Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1931)
- Date
- 1931-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450663--77713-2535360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 11 Der 2. s r a e l i t 12. Marz 1931 Herzenskraft ist G'ttes ein Hauch in uns. Wo aber der persönliche G'tt als Lenker der Weltordnung, Meister des Menfchenfchicksuls im Großen wie im Kleinen, fehlt, da ist die Herzensstimme ein leerer Schall, dumpfes Echo eines verlorenen Rufes, akustische Täuschung, die nicht stärkt und nicht hilft, nicht aufrichtet und nicht erhebt, nicht zum Lichte letten kann. Die Herzenskrast, aus sich gestellt, ist kein Anker vom Himmel kommend, in 'den Herzensgrund eines wankenden Menschen gesenkt. „War' das Auge nicht sonnenklar, Die Sonne könnte es nie erblicken. Lag' nicht in uns des G'ttes eigene Kraft, Wie könnte G'ttliches uns entzücken!?" Das hat nicht -irgend ein alter Rabbi erdacht und ausgesprochen. Das Wort stammt von Goethe und ist in den „Zahmen Temen" im Zusammenhänge nachzulefen. Es begnügt sich nicht mit der Herzenskraft, sondern betrachtet sie nur als ein Symptom der realen Wirklichkeit G'ttes. Man komme uns nicht, wie es die liberalen Richter Gottschalks tun, dabei mit dem SpiNazismus und P a n t h e i s m u s, der jüdisch sein und doch den persönlichen G'tt ausschließen soll. Der gleiche Psalmdichter, der die Gottschalk'sche „Herzenskrast" gekannt und besungen hat, kennt auch das „G'tt überall", welches angeblich der Diamanten- und Gedankenschleifer in Amsterdam im 17. Jahrhundert erfunden haben soll. Durch unser Thillimbuch rauscht „die Stimme G'ttes über dem Wasser, die Stimme G'ttes in der Kraft, m der Schönheit, in der Feuerstamme, im Beben der Wüste, G'ttes Stimme aus dem ganzen Palast seiner Schöpfung, in dem alles im Chore seiner Ehre preist." G'tt im Himmel und auf Erden.' Ein Abglanz der Schechina in und um uns und in jeder Lebensbetätigung, der unser Verbundenfein m:,t dem Tinan sdd sichert, das ist der Pantheismus der Psalmen, der Kabbala, eines Baal-Schemtorv und Rabbi Nachmann von Brazlaw, Pantheismus als Plus zum alten G I a üben an G'tt im Himme l. Diesen „G'tt im Himmel" kennt Gottschalk nicht, darum ist sein „G'tt im Herzen" ein Phantom, das mit dem Herzen sich wandelt, allen seinen Stimmungen sich beugt und endlich aus immer bricht. Darum lassen wir den angeblichen Pantheismus des überlieferten Judentums bei der Erledigung Gottschalks ganz aus dem Spiele. Noch wichtiger und bedeutsamer für das Verhältnis dieser Unglaubensdogmen zum ideologischen A l t b e s i tz des Liberalismus ist die Aeußerung eines anderen Kollegen, Dr. Nordens, Elberfeld, in einer späteren Nummer der „Liberalen Zeitung". Noch weicher, noch schonender! Die Glaubensartikel — nicht „Unglaubens-' artikel, — feien „Ausdruck eines tief religiösen Gemütes", nur dürften sie nicht ganz allgemein als Glaubensüberzeugungen für die gesamte jüdische religiöse Jugend aufgestellt werden. Und dann das Hauptbekenntnis. „Mir scheint, als sei die G ' t t e s v o r st e l t u n g G o t t - fchalks mil der unserer Rrchtlinien durchaus vereinbar. Vom persönlichen G'tt sprechen di e Richtlinien nicht. A u s g u t e m G r u n >d: D e n n w a s bedeutet d e r p e r s ö nl i che G'tt? Darunter kann sich jeder e t w a s ande re s v o r st e l l e n." Das ist deutlich, und auch a b s o l u t r ich - tig! Der Weg von den Cäsar Seligm a n n ' s ch e n „R i ch t l i n ie n" b >i s Juden G o t t s ch a l k' s ch e n „Glaubensartikeln" ist ein Weg, aber ein durchaus gerader und gutgepflasterter, j Ssligmann sprach es nicht aus, Gottschalk spricht es aus, das 'ist all es. 'Gottschalk |ist die logische Konsequenz von Seligmann. Vielleicht haben die alten Herren den Weg nicht bis zu seiner Mündung überschauen können. Aber Dr. Norden in Elberfeld ist aufrichtig genug, es heute mit klaren Worten einzugeftehen, und er tut es nicht einmal mit Bedauern. Mit der natürlichsten Selbstverständlichkeit der Welt stellt er fest, daß, was 'die Richtlinien aus irgend welchen Hemmungen, die vielleicht in alten Seelenbeständen'ihre Wurzel hatten/nicht aussprachen, eine jüngere Generation, die >im -wilden Trabe diese Hemmungen überrannt hat, ausspricht. Das müßte auch denjenigen Rabbinen im gemeindekonservativen Lager, die da meinen, Schöpfern und Vertretern neuer Richtlinien bei Gelegenheit die kollegiale Reverenz nicht versagen zu dürfen, doch sehr zu denken geben. Ob nun Gottschalk „Bekenntnisse seiner e'genen schönen Seele" offenbart, oder damit das Programm einer jungliberalenGef i n n u n g festgelegt hat, darüber zu streiten ist müßig. Es kann nicht ausbleiben, daß im Zeitalter der „Gottlosen Abende" sich ein gewisser Kreis um ihn sammeln wird, eine radikale Zelle im Liberalismus, eine Liga der Gottlosen. Ein neuer Fingerzeig vom Himmel an uns, uns um, den alten Glauben zu sammeln und der Jugend das wahre Licht des Judentums zu zeigen, die wahre Herzenskraft, nicht die Herzenskraft a l s G'tt, sondern die Herzenskraft in G'tt und von G'tt. Wochenrundschau. Fünfzig Jahre Amerikaeinwanderung. H i a s und E m i g d i r e k t (Vereinigte jüdische Auswanderungsgesellschaft) feiern das 50j ährt ge Jubiläum Her jüdischen M a ss e ne i n w a n'de rung in die Vereinigten Staaten Amerikas. Mit Jahresversammlung und Bankett wurde unter! Teilnahme von 1500 Gästen dieses Jubiläum iw ,Astor-Hotel zu Newyork gefeiert. Die Feier- 1 stimmung war mehr als ein wenig getrübt durch das Referat eines Mitgliedes des Repräsentant e n h a u s e s, der die neuesten E i n w a nd e r u n g s b e s ch r ä n k u n g e n besprach und scharf dagegen protestierte, daß das Repräsentantenhaus das neue Einwandevungsgesetz, wonach die Immigration um 90 Proz. gekürzt, also nur auf ein Zehntel der bisherigen, durch das Quotussystsm schon ohnehin wesentlich hevabgemmderten Zahl beschränkt wird, ohne Debatte mit 295 gegen 85 Stimmen angenommen hat. Seine und seiner Freunde Proteste im Repräsentantenhause selbst fanden keine genügende Unterstützung. Die Hoffnung beruht noch auf dem Senat, d>er die Gesetzwerdung des engherzigen Entwurfes noch allein verhindern kann. Man weiß aber, daß der Senat zur Zeit keine Eile zeigt. In der jetzigen Session des Kongresses, der schon nächste Woche nach Hause geht, um erst im Dezember wieder zusammenzutreten, wird die Entscheidung über den Beschluß des Repräsentantenhauses keineswegs mehr getroffen werden. Eine Jubiläumsfeier der amerikanischen Einwanderungsgesellschaften in diesem Stadium der Dinge würde mehr als komisch anmuten, hätte sie nicht 'den Zweck, sich noch mit letzter Anstrengung dem Gesetze enigegengnstemmen. Sie würde sonst eher 'eine Begräbnisfeier denn eine Jubelfeier fein. Denndas Häuflein aus dem Häuflein, das nach zehnfachem Sieben und Sichten den Weg über das große Wasser findet, wird „Hias" und „Emigdirekt" kaum brauchen. Aber vielleicht war die Iubiläumsdemonftration nur als ein Wecken des öffentlichen Gewissens in Amerika gedacht! Die Gesellschaften können mit Material dienen, welches beweisen soll, was in dem abgelaufenen Halbjahrhundert die jüdische Die vier Abschnitte. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. IV. Der letzte der durch vermehrte Thoravorlesung ausgezeichneten Sabbate, die alljährlich wie Boten und Herolde das Nahen des Peßach, dieses Fürsten im Reiche der Feste ankündigen, stimmt unsere Herzen ganz und gar auf den Ton der Peßachklänge. Wir heben eine zweite Rolle aus dem hl. Schrein und vernehmen aus ihr das vmn.Kapktel mit seinen mannigfachen Bestimmungen, die dem Peßachfeste gelten. Wohl können wir sie nicht mehr alle erfüllen, unser Abschnitt enthält aber doch Gebote, die für die Ewigkeit der Zeiten erfüllbar festgelegt sind und zur weihevollen Vorbereitung für das Fest mit vollem Nachdruck uns eingeschärft werden. Da hören wir zunächst den Satz, der die Mundzüge unseres jüdischen Kalenders enthält. Noch ehe unfern Vätern in Ägypten die Stunde der ersehnten und verheißenen Erlösung schlug, vernahmen sie die Weisung: 0'vin rrri oai> nrn VINN diese Mondverjüngung sei euch der Anfang von Monaten nwn ->v nb asb rrin j-mn der erste sei euch — er — (der eben beginnende Monat unter den Monaten des Jahres). Eine neue Ära soll für Israel anheben. Bisher ans ägyptische Joch gebunden, kannte es keine andere Zeitrechnung als das Volk der Pharaonen, — nun aber soll es in Freiheit sich dem Dienste G'ttes weihen, da werden die beiden großen Lichter, die ewigen Zeugen der g'ttlichen Allmacht und Allweisheit. Sonne und Mond ihm zu Führern und Wegweisern bestimmt, daß diese die Aufgabe erfüllen, um derentwillen sie G'tt ans Himmelsfirmament gesetzt hat: wikV vm bwi w»-Hi „daß sie werden zu Malen, so für Gezeiten, so für Tage und Jahre". Nach dem Laufe des Mondes rundet sich seitdem uns der Monat, und die Sonne ist nicht nur Weckerin des leuchtenden, strahlenden Tages, sie wird Israels Führerin für die Feier seiner Feste zu bestimmter Jahreszeit. Schön und sinnig heißt es im Midrasch: Israel jubelte, als es das Gesetz und die Norm für seine neue Zeitrechnung vernahm, na nr nrt **m Horch, er kommt mein Freund, — so jauchzte es seinem Schöpfer da entgegen. Das ist ein gar bedeutsames Wort unserer Alten. In dieser Kalenderbestimmung finden die Lehrer eine Immer neu sich kundgebende Bürgschaft für die nie versiegende Liebe G'ttes. Sieht Israel den Montz zu neuem Lichte sich erheben, dann wächst ihm die Hoffnung, daß nach dem Dunkel seiner Golusnacht neues Licht mondgleich ihm oufstrahlen wird. Und der Monat Nissan als erster der Monate bleibt uns dauernd der Quell unserer Zuversicht. jnw fo-’ia - iVtoi Im Nissan hat der Allgütige sein Volk erlöst, — er wird uns immer wieder zum Befreier und Erretter. — Sehnen sich nicht die Menschen in diesen finsteren Zeiten materiellen und geistigen Druckes nach Licht und Hoffnung? Uns wird der Sabbat Hachaudesch dieser Lichtbringer und Hoffmrng§mehrer. Wir werden an den Ursprung unseres Volkstums in unseren Gedanken zurückgelenkt, — da können uns die Sorgen des Tages und auch die Dränger von heute, nah und ferne nicht schrecken. Nur mögen wir den Peßachklängen unser Ohr und Herz nicht verschließen und vollends dle Mahnung beherzigen: jwmot m bm»»v Ihr sollt die ungesäuerten Brote ja hüten — sie hüten, mit allem Ernst und Eifer die Erfüllung dieses Gebotes überwachen, daß wir aber auch nicht erschlaffen, wo es gilt, überhaupt durch treue Hingabe an unser Judentum nrr rr^rr mxan nrr vnn»vi n-n nix»'n und durch sorgfältige Beobachtung aller seiner Gebote uns erlösungswürdig zu erweisen . . . Sollten wir aber nicht auch diese Mahnung mxnn rirr omain so erfassen, daß wir selber alles daran setzen müssen, auch denen die Erfüllung dieses Gebotes möglich zu machen, die unter einer neuen harten Frohnde geistigen Druckes seufzen und mit bangender Seele dem kommenden Peßach entgegensehen. Wahrlich, niemand sollte sich an den Sedertisch setzen wollen, ohne gespendet zu haben für die armen unglücklichen Glaubensgenossen, die im finsteren Russenreiche doppelt schwer die Not der Zeit fühlen, ma ms* Maß um Maß, — G'ttes Liebe schützet uns, daß'wir trotz allem in Freiheit uns für das Fest der Freiheit vorbereiten können. Besinnen wir uns ja auf unsere Pflicht und öffnen wir Hand und Herz, daß allenthalben in Israel frohe Herzen und Seelen dem Herrn zum Preise Jubellieder ansiimmen. m'v ninn^ rmaya nrr'xin nnae^. Er hat auch uns geführt aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Kummer zur Freude ... « Aleines Feuilleton. Die neue Zeenah u-Reenah. Die alte Zeenah u—Reenah, die unsren Müttern jahrhundertelang eine reiche Kenntnis des G'ttes- Wortes in agadischer Beleuchtung, eine Fülle des Wissens auf dem Gebiete des Midrasch und vor allem unschätzbares Gut an wahrhaft lebendigen jüdischen Ge-