Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1931)
- Date
- 1931-02-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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W^MNW» -<u Dr$ MI Meikemeiers Weg zum Kreml, Die Beschützte eines' MenschenschiMals und einer y Zettepoche. Von. E. Jzchali. > (Fortsetzung). Am Morgen war Skobeljew fort, unauffindbar, ohne eine Spur zu hinterlasfen. Die Aufwartefrau, wollte ihn morgens wecken, die Türe stand auf, das Bett war leer. Die Bauernjungen sammelten Ach $um Unterricht in der kleinen Schule und liefen wieder davon, denn Gospödim Skobeljew kam nicht. In -einer Stunde wußte das ganze Gut, von der Herrschaft bis zur letzten Magd, der russische Lehrer war verschwunden, ohne daß jemand sagen konnte, wieso und wohin! Für Tage wardieklerneGesellschaft wie ein aufgewühlter Bienenschwarm. Manche wollten gesehen habenwie Skobeljew' tat Mürgengrauen mit drei Kameraden auf einer Troika durch den Wald fuhr. Andere wußten, daß die Troika den Weg am lmten Njemenufer entlang gen Kowno nahm. Gerade entgegengesetzt ließen welche die Troika nach Westen, der deutschen Grenze zu, fahren. Pietrow, der Polizist und Wächter, glaubte gesehen zu haben, wie nach Mitternacht ein Boot ohne Lichter über den Njemen -ans andere Ufer hinübersetzte. Viele aber flüsterten sich leise das Wort „Ochrana" (Geheimpolizei) zu . . . Man habe abends vorher fremde, verdächtige Gestalten in und ohne Uniform gesehen. Nachdem das unheimliche Wort ein paar Mal ausgesprochen war, konnten sich schon einige „genau" erinnern, wie gefesselte Menschen auf einem Wagen unter starker Deckung im Dunkel der Nacht verschwanden . . . Herr Ammann schüttelte den Kopf und sagte, er habe so etwas schon immer erwartet und befürchtet. f Herr Skobeljew hatte seine Schulden bei Herrn Siw und im Kruge nicht beglichen, dafür aber ein kleines Guthaben an Lohn in der Hofkämmerei nicht abgehoben, so daß sich Schulden und Ausstände ungefähr ausglichen. Seine wenigen Habseligketten, fo auch ein kleiner Samowar, waren dageblieben, dagegen waren sämtlichem Bücher und Schriften restlos-verschwundeu? wußte ... i; .. Nach.acht Wgett ciber erhielt das. Gut jhoheta Besucht Der. Änspräwnik (Kre^ochef). aüshd'ex nccheN'KrelSstM kam mst mehreren Holizisten iin die AolonW'stD stieg gleich inhderHöflänzlej. ab. Ob sie hier einen russischen Lehrer, der sich Skobeljew nannte und möglicherweise anders hieß, kannten? Er war hier und fei plötzlich verschwunden, gab der erschrockene Schreiber Auskunft. Mer agf dem Gute zu seinem Kreise, zu seinen HrMrMn gehörte, wollte der Herr.Jnsprawnik Mssem Weder der Kämmerer noch der Förster,, der chabei war, noch die hjerbckgeholten Eleven wußten es. . n Yb .nicht hier auch ein jüdischer junger. Lehrer Mile, forschte der Gestrenge weiter. „$ct, bei Herrn Siw unten, hinter der katholischen' Kirche." - Nach einer halben Stunde hatte sich die gute Stube deZ Herrn Siw in eine: Ärt. Amtskanzlei verwandM. Eines Kerze brannte , im Sabbatleuchter "uuf dein .-Tisch. Mehrere Aktenbogen, Tintenfaß -und Siegel lagen! davor-- Der: Herr Jnsprawnik saß breit wie ein Faß im Armstuhle des Herrn Siw, zwei Schreiber ihm zur Rechten und Linken und einige Polizisten vor der Türe Am Tische stand Me-ikemMer Und hatte auf Fragen Anttaort zu geben, deren Sinn er zwar nicht klar verstand, aber ahnungsvoll erfaßte. Ob er Herrn Skobeljew kannte, sollte er bekunden. „Ja,, ich kannte ihn und nahm bei ihm russischen Sprachunterricht, wie viele andere im Gute und im -Dorfe." ' '! „Sonst nichts?" „Was denn sonst?" Seitdem es Meikemeier gelernt hatte, sich in russischer Sprache zu verständigen, war die allen Juden angeborene geheime Scheu vor den Behörden und der Amtssprache von ihm gewichen. Er behielt klaren Kopf und wußte bald ganz gut, worum es ging. 7 7 Ob er nicht ein Freund von diesem Skobeljew war, nicht etwas mehr Kenntnis von seinen Plänen und Absichten und seiner Korrespondenz gehabt hätte? Vielleicht hatte -er sich auch an geheimen Sitzungen beteiligt und wüßte anzugeben, wer sonst noch alles dabei war. Meikemeier wußte nichts, rein gar nichts. Er hatte bei Gospodin Skobeljew Russisch gelernt, weil er gern-iditz^Gelegenhett'ÄahrNahm, die Landessprache zu erlernen. Viele hatten es getan, Kinder und Erwachsene.- Sonst habe er sich niemaks um das Privatleben des Lehrers gekümmert. Gelesen hätten sie in der Stunde allgemeine gute Literatur, von verbotenen Schriften oder geheimer Korrespondenz fei ihm nichts bekannt. *- Es wurden andere Leute vernommen. Herr Siw setzte sich mit seiner ganzen.gewichtigen Persönlichkeit für seinen Hauslehrer ein. Skobeljew kannte er so gut wie gar nicht, Meikemeier sei aber ein strebsamer, fleißiger junger Mensch, der keine anderen Pläne hätte, als auf rechten Wegen vorwärts im Leben zu kommen. Er arbeite hier, um sich einiges Gold für seine Militärzeit zu verschaffen. Mit der „Mil-itärtreue" Meikemeiers wollte er dem höheren Beamten, den man nicht wie Pietrow mit einem Schnaps und einem Zehnkopekenstück nehmen konnte, imponieren. Auch andere Männer sprachen sich ähnlich aus, der Förster Janke, der Krugbesitzer, der Verwalter und der Kämmerer. Meikemeier hätte nie geahnt, daß er so viele Freunde auf dem Gute hatte, die geradezu wetteiferten, ihn als den brävsten und liebsten Menschen auf Erden zu legitimieren. Cr wußte freilich nicht, daß inzwischen Herr Ammann. .lange- Stunden auf den Weinen war, iyon reinemzum>anderckr. lief Md'-die gan^ 'kleine -WMDr:'ihst:tahHeMgun-g setM Es gelän g ihm -sogar-.yom.'jHÄrnLKaron-selbst,-der> den-'tsüdffd^ Lehrer "mtt, SföüTevr rntv aüfefißtt haite '&$ft < Art Leu „Junger. Mann, ich rate-nächstens zü-dößerer Vorsicht. Wenn die Sache heute noch gut abgeht, so hast Du es den guten Menschen hier zu danken und schließlich auch mir, der ich, einalter Mann und selber Vater von Kindern, nicht das Glück und die Zukunft eines jungen Menschen vernichten möchte." - - „Herr Siw," wandte er sich dannan den Hausherrn, „Sie bürgen dafür, daß der junge Mann innerhalb der nächsten vier Wochen das Gut nicht verläßt und uns allezeit zur Verfügung steht. In dieser Zeit wird sich alles finden und klären. Nach Ablauf von yier Wochen kann die Sache als erledigt gelten und der junge Mann könnte dann unbehelligt hier bleiben oder frei abziehen." Der Herr Jnsprawnik reichte Herrn Siw die Hand zum Gruß und fuhr mit Geratter und Geklingel davon. Sämtliche Hunde des Gutes bellten^ zum Abschiede. Es kamen vier schwere Wochen des Hangens und Bangens für den jungen Mann, in denen er Trost in der Gewißheit fand, -daß -andre Menschen, besonders Herr Ammann, an seinem Schicksal , ‘ teilnahntep. Kam ein . fremdes Fuhrrv erk durch das Gut,' glaubte er schon Uniformen zu sehen, eiserne Fesseln rasseln zu hören. Er war nachts von Angstträumen' geplagt, die schon beinahe an die Raskolnikows grenzten. Er konnte in diesen Wochen kaum etwas ernstlich arbeiten. Mit einem Dankgebete für den ruhig abgelaufenen Tag legte er sich abends zu Bett und stand morgens mit neuen Aengften vor dem kommenden auf Er fingf wie in -einer Gefängnispsychose. an, die Tage, die Stunden, die Minuten bis zum Ablauf des Texmins zu zählen, mit Kreide an der Wand zu verzeichnen. Die vier Wochen waren Herum, es war nichts - passiert. Herr Ammann schüttelte ihm freudig die Hand. Herr Siw, der vielerfahrene, sagte, er habe es gleich gewußt, diese Herren reden mehr als sie handeln. Förster Janke lachte und ahmte, sobald er Meikemeier sah, die Worte des Jnsprawnik nach: „Junger Mann! ..." Meikemeier schüttelte die Angst und Beklemmung nur langsam von sich ab. Es war ihm zu Mute, als wäre ein tödlicher Pfeil hart an seinem Kopfe vorbeigesaust..7 ix' Lehrer'miLMissenmie gesehen hatte, e-kniArt Leu Mundszeügnis.'Ssür -ihn zu bekommen, in-DeM ihln posUfche: ZuyerlässigkettraMstierjl wurde. - ^Das Ze^gMs.erregte einige! AMnerkfaMkeit -des' Herrn' Jrypräwnik und kam zu den Akten. Nach einem Verhör von drei Stunden wußte 'man noch nicht, ob Meikemeier von den Herren im Wagen gefesselt mitgenommen oder hier bleiben werde. 'Endlich -war die VerttehMMg' zu Ende, die Protokolle ausgefertW, unterschrieben und versiegelt. -Das Licht wurde ausgelöscht, wie man' An Leben jäh auslöscht. Nun standder Herr Jnsprawnik schwer und umständlich auf, spie ein! Berg^ der sich ins Rollen setzt. Im Nebenzimmer war ein gut gedeckter Tisch und darauf stand auch ein guter Tropfen. Noch harrte Meikemeier im - „guten Zimmer", dessen. Türe von zwei Polarsten bewacht war. EMich,wischte sich der Herr Jnfprawnik behaglich den gewaltigen Schnurrbart und lM sich an dem gedeckten Tisch nieder. Das wirkte erlösend: Nachdem er den Speifen tüchtig zugesprvHen hatte, ließ er'sich den Jüngling Nüch einmal vorführest. Cr drohte, nicht ohne väterliches Wohlwollen, mtt dem Zeigefinger: Zweimal hatte Meikemeier auf dem Gute einen Sommer erblühen und die Felder im Winter exstarren..^gesehen,' .'.und.. .er kam mit zwanzig ,'Achtes..HeftHerbstferertagen npch, gichaW röchtstcWHause,,uta'stch m.die Starmn.-- -eMträg-en zu lassen. ' ''' - äußerlich vollkommen umgelvWW^, W ,zivei Mhre auf dem deutschen Mtttergühhatt^^ iNM an ihm gearbeitet als die 'Achtzehn Jahre jm ^(5£ai}Mjeh und-, auf dgr Jeschiwa. Er Mo den'Anschluß an'die früheren Freunde nicht mehr, auch nicht ganz ans Beshamidrasch. Er.war ein „Taitsch" geworden, die einen sagten es mit Mißtrauen, die anderen mit Achtung. .jt|i}||e Manschen, dß-e beim. Talmud mchthmeHMjtz ihr'Mnügq;'fqB>En/ sahen voller Bewunderung zu ihm hinauf, Er stach, mit sein-er sauberen GewaNdMg^ feiner reinen- Sprache und seinem gemessenen Benehmen, ganz von seiner Umwelt ab. Reh Jechiel, der Schächter und sein kränkelndes Weib empfingen den Sohn mit einiger Angst,. b eruhigten' sich iaber, als sie merkten, daß er im Kannen die religiösen Gebräuche, wie fnjher, streng Änhielt. Was die jungen Menschen d ckch te n..und s a gf-e n , hielt Reb Jechiel nichr für wichtig. Immer gab es jMge Menschen^ die andet^ dächten und redeten, als die Altem Auf den gästzen Menschen kam es auf die ,.7 7" . ■. V . _ ... MeikeWier! hatte auf -einmal, zur Masse zurückgekehrt, Empfinden für die gedrückte Lage und politische Rechtlosigkeit der Juden sin russi-. l:A -rf‘ i ■ -' hl ,v tl .w! . ' i; :i ’i