Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1931)
- Date
- 1931-02-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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t i Seite 12 Nr. 8 D e r I s r a e l i t 19.' Februar 1931 scheu Litauen. Er hatte bis wakM niemals etwas Besonderes dabei gefunden, daß sin Jude.von! russischen Beamten angeschrieen und ang-espieen j wurde. Dafür war man ja Jude und im Golus. j Er hatte bis dahin, wie alle Juden des Städtchens, den Halt, den sich der Jude in Jahrhunderten des Leides in sich geschaffen und erhalten hat, als Hort und Zuflucht vor Not und Drang- Schermann, der Erfchauer der Menschen ans der Handschrift. Rätsel. Aber ist nicht das ganze'Universum von Rätseln erfüllt? ' 7 M.. Sp. Im Verlag von Carl R e i ß n e r, Dresden ist cm neues prachtvolles Buch von Karin Michaelis: Das Heilige Feuer, Schicksale und Menschen erschienen. Mancherlei Exzentrisches, Romantisches und auch mofal. Cs war ihm aber inzwischen in der kleinen jtet,n Ang-lr-mI-It-- -«Ichwind-t vor d°r g,°it°nd«n m,d k, c v m x r flutenden Fülle von drchterlsch und wirklich erlebten Ge- Ku.lturemsamkeit auf dem Gute em sechster Sinn galten, vor der tiefen, bald zart behutsam tastenden, angewachsen für Recht, Ehre und Selbstachtung, bald leidenschastlich ausbrechenden Innerlichkeit des Ge- Als Kind im Städtchen glaubte er, in russischer '.ühls, vor der menschlichen Hochgesinnung, die das Werk Sprache könne man nur schimpft», und schreien. Ilm nur W-nig-s h-r°u-zllgr-iftn, nennen wir dir _ .r, „ c, J 1. 1 rr.. r . U'__, . wie scheu aus dem Dunkel zum Licht yerausstreb ende Ee>- Nun aber wußte er, daß dve russische Sprache schichte „Lehrer Jensen", die mit rührender Einmehr hatte als Flüche und gemeine Schimpf-. dringlichkeit an die Herzen der Kinder pocht und sie von warte daß in dieser Sprache Hochgsdanken der. Gedankenlosigkeit und' harter Beurteilung und Bespritzung Menschheit und die schönsten Welti'deale nach des Nächsten befreit die wundervolle Jneinanderwebung Jj, v v. r c_s - DOn Natur- und Seelenbild rn der „Kranzbin- Ausdruck rangen und drefenauch fanden. Warum derin", die erschütternde. Darstellung, des Lebensschick, erfuhren die Juden im litauischen Städtchen UN- ( sals von Agnes Smedle —, der heutigen gefeierten ter der russischen Verwaltung, kaum drei Mo-^China-Korrespondentin der „Frankfurter Zeitung", und m-t-r van der d-utsthen KAturgrenze entferni,'toui&Ä so wenig von all dem und von mner anderen Art; mittelbarkeil. ' des Rusientums? I Auch mit Schermann, den sie ehrfürchtig „Er- Säbel, Hunde, Uniform und Anpöbelung,! schauer der Menschen aus der Handschrift" nennt, ist Karin das war alles was man für Russisch hielt von'Michaelis einmal zusammengetroffen und erzählt erstaun- (/ cu ’ j liche Dinge von seiner Kunst. Sie sagt u. a.: „Schermann russischer Kultur sah und kannte. j war einer jener kleinen, zarten, nervösen, blaßgelben Ju- Die Deutschen, die an der Peripherie ihre! den, von denen Wien damals wie heute wimmelt. Er eigene Straße hatten, waren besser daran. Sie! war der gewöhnliche Jude, der seine Ghettofurcht der holten Ihre Kraft und ihren Schutz,»»».der a».1 «Tw* wett deren Seite, jenseits der Grenze. Aber 'auch sie hatten eine Verachtung in ihrem Ton, wenn sie mit und von Juden sprachen, den er als Kind nie beachtet und empfunden hatte, der jetzt aber wie Peitschenhiebe auf ihn wirkte. Kein einziger Ammann war in dieser Kolonie zu finden, aber in der Russengasse auch kein Skobeljew . . . . Die Litauer, die Sonntags und zu den Markttagen in die Stadt zur Kirche kamen und bei den Juden ihren Bedarf fsir die Woche eindeckten, waren Menschen ohne Kultur, aber auch sie hatten es von den Russen gelernt, im Juden einen Menschen minderen Grades zu sehen und ihn danach zu behandeln, wiewohl sie selbst von den Russen schwer drangsaliert wurden. Er hatte so vieles Lber Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenrecht, sozialen Ausgleich in sich ausgenommen, daß er mitten in der Selbstverständlichkeit des ^kleinen Lebens unter Druck und Entbehrung Dinge sah und hörte, die keiner merkte, und darüber bestürzt und erstaunt war, als hätte er sie zum ersten Male erlebt. Tief erniedrigend empfand er die Behandlung der jüdischen Gestellungspflichtigen, wobei sich seine Alters- und Leidensgenosien gar nichts mehr dachten. Die Litauer und die Russen hatten bei der Gestellung nur für sich aufzukommen. Sie wurden entweder für tauglich oder für untauglich befunden und alles ging ohne Kompkikatign vor sich. Der militärpflichtige Jude hatte so etwas wie eine Kollektivpflicht, wurde nach einem Kollektivgesetz behandelt. Die jüdische Gemeinde hatte jedes Jahr nach Maßgabe ihrer Matrikel so und so viele Soldaten zu stellen. War die nötige Anzahl nicht zur Stelle, so wurden auch die Untauglichen und auch diejenigen, die' als einzige Söhne oder Ernährer ihrer Eltern einen Anspruch auf Befreiung hatten, glatt gemustert. War die Zahl immer noch nicht ausgefüllt, hatte die Gemeinde eine empfindliche Geldbuße zu zahlen, außerdem hatte der Väter eines flüchtigen Sohnes dreihundert Rubel Strafe zu zahlen. für die oft den Armen die Kiffen und Betten, ja. die Kleider vom Leibe weg gepfändet wurden. Die Bauernsöhne gingen vergnügt, mit federgeschmückten Hüten, angeheitert und singend zur Musterung. Wurden sie genommen, so gab es noch einen großen Schmaus auf Staatskosten mit üblicher Rauferei. Dann , konnten sie noch für ein halbes Jahr nach Haufe, um zur festgesetzten Zeit ihren Dienst in der nächsten Garnison, weitestens in Kowno, für zwei Jahre anzutreten. Der Soldat erhielt zu Festen und Familienanlässen Heimurlaub und konnte, wenn er sich gut crnstellte, beim M-Wär es zu Etwas bringen. (Fortsetzung folgt.) ist . . . Und nun geschah für mich etwas ganz Seltsames und Unbegreifliches. Von jenem Augenblick an, als wir allein waren, war Schermann wie verwandelt. Nein, nicht „wie" verwandelt, sondern wirklich verwandelt. Sein Blick sein Wesen, sein Benehmen, seine Sprache, ja seine Geistesrichtung. Jetzt befand ich mich— im- Gegensatz zu seinem Benehmen innerhalb der Tischgesellschaft — in der Gesellschaft eines Mannes von hoher Kultur, von äußerster seelischer Feinheit." „Nur Umschläge, wenn ich bitten darf", weist er überreichte Briese zurück. Das erste Kuvert legt er zur Seite. „Dieser Mensch hat ja doch kein Interesse sürSie. In ihm ist nicht mehr Menschliches vls in einer Quelle." Michaelis ruft emphatisch aus: „Herr, mein G'tt, wie wahr es war!" Nächste Schrift: „Ob Mann oder Frau, kann ich nicht sagen. Doch es ist ein Schriftsteller, dieser Jemand mit großem Einblick in die weibliche Psyche. Eine tiefernste Natur. Jemand, der sehr geachtet und geschätzt wird, im Ausland und Inland. Ich sollte meinen, jemand, der Essays schreibt und sich mit sittlichen Problemen befaßt!" Er sprach von E l l e n K e y , der großen schwedischen Frauenkennerin und E'sayistin." Mit der gleichen Treffsicherheit erkennt Sch ermann Charakter, Lebensschicksale, ja Gesundheitszustand der nordischen Dichter Knut Hamsun und Peter Nansen. Karin Mich a e.l i s reicht ein weiteres Kuvert. „Schermann lächelte. „Wie lieb und entzückend muß diese! Zufall oder gütliche Vorsehung? Von Dr. Felix AI. Katar in Philadelphia. Der Verfasser, eine Pogromwaise von , Kischinew, wurde im Jahre 1882 von Justizrat Hermann Makower in Brody aufgefunden und dem Lehrlingsheim der Berliner jüdischen Gemeinde in Pankow zugesührt. Nach einjährigem Schulunterricht und zweijähriger Lehrzeit als Tischler wunderte er, 16 Jahre alt, nach Amerilä aus. Wie dankbar und lebhaft er dieser Zeit und der edlen Menschen, die sich seiner angenommen hatten, noch nach Jahrzehnten gedenkt, hat er in seinen im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde Berlin (Juli 1928) veröffentlichten Jugenderinnerungen gezeigt. In einem an die Nichte seiner dort rühmend erwähnten Wohltäterin, Frl. Felicia Isaak, gerichteten Briese schildert er sein schicksalsreiches, abenteuerliches Leben in Amerika. Er war Lokomotivheizer und -Führer, war am Panamakänal angestellt, arbeitete in Alaska als Goldgrubeningenieur, diente bei der amerikanischen Marine und wurde schließlich, seinem Jugendideal gemäß, Arzt. — Mit Genehmigung der Adressatin. Frau Else Jonas, Osnabrück, entnehmen wir diesem Briefe die nachfolgenden Schilderungen. Taifun. Unser großes Goldgrubenläger war in Aufregung. Man hörte die Dampfpfeise schrillen, Männer liefen die Stege zum Strand hinunter, Hunde bellten und heulten — und warum diese Aufregung? Der erste Dampfer, der unsere Insel seit sechs Monaten besuchte, war angekommen. Von Oktober bis Mitte April waren wir von aller Welt abgeschlossen. Denn damals gab es noch kein Radio und keine Flugmaschine. Wir waren, im Jahre 1896, in Alaska, im hohen Norden, wo wir bei 20 Grad Fahrenheit (7 Grad Celsius) lebten. Wir wären 350 Männer und bloß 4 weiße Frauen auf der Insel; das nächste Einwohnerdorf war 3 Meilen von unserem Lager entfernt. Keine Nachricht drang in dieser Zeit zu uns; wir waren einfach eingefroren. Die einzige Zerstreuung in unserem Lager bestand in Kartenspielen,- Singen und Trinken. Ich habe die langen Monate allerdings sehr gut ausgenützt und auf Veranlassung und unter Leitung unseres Arztes Dr. Sygall fleißig gelernt und mich auf das Studium der Medizin vorbereitet. Wenn nun der erste Dampfer ankam und Briefe und Zeitungen brächte, so war das ein Ereignis, das die oben geschilderte Aufregung rechtfertigte. Und jetzt war der erste Postdampfer erschienen. Zwei Tage später kam auch ein Segelschiff an. Aus diesem wollte ich nach den Vereinigten Staaten zurückfahren; denn es war viel billiger als der Dampfer. Aber mein Lehrer und Gönner, Dr. Sygall, riet mir davon ab und sagte: „Katar, fahre mit dem Dampfer!" Ich folgte seinem Rät, und als. der Postdampfer Alaska verließ, verabschiedete ich mich von meinem Freunde, der mir einprägte, mein Studium fortzusetzen, bis ich am Ziele wäre, und bestieg den alte Frau wohl sein! Ist es Ihre Frau Mama?" Er i Dampfer, um nach den Vereinigten Staaten zurückzufraate weiter:. „W's'en Sie, woran ich bei dieser Schrift denke? An einen mächtigen Lindenbaum, in dessen Schatten eine alte Frau sitzt und an all—ihre Kinder denkt und wünscht, daß sie sie dort unterm Baum bei sich hätte. Wie sie ihre Kinder liebt! Wie sie ihren Mann liebt! Niemals in ihrem Leben hat sie auch nur einen Gedanken für andere Männer gehabt, nie geschwärmt! Nur ihn, immer nur ihn! Selbst als Kind!" Und alles stimmte. Meine Ellern kannten sich seit ihrer Kindheit; und es hat mehr a^s sechzig Jahre gedaucl. Doch ich erwiderte: „Meine Mutter sitzt nicht unter einem Lindenbaum, sondern unter einem uralten Avselbaum." — Er lachte: „Sie sehen, wie man sich irren kann!" „ — — Alt ilt sie, aber jugendlich frisch an Körper und Seele. Jugendlich wie ein Mädchen. Doch mit ihren kehren. Es war am vierten Tage yach unserer Abreise; wir saßen im Speisesaal und spielten Karten. (Sie müssen nickst etwa denken, daß unser Dampfer einer von den schwimmenden Palästen war, die jetzt zwischen Newyork und Deutschland verkehren; es war ein einfaches 800 Tonnenschiff.) Plötzlich bedeckte sich der Himmel mit schweren, dunklen, fast schwarzen Wolken, und es wurde immer finsterer. Da kam der Steward und befahl allen Passagieren, sofort in ihre Kabinen zu gehen. Unterdes nahm der Sturm rasend zu, das Schiff schaukelte ununterbrochen, der Wind heulte, als ob Tausende von Wölfen ihrer Beute nachjagten; eine schwere Riesenwelle schlug mit solcher Wucht über das Vorderteil des Schiffes, daß es irr allen Fugen ächzte, und eine andere Beinen ist etvas nicht in Ordnung. MB und zukriecht sie schwarze turmhohe Welle stürzte lawinenartig über das soaar aus dem . Boden und kann ihrer Schmerzen wegen ganze Schiss, wobei das eine, von unseren Kabinennicht gehen." Ich saate: „Meine Mutter schwebt wie eine Elfe!" Er bückte mich an: „Mit den Beinen dieser alten Dame ist etwas nicht in Ordnung! fenstern zerbrach und das kalte Seewasser in Strömen hereinließ. Die Furcht, daß unser Dampfer jeden Augenblick bersten könnte, das fortwährende Schaukeln, bei dem man weder zu stehen noch zu liegen vermochte, die Und plötzlich besann ich mich. Er hatte recht. Monate Finsternis in unserer Umgebung, Kälteschauer und Seevorber hatte meine Mutter es mir anvertraut, wie sie krankheit — alles trug dazu bei, daß die Zähne im nachts cmfwächte vor Schmerzen und Krämpfen in den Munde klapperten. Mein Reisegefährte, betete zu G'tt Beinen. Dann stand sie auf und versuchte, in den Zimmern.! und allen Heiligen. Keiner dachte, daß wir mit dem herumzugehen. Der Schmerz wude schlimmer, zuletzt Leben davonkommen würden. Was habe ich während mußte .sie auf allen Vieren ins Schlafzimmer kriechen." dieser Zeit getan? Ich sagte — zum ersten Mal, seit ich Kain Michaelis bittet, ihr'auf Grund ihrer eigenen Kischinew verlassen hatte, seit ich, von den Flintenkugekn Handschrift etwa-, zu lagen, was ihr noch niemand gefügt hat. „Nicht wahr, Sie meinen, Sie feien Schriftstellerin, daß Ihre Dichtung das Zentrum Ihres Daseins bedeutet. Im Innern Ihres Herzens odevz. Gemütes liegt etwas der Kosaken verfolgt, über die russische Grenze gelaufen war — Thillim. Und da schien mir mitten in dieser Gefahr, mitten im Taifun, eine innere Stimme zu sacken: Verzweifle nicht! Der G'tt,. dev' hich an der russischen ganz anderes, viel, viel ungeheuer Stärkeres. Der Tag Grenze beschützt hat, der dich vom gelben Fieber errettet wird kommen, da Ihre Bücher für Sie nichts mehr de- Hatz er wird dich auch dieses Wal nicht verlassen!"-Räch deuten werden. Da eine Sache Sie derart ergreift, erfüllt; drei Stunden war der Taifun vorbei. Sechs Tage nach daß Sie alles andere liegenlassen, um dieser einen nachdiesem. Erlebnis kangen rpirroohlbehaltenm San Franzugehen. Was es ist; kann ich nicht sagen. Ob Religion, zisk.o an. Der Ewige hat mir auch dieses Mal beigeob Menschen, ob Tiere, ob Politik; ich weiß nur, daß es standen. ~ \;- etwas sein wird, wofür Sie freudig Ihr Leben hingebeu ' Drei Monate später stand , in, der Zeitung, daß das würden." "! Segelschiff, auf welchem ich nach San Franziska hatte Mich erschauerte es. Niemals, aber nie-, niemals fahren wollen, mit sämtlichen Passagieren und Mannhatte ich irgend jemand eine' derartige Andeutung gemacht., schäften während des Taifuns üntergegangen war? — Kaum hatte ich es mir selbst anvertraut. Cs war so.. Es War das Zufall oder g'ttliche Vorsehung? ist so." — Karin Michaelis schließt: Schermann ist ein' (Fortsetzung folgt.) HSgBggHgjg