Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1931)
- Date
- 1931-03-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Nr. 10 Der Israelit 5. März 1931 Der robuste Jüngling aus Saratow fing etwas kunterbunt an, eine Beschwerde vorzubringen und fuchtelte dabei aufgeregt mit den Händen. Meikemeier stieß ihn sanft beiseite, trat vor und nahm ihm das Wort aus dem Munde. Ruhig und gelassen in korrektem Russisch, aber mit mattem litauischem Akzent, sagte er: „Im Namen meiner Kameraden, die draußen wie die Sträflinge von Soldaten und Polizisten umringt sind, um G'tt weiß wohin, in Gewahrsam abgeführt zu werden, habe ich hier Protest und Beschwerde einzulegen. Wir sind zum Teil aus weiter Ferne freiwillig in die Heimat gekommen, um als Bürger, die Teil haben am Wohl und Weh des Vaterlandes, unsere Militärpflicht zu erfüllen. Für die Fehlenden können w i r nichts. Wir aber, die wir d a sind, wollen, wenn wir für gut und tauglich befunden werden, dem russischen Heere und dem Zaren dienen. Im Namen dieses Heeres und des Zaren, der der Vater all seiner Landeskinder ist, wünschen wir aber, wie a l l e anderen behandelt zu werden. Man lasse uns frei nach Hause, und wir werden morgen alle wieder pünktlich zur Stelle sein." Der Vorsitzende sah fragend zum Majore hin, und beide wechselten ein paar Worte mit den anderen Beamten. Dann aber sagte er, nicht gerade unfreundlich, aber fest und entschieden: „Es ist G e s e tz , junge Freunde, und in Ordnung! Es tut uns selber leid, aber wir vermögen nichts daran zu ändern. Beleidigend darf diese Maßnahme nicht wirken auf diejenigen, die guten Willens sind." „Mir wird von der Polizeiverwaltung die Maßnahme so begründet," fügte er noch hinzu, „die Haftbarkeit der Gemeinde und der Ettern für die Gestellungspflichtigen dauert nämlich bis zur Meldung derselben und dem Namensaufruf. Bon da ab muH sich die Militärbehörde ihrer jüdischen Kandidaten, die sich oft aus dem Staube machen, selber sichern. Seid vernünftig und beruhigt Eure Kameraden. Ans Wiedersehen, morgen früh! . Und damit nahmen sie ihre Aktenmappen unter den Arm und verschwanden durch die andere schlüpfrig . Es geht schnell abwärts, eben lege ich die Hand auf die Bremsventile und — Schema Jisroel! —* meine Luftpumpe versagt den Dienst. Kalter Schweiß bedeckt meinen Körper, ein Kälteschauer überläuft mich, jeden Augenblick nimmt die Schnelligkeit meines Zuges zu. In rasender Eile stürzt er das Gebirge hinunter. Das Luftdruckmaß zeigt bloß 40 und 70 Grad. Ich denke, daß jetzr wirklich meine letzte Stunde geschlagen hat. Tief im Tale höre ich die Dampfsignale des Pastagierzuges, der Hunderte von Menschen mit sich führt, Frauen, Kinder, Männer, die ruhig in ihren Schlafwagen schlafen, nichts ahnend von der großen, ihnen drohenden Gefahr. Ich öffne das vordere Fenster, gehe auf das Laufbrett und hämmere auf den Äovf der Dampfpumpe, die die Luftpumpe bedient. Als ich wieder hereinkomme, finde ich meinen Heizer eben im Begriff, von der Lokomotive herunterzuspringen. Ich ergreife ihn am Kragen und schleife ihn wieder zurück. Schnell nehme ich meine Laterne und sehe auf das Maß. Sogleich lege ich meinen Hebel in Rückstellung, drehe meine Dampfbremse an, öffne alle vier Sandschläuche, um das Geleise weniger schlüpfrig zu machen und — noch einmal auf das Maß gesehen. G'tt sei Lob und Dank! jetzt sind es schon 50 Grad, dann 55, 60 und schließlich habe ich das normale Maß erreicht. Aber jetzt fahren wir nicht mehr, wir fielen einfach vom Gebirge herunter. Ich wendete die Notbremse an, und dann war ein Heulen und Keuchen, als die Bremsschuhe sich in den Rand der Stahlräder einbissen. An dem ganzen Zuge konnte man Feuerfunken von den Rädern sprühen sehen. Es kam mir vor, als ob Tausende von Wölfen sich mit ihrem scharfen Gebiß an den Rädern festgebissen hätten. Denken konnte ich nicht mehr. Ich war naß von Angstschweiß. Mein Herz schlug so laut und schnell, daß ich kaum atmen konnte. Bei der Weiche des Seitengeleises habe ich den Zug glücklich zum Stehen gebracht. Wäre ich, wie mein Heizer beabsichtigte, von der Lokomotive heruntergesprungen — es schaudert mich, daran zu denken — was aus den armen unschuldigen Passagieren geworden wäre. Unser guter G'tt hat mich auch dieses Mal nicht verlassen! — Es war meine letzte Fahrt. Und dies ist meine Botschaft an meine jungen Glaubensgenossen: Es gibt einen G'tt, und man muß an ihn glauben. Wir Juden haben in uns etwas, das uns ermöglicht, es nicht nur mit jedem in seinem Stande aufzunehmen; wir haben auch die Widerstandskraft, alle Hindernisse erfolgreich zu überwinden. Das kommt von unserem lieben G'tt her. In meinen jungen Jahren war ich ein ungläubiger Mensch; und erst als ich Dr. Sygall traf, kam ich wieder zum Glauben zurück; und die mannigfachen, wechselreichen Erfahrungen meines Lebens, die wunderbaren Schicksalsführungen bestärkten mich immer mehr in meinem G'ttesglauben. Lin jüdisches Hausbuch. Türe. (Fortsetzung folgt.) Zufall oder g'ttliche Vorsehung? Von Dr. Mix 7X1. üataz in Philadelphia. (Schluß.) Eine Schreckensfahrk. Durch den Verband der Lokomotivführer hörte ich, daß eine Stelle auf der Northern Pacific-Vahn frei war. So fuhr ich nach Tacoma im Staate Washington. Da ich jung war und gute Zeugnisse besaß, wurde ich als Führer angestellt, und zwar auf der Strecke zwischen Shokane und Tacoma. Diese Strecke führt über das Kaskadengebirge. Um Ihnen einen Begriff von' der Steilheit der Alfen, auf welchen die Bergbahn lag, zu machen: meine Lokomotive, eine der größten Gebirgsmafchinen, wog 120 Tonnen; sie war imstande, 45 Waggons auf der Ebene zu ziehen. Aber der gleiche Zug brauchte, das Gebirge hinauf, 5 solcher Lokomotiven, zwei vorne, eine in der Mitte, und zwei am Ende. Jede Lokomotive ist mit Dampfbremse und Luftdruckbremse versehen. Wenn nun der Zug am Gipfel des Berges angekommen ist, dann werden die anderen vier Dampfrosse abgespannt und noch zwanzig Frachtmagen mehr werden angekoppelt. Denn zum Herunterfahren gehört keine Kraft. Ich lade Sie jetzt ein, mit mir auf diese Berglokomotive zu steigen. Da sehen Sie viele Dampfhähne, das Dampfmaß, das Waffermaß und ein Maß, das wie eine Wanduhr aussieht. Zwei Zeiger sind auf der Uhr, der eine ist rot, der andere ist schwarz; der rote zeigt aus 120, der schwarze auf 90. Sie fragen mich: „Was ist das?" „Liebe Freundin, es ist das Luftdruckmaß, das die Bremsen bedient." — Auf dem Gebirge gibt es keine doppelten Geleise. Die Lokomotivführer müssen daher sehr auspassen; sonst gibt es einen Zusammenstoß von zwei Zügen; und das kostet viel Menschenleben und bringt großen Verlust an Geld und Gütern. Das Signal zum Abfahren wurde mir vom Kondukteur gegeben. Die Bremsen werden geschützt. Alles arbeitete klar. Ich öffnete das Ventil, und der große Frachtzug setzte sich in Bewegung. Sobald wir unterwegs waren, sah ich auf meinen Fahrplan. Ich fuhr bergab und hatte in 26 Minuten eine Strecke von 19 Meilen zurückzulegen. Es war Mitternacht, kalt und finster: obgleich es Sommer war. konnte man den Schnee rechts an den Alfen sehen; das Geleise war naß und In zwiefacher Hinsicht ist jüdische Wissenschaft nicht Zunftsache. Den Begriff „Laie" gibt es im Judentum nicht, und sollte es auch im jüdischen Leben nicht geben. Jeder ist verpflchtet, zu lernen, und jeder ist berufen, zu lehren: und wenn nur Zunstgelehrte sich — fördernd und ausnehmend — mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen, so ist das stets ein bedrohliches Zeichen des Niederganges. Darum begrüßen wir es mit dankbarer Freude, daß ein Geschäftsmann aus dem reichen Schatz seiner mit jüdischem Wissen gepaarten Lebenserfahrung uns die Früchte seines Nachdenkens in einem jüdischen Hausbuch geschenkt hat: Aron Gerechter, Hannah. Versuche zur Einführung in das jüdische Leben (Selbstverlag. Berlin N. 24, Krausnickstr. 12). Wir haben Mangel an Büchern, die in Haus und Familie Kenntnis des jüdischen Pflichtenlebens und Verständnis für den tiefen Sinn unserer Gebräuche bringen können. Daraus ist die erschreckende Unwissenheit zu begreifen, die in weiten Kreisen über jüdische Dinge herrscht; daher ist es zu verstehen, wenn der Verfasser in einem seiner Aufsätze schreibt: „Wer nun glaubt, über innlose Formen der jüdischen Gesetze sprechen zu dürfen, der vergißt dabei, daß es nur an ihm selbst liegt, den Sinn dieser Taten zu erforschen und seine gläubige Gesinnung hineinzutragen. Wenn er das täte, würde ec erkennen, daß allen Uebungen und Formen tiefe geistige Ideen und Lehren zu Grunde liegen, die im Leben betätigt werden sollen und deren wir uns beim Ausüben der Form erinnern sollen." Diesem Ziele will der Verfasser mit senem Buche dienen. Darum behandelt er in kleinen fssselnden Aufsätzen die täglichen Pflichten des Juden, den Kreislauf des jüdischen Jahres mit seinen Festen und Feiern, die Grundgedanken der jüdischen Weltanschauung und die Grundpfeiler des jüdischen Lebensgebäudes. In schlichter Sprache und volkstümlicher Weise, mit oft recht originellen Deutungen und sinnfälligen Erklärungen vermittelt er Kenntnis vom Judentum und Verständnis für Sinn und Bedeutung seiner Gebräuche. Trotz kleiner Unebenheiten des Ausdrucks und unwesentlicher sachlicher Unstimmigkeiten, die gelegentlich unterlaufen, liest man das Buch mit lebhaftem Interesse und reger Aufmerksamkeit. Insbesondere werden Lehrer und Prediger mannigfache wertvolle Anregungen aus der Lektüre gewinnen können. Vor allem aber wäre fehnlichst zu wünschen, daß es in Wahrheit ein jüdisches Hausbuch würde, das Belehrung und Erbauung in jedes jüdische Haus trägt, eine Lektüre für Feierzeiten und tille Stunden, die durch Ueberwindung der Unwissenheit Liebe und Anhänglichkeit zum Judentum zu stärken und zu mehren geeignet ist; denn mit Recht sagt der Verfasser, daß man, „um den Wert einer Sache zu wissen, dieselbe in ihrer Beschaffenheit und in allen ihren Eigentümlichkeiten kennenlernen muß." Dr. B. Jüdisches Blakt und Judenblatt. Von K. E. Die judenfeindliche Presse und die jude.ifeindlichen Versammlungsredner beschäftigen sich häufig mit der „Judenpresse". Dabei haben sie fast immer gewisse allgemeine Tageszeitungen im Auge, die zum Teil von Juden geleitet werden oder angeblich in jüdischem Besitz sein sollen, fast nie hingegen Zeitungen und Zeitschriften ausschließlich jüdischen Inhalts. Und wenn die Angegriffenen dann noch so oft und noch so nachdrücklich erwidern, daß die Mehrzahl ihrer Redakteure oder ihrer Verleger keine Juden seien, te hilft nichts: Sie bleiben die „Judenpresse." Wie dankbar jüdische Leser den Schriftleitungen jener Blätter sein müssen, wenn sie sich tatkräftig gegen ungerechte Vorwürfe, die gegen Juden oder Judentum erhoben worden, zur Wehr setzen, so läßt sich andrerseits die Tatsache nicht verkennen, daß manche Eigentümlichkeiten dieser Zeitungen dem Antisemitismus geradezu Vorschub leisten. Hierzu gehört vor allem der Umstand, daß den Juden häufiger Erwähnung geschieht, als es ihnen ihrer geringen Anzahl nach im Verhältns zu ihren Mitbürgern zukommen würde. Nicht allein im Nachrichten- und politischen Teil, in wissenschaftlichen und volkstümlichen Artikeln, sondern sogar in belletristischen Arbeiten stehen Juden so oft im Mittelpunkt der Darbietungen, daß Leser leicht den Eindruck gewinnen können, als ob von drei Deutschen zwei Juden wären. Nicht in jedem Falle handelt es sich hierbei um Artikel von allgemeinem Interesse, und zuweilen wird ein jüdisches Milieu auf eine Weise geschildert, die den Tatsachen nicht entspricht und ungünstige Meinungen über die Juden erweckt. Wir sind weit davon entfernt, auch nur die Möglichkeit anzunehmen, daß die Schriftsteller die Absicht haben, diesen Eindruck hervorzurufen. Aber wenn zum Beispiel „modernste" erotische Obszönitäten an der Familie eines russischen Melameds der Vorkriegszeit vorgeführt werden, so erzeugt das ein Bild, das mit der Wirklichkeit im schärfsten Widerspruch steht. Doch nicht allein redaktionelle Teile der Tageszeitungen, die wir im Auge haben, charakterisieren sie als Judenblätter, sondern auch in nicht unbeträchtlichem Maße die Familienarizeigen, die fast ausschließlich aus jüdischen Kreisen stammen. Wenn ftüyer in Hinterlaubnest oder Kleinhüttheim ein Kind geboren wurde, so freuten sich die Eltern und Verwandten, und die ganze Gemeinde nahm Anteil. Heute freuen sich zuweilen sogar die Eltern nicht, aber in der Tageszeitung erscheint trotzdem eine Anzeige: „Durch die Geburt ihres Sohnes hochersteut u. s. w." Das erfordert wohl der gute Ton? Natürlich muh in diesem Falle der Städter einen Kultursortschritt zeigen, indem bei ihm der Text einen andern als den hergebrachten Wortlaut erhält: „Unsere kleine Trude-Lies zeigt die Geburt ihres entzückenden Brüderchens Sie gbert an". Und nun erst die Verlobungsanzeigen! In einer Zeit größter wirtschaftlicher Not sind sie unentbehrlich, nehmen ständig an Umfang zu und bringen Neubildungen von Namen, die haarsträubend sind. Aus diesen Unnamen soll der Leser einen Maßstab der Bildung und aus der Größe des Raumes, den die Anzeige einnimmt, eine Vorstellung von der Höhe der Mitgift erhalten. Dann kommt noch die Vermählungsanzeige, die bei uns fortan in den letzten Jahren ein besonders unsinniges Gepräge erhalten hat: Anton Kohn Rita Kohn geb. Apfelkorn Vermählte. Die Trauung wird am 25. November im Stadtsaale stattfinden. Wie töricht! „Vermählung" soll die standesamtliche Trauung bezeichnen, und „Trauung" die religiöse Vermählung. Und wozu dieser Unsinn? Warum nicht eine Anzeige nach der Vermählung? Gewiß, es handelt sich zunächst um Kleinigkeiten. Desto leichter sind sie zu vermeiden. Wer einer Minderheit angehört, kann seiner Gemeinschaft in der Regel nicht besser dienen, als wenn er sich bescheiden im Hintergründe halt. Ernstes, treues Schaffen findet schließlich immer wieder Anerkennung. Gemeinschaftliche Interessen erörtere man unter sich; wenn es sein muß, in der jüdischen Presse. Der nichtjüdischen Öffentlichkeit aber sollten wir nicht gar zu viel von uns zu sprechen geben. Briefkasten. Hk. W. y. 1) Oberrabb. Nabbi Ehajm Oser Groblenski, Wilna, Polen. 2) Oberrabb. Libfchitz in Kalifch, Polen. Berantwortttch für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen lKr. Offenbach). — Berlag des Ss-aeltt und Sermon Gmb. H.» Frankfurt a. M. — Drnckr Sermon-Druckerei, Frankstrrt a. M.