Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1931)
- Date
- 1931-03-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Meikemeiers Weg zum Kteml" Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer; iri '*T'r*V Zeikepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). X. Dm trüber Herbstsabbat Mg zu Ende, als wollte kst! ftr rasch wie möglich aus dem grauen gedrückten Städtchen heraus. In den kleinen Häuschen wurden die. Dackellichter hochgehoben bei Sabbats Abschied. Aus vielen Häusern drang ab im Anstzlußs gnSabbats Abfchiedsgebet'e Jammern' und ' Schilüchzen, als 1 beweinte man dort einen Toten. In Tüchern oder einer kleinen Kiste war etwas Wäsche und Reisezehrung für den Sohn gepackt, der nun gerüstet .zur..Ausreise..dastayd, gmringt.von den.Seinen, als giWö esM! hie.Ewigkeit.; Ein Gäßchen weiter, zwischen Feinbergs Klaus und dem Badehaus, standen die großen Baudewagen mit je zwei Gäulen bespannt und harrten der Abfahrt. Im trüben Zwielichte der Laternen sammelten sich hier die Jünglinge samt Angehörigen und Anverwandten, auch viele Neugierige, Männer, die guten Rat und Segen brachten und Frauen, die Unaufhörlich schwatzten und mit ihren reichen Tränenvorräten aushalfen. Bald war es die ganze Gemeinde, von den Aeltesten bis zu den Jüngsten. Die Assentierten kamen in hohen neuen Schaftenstiefeln anmarschiert, als wären sie schon richtige Soldaten, nahmen umständlich, je nach Veranlagung, scherzend oder schluchzend, Abschied und stiegen in die Wagen. Die drei langen Fuhren waren zu klein für die fünfzig jungen, langgewachsenen Menschen und deren Ränzlein. Aber man richtete sich auf den Heusäcken, so gut es ging, ein. Ein letzter Jauchzer, ein Peitschenknall, lauter Ausbruch neuer Weibertränen, und die erste Fuhre setzte sich mit Klang und Geratter in Bewegung, ihr nach die anderen zwei. Die Menschen liefen ein Stück Weges nach und kehrten dann angeregt, aufgeregt, aufgelöst, schwatzend und weinend zurück, als kämen sie von einer Beerdigung. Ein verlaufener' Hund bellte melanchplifch. -und herz? gerMßenHtrr '.die trübe Nacht/',Es wÄ-rde "still rm' StädMen^^i!lr.hie und 'da. drang.' Noch -aus ■ 'einem, einfachen' Häuschen bis tief m chie, Pacht ::'halblauten Schluchzen, einer Mutier., - ., m,: ■ / Die. Hag'en .führen' 8e'! länge '' Gäste über 'den Kuß!'durch ‘ die ÄüffenMdt' bis 'zum Kxduzwege, vön' dem sich die Straßen rbestlich nach der. Grenze und nördlich nach der Kreisstadt Tauroggen teilten. Manch einer der Jünglinge schielte nachdenklich nach links hinüber. Vielleicht verschwand auch der eine und der andere unbe- °merkt . . .. Wer. konnte', es wissen? Die Jungen waren alle in irgend eine Extase geraten. Junge Handwerker,-Arbeiter und einige, die aus dem Innern Rußlands zu dem Zwecke hergekommen waren, sangenim Chore russische Lieder, als würden sie schon Kasernenlust atmen. Andere, dünne schmächtige Jünglinge, rezitierten Psalmen. 1 Meikemeier, der unbequem genug auf einem kleinen Futtersack kauerte, sang nicht und betete auch nicht. In seinen Ohren klangen noch die Abschiedsworte des Vaters und das leise Jammern der kränklichen Mutter. Seine Sinne waren ganz benommen. Er dachte gar mcht an eine Gefahr, an Leid und Drangsal in einer sibirischen Kaserne. Schon diese Umgebung, das Soldatenvorspiel, war unerträglich genug. Und der Gedanke an das, was ihm' in den nächsten Tagen in der Kreisstadt bevorstand, brachte jetzt ßr. io M' it! I schon seimganzes Innere M WallMg. Als! er hje Äugen schloß, erschienen chm im Halbtraüme alle Geister seines jungen Lebens. Das Schächterhäuschen, die gackernden Hühner, Mussarworte Rabbi Roachs stoffen wie Balsam ins Herz. Dostojewski wühlte in seiner Seele herum, krempelte sie wie ein Hemd von innen nach' außen um. Skobeljerv und Ammann faßten ihn zu beiden Seiten und zerrten ihn mit solcher Gewalt, daß sich seine Arme beinahe ausrenkten. „Der Mensch, des Menschen ..." Wo ist der Mensch? Ein helles Läuten kam von hinten. Bald überholte. ein leichter schöner Wagen alle drei schweren Fuhren. Der Jswostzik knallte mit der Peitsche, schnalzte mit der Zunge und rief höhnische Worte den Judenfuhren zu, die sich „daherschleppten, wie die Kinder Israel aus Aegypten." / In diesem leichten schönen Wagen saßen die Herren Dr. Scholz und der Kronrabbiner Bonnert, die sich längst ausgesöhnt hatten und zusammen aus den „Judengesetzen!", besonders aus dem Modus der Judenmusterung, ihr Profitchen zogen. Sie fuhren in brüderlicher Eintracht nach der Kreisstadt, Dr. Scholz als einer der Kommifsionsärzte, der zu vielen der jungen Leute schon in irgend einer geheimen Beziehung stand, Donnert, um als Führer der Matrikel feine Schutzbefohlenen der hohen Behörde zu präsentieren. Es war eine kalte, .stockfinstere und nebelfeuchte Nacht. Die schweren Räder krächzten und ächzten und blieben sehr oft irrt Schlamme stecken. Dann mußten alle absteigen und mithelfen, den Karren aus dem Kote zu ziehen. Man fuhr durch finstere Wälder und hielt zweimal in einer der Kretschmen am Wege, wo man in einem rauchangefüllten Raume Tee und Schnaps zur Erwärmung der Glieder trank. Mit dem Morgengrauen zeigten sich endlich die ersten verschlafenen, windschiefen und strohbedachten Holzhäuschen der Kreisstadt Tauroggen. Auf dem Markte und in der Hauptstraße war bereits das Leben im vollen Betriebe. Die ganze Stadt sieberte. Abgesehen von den eigenen Jünglingen, die sie zu stellen hatte, sahen die Bewohner mit Neugier und Interesse den Ankömmlingen aus allen Städten und Dörfern der Umgebung entgegen. Bor einem großen, schuppenartigen Gasthause machten die Fuhren halt. Man ging ohne Umstände hinein, packte seine Sachen aus und ließ sich auf Stühlen und Bänken nieder. Gegenüber stand dasbessergebaute Säulenhaus,auf/deffen Portal der russische Adler in den russischen FarbH 1 unter einer, gehißtest?' Fahne:' Mangle.; Es war das A m ts ha us/ in dem derMichsige. Akt -der Untersuchung und Aushebung vor sich ging,. Dochwurde-gleich bekannt, daß diese! um neun Uhr, erst" für die christlichen Bauernjurtgen, die in großen Massen aus allen Dörfern hergeströmt warm, beginnen würde. Die Juden hatten ihre eigene Musterung und ihre eigenen Stammrollen und würden wohl vor dem Abend nicht .Mankommen. 1 1 Die Straße vor dem Amtshause war, von fern gesehen, wie ein aufgewühlter schwarzer Ameisenhaufen. Junge Bauern sangen, schrieen, gröhlten und rauften. Kaum einer konntenoch ganz aufrecht auf den Beinen stehen. ' Sie strömten gegen Morgen aus den Wirtshäusern, wo sie di e Nacht bei Trank und Tanz und Harmon ika - spiel zugebracht hatten-, und harrten hier des Glockenzeichens, um anzutreten. Tauroggens Schenken und Krämer hatten in dieser Nacht gute Geschäfte gemacht, und sie zeigten den jüdischen Jünglingen ein wohlwollendes und mitleidvolles Gesicht. Junge Mädchen kochten Tee und überboten sich, die fremden, übernächtigten jungen Glaubensgenossen mit Speis und Trank zu bewirten. In den kotbedeckten Straßen herrschte echtes, rechtes Jahrmarktstreiben. Es vergingen Swnden^s Harrms,Mdr Bangens, 'der ganze Vormittag und ganze Nachmittag. Ein grauer Tag senkte sich in eine dunkle Nacht. Da endlich kamen die Bauernsöhne aus dem Amtshause herausgestürzt, jauchzend, brüllendtrunken von Wem und Erregung, Fingen sofort Händel mit den Juden an. Aber nun war es an den letzteren, die Amtsstube zu betreten und sich zur Musterung zu melden. Ein grauer, kahler Raum mit weißgekalkten Wänden und schwarzen Querbalken an der Decke. Oben stand unter einem Zarenbilde ein langer Tisch mit grünem Tuch bedeckt, das einzige Mobiliar im ganzen Raum, aber amtlich und feierlich. .Wie es sich für einen wichtigen Kanzlertisch, von dem Las Urteil über das Schicksal von Menschenleben ausgeht, gehört. .An der Schmalecke saß der Vorsitzende, genannt der M a r s ch a l l, ein typisches. Bauerngesicht unter einem eckigen Graukopf mit Runzeln wie aus Bronze. Seine Brust prangte -in Bändern, Borden und Orden. Geschäftige Schreiber saßen zu seinen beiden Seiten. Daneben auch einhöherer Militär in voller Ugiform.,.,.Die, weiteren Plätze zu Heiden Seiten des Tisches, nahmen Gemeindevertreter, Matrikelführer, Schreiber und andere Beamte ein. Etwas abseits, wie die Anwälte bei Gericht, saßen zwei Aerzte im Offtziersrock. In dem einen erkannte Meikemeier Herrn Dr. Scholz, er saß unbeweglich und vermied es ostentativ, irgendjemand von dennun einströmenden jüdischen Jünglingen cmzuschauen, am wenigsten diejenigen, die er am besten kannte. Etwa hundert Jünglinge drängten sich von der Türe bis zum Tisch. Eine Sitzgelegenheit war nicht vorhanden. An der Türe postierten sich gleich Polizisten und Wächter, daß keiner mehr hinaus und keine Unbefugten hinein konnten. Die Gemeindeältesten oder Kronrabbiner blätterten in ihren Akten. Es verging eine geraume Weile, bis auf ein Zeichen des Vorsitzenden einer der Schreiber die Liste zu verlesen begann. Jeder Aufg-erufene bestätigte seine Anwesenheit mit einem lauten „Ich ". Löste ein Namensaufruf dieses Echo nicht aus — und das geschah sehr oft — gab es eine kleine Pause. Die Schreiber trugen es in ein eigens für diesen Zweck aufliegendes Buch ein. Die Prozedur nahm ein paar Stunden in Anspruch. Schon glaubten die Jünglinge, sich für die Musterung bereit machen zu müssen, da verkündete der Vorsitzende mit müder, heis-eret Stichrne: ,>Für heute müssen wir uns M't hetn H.amMSffufruf.Md.. mit der. Feststellung der Meldungen-HeMÜgeM, Die Herren der Kommission haben.-seit Lern frühen Morgen ununterbrochen gearbeitet und müssen null püssetzen. Morgest früh bjste Euch bereit" ijakerifür die Auslosung." /. Ii,!l Als sich nun die Jünglinge zur Türe begeben wollten, wurde ihnen ein scharfes „Halt!" entgegengerufen. Kommandos ertönten und ein Priftaw (Oberpolizeikommissar) mit einem Stab von Polizisten nahmen >döe Gestellungspflichtigen draußen in Empfang und'- ordneten sie in Kolonnen. Verhaftet, gefangen! . . . Roch waren sie nicht gemustert und schon hatten sie ihre Freiheit emgebüßt. Ein Murren entstand unter den jungen Menschen, besonders bei denen, die aus der Großstadt und aus dem Inneren Rußlands in die Heimat gekommen waren. „Wer kann Russisch?" schrieen einige. „Es sollen sich welche wieder in die Amtsstube begeben und Beschwerde ein'legen." Einer, der aus Saratow gekommen war, meldete sich. Zu ihm gesellte sich Meikemeier, und beide traten, bevor es noch der Konvoj verhindern konnte, rasch über die Schwelle und standen vor dem grünen Tisch, an dem die Herren ihre Akten ordneten und einpackten. Der Marschall mit dem runzeligen Kupfergesichte sah erstaunt und etwas befremdet auf. „Was gibts, Kinder?"