Es ist geradeso, als wenn beispielsweise Buber und Rosenzweig ihrer Bibelübersetzung, die durch schickt hätten. Sie haben es wohlweislich nicht getan, ihre Inhalte lebendige Religiosität wecken sollte, kritische Bemerkungen historischen Charakters vorange- und auch Bertha Pappenheim hätte es besser unterlassen. Sollen moderne Frauen von dem Buche einen positiven Gewinn haben, so dürfen sie sich nicht über den Stoff stellen und das Buch als Niederschlag der „geistigen Abstinenz" werten, die man der jüdischen Frau unberechtigter Weise zuqemutet habe, sondern umgekehrt die gewaltige pädagogische Kraft bewundern, mit der vergangene Jahrhunderte es verstanden, die feine Blüte einer spezifisch weiblich-jüdischen Geistigkeit großzuziehen, die die männliche Geisteshaltung nicht sklavisch kopiert, sondern zum Wohle des Volksganzen komplementär ergänzt. Bleiben die Einleitungen künftig weg, qeht das Buch als ein unbevormundeter religiös-ästhetischer Organismus in die Frauenwelt hinaus, der zwar in historisch bestimmte Gewänder gehüllt, aber in seinem gedanklichen Kern zeitlos zu wirken berufen ist, dann kann es reichen Segen stiften. Bertha Pappenheim hat sich durch ihre mühereiche Arbeit jedenfalls den wärmsten Dank der ganzen jüdischen Frauenwelt verdient. Persönliche Erinnerung an Dr. Markus Lehmann. Herr Benzion Guggenheim in Zürich schickt uns aus Anlaß des hundertjährigen Geburtstages Dr. Lehmanns einige Reminiszenzen aus seiner Jugendzeit, die unsere Artikel über die Hundertjahrfeier bei ihm wachgerufen haben: Ich hatte das Glück, als Schüler diesem großen Mann zu Füßen zu sitzen. Im Jahre 1861 schickte mich mein Vater, Rabbi Mosche Guggenheim ‘j'xi in Endingen, zum Würzburger Raw, Rabbi Bamberger V-st in dessen Jeschirvah. Rach einigen Jahren kam ich von dort nach Mainz ins Geschäft von Leo Leser Wr, der ein bedeutender n"v und ein treuer Freund von Dr. Lehmann war. So war es mir beschieden, zweimal wöchentlich, je eine Stunde, Gemoro beim Mainzer Raw zu lernen und mich an seinen unvergeßlichen Mussarworten zu erfreuen. Seine Erzählungen haben wir gewissermaßen im Werden miterlebt. Insbesondere blieb mir der Eindruck unoerwischt, den Elchanan auf uns machte, der als Kind ins Kloster verschleppt uno später Papst wurde, worauf ein Pijut im Schachris-Gebet zu Roschhaschono hindeutet. In steter Erinnerung bleiben mir die Stunden, da ich in Gemeinschaft mit Jonas Bondi, Leo Leser und anderen w bei Rabbi Schmuel Bondi Vst zweimal in der Woche abends Gemoro lernen durften. Zumeist war seine Mutter, eine 90jährige Matrone, Tochter von Rabbi Tewele Scheuer Vxt dabei anwesend. Wer von uns diese große Mainzer Epoche miterlebt hat, nahm etwas fürs Leben hinaus, das ihn nicht mehr verlassen hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.