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Der Israelit · 1931-03-12 · Heft 11 (12.3.1931) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 11 (12.3.1931)
Date
1931-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Frankfurt «. M., den -fSZ— Nr. 11 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Marl monatlich; Ausland: Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Konen des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga6.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Sire; Jugoslavien 55 Din.; Litauen 750 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Pole« 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tfchecho-Slowaket 25 Krone»; Ungarn Pengo 5 ab 1. Juli 1027; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfenntge. Der Israelit erscheint jeden' Donnerstag. Inserate 60 Döldpf. für die fiebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnent« i zahlen bei Stellengesuchen und Famtltenanzeigen nur ±0 Pf. Die 75 mm breite Reklamezetle: letzte Textsette 3.— Mk., vorletzte Textsette 250 Mk.; Chiftregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Inserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jederz Vorbehalt. Inferatenannatzme durch den Berlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. M . Rechneigrabenstratze 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exved. d. In- und Auslands. Alleinige Inferalenann. für Franks. Deschäftsanz.: Jul. Schmidt, Hölderltnstratze 25 Tel. 46888. Platzvorschr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt an den Berlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nc. 198)2. — Aatzrcdem an: Postsparkasse Wren'Nc.798>>5. — Postsparkassenrmt Budapest Nr 18424. —Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7254. — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 21888 — Postscheckamt Prag Nr. 78.060 — Banca Marmarosch Blank & Co. in Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - Der Gerichtsstand für alle aas Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Die «Liga der Gottlosen" innerhalb des jüdischen Liberalismus. Dr. Gottschalk früher enkant terrible des Frankfurter liberalen Rabbinates, spürt in seinen neuen Wirkungskreis in Köln am Rhein, wo man bekanntlich Sinn für Humor hat, freiere Hand in seinem Kampfe gegen das gläubige Judentum. Er veröffentlicht in der Berliner „Jüdischen Liberalen Zeitung", in der er immer noch das erste Wort hat, „Glaubensartikel für liberale Jugend." Wir können in einem Blatte für religiös gesinnte Menschen dieses Sammelsurium von kindlichen und kindischen Glaubens- und Unglaubensvorstellungen nicht im Wortlaute Mieder geben, da sie zum Teile in biie Kategorie der G'ttesleugnungen und G'ttssläfterungen fallen, für deren Anhörung unsere Dezisoren die nvip vorfchreiben. Einige Beispiele genügen: Gotischalk glaubt „an die Kraft des Herzens", aber nicht an denjenigen, bter unser Herz gebildet und in alle dunklen Kammern unseres Herzens hineinblickt. Er glaubt n icht , daß „G'tt, fein G'tt, bewußt wirkt, ihn kennt, fein Schicksal lenkt, auf sein äußeres Schicksal Einfluß hat oder nimmt." Also er glaubt nichts was wir in unserem täglichen Gebete zu allervörüerst bekennen, daß der pnrr ^121 ->vrr „Der Herr der Welt, der regiert hat, bevor ein Geschöpf erschaffen war," der erhaben ist über Zeit und Raum und Denken und Begreifen, mi 's rrmi zugleich „mein G'tt, M e i n lebendiger Erlöser und der Fels meiner Hoffnung in frer Zeit der Not ist." Rein, das glaubt er nicht. Aber: „Mein Inneres kommt von ihm, kommt durch ihn von mir." Dunkel bleibt der Rede Sinn, viel dunkler als alle die Ge!d>ankenrätsel in den ältesten Schriften der Kabbala ... Aeutzere Leiden sind für Gottschalk, sofern nicht selbstverschuldet, zufälliges Schicksal. Er glaubt auch nicht, daß „sein G'tt die Welt einmal plötzlich geschaffen hat." Sein G'tt hat auch keine Beziehung zu Schuld und Schicksal der Menschen. Er glaubt auch nicht an eine bewußte Vorsehung, eine bewußte Berufung von Menschen. Aber ein wunderbares Etwas, das er selber nicht definieren kann, erscheint ihm wie Vorsehung und Berufung. - „G'tt sein G'tt ist ihm wirklich nicht bewußt nahe, aber er fühlt ihn so, als ob er es wäre." Selbstverständlich glaubt,er auch nicht, daß „er persönlich nach dem Tode fortlebe, auferstehe, irgend jemand wiedersehe." Aber er glaubt an etwas, das er „ Herze nsg'tteskraft" nennt. Er glaubt nicht, daß „fein Beten gehört, erfüllt wird," aber daß „er sich selb st in seinem Beten höre, erhöre." Und so geht es weiter mit Grazie. „Ich glaube, ich glaube nicht! . . ." Wie mit den Blättchen eines Butterblümchens: „kommt er, kommt er nicht? ..." „Ich glaube, ich glaube nicht, glaube ich?, ich glaube nicht, nicht, nicht! .." Und man vergesse nicht: es geht nicht um Gottschalk, — solche Gottschalke ohne G'tt und gegen G'tt hat es immer, gegeben und wird es weiter geben —, es handelt sich hier, um Richtlinien für die Ideologie eines jüdischen I u n g l i b e r a 1 i s m u s, um Glaubens-, richtiger „Unglaubensartikel", die ein „Rabbiner" sich nennender Herr für jüdische Jugend formuliert, g'ttsuchenden jüdischen jungen Menschen ins Herz pflanzt, in den Mund als Bekenntnis legt. Daß die „Liga der Gottlosen" in Moskau diesen Glauben a n den U n g lau b e n , diesen G'tt dgr Gottlosigkeit eines Lehrers der jüdischen Religion am schönen Rhein sofort übernimmt und diese ganze Dogmatik für ihre Schulen, antireligiösen Versammlungen, ihre in Klubs verwandelten Kirchen und Synagogen und nicht zuletzt als Material für ihre „Gottlosen Abende", die sie auch in den Hauptstädten Europas veranstalten läßt, übernimmt,.zweifeln wir keinen Augenblick. Der jüdische Liberalismus in Deutschland scheint aber für die Hochgedanken solcher rabbinischer Schalke noch nicht reif. So konnte es denn nicht ausbleiden, daß in der gleichen liberalen Zeitung sich eine ausgiebige Diskussion an diese neue liberale Himmelsstürmerei, — in einer Zeit, da die verantwortungsvollen liberalen Führer nicht müde werden, von „religiösem Positivismus" und „Maximum an religiöser Forderung des Liberalismus" zu sprechen — anschließt. Aber gerade dieses Echo im Lager der Mtliberalen geht uns am meisten an. Denn nicht die Aeußerung irgend eines Heißsporns, der den Ehrgeiz hat, den liberalen Ideengehalt vor der Verdorrung unter dem Schutz der senilen alten Herren zu retten, kann uns interessieren. Wichtig für uns ist die A e t i o - logie dieser geistigen Verirrung: ob und inwieweit dieser Einbruch in das heilige Glaubensgut des Judentums und der Menschheit von einem Punkte aus unternommen werden k o n n t e, d e r a u f der großen, seit bald hundert Jahren breit getretenen Straße des jüdischen Liberalismus ruDeutschland liegt? Darum hören wir, was die Anderen dazu sagen. Zuerst meldet sich Dr. D i e n e m a n n n in Offenbach, einer der führenden Köpfe des heutigen Liberalismus. „Verfahre nicht zu hart mit dem Jüngling", glaubt man die Warnung Davids an den Feldherrn Joab zu hören. Er geht sehr sänftiglich mit dem jugendlichen Stürmer um, weist ihn zunächst nur insofern in die Schranken, als er ihn darauf aufmerksam macht, daß Thesen, in denen das „Ich glaube nicht", vorherrschend sind, nicht Glaubensartikel, sondern „Unglaubensarlikel" genannt werden müßten. Gewiß gehöre auch das Nichtglauben zum Wesen des Liberalismus. Dann aber müßte anstelle des Umgestohenen etwas Neues, etwas Positives gesetzt werden. Das tat aber Gottschalk nicht. „Und tut es Dienemann, tut es Claude Montefiore?" könnte Gottschalk mit der Gegenfrage dienen. Dienemann macht Front gegen die Behauptung, die Verneinung des persönlichen G'ttes gehöre zum Wesen des Liberalismus, und es ist Dienemann mit diesem Protest gewiß ganz ernst. Wenn aber Dienemann gleich darauf selber „nachweist", daß das Judentum mancherlei Auffassung von G'tt vertrage, wenn er aus der Tatsache, daß die Orthodoxie nicht Glaubensbekenntnis, sondern Tat verlangt (für uns ist Gsttesbekenntnis, zweimal täglich ausgesprochen, auch Tat, und alle Tat ist Resultat des Glaubensbekenntnisses, das das Bekenntnis erst zu einem lebendigen Bekenntnis macht), schließt, daß selbst die Frommen sich über den G'ttesbegriff nicht klar und einig seien; wenn Dienemann nicht bed>en-ken will, daß für die Gläubigen, sei es Maimonides oder Albo, oder Jehuda Halevi — um die Vertreter des Denkerglaubens zu nennen — der Grundbegriff des G'ttesglaubens außer aller Diskussion stand, wenn Dienemann solchergestalt stabile Glaubenswerte entwertet, so wundere eg. sich nicht darüber, daß junger, himmelanstrebender Nachwuchs einen Schritt, und mehr als einen, weitergeht, bis zum völligen Nichts. Was vom labilen Glaubensbekenntnis bei den Jungen noch übrig bleibt, ist einzig: „Ich glaube nicht. . ." „Kraft des Herzens," heißt der G'tt von Gottschalk. Diese hat auch der königliche Sänger gekannt, aber er sagt: „Vertraue aus G'tt, stark und fest sei dein Herz und hoffe zu G'tt . . ."

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