Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-02-19 · Heft 8 (19.2.1931) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 8 (19.2.1931)
Date
1931-02-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450660--77670-2535314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Nr. 1 Jüdischer Volk s f r eu n b 19. Februar 1931 das von den Vätern übernommene Erbe der Sabbatheiligung, die Würde und Ehre und den Stolz des Judentums einem Phantom zu opfern, gerade da tritt das Gefühl der höchsten Verantwortung für das Schicksal des Judentums, für unserer Kinder Zukunft in ihrer ganzen ungeheuren Bedeutung vor uns. Der verschärfte Kampf ums Dasein, die noch nie da gewesene, in ungeahntem Ausmaße vorhandene Arbeitslosigkeit, die fortgeschrittene Konzentration und Vertrustung der Betriebe, der Ausschluß und die Ausschaltung älterer Angestellten von jeder beruflichen Tätigkeit haben auch in den Reihen der thoratreuen Kreise viele Existenzen vernichtet und unendliches Unglück hervorgerufen. Und noch ist nicht abzusehen, wann ein Wandel zum Besseren eintreten wird. Es gibt eine große Menge Betriebe, — leider auch jüdische — die grundsätzlich keine jüdischen Angestellten halten, die erst recht nicht den Sabbat frei geben. Der Notschrei Tausender dringt an unser Ohr. Sie kämpfen einen doppelt schweren Lebenskampf, sie ringen um ihre Existenz und um die Sabbatheiligung. Wohl sind Arbeitsnachweise und die Schomre Schabbos-Berbände bestrebt, helfend einzugreifen. So lobens- und dankenswert auch ihre Bemühungen und wie sehr auch ihre Erfolge zu begrüßen sind, fo sind sie doch zur Ohnmacht verurteilt, wenn nicht jeder Einzelne mitarbeitet an der Milderung der Not. Und so richte ich wiederum heute einen lauten und eindringlichen Appell an alle Glaubensbrüder von nah und fern: Stellt, soweit dies Eure Betriebe ermöglichen, jüdisches Personal an, sucht Stellungen für sie frei zu machen und krönt Eure . gute Tat, indem Ihr ihnen — wenn Ihr selber auch Eure Geschäfte geöffnet haltet — den Sabbat freigebt. Denkt daran, daß nach dem Ausspruch unserer Weisen: „Dajes parnosioh Koscheh mikri'as jamsuff", daß die Sorge um die Existenz schwerer ist, als das Spalten des Schilfmeeres. Haltet auch Stellen für Lehrlinge und Lehrmädchen frei, im Geschäft, Handwerk, Landwirtschaft, wo sie Schabbos halten können, damit diese Knospen am Baume des Judentums nicht verdorren. Der erste Schritt ins Leben bedeutet fast immer die spätere Wegrichtung des Menschen. Die Hilfe, die wir ihnen angedeihen lassen, beglückt ihr jugendliches Herz und wirkt befruchtend wie der Tau des Himmels. Die ungeheuren Gefahren, die dem Sabbat- Gedanken drohen, konnte der so recht ermessen, der an der Weltkonferenz des Weltverbandes für Sabbatschutz im August ds. Js. in Berlin teilgenommen hat. Nicht nur das Problem der Angestelltennot, das ich soeben berührte und die traurige Tatsache der Vernichtungso vieler selbständiger jüdischer Existenzen, wie auch die Möglichteit ihrer Rettung, waren Gegenstand ernster j Beratung. Es wurde auch Stellung genommen zu der vom Völkerbund geplanten- Kalenderreform. Ueber diese Probleme werden in einer heute Abend 8 Uhr in diesem Saale stattfindenden öffentlichen Kundgebung Herr Ministerialrat Goslar und Herr Rabbiner Dr. Rosenthal sprechen, wozu ich Sie alle bitte, soweit wie möglich, wieder zu -erscheinen. Wenn die beabsichtigte Reform sich in der geplanten Weise vollziehen sollte, würde dev Samstag nicht mehr, wie feit Jahrtausenden, nur auf den siebenten Tag der Woche fallen, sondern durch die ganze Woche hindurch laufen, d. h. er wäre einmal am Sonntag, dann am Montag, Dienstag ufw. Was dies bedeutet, brauche ich nicht zu sagen, es geht die Judenheu der ganzen Welt ohne Unterschied ihrer religiösen Einstellung an und fordert einmütiges Zusammenstehen zur Abwehr der höchsten Gefahr. Denn der Sabbat ist in Rot! Ihn zu schützen und ihn unseren Kindern zu vererben, ist unsere heiligste Pflicht. Hört, was unser großer Meister Samson Raphael Hirsch von der Prinzessin Sabbat, der kostbaren Perle im Schmuck des Judentums uns sagt: .! „Vermählt hat G'tt den- Juden mit dem Sabbat, hat wie eine holde Braut diese seine Herrj lichste Stiftung ihm zugeführt. Bleibt er ihr> treu, mit ganzem "Herzen treu, mit aller Hingebung, mit, aller Aufopferung treudann isi sie ihm die treueste, beseligendste Gefährtin, weiß ihm die ärmlichste Hütte zu einem Paradiese auszuschmucken, weiß ihm die dunkelste Erdennacht sonnig hell zu erheitern, weiß ihm über die schlüpfrigsten Pfade mit liebend starker-Hand sicher zu geleiten, weiß zu ebnen alle Hügel, weiß zu trocknen alle Tränen, weiß zu heilenalle Wunden, weiß zu lindern alle Schmerzen, weiß zu lösen alle Sorgen. Legt Euch nur ruhig schlafenauch wenn Euren Kindern der Reichtum schwindet, auch wenn ihre Tugend strauchelt, ihre Klugheit zu Ende ist, ihre Gesundheit schwankt, ihre Einsicht nicht ausreicht, ihre Freunde sie verkästen, Ihr sie verlaßt — und Ihr bleibt nicht ewig bei chnen — auch wenn sie fern und verlassen und verarmt und —: gesunken, der Sabbat verläßt sie nicht. Der Sabbat bleibt bei ihnen und hat Trost und Kraft, Licht und Balsam, Erhebung und Aufkehr, Friede und Freude unerschöpflich für sie bereit." Meine verehrten Damen und Herren! Auf daß unsere Jugend, unsere Kinder auf ihrer Lebenswanderung das Halleluja des Sabbat in sich klingen und schwingen lasiert, müssen sie vertraut werden mit dem Wistensschatze unserer Religion, daß ihre Seele die heilige Lade bilde, in der die Tauroh ruht. Dauroh-im-Derech- Erez, Vermählung religiösen Wissens mit allgemeiner weltlicher Bildung ist der eiserne Panzer, der sie wappnet und feit gegen alle Versuchungen, die in so vielgestaltiger Weise an sie herantreten. Die Tauroh ist der Zauberstab von übermenschlicher Kraft, mit' dem unser Lehrer Mauscheh auf g'ttliches Geheiß vor Pharao Wunder vollführte. Es ist der Stab, der zur Schlange wurde und die Stäbe der ägyptischen Weisen und Zauberkünstler, die es ihm gleichtun wollten, in sich aufnahm. Ist das nicht ein Sinnbild der Souveränität der Tauroh, ein Symbol dafür, daß sie den Sieg über alle Klügelei und alles niedrige davon trägt, ein Hinweis darauf, daß ic 01 o f ttev jüdischen Sing es f c f f f e« ist aufs höchste gestiegen. In ganz unbeschreiblich hohem Maße leiden seelisch und körperlich diejenigen, welche dem Sabbat treu bleiben wollen. Es ist eines Jeden jüdische und menschliche Pflicht, hier zu helfen. Wir richten einen herzlichen und dringenden Sl u f t* u f a n u n s c v e OT1 ifgfiedet?: Nehmet in Euren eigenen Geschäften sahbathaltende Angestellte Lehrlinge, kaufm. Angestellte, Handwerker, Gesellen u. s. w. auf und veranlasst Eure Bekannten und Freunden, solche in ihrem Betriebe einzustellen. Oneldef uns sofort freie Stellen, wir werden altes weitere sofort veranlassen. Verein für die jüdischen Interessen Meinlands (6.U) Köln, Hakenstaüfenring 14 li «j-SSWi«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.